Johannes Chrysostomus · Orationes · Buch 4 · Kapitel 2
§ 1
Unsere Versammlung ist heute recht ansehnlich und aussergewöhnlich zahlreich. Was ist der Grund? Den Fasten gebührt dieses Verdienst, obgleich die Fastenzeit — ich weiß es wohl — noch nicht da ist, sondern erst zu erwarten steht. Die Fasten haben uns hieher geführt, haben uns hier im Vaterhause versammelt; sie haben auch diejenigen Christen, die vorher etwas gleichgiltig waren, heute an die Hand der Mutter, [d. i. der Kirche] zurückgeführt. Wenn nun schon die Nähe der Fasten uns mit einem solchen heiligen Eifer erfüllt hat, wie sehr wird euch erst ihre Ankunft, ihr wirklicher Eintritt in der Frömmigkeit fördern! So pflegt auch eine Stadt, wenn ein gefürchteter König einziehen will, alle Ungebundenheit abzulegen und einen größern Eifer, eine regere Thätigkeit an den Tag zu legen. Erschrecket nur nicht, wenn euch die Fastenzeit als ein gestrenger Herrscher geschildert wird; denn nicht wir, sondern die Teufel haben sie zu fürchten. Siehst du einen Besessenen, dann darfst du dich ihm nur mit dem Angesicht eines Fastenden zeigen, und sogleich wird er, vor Furcht 75 erstarrend und wie in Ketten geschlagen, bewegungslos gleich einer steinernen Säule da stehen, besonders wenn er mit dem Fasten auch das Gebet gepaart sieht, das dem Fasten nahe verwandt ist und helfend zur Seite steht. Deßhalb sagt Christus: „Dieses Geschlecht wird nicht ausgetrieben, als durch Gebet und Fasten.“ Wenn also das Fasten die Feinde unseres Heiles in die Flucht schlägt, wenn es den bösen Geistern, die unserem Leben nachstellen, so furchtbar ist: dann müssen wir es offenbar lieben, mit Freuden begrüßen und nicht fürchten. Was wir zu fürchten haben, Das ist die Trunkenheit und Unmäßigkeit, aber nicht das Fasten. Denn diese Laster machen uns zu Sklaven und Gefangenen; sie überliefern uns mit gebundenen Händen der tyrannischen Herrschaft der bösen Lüste; das Fasten aber, wenn es uns im Zustande der Knechtschaft, in Ketten und Banden findet, löst unsere Fesseln, befreit uns von der Tyrannei und führt uns wieder zur vormaligen Freiheit zurück. Wenn somit das Fasten unsere Feinde bekämpft, uns aus der Knechtschaft errettet und zur Freiheit zurückführt: ist Das nicht ein Beweis seiner Freundschaft für das Menschengeschlecht? Oder welche stärkere Beweise verlangst du dafür? Das gilt doch als ein ganz besonderes Zeichen der Freundschaft, wenn Jemand mit uns dieselben Freunde und Feinde hat. — Willst du wissen, wie sehr das Fasten den Menschen zur Zierde gereicht und ihnen Schutz und Sicherheit gewährt? Dann denke an die Einsiedler, diese glücklichen und wahrhaft bewunderungswerthen Menschen! Denn das Fasten haben die Einsiedler, nachdem sie aus dem Tumult der Welt geflohen, sich auf die Gipfel der Berge zurückgezogen und dort in der Ruhe der Einöde wie in einem windstillen Hafen ihre Hütten aufgerichtet, sich zum Gefährten und Hausgenossen für das ganze Leben erwählt. Darum macht das Fasten aus diesen Menschen wahre Engel; aber nicht sie allein, sondern auch die Be 76 wohner der Städte, die