Johannes Chrysostomus · Orationes · Buch 6 · Kapitel 2
§ 1
Es war meine Absicht, Geliebte, wieder von dem Patriarchen [Abraham] zu predigen. Aus dieser Quelle 134 wollte ich schöpfen, um euren Seelen ihre Nahrung vorzusetzen. Allein die Erinnerung an den schwarzen Undank des Verräthers drängt mich, über ihn zu reden; der heutige Tag bestimmt mich, über seinen wahnsinnigen Frevel mich zu verbreiten. Denn am heutigen Tage ward unser Herr Jesus Christus den Händen der Juden überliefert von seinem eigenen Jünger. Werdet aber nicht traurig, Geliebte, betrübet euch nicht, wenn ihr hört, daß der Herr verrathen wurde. Nicht über Jesus den Verrathenen, sondern über Judas den Verräther seufzet und weinet! Denn Jesus, der Verrathene, hat die Welt erlös’t, aber Judas, der Verräther, hat seine eigene Seele in’s Verderben gestürzt. Jesus, der Verrathene, thront im Himmel zur Rechten des Vaters, aber Judas, der Verräther, ist jetzt in der Hölle, gepeinigt von ewigen Strafen ohne Aussicht auf Erlösung. Deßhalb seufze und weine; denn es ward auch unser Herr Jesus Christus beim Anblick des Judas tief erregt und bis zu Thränen betrübt. „Da er ihn anblickte,“ heißt es im Evangelium, „ward er betrübt und sprach: Einer aus euch wird mich verrathen.“ Warum ward er betrübt? Weil er daran dachte, daß der Verräther sich trotz aller Belehrungen und Warnungen in einen so tiefen Abgrund stürzte, ohne es zu merken. Bei dem Gedanken an den wahnsinnigen Frevel also, den der Jünger begehen wollte, ward der Herr vor Mitleid mit ihm bis zu Thränen betrübt. Das erwähnen nämlich die Evangelisten bei vielen Gelegenheiten, um die Wahrheit von der Menschwerdung glaubhaft zu machen. Der Herr ward also tief betrübt beim Anblick der maßlosen Undankbarkeit seines Jüngers. Er wollte uns die Lehre geben, daß wir am allermeisten Diejenigen betrauern sollen, die Unrecht thun, und nicht Diejenigen, die Unrecht leiden. Diejenigen, die ungerechter Weise Böses leiden, sind vielmehr selig zu preisen! Denn der Herr sagt: „Selig sind, die Verfolgung leiden um 135 der Gerechtigkeit willen, denn ihrer ist das Himmelreich.“ Siehst du, wie großen Lohn er denen in Aussicht stellt, die Unrecht leiden? Aus einer andern Stelle will ich euch beweisen, daß Diejenigen, die Unrecht thun, unvermeidlich den größten Strafen verfallen, Hört, wie der heilige Paulus sagt: „Ihr aber, Brüder, seid Nachahmer geworden der Kirchen Gottes, welche in Judäa sind, weil auch ihr Dasselbe von den eigenen Stammesgenossen erlitten habt, so wie auch sie von den Juden, welche auch den Herrn Jesus und die eigenen Propheten getödtet haben und uns verhindern, den Heiden zu predigen, damit sie gerettet werden, so daß sie das Maß ihrer Sünden voll machen; es ist aber über sie der Zorn Gottes gekommen bis zu Ende.“ Seht ihr, daß Diejenigen, die Böses thun, am allermeisten zu beklagen und zu betrauern sind?
Deßhalb ward auch der barmherzige Herr bei dem Gedanken an das Verbrechen, das sein Jünger begehen wollte, erschüttert und bis zu Thränen betrübt. Er wollte sein Mitleid mit dem Jünger zeigen und zugleich die Größe seiner Liebe beweisen, indem er selbst bis zum Augenblick des Verrathes nicht abließ, sich um die Bekehrung des Jüngers zu bemühen. Also um des Verräthers willen weine und seufze in der Bitterkeit des Herzens; denn um ihn hat auch der Herr getrauert. „Jesus,“ heißt es, „ward betrübt und sprach: Einer aus euch wird mich verrathen.“ O wie groß ist doch die Barmherzigkeit und Güte des Herrn! Der Verrathene trauert um den Verräther!
