Erwäge nun, wie es den Zuhörern zumute werden musste, wenn sie bedachten, dass es ihnen gehen sollte, wie einst den Propheten und jenen großen Männern. Eben deshalb hat Johannes auch das Feuer erwähnt, um ihnen die Erinnerung an sie ins Gedächtnis zu rufen. So oft nämlich die Propheten Gesichte schauten, erschienen sie ihnen fast immer in Gestalt von Feuer. So sprach z.B. Gott zu Moses im brennenden Dornbusch; so dem ganzen Volke auf dem Berge Sinai; so zu Ezechiel durch die355 Cherubim. Beachte aber, wie er den Zuhörer auch dadurch aufrüttelt, dass er zuerst das erwähnt, was erst zuletzt geschehen sollte. Es musste nämlich zuerst das Lamm geschlachtet, die Sünde vernichtet, die Feindschaft beseitigt werden, es musste die Grablegung und Auferstehung stattfinden, und dann erst der Heilige Geist herabkommen. Von allem dem sagte er aber noch nichts, sondern spricht zuerst von dem Endzweck, um dessentwillen alles andere geschehen sollte, und der auch am ehesten geeignet war, seine hohe Würde zu offenbaren. Wenn nämlich der Zuhörer vernahm, er werde einen so erhabenen Geist empfangen, so musste er sich selber fragen, wie und auf welche Weise dies geschehen könne, da doch die Sünde so allgemein herrsche? Wenn er ihn dann nachdenklich fände und bereit zu hören, dann würde er anfangen vom Leiden zu reden, da fortan keiner mehr daran Ärgernis nehmen konnte, ob der Erwartung einer so großen Gabe. Deshalb rief er von neuem: „Siehe, das Lamm Gottes, das auf sich nimmt die Sünden der Welt“356. Er sagt nicht: das nachlässt, sondern, was eine viel größere Fürsorge verrät: „das auf sich nimmt“. Denn es ist nicht das gleiche, etwas einfach nachlassen, und: es selber auf sich nehmen. Das eine konnte ohne Gefahr geschehen, das andere nur durch den Tod. Auch sagte er wieder, er sei der Sohn Gottes357. Aber auch das brachte seinen Zuhörern dessen Würde noch nicht ganz klar zum Bewusstsein. Sie konnten sich ihn immer noch nicht als wirklichen Sohn358 vorstellen. Auch das sollte erst eine Wirkung der so erhabenen Gabe des Geistes sein. Als daher der Vater den Johannes sandte, gab er ihm zuerst dies als Erkennungszeichen der Würde dessen an, der da kommen sollte: „Über wen du den Geist herabsteigen und bei ihm verweilen sehen wirst, der ist es, der im Heiligen Geiste taufen soll“359. Darum sagt er auch selber: „Ich habe es gesehen, und habe Zeugnis abgelegt, dass dieser der Sohn Gottes ist“360; aus diesem musste ja auch jenes sich ganz klar ergeben. Nachdem er also das Tröstliche vorgebracht, und den Zuhörer etwas erleichtert und beruhigt hat, versetzt er ihn wieder von neuem in Spannung, damit er nicht sorglos werde. Denn so waren einmal die Juden: das Glück machte sie leicht zügellos und schlecht. Deshalb bringt er wieder etwas, was Schrecken erregte und sagt:
V.12: „Der die Wurfschaufel in seiner Hand hält.“
Weiter oben hat er von der Strafe geredet; hier zeigt er auch noch den Richter, und spricht von der ewigen Pein. „Denn“, sagt er, „er wird die Spreu verbrennen in unauslöschlichem Feuer.“ Siehst du da, wie er der Herr aller Dinge ist, und einem Landmann gleicht, obwohl Christus dies an einer anderen Stelle auch vom Vater sagt: „Denn mein Vater ist es, der die Erde bebaut“?361. Früher hatte er von einer „Axt“ geredet, damit du nicht glaubest, es handle sich um eine mühevolle Arbeit, die schwer auszuführen sei; hier deutet er durch ein neues Beispiel an, wie leicht sie sei, und zeigt, dass ihm die ganze Welt gehöre; sonst könnte er ja doch nicht Menschen bestrafen, wenn er kein Verfügungsrecht über die hätte. In dieser Welt ist nun zwar alles durcheinander gemischt; denn, wenn man auch das Getreide durchscheinen sieht, so liegt es doch zusammen mit der Spreu, so wie in der Scheune, nicht wie im Speicher; drüben aber wird die große Scheidung vorgenommen werden. Wo sind jetzt die, so an keine Hölle glauben wollen? Hat doch der Täufer zwei Dinge festgestellt: erstens, dass der Herr im Heiligen Geiste taufen werde, zweitens, dass er die Ungläubigen verbrennen werde. Muß man also das erste glauben, dann sicher auch das zweite. Gerade deshalb hat er ja beides zugleich vorhergesagt, damit man nach der Erfüllung des einen auch an das glaube, was noch nicht eingetroffen ist. So macht es Christus überall, oft bei gleichen Dingen, oft bei entgegengesetzten; er prophezeit zwei Dinge, und erfüllt das eine hienieden, das andere verspricht er für die zukünftige Welt; er will eben diejenigen, die mehr zum Zweifel neigen, durch das, was schon eingetroffen ist, auch zum Glauben an das führen, was noch nicht geschehen ist. So versprach er auch denen, er werde ihnen das Hundertfache dafür in diesem Leben geben, und das ewige Leben in der zukünftigen Welt; aber erst, nachdem er durch die bereits erteilten Gaben auch die versprochenen als glaubwürdig erwiesen. Dasselbe hat hier auch Johannes getan, und zwei Dinge verheißen, erstens, der Herr werde im Heiligen Geiste taufen, und zweitens, er werde die Ungläubigen dem unauslöschlichen Feuer zum Brennen übergeben.