ihm Einlaß gewähren, führt es zur Höhe der christlichen Vollkommenheit. Als Moses und Elias, die hervorragendsten unter den Propheten des alten Bundes, die an Größe und Herrlichkeit die andern übertrafen und sich einer vertrauten Freundschaft mit Gott dem Herrn erfreuten, als Moses und Elias sich dem Herrn nahen und mit ihm reden wollten (insoweit Das einem Menschen möglich ist), da haben sie zum Fasten ihre Zuflucht genommen, und das Fasten hat sie zum Herrn gleichsam hingetragen. Darum hat Gott auch die Menschen gleich nach ihrer Erschaffung sofort dem Fasten so zu sagen in die Hände gegeben und hat diesem das Heil der Menschen zur Obhut anvertraut, wie man ein Kind der Sorge seiner liebenden Mutter oder eines guten, treuen Lehrers unterstellt. Denn das Gebot: „Von jedem Baume des Paradieses magst du essen, aber vom Baume der Erkenntniß des Guten und des Bösen esset nicht!“ war eine Art von Fastengebot. War nun aber schon im Paradiese das Fasten nothwendig, dann ist es ausserhalb des Paradieses noch viel nothwendiger. War die Arznei schon vor der Krankheit heilsam, dann ist sie nach dem Eintritt der Krankheit noch viel heilsamer. War uns diese Waffe schon damals von Nutzen, ehe noch die Leidenschaften den Krieg in unserm Innern begonnen hatten, dann ist uns jetzt, wo wir den schweren Kampf gegen die bösen Lüste und gegen die Teufel zu führen haben, dieses Bündniß mit dem Fasten noch weit nothwendiger. Hätte Adam auf dieses Wort gehört, dann hätte er jenes andere Wort nicht zu hören bekommen: „Du bist Staub und wirst zu Staub zurückkehren.“ Weil er aber jenem ersten nicht gefolgt hat, darum ist der Tod, darum sind Kümmernisse, Beschwerden und Traurigkeit zur Herrschaft gekommen; darum ist dieses Leben schwerer zu ertragen als selbst das Sterben; daher stammen Disteln und Dornen, Leiden, Schmerzen und kummervolles Dasein.
77
§ 2
Siehst du, wie sehr Gott der Herr zürnt, wenn man das Fasten verachtet? Vernimm jetzt auch, wie sehr es ihm wohlgefällt, wenn man das Fasten in Ehren hält. Wie er zur Strafe über die Verächter des Fastens den Tod verhängte, so nahm er einst zum Lohne für die Werthschätzung des Fastens sein Todesurtheil zurück. Er wollte dir eben recht deutlich zeigen, welche Kraft dem Fasten innewohnt. Darum hat er einst, nachdem er eine große Menge von Menschen zum Tode verurtheilt und gewissermaßen schon zu Vollstreckung des Todesurtheils hinausgeführt hatte, dem Fasten die Gewalt verliehen, diese Menschen mitten auf dem Wege noch dem Tode zu entreissen und zum Leben zurückzuführen. Es handelte sich dabei nicht etwa um zwei oder drei oder zwanzig Menschen, sondern um ein ganzes Volk. Die Bewohner der großen Wunderstadt Ninive, die schon am Rande des Abgrundes gleichsam auf den Knieen lagen, das Haupt geneigt, um von der göttlichen Gerechtigkeit den Todesstreich zu empfangen, diese waren es, die durch das Fasten wie durch eine himmlische Macht an den Pforten des Todes noch gerettet und zum Leben zurückgeführt worden sind. Doch wenn es euch recht ist, wollen wir die Geschichte selbst hören.