Da er ihn bei seiner Bosheit verharren sah, ward er tief betrübt und sprach: Einer aus euch wird mich verrathen. Sieh, wie groß seine Barmherzigkeit, wie groß seine Liebe ist, und wie schonend er den Undankbaren behandelt! Er will ihn nicht bis zur äussersten Schamlosigkeit treiben; er 136 setzt sogar alle seine Jünger in Furcht und Angst, um ihm Gelegenheit zu gehen, von seinem wahnsinnigen Frevel zurückzutreten. Aber wenn einmal die Seele, weil sie den Samen der Frömmigkeit nicht aufnehmen wollte, unempfindlich geworden ist, dann ist sie für keine Mahnung, für keinen guten Rath mehr empfänglich und stürzt in den Abgrund, umdüstert von der Leidenschaft. Deßhalb brachte auch dem Judas diese außerordentliche Langmuth kein Heil. „Einer aus euch wird mich verrathen.“ Weßhalb ward er so erschüttert und betrübt? Um seine Liebe zu zeigen, und zugleich, um uns zu belehren, daß man Diejenigen am allermeisten betrauern muß, welche dem Nächsten Unrecht zufügen; denn Diese ziehen sich selbst den Zorn [Gottes] zu. Es ist allemal billig und recht, nicht Die zu betrauern, welche Unrecht leiden, sondern Die, welche Unrecht thun; denn Unrecht leiden, Das verschafft uns das Himmelreich, aber Unrecht thun, Das stürzt uns in die Strafen der Hölle. Der Herr sagt: „Selig sind, die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen.“ Siehst du, wie das Unrechtleiden zum Himmelreiche führt? Das ist der Lohn, Das ist der Kampfpreis! Und nun höre, wie auf der andern Seite auch das Unrecht thun Strafe und Züchtigung im Gefolge hat. Nachdem Paulus gesagt hat, daß die Juden den Herrn getödtet und die Propheten verfolgt haben, fügt er hinzu: „Deren Ende gemäß ihren Werken ist.“ Siehst du, wie die Verfolgten das Himmelreich erlangen, die Verfolgenden aber den Zorn Gottes als Antheil erhalten? Nicht ohne Grund lege ich euch diese Wahrheit zur Betrachtung vor; wir sollen daraus lernen, unseren Feinden nicht zu zürnen, sondern sie vielmehr zu bemitleiden, zu beweinen und zu betrauern. Denn sie, die uns ohne Grund anfeinden, sie sind es recht eigentlich, die Böses erleiden. Wenn wir unsere Seele in eine solche Verfassung bringen, daß wir ihnen nicht zürnen, sondern sogar über sie trauern, dann 137 werden wir auch im Stande sein, nach dem Worte des Herrn für sie zu beten und dadurch große Gnade vom Himmel auf uns herabzuziehen. Es ist nun schon der vierte Tag, daß ich zu euch über das Beten für die Feinde rede; ich wünsche euch nämlich durch stete Wiederholung diese Lehren und Mahnungen um so fester einzuprägen, damit sie in euren Herzen Wurzel fassen. Darum werde ich nicht müde, euch mit solchen Mahnungen zu überschütten, damit Diejenigen, die ihrem Nächsten noch zürnen, von dieser Wunde geheilt, von dieser Fiebergluth befreit werden, damit sie an ihr Gebet gehen können, ohne durch den Zorn entstellt und befleckt zu sein. Denn nicht bloß um unserer Feinde willen hat Christus dieses Gebot gegeben, sondern auch zu unserm eigenen Besten, zum Vortheil für uns, die ihnen ihre Beleidigungen verzeihen. Denn wenn du dem Zorne entsagst, dann empfängst du mehr, als du gibst. Wie sollte ich dabei mehr empfangen, sagst du? Merke genau auf! Wenn du deinem Feinde verzeihst, was er dir zugefügt hat, dann wird dir nachgelassen, was du gegen Gott den Herrn gesündigt hast. Nun ist es aber sehr schwer, für Beleidigungen Gottes Verzeihung und Nachlassung zu finden; dagegen kann man für Beleidigungen eines Feindes leicht und auf vielerlei Weise Vergebung und Beruhigung erlangen. Höre, wie Heli zu seinen Söhnen sprach: „Versündigt sich ein Mensch gegen einen Menschen, so wird der Priester für ihn beten; versündigt er sich aber gegen Gott, wer wird dann für ihn beten?“ Das ist also eine schwere Wunde, die selbst durch Gebet nicht leicht zu heilen ist. Ja, ein solches Vergehen kann durch Gebet gar nicht wieder gut gemacht werden, wohl aber und zwar sofort, wenn man dem Feinde die von ihm erlittenen Beleidigungen verzeiht. Die Beleidigungen Gottes vergleicht der Herr mit zehntausend Talenten, die Beleidigungen von Seiten des Feindes mit 138 hundert Denaren; wenn du diese erlässest, dann werden dir die zehntausend Talente erlassen.
