Nachdem wir also dies alles jetzt wissen, so haben wir doch ja recht acht, während wir noch in der Tenne sind; denn solange wir darin sind, können wir aus der Spreu in Weizen verwandelt werden, wie auch umgekehrt schon viele aus Weizen zu Spreu wurden. Sehen wir also zu, dass wir nicht fallen, lassen wir uns nicht von jedem Winde umhertreiben, und trennen wir uns nicht von unseren Brüdern, wenn sie auch scheinbar gering an Zahl und armselig sind. Auch das Getreide ist ja der Menge nach geringer als die Spreu, dem Gehalt nach aber besser. Sieh also nicht auf das, was äußerlich in die Augen fällt; es ist dem364 Feuer geweiht; blicke vielmehr hin auf die Demut in Gott, diese starke unzerstörbare Tugend, die nicht abgeschnitten und nicht im Feuer verbrannt werden kann. Um solchen Getreides willen ist Gott auch langmütig gegen die Spreu, damit sie im Umgang mit jenem besser werde. Deshalb wird nicht jetzt schon das Gericht gehalten, damit wir alle gemeinsam die Krone empfangen, und viele noch von der Sünde zur Tugend bekehrt würden. Zittern wir also, wenn wir dieses Gleichnis hören. Denn jenes Feuer ist unauslöschlich. Aber wie unauslöschlich? fragst du. Ja, siehst du denn nicht, dass diese unsere Sonne immerfort brennt und doch nie erlischt? Hast du nicht gesehen, dass der Dornbusch zwar brannte, aber nicht verbrannte? Wenn also auch du selbst dem Feuer entrinnen willst, dann fort mit deiner Hartherzigkeit und du wirst jenes Feuer auch nicht zu spüren bekommen. Wenn du jetzt meine Worte gläubig aufnimmst, dann wirst du bei deinem Hinscheiden diesen Höllenbrand nicht einmal zu sehen brauchen. Glaubst du aber jetzt nicht an ihn, dann wirst du im anderen Leben durch eigene Erfahrung gar gründlich belehrt werden, dass es daraus kein Entrinnen gibt. Diese Strafe ist eben unwiderruflich für diejenigen, die kein gutes Leben geführt haben. Auch das bloße Glauben genügt nämlich nicht; denn auch die Dämonen zittern vor Gott, aber trotzdem bleiben sie verdammt. Deshalb müssen wir auch selber acht haben auf unser Leben. Und gerade darum versammeln wir euch regelmäßig hier, nicht damit ihr bloß in die Kirche hereinkommt, sondern damit ihr aus dem Aufenthalt dahier auch einigen Nutzen schöpfet. Denn würdet ihr zwar jedesmal kommen, aber auch ohne Nutzen wieder gehen, so würde dieses Kommen und Dasitzen euch gar nichts weiter helfen.
Wenn wir Kinder in die Schule schicken und sehen, dass sie nichts darin lernen, so ziehen wir recht kräftig gegen die Lehrer los, und senden oft die Kinder in andere Schulen; womit werden wir aber da uns selbst entschuldigen, wenn wir im Tugendstreben nicht ebensoviel Eifer zeigen wie in diesen zeitlichen Dingen, und unsere eigene Schreibtafel immer leer nach Hause bringen? Und doch sind die Lehrer in dieser Schule365 zahlreicher und besser. Da lassen wir euch bei jedem Gottesdienste durch Propheten, Apostel, Patriarchen und alle Heiligen unterrichten. Aber trotzdem macht ihr keinen Fortschritt, sondern wenn ihr zwei oder drei Psalmen gesungen und die gewohnten Gebete oberflächlich und gedankenlos verrichtet habt, dann geht ihr nach Hause und glaubet, das genüge für euer Seelenheil. Habt ihr denn nie den Propheten, oder vielmehr Gott durch den Propheten sagen hören: „Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit von mir“?366.
Damit also dies nicht auch bei uns der Fall sei, so lösche doch die Buchstaben, oder vielmehr die Inschriften, die der Teufel in deine Seele eingemeißelt hat, aus, und bewahre ein Herz, das frei ist von irdischen Sorgen, damit ich ohne Bangen hineinschreiben kann, was ich will. Bis jetzt freilich kann ich darin nichts anderes sehen, als was der Teufel geschrieben, Raub, Habsucht, Neid, Verleumdung. Wenn ich daher eure Tafeln in die Hand nehme, so kann ich sie nicht einmal lesen. Ich finde eben nicht die Schriftzüge, die ich am Sonntag darauf geschrieben und euch übergeben habe, sondern ganz andere, unbekannte und verdorbene. Wenn ich dann dies wieder auswische und hineinschreibe, was des Heiligen Geistes ist, dann gehet ihr fort, überlasst eure Herzen dem Einfluss des Teufels und erlaubet ihm, wieder das hineinzuschreiben, was ihm gefällt. Wohin also dies führen muss, das brauche ich euch nicht zu sagen, es sagt’s einem jeden das eigene Gewissen. Ich werde ja nicht aufhören, meine Pflicht zu tun, und das Rechte367 zu schreiben. Wenn aber auch ihr unseren Eifer vereitelt, so bleibt doch unser Lohn uns unbenommen, euch aber wird keine geringe Strafe treffen. Doch will ich damit nicht eure Herzen beschweren.