„Und es erging,“ heißt es, „das Wort des Herrn an Jonas“, lautend: „Mache dich auf und gehe nach Ninive, der großen Stadt!“ Gott will den Propheten von vornherein durch den Hinweis auf die Größe der Stadt in Furcht setzen, indem er seine Flucht voraussieht. Hören wir nun seine Predigt: „Noch drei Tage, und Ninive wird zu Grunde gehen.“
78Warum, o Herr, verkündest du die Strafe voraus, die du verhängen willst? Damit ich, sagt er, die angedrohte Strafe nicht zu vollziehen habe. Darum hat er uns auch mit der Hölle gedroht, um uns nicht zur Hölle verdammen zu müssen. Meine Worte, sagte er, sollen euch schrecken, damit ihr die Strafe selbst nicht zu empfinden habt. Warum setzt er ihnen aber eine so kurze Frist? Damit wir uns von der kraftvollen Tugend dieser Barbaren, der Niniviten nämlich, überzeugen, die es vermocht haben, in drei Tagen den wegen ihrer Sünden so gewaltig entbrannten Zorn Gottes zu versöhnen; damit wir ferner die Barmherzigkeit Gottes bewundern, die sich trotz der vielen und großen Verbrechen dieses Volkes mit einer dreitägigen Buße begnügte; und endlich, damit wir uns nie der Verzweiflung hingeben, wenn wir auch tausend und aber tausend Sünden begangen haben. Wie nämlich der Träge und Kleinmütige, wenn ihm auch eine lange Bußzeit zur Verfügung steht, wegen seiner Gleichgültigkeit nicht viel ausrichtet und die Versöhnung mit Gott nicht zu Stande bringt: so wird der eifrige, der rastlos thätige Büßer, den die Gluth der Reue wirklich entzündet hat, auch in kurzer Frist die Sünden vieler Jahre tilgen können. Hat nicht Petrus drei Mal und zwar aus Furcht vor dem Gerede einer einfältigen Magd, und das dritte Mal mit einem Schwure den Herrn verleugnet? Das hat er gethan; aber brauchte er dann zur Buße eine Reihe von Jahren? Keineswegs. In einer und derselben Nacht ist er gefallen und wieder aufgestanden, ward er verwundet und geheilt, krank und wieder gesund. Wodurch und auf welche Weise? Durch Weinen und Wehklagen; aber freilich nicht ohne große Liebe und Zerknirschung. Darum sagt der Evangelist auch nicht schlechthin und ohne Zusatz: er weinte, sondern: er weinte bitterlich. Was für eine Kraft jene Thränen hatten, will er sagen, Das ist nicht zu beschreiben, aber der Erfolg hat es deutlich gezeigt. 79 Denn es gibt ja kaum eine Sünde, welche der Verleugnung Christi gleichkommt; und doch haben ihn seine Thränen nach diesem tiefen Fall, nach diesem argen Fehltritt wieder zu seiner frühern erhabenen Stellung zurückgeführt, haben ihm das Amt des Oberhauptes verschafft über die ganze Kirche, so weit die Erde reicht, und was am allermeisten besagen will, sie haben uns sogar den Beweis geliefert, daß Petrus mehr Liebe zum Herrn besaß als alle andern Apostel. Denn der Herr sprach zu ihm: „Petrus, liebst du mich mehr als diese?“ Die Liebe ist nun aber der sicherste Gradmesser der Tugend.
Warum wird uns denn das Beispiel des heiligen Petrus vorgehalten? Damit wir nicht etwa sagen, Gott habe den Bewohnern von Ninive deßhalb so leicht verziehen, weil es eben barbarische und unwissende Menschen waren; und Das sei nicht zu verwundern, da seine eigenen Worte lauten: „Der Knecht, der den Willen seines Herrn nicht gekannt und nicht erfüllt hat, wird wenige Schläge erhalten.“ War Petrus nicht ein Knecht, der den Willen des Herrn sehr gut kannte? Und trotzdem hat er — beachtet es wohl! — nach seinem Falle in jene außerordentlich schwere Sünde sich wieder zur innigsten Freundschaft mit dem Herrn erhoben. Darum werde auch du nie ob deiner Sünde muthlos! Denn schlimmer als die Sünde ist das Verharren in der Sünde, und beklagenswerther als der Fall ist das Darniederliegen nach dem Falle. Das wird auch vom heiligen Paulus so bitter beklagt und als beweinenswerth geschildert. Denn so sagt er: „Daß nicht etwa, wenn ich zu euch komme, Gott mich demüthige und ich Viele von denen betrauern werde, die nicht Buße gethan haben (er sagt also nicht lediglich: die gesündigt haben, sondern: die nicht Buße gethan haben) wegen Wollust, Unlauterkeit und Unzucht, die 80 sie vollbracht haben.“ — Welche Zeit ist nun aber mehr zur Buße geeignet als die Fastenzeit?