§ 2
Doch, über das Gebet habe ich nun genug gesagt. Wenn es euch recht ist, kehren wir jetzt wieder zur Betrachtung des Verrathes zurück und wollen dazu etwas weiter ausholen. Laßt uns denn zusehen, auf welche Weise der Herr verrathen ward. Um aber den Frevel des Verräthers, den Undank des Jüngers in seiner ganzen Abscheulichkeit, um zugleich die unaussprechliche Liebe des Herrn recht zu erkennen und zu würdigen, vernehmet, was uns der Evangelist von diesem Verbrechen berichtet. „Damals,“ sagt er, „ging Einer von den Zwölfen, Judas, der Iskariot genannt wird, zu den Hohenpriestern und sprach zu ihnen: Was wollt ihr mir geben, und ich will ihn euch verrathen?“ Was hier gesagt ist, scheint zwar ganz einfach zu sein und einer verborgenen, geheimnißvollen Bedeutung zu ermangeln; allein wenn man jedes Einzelne sorgfältig erwägt, findet man darin viel zu betrachten und sehr tiefe Gedanken. Für’s Erste ist die Angabe der Zeit zu beachten. Denn der Evangelist macht diese Angabe nicht ohne Nachdruck und sagt nicht einfach: „Er ging hin,“ sondern fügt hinzu: „Damals“ ging er hin. Wann ging er hin? Und weßhalb wird die Zeit in dieser Weise angegeben? Nicht ohne Grund gibt uns der Evangelist, der im heiligen Geiste redet, Auskunft über die Zeit. Denn wer im heiligen Geiste redet, sagt Nichts umsonst. Nichts leichthin. Was bedeutet also das Wort: damals? Gerade vor dieser Zeit, vor dieser Stunde war ein Weib gekommen, welches ein Alabastergesäß mit Salböl mitgebracht und das Öl über das Haupt des Herrn ausgegossen hatte. Das Weib legte einen großen Glauben an den Tag, zeigte sich sehr dienstwillig, sehr gehorsam und ehrfurchtsvoll gegen den Herrn. Sie bekehrte sich von ihrem frühern Sündenleben und wandte sich zur 139 Besserung und Enthaltsamkeit. Und zur selben Zeit, wo die Buhlerin in sich ging und sich dem Herrn unterwarf, da hat der Jünger seinen Meister verrathen. „Damals“ sagt der Evangelist; wann also? Als die Buhlerin zum Herrn gekommen war, das Gefäß mit dem kostbaren Öl über seine Füße ausgegossen und die Füße mit ihren Haaren abgetrocknet, als sie ein solches Verlangen, ihm zu dienen, an den Tag gelegt und die Sünden des ganzen Lebens durch ihr Bekenntniß getilgt hatte. Zur selben Zeit also, wo sie unter den Augen des Verräthers so eifrig dem Dienste des Herrn oblag, da eilte er zu dem schändlichen Verrath. Aus der Tiefe des Lasters stieg sie zum Himmel