Johannes Chrysostomus · In epistulam ii ad Timotheum homiliae 1-10 · Buch 10 · Kapitel 5
Siehst du, wie durch den Raub die Tugend wächst? und wie andererseits das Irdische durch Raub abnimmt? Bleiben wir also nicht bei der Armuth sitzen, sondern streben wir nach Reichthum! Der Reichthum Gottes liegt darin, daß recht Viele in den Besitz des Himmelreiches ge- 401 langen. „Er ist reich,“ sagt der Apostel, „für Alle, welche ihn anrufen.“ Vermehre seinen Besitz! Du wirst ihn aber vermehren, wenn du raubst, geizest und rücksichtslos zugreifst. Gewalt ist jedenfalls nothwendig. Warum? Weil Vieles im Wege steht: Weiber, Kinder, weltliche Sorgen und Sachen, dann die Dämonen und der Erzdämon, der Teufel. Man braucht also Gewalt und Ausdauer. Wer (in irdischen Dingen) Gewalt braucht, der muß sich plagen. Wieso? Er hat alles Mögliche auszustehen und muß sich gegen Gewalt stemmen. Wie? Ja, er macht sich oft an etwas fast Unmögliches. Wenn nun diese Gewaltthätigen so kühn sind, wir aber nicht einmal nach dem Erreichbaren die Hand ausstrecken, wann werden wir es denn erreichen? Wann werden wir in den Besitz des Ersehnten gelangen? „Die Gewalt brauchen,“ sagt der Heiland, „reissen das Himmelreich an sich.“ Gewaltthat, Raub ist nothwendig. Es liegt nicht so platt und einfach da. Der Räuber ist fortwährend auf der Lauer, entbehrt den Schlaf, denkt und sorgt, daß er sich im rechten Augenblicke auf seine Beute stürze. Seht ihr nicht in Kriegszeiten, wie der Beutegierige ganze Nächte durchwacht, ganze Nächte in Waffen dasteht? Wenn also die Räuber irdischer Guter die ganze Nacht kein Auge schließen und bewaffnet dastehen, wie kommt es da, daß wir, die wir doch Güter anstreben, welche einen größeren Eifer erheischen als jene, nämlich die geistigen Güter, — daß wir, sage ich, sogar unter Tags schlafen und schnarchen, und daß wir fortwährend ohne Waffen und Panzer bleiben? Denn wer in Sünden dahinlebt, ist waffen- und panzerlos, wie andererseits der Gerechte bewaffnet erscheint. Wir umzäunen uns nicht mit Almosengeben, wir richten uns keine angezündeten Lampen her, wir umpanzern uns nicht mit den geistigen Waffen, da wir den Weg nicht ken- 402 nen, der zum Himmel führt, wir bleiben nicht nüchtern und wachsam. Deßwegen gelingt uns der Raub nicht. Wenn Jemand ein Reich angreifen will, denkt er nicht an tausend Möglichkeiten des Todes? Rüstet er sich nicht nach allen Seiten? Studirt er nicht die Kriegskunst? Trifft er nicht alle möglichen Vorbereitungen und macht sich dann erst an den Angriff? Wir handeln nicht so, nein, wir wollen im Schlafe unsere Beute machen. Deßhalb gehen wir auch mit leeren Händen aus. Siehst du nicht, wie die Räuber sich sputen, wie sie laufen, wie sie überall durchbrechen? Ja, laufen müssen wir. Denn alsbald stürzt sonst der Teufel auf dich los und befiehlt den andern, die vorne sind, dich zu packen. Aber wenn du stark, wenn du wachsam bist, dann gibst du dem ersten einen Fußtritt, stößest den andern mit der Faust zurück und entwischest allen wie ein Vogel. Und wenn du dann von der Erde dich entfernt, wenn du den lärmenden Markt des Lebens überflogen und auf die luftigen Höhen der Ewigkeit dich geschwungen — einsam ist es da, kein Lärm, keine Belästigung, kein Aufhalten, — dann hast du die Beute errafft, und es bedarf dann nur mehr geringer Anstrengung, um die gewonnene sich nicht mehr rauben zu lassen. Wenn wir eilen, wenn wir unseren Blick durch Nichts fesseln lassen, wenn wir an nichts Anderes denken, sondern uns durch die im Wege Stehenden durchdrängen, dann können wir die Beute mit Sicherheit festhalten. Du hast die Tugend der Keuschheit erbeutet? Bleib’ nicht stehen, lauf’ davon, schaut daß du dem Teufel aus den Augen kommst! Wenn er steht, daß er dich nicht mehr einholen kann, läuft er dir auch nicht nach. Wir machen es ja geradeso. Wenn uns die Räuber aus der Sehweite entschwunden sind, dann geben wir uns darein, dann laufen wir ihnen selber nicht nach und muthen auch Andern nicht mehr zu, sie festzunehmen; wir lassen sie laufen. So mußt auch du gleich Anfangs recht dich auf die Füße machen; wenn du vom Teufel einmal weit weg bist, dann wird er dich in Ruhe lassen, du bist 403 in Sicherheit und kannst ruhig die unaussprechliche Seligkeit genießen, deren wir alle theilhaftig werden mögen in Christus Jesus, unserm Herrn, mit welchem dem Vater und dem heiligen Geiste sei Lob, Herrlichkeit, Ehre und Anbetung jetzt und alle Zeit und in alle Ewigkeit. Amen.