§ 3
Kehren wir zur Geschichte vom Propheten Jonas zurück! „Als der Prophet diese Worte hörte, ging er hinab nach Joppe, um nach Tharsis zu fliehen vor dem Angesichte des Herrn.“ Wohin fliehst du, o Mensch? Hast du nicht gehört, was der Prophet sagt? „Wohin soll ich vor deinem Geiste gehen, wohin vor deinem Angesichte fliehen?“ Wohin willst du fliehen? An irgend einen Ort der Erde? Aber „des Herrn ist die Erde, und was sie füllet.“ Oder in die Unterwelt? „Steige ich zur Hölle hinab,“ heißt es, „so bist du da.“ Oder in den Himmel? „Steige ich zum Himmel auf, so bist du dort.“ Oder auf das Meer? „Auch dort wird deine Rechte mich halten.“ Das ist denn auch an Jonas in Erfüllung gegangen. Die Sünde hat es an sich, daß sie unsere Seele in Unverstand und Thorheit stürzt, ähnlich wie ein Schwindeliger oder Trunkener gedankenlos und ohne Vorsicht vorwärts taumelt und, wenn eine tiefe Grube, ein jäher Abhang oder sonst Etwas vor ihm liegt, unversehens hineinfällt: ähnlich ergeht es auch Demjenigen, der in die Sünde geräth. Die Begierde nach der Sünde beherrscht ihn wie ein schwerer Rausch; er weiß nicht, was er thut, und denkt nicht an die Zukunft, ja nicht einmal an die Gegenwart.
Also vor dem Herrn fliehst du? Gedulde dich nur ein wenig, und die eigene Erfahrung wird dich lehren, daß du nicht einmal dem Meere entfliehen kannst, das in seinen Diensten steht. Kaum hatte er nämlich das Schiff bestiegen, als auch schon das Meer seine Fluthen aufwühlte und hoch emporschlug. Wenn ein getreuer Knecht bemerkt, daß sein Mitknecht mit geraubten Gütern ihres gemein 81 samen Herrn flüchtig geworden, dann wird er ganz gewiß Denjenigen, die etwa dem Dieb Aufnahme und Zuflucht gewährt haben, alle möglichen Hindernisse in den Weg legen und nicht ruhen, bis er den ungetreuen Mitknecht in seine Gewalt bekommen hat. So hat damals auch das Meer, als es seinen Mitknecht [den Propheten, der ja auch in Gottes Diensten stand] bemerkt und erkannt hatte, den Schiffern unbeschreiblich viel zu schaffen gemacht. Es hörte nicht auf zu wüthen und zu tosen, und anstatt sie nur vor Gericht zu schleppen, drohte es dem Schiff und der gesammten Mannschaft den Untergang in den Fluthen, wenn sie ihm den Mitknecht nicht ausliefern wollten. Was thaten nun unter diesen Umständen die Schiffsleute? „Sie warfen die Geräthe, die in dem Schiffe waren, hinaus in das Meer.“ Allein das Schiff wurde nicht leichter. Denn die ganze schwere Last blieb in ihm: das war der Prophet selbst, eine schwere Last nicht wegen seines körperlichen Gewichtes, sondern wegen der Schwere seines Vergehens. Denn keine Last ist so schwer und drückend als Sünde und Ungehorsam. Darum vergleicht der Prophet Zacharias die Sünde mit einem Bleigewicht. Darum beschreibt uns David, was die Sünde ist, mit diesen Worten: „Meine Ungerechtigkeiten gehen weit über mein Haupt und sind, gleich einer schweren Last, zu schwer für mich.“ Darum läßt Christus selbst an Diejenigen, welche in vielen Sünden gelebt haben, den Zuruf ergehen: „Kommet zu mir Alle, die ihr mühselig und beladen seid, und ich will euch erquicken.“ Die Sünde war es also, die jenes Fahrzeug beschwerte und in die Tiefe herabziehen wollte. Jonas aber schlief und schnarchte. Das war ein tiefer Schlaf, aber ein ganz betrübter, nicht ein Schlaf der Erquickung; ein kummervoller, nicht ein Schlaf der Trägheit. Denn die gutgesinnten Diener Gottes fühlen es bald, wenn sie gesündigt haben. 82 Das erfuhr auch Jonas. Nachdem er die Sünde vollbracht hatte, da sah er ein, wie schwer sie war. So pflegt es mit der Sünde zu gehen. Wenn sie vollbracht, wenn sie gleichsam geboren ist, dann erfüllt sie die Seele mit Schmerz — ganz entgegen den Gesetzen der Natur bei der Geburt des Menschen. Denn sobald der Mensch geboren ist, haben die Wehen der Mutter ein Ende; die Seele aber wird erst dann von Schmerz und Pein zerrissen, wenn sie die Sünde zur Welt gebracht hat.