empor; er stürzte herab in die Tiefe der Hölle, und zwar nachdem er unzählige Wunder und Zeichen gesehen, nachdem er in einer solchen Schule unterwiesen und von der unbeschreiblichen Milde und Herablassung des Herrn Zeuge gewesen war. So groß ist das Unheil, das aus der Gleichgiltigkeit oder Bosheit des Willens entsteht. Daher mahnt der heilige Paulus: „Wer meint zu stehen, sehe zu, daß er nicht falle!“ und darum rief der Prophet in alter Zeit aus: „Steht der Gefallene nicht wieder auf? Und der sich abwendet, kehrt er nicht wieder zurück?“ Deßhalb soll Derjenige, der da steht, sich nicht sicher wähnen, sondern unermüdlich kämpfen, und deßhalb soll der Gefallene nicht muthlos werden. Denn so groß ist die Macht des Meisters, daß er Buhlerinen und Zöllner an sich zieht, so daß sie sich ihm unterwerfen. Wie? sagt man dagegen, er, der Buhlerinen zur Bekehrung brachte, konnte er den Jünger nicht an sich ziehen? Ja, er konnte es; allein er wollte ihn nicht zum Guten zwingen, nicht mit Gewalt an sich ziehen. Darum sagt der Evangelist bei der Erzählung von dem undankbaren Jünger: Damals ging er hin u. s. w. Das soll heissen: Nicht von einem Andern gerufen, genöthigt oder angetrieben, sondern ganz aus eigenem Antriebe ist er 140 dazu gekommen. Es wird uns also zu verstehen gegeben, daß der Verräther ganz von selbst, nur in Folge seines eigenen, unabhängigen Entschlusses zu diesem schändlichen Verbrechen eilte; daß er ganz ohne Grund und nur von der Bosheit, die seinem eigenen Innern entsprang, sich zum Verrathe drängen ließ. „Damals ging Einer von den Zwölfen hin.“ Auch diese Worte: „Einer von den Zwölfen“ enthalten eine schwere Anklage. Weil es nämlich ausser diesen noch siebenzig andere Jünger gab, deßhalb sagt der Evangelist: Einer von den Zwölfen. Das heißt also: Einer von den Auserlesenen, welche täglich mit dem Herrn umgehen und ganz vertraut mit ihm verkehren durften. Damit du also wissest, daß er Einer von den hervorragenden Jüngern war, deßhalb wird gesagt: Einer von den Zwölfen. Obgleich man dem ersten Anschein nach diesen Umstand zu Schmähungen gegen den Herrn ausbeuten könnte, wird er vom Evangelisten nicht mit Stillschweigen übergangen, und zwar, damit du dich hier von der liebevollen Fürsorge des Herrn für uns Menschen recht überzeugest: hat er doch den Verräther, den Dieb so großer Gnaden gewürdigt und bis zum letzten Abend fortgefahren, ihn zu ermahnen!
