Johannes Chrysostomus · In epistulam ii ad Timotheum homiliae 1-10 · Buch 10 · Kapitel 4
Wie ist es denn nun möglich, die göttliche Gnade herabzuziehen? Wenn wir thun, was Gott will, und wenn wir 398 ihm in Allem Gehorsam leisten. Auch in großen Hauswesen sehen wir nicht jene Dienstboten im Genuß der Gnade ihres Herrn, welche sich um ihren Dienst nicht kümmern, sondern diejenigen, welche mit ganzer Seele und aller Liebe dem Dienste ihres Herrn obliegen, nicht bloß weil sie müssen, sondern aus Liebe und Neigung; wenn sie immer vor den Augen des Herrn sich befinden, im Hause herumarbeiten, nicht ihren eigenen Kopf haben und um ihr eigenes Interesse sich nicht kümmern, im Gegentheil das Interesse des Herrn für ihr eigenes ansehen. Wer nämlich sein Interesse mit dem des Herrn identifizirt, der hat nicht eigentlich sein Interesse dem des Herrn geopfert, sondern umgekehrt das des Herrn dem seinigen. Ebenso wie der Herr gebietet er in dessen Eigenthum, er schaltet ebenso frei wie jener. Und viele von den Mitdienstboten haben um so mehr Respekt vor ihm; und was er sagt, Das sagt auch der Herr. Alle seine Feinde fürchten ihn für die Folge. Wenn nun schon in weltlichen Verhältnissen Derjenige, welcher seinen persönlichen Vortheil hintansetzt und den des Herrn im Auge hat, auch sein eigenes Interesse nicht schädigt, sondern im Gegentheil desto mehr fördert, so gilt Das in geistigen Dingen in noch viel höherem Maße. Laß das Deinige beiseite, und Gott gibt dir das Seinige! Er will Das selber. Weg mit der Erde, her mit dem Himmel! Dort suche dein Lebensziel, nicht hier! Vom Himmel hole die Waffen gegen deine Feinde, nicht von der Erde! Holst du sie von dort, dann bist du nicht bloß den Menschen, sondern auch den Dämonen und dem Teufel selber furchtbar. Wenn du aber bloß auf irdischen Besitz pochst, dann verachten dich die Dämonen und oft auch die Menschen. Du magst noch so reich sein, es ist Sklavenbesitz; verachtest du aber das Geld, dann wirst du im königlichen Hause des Himmels glänzen. Solche Männer waren die Apostel; sie verachteten diesen Sklavenzwinger und den Besitz dieser Welt. Und nun betrachte, wie sie im Hause des Herrn die Herren spielten! „Der dort,“ sagten sie, „sei erlöst von seiner Krankheit, der Andere dort von den Dämonen. Binde 399 Jenen, löse Diesen!“ Das wurde auf Erden befohlen und im Himmel vollzogen. „Was ihr immer auf Erden binden werdet,“ spricht der Heiland, „Das soll auch im Himmel gebunden werden.“ Ja, er hat ihnen eine noch größere Gewalt verliehen. Und daß ich damit nicht übertreibe, beweisen seine Worte: „Wer an mich glaubt, der wird noch Größeres thun, als ich thue.“ Warum? Ja weil auch in diesem Falle die Ehre auf den Herrn zurückfällt. Auch in unseren Verhältnissen ist es so, wenn der Diener mit Macht auftritt, dann wird der Herr um so mehr bewundert. Denn wenn schon der Diener so auftreten kann, um wie viel mehr dann sein Herr! Wenn dagegen Jemand den Dienst des Herrn vernachlässigt und für sein Weib, sein Kind und seinen Knecht Sorge trägt, wenn er reich werden und in seinem Hause aufspeichern will, was er dem Herrn abgestohlen und abbetrogen hat, dann ist’s bald vorbei mit ihm selber und mit seinem Gelde.
Angesichts solcher Beispiele also ermahne ich euch dringend: Sorgen wir nicht für unseren Besitz, damit wir für uns selber sorgen! Werfen wir ihn weg, damit wir ihn besitzen! Wenn wir ihn wegwerfen, dann wird Gott ihn aufheben; wenn dagegen wir ihn aufheben wollen, dann wird Gott ihn wegwerfen. Im Dienste Gottes wollen wir uns plagen, nicht in unserem eigenen oder vielmehr doch in unserem eigenen! Denn was ihm gehört, Das gehört auch uns. Ich meine damit nicht den Himmel, die Erde, nicht das Weltall: Das ist nicht sein edelster Besitz, daran haben nicht bloß wir, sondern auch die Ungläubigen Theil, sondern was meine ich damit? Die ewige Herrlichkeit, das Himmelreich. Das gehört ihm ausschließlich und uns durch ihn. Wieso? „Wenn wir mit ihm sterben,“ sagt der Apostel, „werden wir auch mit ihm leben; wenn wir mit ihm leiden, so werden wir auch mit 400 ihm herrschen.“ Wir sind Miterben Christi geworden, wir heissen seine Brüder. Warum streben wir nach unten, wenn er uns nach oben und zu sich hinauf zieht? Wie lange wollen wir arme Tröpfe und Bettler bleiben? Der Himmel liegt vor uns, und wir kriechen auf der Erde herum! Das Himmelreich steht uns offen, und wir greifen nach der Armseligkeit dieser Erde! Das ewige Leben winkt, und wir verzehren uns in der Sorge um Holz, Steine und Ackerkoth! Werde ein reicher Mann, Das verlange auch ich von dir! Geize und greife zu! Hier schadet es nicht. Hier ist es ein Vorwurf, nicht geizig zu sein, ein Tadel, nicht zuzugreifen. Wie ist Das gemeint? „Das Himmelreich,“ sagt der Heiland, „leidet Gewalt, und nur die Gewalt brauchen, reissen es an sich.“ Werde also gewaltthätig, werde ein Räuber, das geraubte Gut wird dadurch nicht verringert. Die Tugend wird ja durch Theilung nicht kleiner, und auch die Frömmigkeit, auch das Himmelreich nicht. Die Tugend wächst, wenn du sie mit Gewalt an dich reissest; irdische Dinge verringern sich, wenn du davon Etwas wegnimmst. Ein Beispiel! Setze den Fall, es leben in einer Stadt zehntausend Menschen. Wenn diese nun sämmtlich in den Besitz der Tugend und Gerechtigkeit sich setzen, dann haben sie das Reich der Tugend vergrößert, denn die zehntausend sind nun Gerechte; thun sie Das nicht, dann verkleinern sie es; denn die Tugend kommt dann nirgends in der Stadt zur Erscheinung.