Was that nun der Steuermann? „Er trat zu ihm und sprach: Steh auf, und rufe den Herrn deinen Gott an!“ Der Augenschein hatte ihn nämlich überzeugt, daß dieser Sturm kein gewöhnlicher war. Dieser Sturm war offenbar eine Strafe des Himmels; diese tobenden Wasser spotteten aller menschlichen Geschicklichkeit; da konnte die Hand des Steuermannes nicht helfen. Da bedürfte es eines ganz anderen, jenes größern Steuermanns, der das Steuer des Weltalls lenkt; da war Hilfe von oben schlechterdings nothwendig. Darum hörten die Schiffsleute auf, sich mit Rudern, Segeln und Tauen u. s. w. abzumühen; sie zogen ihre Hände von den Rudern zurück und erhoben sie zum Himmel, um Gott den Herrn anzurufen. Als es trotzdem nicht besser wurde, warfen sie das Loos, sagt die Schrift; und das Loos überlieferte nun den Schuldigen dem Richterspruch. Sie haben ihn aber keineswegs sogleich ergriffen und in’s Meer geworfen. Sie haben vielmehr unter dem Wüthen und Toben des Meeres auf dem Schiffe ein förmliches Gericht gehalten, als ob sie sich ganz ungestörter Ruhe erfreuten. Sie gaben dem Schuldigen das Wort, erlaubten ihm, sich zu vertheidigen, und untersuchten Alles ganz genau, wohl wissend, daß sie über ihr Urtheil einem Andern würden Rechenschaft abzulegen haben. Höret, wie sie ihn über Alles ausfragten, ganz wie am Gericht. „Was ist 83 dein Geschäft? Woher kommst du? Wohin gehst du? Aus welchem Lande und aus welchem Volke bist du?“ Wie? hat denn nicht das tobende Meer ihn verklagt? Hat nicht das Loos ihn überführt und verurtheilt? Und doch kann weder das Wüthen des Meeres noch die Verurtheilung durch das Loos sie bestimmen, ihr Urtheil schon zu fällen. Sie verfahren ganz nach den Regeln des Gerichtes. Die Kläger sind zur Stelle, die Zeugen verhört, der Beweis ist erbracht; aber die Richter sprechen ihr Urtheil nicht eher, als bis der Verklagte selbst seines Vergehens geständig ist. So haben hier die Schiffer, Menschen ohne alle Bildung und ohne besondern Verstand, die strenge Ordnung eines Gerichtshofes beobachtet, obgleich inzwischen die Wogen erbrausten, obgleich die größte Verwirrung sie rings umgab und das wüthende Meer sie kaum zu Athem kommen ließ — so heftig war sein Aufruhr —, indem es ohne Aufhören gegen sie ras’te und tobte und seine Fluthen immer von Neuem emporschleuderte. Was mag aber, meine Lieben, die Ursache gewesen sein, weßhalb sie den Propheten so schonend behandelt haben? Das war jedenfalls eine Fügung der göttlichen Vorsehung. Gott fügte es so, um den Propheten Sanftmuth und Liebe gegen die Menschen zu lehren. Er rief ihm gleichsam zu: Nimm dir doch an den Schiffern ein Beispiel, an diesen unwissenden Menschen, die nicht einmal eine einzige Seele verachten, nicht ein einziges Leben — das deine — verderben wollen! Du aber hast, soweit es auf dich ankam, eine ganze Stadt, und zwar eine ganze Stadt von vielen tausend Einwohnern preisgegeben! Sie haben in dir den Schuldigen gefunden, der das Unheil über sie gebracht hat, und trotzdem zeigen sie gar keine Eile, dich zu verurtheilen; du aber hattest den Niniviten Nichts vorzuwerfen und hast sie trotzdem in’s Unglück gestürzt und zu Grunde gerichtet! Du hast mein Gebot, dorthin zu gehen und sie durch deine Predigt zum Heile zurückzuführen, nicht befolgt, während diese 84 Männer, ohne mein Gebot zu vernehmen, alles Mögliche aufboten, um dich der Strafe zu entreissen, selbst nachdem du ihrem Gerichte unterstellt und schuldig befunden warst! Nachdem nämlich das Meer als Ankläger gegen den Propheten aufgestanden war, nachdem das Loos ihn überführt, nachdem er sich überdieß selbst schuldig erklärt und seine Flucht gestanden hatte: selbst da eilten sie noch nicht, den Prophet dem Tode preiszugeben; sie zauderten noch immer und suchten mit aller Anstrengung vorwärts zu kommen und boten Alles auf, um ihn selbst nach allen diesen Beweisen seiner Schuld nicht dem Meere ausliefern zu müssen. Allein das Meer gab sich auch jetzt noch nicht zufrieden; oder sagen wir lieber: Gott ließ sie nicht an’s Land kommen, weil er den Propheten nicht bloß durch die Schiffer, sondern auch durch das Seeungeheuer zur Einsicht bringen wollte. Jonas hatte den Schiffern zwar gesagt: „Nehmet mich und werfet mich in’s Meer, und das Meer wird von euch ablassen;“ gleichwohl spannten sie alle ihre Kräfte an, um zu landen; aber es ward ihnen durch die tobende Fluth verwehrt.