Siehst du nun, wie die Buhlerin zum Heile gelangte, indem sie von ihren Sünden gereinigt ward? und wie der Jünger stürzte, weil er nachläßig und gleichgiltig war? Auf die Buhlerin schaue — und verzweifle nicht an dir selbst; denke an das Verbrechen des Jüngers — und wähne dich nicht sicher! Beides bringt Verderben; denn unsere Gesinnung ist leicht zum Wanken gebracht, unser Wille leicht gewendet. Deßhalb müssen wir uns nach jeder Seite hin vorsehen. „Damals ging Einer von den Zwölfen hin, Judas Iskariot.“ Welch’ eine herrliche Gesellschaft, die er verließ. Welch’ eine Schule, deren er sich beraubte! Welch’ eine unheilvolle Sache ist es doch um die Gleichgültigkeit und Nachläßigkeit! Judas Iskariot heißt es, weil es noch einen andern Apostel desselben Namens gab, genannt Judas Jakobi. Beachte hier die Weisheit des Evangelisten! Er 141 bezeichnet den einen nicht nach seinem Verbrechen, sondern nach seiner Heimath [Kariot], den andern aber nicht nach seiner Heimath, sondern nach dem Namen seines Vaters. Es war ja folgerichtig, zu sagen: Judas der Verräther. Aber um uns zu belehren, daß wir die Zunge nicht durch Herabsetzung des Nächsten beflecken sollen, hütet er sich, diesen Judas den Verräther zu nennen. Laßt uns denn hieraus lernen, unserer Feinde niemals in beleidigender Weise zu gedenken. Denn wenn dieser heilige Mann sich nicht entschließen mochte, den Verräther bei der Erzählung seines schändlichen Verbrechens mit einem schimpflichen Namen zu benennen, wenn er ihn vielmehr nach seiner Heimath bezeichnet, ohne dieses Vergehens zu gedenken: wie sollten wir dann Verzeihung verdienen, wenn wir dem Nächsten Übles nachreden? Und manchmal sind es nicht bloß unsere Feinde, die wir unter Schmähungen nennen, sondern auch Solche, die uns gewogen scheinen. Thut es doch nicht, ich bitte euch. So mahnt auch der heilige Paulus: „Kein böses Wort gehe aus eurem Munde!“ Von dieser Leidenschaft hielt sich also der heilige Matthäus vollkommen frei, da er schrieb: „Damals ging Einer von den Zwölfen, genannt Judas Iskariot, zu den Hohenpriestern und sprach: Was wollt ihr mir geben, und ich will ihn euch verrathen?“ O schändliche Rede! o wahnsinniger Frevel! Ich zittere, meine Theuren, wenn ich daran denke. Wie war es doch möglich, daß diese Worte aus seinem Munde gingen? daß er zu dieser Rede seine Zunge bewegen konnte? daß nicht sofort das Leben aus seinem Leibe floh? daß seine Lippen nicht verdorrten und die Besinnung ihn nicht verließ?
§ 3
„Was wollt ihr mir geben, und ich will ihn euch verrathen?“ Sage mir doch, Judas, hast du Das von deinem Meister in dieser langen Zeit gelernt? So hast du 142 also seine stets wiederholten Mahnungen vergessen? Warum hat er denn gesagt: „Ihr sollt kein Gold noch Silber besitzen“? Nicht gerade deßhalb, um dich gleich Anfangs und bei Zeiten von deiner übermäßigen Liebe zum Gelde zu heilen? Er hat die Mahnung gegeben: „Wenn Jemand dich auf die rechte Wange schlägt, so reiche ihm auch die linke dar!“ Und warum verräthst du nun deinen Meister? Weil er dir Gewalt über die Teufel verliehen hat? Weil er dir Macht gegeben, Kranke zu heilen, Aussätzige zu reinigen und viele andere ähnliche Wunder zu wirken? So vergiltst du ihm diese Wohlthaten? O dieser Wahnsinn — sage ich lieber: o diese Habsucht! Denn all dieses Unheil hat die Habsucht angerichtet. Die Habsucht ist die Wurzel alles Bösen. Sie verfinstert unsere Seele und macht uns sogar taub für die Stimme der Natur. Sie raubt uns so zu sagen den Verstand und macht uns Alles vergessen, selbst die Bande des Blutes und der Freundschaft. Sie blendet das Auge des Geistes ganz und gar und bewirkt, daß wir im Finstern wandeln. Damit du Das recht inne werdest, betrachte, wie große Gnaden und Auszeichnungen Judas damals verloren hat. Als die Habsucht bei ihm Eingang gefunden hatte, da waren die vertrauten Unterredungen mit dem Herrn, sein Umgang, seine Gemeinschaft, seine wunderbaren Lehren vergessen. Wohl sagt Paulus mit Recht, daß die Wurzel alles Bösen die Habsucht ist. „Was wollt ihr mir geben, und ich will ihn euch verrathen?“ O Judas! Denjenigen verräthst du, der mit einem Wort das Weltall zusammenhält? Du verkaufst den Unendlichen, den Schöpfer Himmels und der Erde, den Erschaffer unserer Natur, der mit seinem Wort und Wink Alles aufrecht hält?
Daß er verrathen wurde, Das war sein freier Wille. Und nun vernehmet, wodurch er Das an den Tag legte. 143 In der Stunde des Verrathes, als die Schaar herangekommen waren, mit Schwertern und Knütteln, Fackeln und Laternen in den Händen, da sprach er zu ihnen: „Wen suchet ihr?“ Und sie kannten ihn nicht, den sie greifen sollten. So wenig hatte Judas es in der Gewalt, ihn zu verrathen, daß er den Herrn, den er verrathen wollte und ganz in seiner Nähe hatte, nicht einmal sehen konnte, trotz der Fackeln, trotz der hellen Beleuchtung. Das will der Evangelist andeuten, wenn er sagt, daß sie Fackeln und Laternen hatten und ihn trotzdem nicht fanden; denn er setzt hinzu: „Es war aber auch Judas unter ihnen, Jener, der gesagt hatte: Ich will ihn euch verrathen.“ Der Herr hatte ihre Sinne gebunden, um seine Macht zu beweisen, und um ihnen zu zeigen, daß sie sich an etwas Unmögliches gewagt hatten. Als sie nun seine Stimme gehört hatten, da wichen sie zurück und stürzten zu Boden. Siehst du? Seine Stimme können sie nicht ertragen, und durch ihren Sturz beweisen sie klar, wie schwach sie sind. Betrachte die Liebe und Güte des Herrn! Weil er auch dadurch auf den schamlosen Verräther und die undankbaren Juden keinen Eindruck machen konnte, liefert er sich ihnen aus, als ob er sagen wollte: Indem ich ihnen zeigte, daß sie etwas Unmögliches unternommen hatten, wollte ich sie von ihrem wahnsinnigen Frevel heilen. Sie aber wollen nicht, sie verharren in ihrer Bosheit. Siehe, nun überliefere ich mich selbst.
Das erkläre ich euch, damit Niemand gegen den Heiland die Klage erhebe: Warum hat er den Judas nicht bekehrt? Warum hat er ihn nicht gebessert? Darauf gebe ich zur Antwort: Wie mußte er den Judas denn von seiner Leidenschaft und Verstocktheit befreien? Durch Zwang? Aber dann wäre Judas nicht wirklich gebessert worden; denn durch Zwang wird kein Mensch wahrhaft besser. Oder sollte Judas dabei seinen freien Willen, seine freie 144 Entscheidung behalten? Dann hat der Herr in der That Alles gethan, was ihn auf bessern Weg bringen konnte. Wenn aber ein Kranker die Arzneien zurückweist, dann kann doch den Arzt kein Vorwurf treffen! Dann kann nur Derjenige verantwortlich gemacht werden, der die ärztliche Hilfe verschmäht. Willst du hören, wie viel der Herr gethan hat, um den Verräther wieder zu gewinnen? Er hat ihm die Macht verliehen, viele Wunder zu wirken, er hat ihm den Verrath vorausgesagt, er hat ihm Nichts vorenthalten, was einem Jünger zu gewähren war. Der Verräther hatte es in der Hand, sich zu bekehren; allein er wollte es nicht; seine Gleichgiltigkeit und Nachläßigkeit war an Allem schuld. Davon muß uns sein Verhalten nach dem Verrath überzeugen: als er nämlich das Verbrechen vollständig begangen hatte, da warf er die dreissig Silberlinge hinweg mit den Worten: „Ich habe gesündigt, indem ich unschuldiges Blut verrieth!“ Vordem hast du doch gesagt: Was wollt ihr mir geben, und ich will ihn euch verrathen? Als das Verbrechen geschehen war, da kam er zur Erkenntniß seiner Bosheit. Daraus sollen wir lernen, daß Mahnungen und Warnungen uns Nichts helfen, wenn wir läßig und gleichgiltig sind; daß wir uns aber selbst und aus uns selbst wieder aufrichten können, wofern wir uns rechte Mühe geben. Denn als der Herr — merket wohl, was ich sage — den Judas warnte und von seinem nichtswürdigen Vorhaben abzubringen suchte, da wollte er nicht hören und nahm die Ermahnungen nicht an; später aber, zu einer Zeit, wo kein Mensch ihm Vorhaltungen machte, da erhob sich sein eigenes Gewissen gegen ihn, und er brauchte keine Belehrungen, um seine Gesinnung zu ändern und die dreissig Silberlinge hinwegzuwerfen. „Sie wogen ihm,“ heißt es, „dreissig Silberlinge dar.“ Einen Preis erlegten sie für das Blut, dessen Werth unendlich ist. Judas! Warum nimmst du doch die dreissig Silberlinge an? Umsonst 145 und ohne Entgelt wollte Christus für die ganze Welt das Blut vergießen, das du verhandelt hast! Dazu war er auf die Erde gekommen. Kann es eine größere Schamlosigkeit geben, als in diesem Handel liegt? Ach, wer hat je dergleichen gesehen oder gehört?