§ 4
Wie ihr nun den Propheten habt fliehen sehen, so höret ihn auch aus der Tiefe des Meeres, aus dem Bauche des Fisches Gott den Herrn preisen! Seine Flucht zeigt uns den schwachen Menschen, sein Lobgesang den Propheten. Nachdem das Meer sich seiner bemächtigt, barg es ihn im Bauche des Fisches wie in einem Gefängniß, um den Flüchtling seinem Herrn zu erhalten. Die wilden Fluthen haben ihn nicht verschlungen, das Meerungeheuer, noch furchtbarer als die wilden Fluthen, hat ihn zwar in seinen Bauch aufgenommen, aber nicht getödtet, es hat sein Leben geschont und ihn wieder zu der Stadt [wahrscheinlich Joppe] zurückgebracht. Das Meer und das Ungeheuer haben so ihre Natur verleugnet, um den Willen 85 Gottes zu erfüllen, damit Alles zur Belehrung des Propheten zusammenwirkte. Jonas ging also in die Stadt [Ninive] und verkündigte die göttliche Drohung, so wie ein Bote des Königs ein Schreiben seines Herrn vorliest, das ein Strafurtheil enthält, Er rief und sprach: „Noch drei Tage, und Ninive wird zu Grunde gehen.“ Die Bewohner von Ninive hörten seine Predigt, und zwar nicht mit Unglauben, nicht mit Verachtung. Nein, auf der Stelle nahmen sie alle ihre Zuflucht zum Fasten, Männer und Weiber, Herren und Knechte, Vorgesetzte und Untergebene, Kinder und Greise; und nicht einmal die unvernünftigen Thiere wurden von diesem Gottesdienste ausgeschlossen. Allenthalben Buße in Sack und Asche, in Weinen und Wehklagen. Selbst der Träger der Krone stieg von seinem königlichen Sitze herab, zog einen Bußsack an und bestreute sein Haupt mit Asche. So entrissen sie die Stadt der drohenden Gefahr. Welch’ ein Wunder war da zu sehen! Den Purpur hatte der Bußsack an Herrlichkeit übertroffen. Denn der Bußsack brachte zu Stande, was der Purpur nicht vermochte. Die Asche hat das Heil gebracht, das durch die Krone nicht zu erreichen war. Seht ihr nun, daß ich Recht hatte zu sagen: Nicht das Fasten muß man fürchten, sondern die Trunkenheit und Unmäßigkeit? Denn diese Laster brachten die Stadt zum Wanken und drohten sie zu zerstören; da hat das Fasten dieselbe Stadt, die schon in ihren Grundfesten erzitterte und untergehen wollte, wieder befestigt.