§ 4
Laßt uns aber nunmehr den Abstand zwischen dem Verräther und den übrigen Jüngern betrachten! Alles erzählt uns der Evangelist ganz genau. Während Dieß geschah, als der Verrath schon eingeleitet war, während Judas sich selbst in das Verderben stürzte, jenen nichtswürdigen Vertrag abschloß und eine Gelegenheit suchte, um ihn zu verrathen, da — berichtet der Evangelist —traten zu ihm die Jünger und sprachen: „Wo willst du, daß wir dir das Ostermahl bereiten?“ Betrachte die Jünger! Betrachte den Verräther! Er ist geschäftig, um den Verrath in’s Werk zu setzen; sie, um ihm zu dienen. Er schließt den Handel ab und schickt sich an, den Preis für das Blut des Herrn zu empfangen; sie rüsten sich zu seinem Dienste. Sie hatten die nämlichen Wunder gesehen, dieselbe Lehre gehört — woher nun der Unterschied? Er entstand durch ihren eigenen, freien Willen. Da ist die Quelle des Guten und des Bösen zu suchen. — Es war an dem heutigen Abend, daß die Jünger jene Worte sprachen. Welche Worte nämlich? „Wo willst du, daß wir dir das Ostermahl bereiten?“ Wir ersehen daraus, daß Christus für sich kein bestimmtes Haus besaß. Sie sollen es hören, die da prächtige Häuser und stattliche Säulengänge bauen! Der Menschensohn hat nicht, wo er sein Haupt hinlege.
Daher sagten die Jünger zu ihm: „Wo willst du, daß wir dir das Ostermahl bereiten?“ Welches Ostermahl? Das jüdische, das in Ägypten war eingeführt worden. Da 146 hatten sie es nämlich zuerst gefeiert. Warum aber hat auch Christus es gehalten? Er hat alle andern jüdischen Gesetze, und so hat er auch dieses erfüllt. Deßhalb sprach er zu Johannes: „Denn so ziemt es sich für uns, daß wir alle Gerechtigkeit erfüllen.“ Die Jünger wollten also nicht das christliche, nicht unser Ostermahl, sondern das jüdische bereiten. Dieses haben sie, das unsere hat der Herr selbst bereitet, ja er ist sogar selbst unser Osterlamm geworden durch sein theueres Leiden. Weßhalb ging er nun hin, um zu leiden? Um uns von dem Fluche des Gesetzes zu erlösen. Darum ruft der heilige Paulus aus: „Gesendet hat Gott seinen Sohn, geworden aus dem Weibe, geworden unter dem Gesetze, damit er die, welche unter dem Gesetze standen, loskaufte.“ Es sollte aber Niemand sagen, er habe deßhalb das Gesetz aufgehoben, weil er es selbst nicht erfüllen konnte, da es eine drückende Last und schwer zu beobachten war. Darum hat er es zuerst in allen Punkten befolgt und dann erst aufgehoben. Darum hielt er auch das Ostermahl; denn die Feier des Osterfestes war im Gesetze vorgeschrieben. Höret, wie es sich damit verhält. Die Juden waren undankbar gegen ihren Wohlthäter und vergaßen ihren Wohlthäter sehr bald. Um es genauer zu sagen: sie zogen aus Ägypten, gingen durch das rothe Meer, sahen das Meer sich spalten und wieder zusammenströmen —und nach kurzer Zeit sprachen sie zu Aaron: „Mache uns Götter, die vor uns hergehen!