Mit dem Fasten hat sich auch Daniel bewaffnet, als er in die Löwengrube gestürzt ward. Da gingen die Löwen mit ihm um wie Lämmer, bis er wieder herauskam. Trotz ihrer giftigen Wuth, trotz ihrer mörderischen Blicke wagten sie nicht, den Propheten, der ihnen zum Fraße vorgeworfen war, zu berühren. Und doch trieb ihre Natur sie 86 mit Gewalt dazu an; denn Nichts ist so gierig wie diesem Thiere und — wie der Hunger; sie hatten an sieben Tagen kein Futter erhalten. Dieser Hunger quälte sie wie ein Folterknecht in ihren Eingeweiden und reizte sie heftig, sich an dem Leibe des Propheten zu vergreifen; aber sie scheuten sich, von dieser Speise zu kosten. Mit dem Fasten hatten sich auch jene drei Jünglinge bewaffnet, die zu Babylon in den Feuerofen geworfen wurden. Nachdem sie längere Zeit im Feuer sich aufgehalten, kamen sie aus dem Feuerofen wieder heraus, — und ihre Leiber strahlten noch heller als selbst die flammende Gluth. Wenn jenes Feuer wirklich ein Feuer war: wie kam es doch, daß es nicht wie Feuern auf sie wirkte? Und wenn ihre Leiber wirkliche Leiber waren: wie kam es, daß sie nicht wie andere Leiber vom Feuer zu leiden hatten? Frage das Fasten! Es wird dir Antwort geben und das Räthsel lösen. Ein Räthsel war es in der That. Die Natur des Leibes stritt gegen die Natur des Feuers, und der Sieg verblieb dem Leibe. Welch’ wunderbarer Kampf! Noch wunderbarer war der Sieg. Bewundere also das Fasten, und strecke sehnsüchtig die Arme aus, um es zu empfangen. Denn wenn das Fasten im Feuerofen Hilfe bringt, in der Löwengrube das Leben rettet, den Teufel verjagt, die Drohungen Gottes rückgängig macht, die Gluth der Leidenschaften dämpft, uns zur wahren Freiheit führt und unsere Seele mit Ruhe und Frieden erfüllt: ist es dann nicht eine Thorheit ohne Gleichen, vor dem Fasten zu erschrecken, vor dem Fasten zu fliehen, das uns einen solchen Reichthum von Gnaden anbietet? Aber es schwächt, sagt ihr, es schwächt den Körper und reibt ihn auf. Dagegen sage ich mit dem heiligen Paulus: „Je mehr unser äusserer Mensch zu Grunde gerichtet wird, um so mehr wird der inwendige erneuert Tag für Tag.“ Doch wenn man genau zusieht und sorgfältig prüft, dann findet man, daß das Fasten sogar eine Quelle der Gesundheit ist. 87 Willst du meinen Worten nicht glauben, so frage nur die Ärzte, und sie werden es dir genauer und deutlicher sagen. Denn die Ärzte behaupten, daß die Enthaltsamkeit die Mutter der Gesundheit ist, daß dagegen in Schwelgerei und Unmäßigkeit viele Krankheiten ihren Grund haben: Fußgicht, Schwindel, Schlaganfälle, Auszehrung, Wassersucht, Anschwellungen und Entzündungen und tausend andere Krankheiten, die gleich reissenden Strömen aus jener Quelle entspringen. Das sind nämlich Ströme voll schädlichen Wassers, herstammend aus der allerschlechtesten Quelle und voll der schlimmsten Wirkungen auf die Gesundheit des Leibes und auch der Seele.
§ 5
Daß wir uns also nicht fürchten vor dem Fasten, welches uns vor so vielen und großen Übeln bewahrt. Dazu ermahne ich euch gerade heute nicht ohne besondern Grund. Ich muß nämlich sehen, daß viele Christen sich vor der Fastenzeit ganz verdrießlich und wie unschlüssig geberden, nicht anders, als wenn sie einem sehr boshaften und rohen Weibe sich überantworten sollten; und ich muß sogar sehen, daß sie sich heute durch Trunkenheit und Unmäßigkeit beflecken. Darum ermahne ich euch, daß ihr doch den vom Fasten zu erhoffenden Nutzen nicht durch Gefräßigkeit und Trunkenheit vereitelt. Wenn Jemand wegen mangelnder Eßlust bittere Arzneien zu nehmen hat und dann vor dem Gebrauche derselben seinen Magen mit vielen Speisen anfüllt: dann mag er sich immerhin den bittern Trank gefallen lassen, — seine heilsamen Wirkungen werden ausbleiben, weil ihm die Unmäßigkeit den Kampf mit den verdorbenen Säften allzusehr erschwert. Darum schreiben die Ärzte solchen Patienten vor, ohne vorhergegangene Mahlzeit schlafen zu gehen, damit die ganze Kraft der Arznei sogleich gegen die überflüssigen, ungesunden Säfte wirken kann. Ganz ähnlich verhält es sich mit der Arznei, von der wir hier reden: mit dem Fasten. Wenn du dich heute durch unmäßiges Trinken beschwerst und morgen zu fasten anfängst, dann machst du dein Fasten unnütz und 88 werthlos. Dann übernimmst du die Last und verlierst den Gewinn, weil die voraufgehende Sünde der Trunkenheit den ganzen Werth des Fastens gleichsam aufzehrt. Wenn du aber an das Fasten mit einem Leibe herantrittst, der nicht durch Unmäßigkeit beschwert ist, wenn du wahrhaft nüchternen Geistes bist, indem du diese Arznei nimmst, dann kannst du durch das Fasten viele alten Sünden tilgen. Gehen wir also nicht auf dem Wege der Trunkenheit in die Fasten, und gehen wir nicht nach den Fasten gleich wieder zur Trunkenheit über! Das wäre der Seele ebenso verderblich als Fußtritte einem kranken Leibe, der unter solchen Mißhandlungen noch schneller und elender zusammenbricht. So geht es auch der Seele, wenn man vorher und nachher, zu Anfang und zu Ende der Fastenzeit vom Fasten die Veranlassung nimmt, die Seele durch die Nacht der Unmäßigkeit zu verfinstern. Gibt es doch viele Menschen, die gegen das Fasten kämpfen wollen wie gegen ein reissendes Thier! Wie ein Thierkämpfer erst dann den Kampf beginnt, wenn er die Glieder, die am meisten dem Angriff ausgesetzt sind, durch alle möglichen Vorkehrungen gesichert und geschützt hat, so bewaffnen sich jene Helden zum Kampfe gegen die Fasten mit Fraß und Völlerei und gehen mit ganz geschwächter und verfinsterter Seele, ohne Sinn und Verstand dem Fasten entgegen, das ihnen sein freundliches und klares Antlitz zuwendet. Wenn ich 89 dich frage: Warum eilst du heut’ in’s Bad? dann gibst du zur Antwort: Um die Fasten mit reinem Leibe anzufangen. Wenn ich dich frage: Warum berauschest du dich heut’? dann lautet die Antwort wieder: Weil wir im Begriffe stehen, die Fasten zu beginnen. Ist es nun nicht höchst thöricht, wenn man diese herrliche Tugendübung zwar mit reinem Leibe, aber mit einer unreinen, durch Trunkenheit befleckten Seele anfangen will?
Es wäre nun zwar noch mehr zu sagen: wer indessen guten und ernsten Willens ist, hat an dem Gesagten zu seiner Besserung schon genug. Darum muß ich jetzt schliessen; denn es verlangt mich auch, die Stimme unseres Vaters zu hören. Ich komme mir nämlich im Schatten dieses Heiligthums vor wie ein Hirtenknabe, der unter einer Eiche oder Pappel seine kleine Rohrflöte bläs’t; unser Bischof aber ist der große Tonkünstler, der seine goldene Cither schlägt und durch den harmonischen Zusammenklang der Saiten alle Zuhörer entzückt. Wie die Saiten auf der Cither, so stimmen bei ihm die Worte und Werke vollkommen zusammen, und Das ist es, was uns Heil und Segen bringt. Solche Lehrmeister sind es, die Christus der Herr sucht und begehrt: „Wer vollzieht und lehrt,“ sagt er, „der wird groß genannt werden im Himmelreiche.“ Ein solcher Lehrmeister ist unser Bischof; darum ist er auch groß im Himmelreiche. O daß es uns auf sein und aller seiner Amtsgenossen Flehen gelänge, des Himmelreiches gewürdigt zu werden — durch die Gnade und Liebe unseres Herrn Jesu Christi! Ihm und zugleich dem Vater und dem heiligen Geiste sei Ehre jetzt und allezeit und in alle Ewigkeit. Amen.
90