“ Was sagst du, undankbarer Jude? Solche Wunder hast du gesehen und hast Gott schon vergessen, der dich ernährt, und du gedenkst deines Wohlthäters nicht mehr? Weil sie also seine Wohlthaten vergaßen, darum hat Gott der Herr das Gedächtniß seiner Wohlthaten mit den Gegenständen ihrer Festesfreude verknüpft, damit sie — gern oder ungern — diese Erinnerung bewahrten. So sollte es sein. Denn es heißt: Wenn dich 147 dein Sohn fragt: Was bedeutet Das? dann sollst du ihm sagen, daß mit dem Blute dieses Lammes einst eure Väter die Thürpfosten bestrichen und so dem Tode entgangen sind, den der Würgengel über alle Ägyptier brachte, daß dieses Blut ihm verwehrte, einzutreten und sie mit der Plage heimzusuchen. Diese Lämmer wurden ohne ihre Wahl, Christus wird mit seinem freien Willen hingeopfert. Warum mußten sie geopfert werden? Weil sie ein Vorbild des geistigen Opfers waren [das Christus dargebracht hat]. Das wird euch klar werden, wenn ihr betrachtet, in welcher Weise diese beiden Opfer mit einander verwandt sind. Ein Lamm ward geopfert, auch Christus ist ein Lamm. Aber jenes Lamm war ein vernunftloses Thier, Christus ist das göttliche Wort und die Quelle der Vernunft. Hier ein Lamm und dort ein Lamm, sie verhalten sich aber zu einander wie Schatten und Wirklichkeit. Erschienen ist die Sonne der Gerechtigkeit, und mit dem Schatten ist es zu Ende. Denn wenn die Sonne da ist, muß der Schatten verschwinden. Damit wir durch das Blut des Lammes geheiliget werden, deßhalb liegt das Lamm auf dem geheimnißvollen Opfertisch. Die Sonne ist aufgegangen, darum soll das Licht der Lampe nicht mehr leuchten. Was nämlich damals geschehen ist, war ein Vorbild des Zukünftigen.
§ 5
Das gilt den Juden, damit sie sich nämlich nicht selbst täuschen und vermeinen, wirklich das Ostermahl zu feiern! Noch immerdar unbeschnittenen Herzens und taub für das Wort Gottes sind sie schamlos genug, auch jetzt noch die ungesäuerten Brode herzunehmen und mit ihrem Feste groß zu thun. Aber sagt mir doch, ihr Juden, wie könnt ihr denn Ostern feiern? Der Tempel ist dahin, der Altar zerstört, das Allerheiligste entweiht, jedes Opfer abgestellt. Weßhalb unterfangt ihr euch also, dem Gesetze zu- 148 wider zu handeln? Vor Zeiten habt ihr einmal nach Babylon ziehen müssen; da hörtet ihr Diejenigen, die euch gefangen fortgeschleppt zu euch sagen: Singt uns ein Lied des Herrn! Und ihr habt euch geweigert. Mit welchem Rechte feiert ihr nun, fern von Jerusalem, das Osterfest? Damals habt ihr zur Antwort gegeben: „Wie sollten wir das Lied des Herrn singen im fremden Lande?“ Das hat uns David bezeugt. „An dem Flusse Babylons“, sagt er, „dort saßen wir und weinten. An den Weiden, die in ihm [d. h. in Babylon] waren, hingen wir unsere Saiteninstrumente auf“ — die Harfe, die Cither und die Leier sind gemeint; denn diese gebrauchte man in alten Zeiten zur Begleitung der Psalmen; — „dort“, heißt es, „fragten uns die, so uns gefangen fortgeführt, nach Sangesworten; und wir sprachen: Wie sollten wir das Lied des Herrn im fremden Lande singen?“ Was sagt ihr doch? Das Lied des Herrn im fremden Lande singen, Das wollt ihr nicht; und ihr feiert sogar das Ostermahl im fremden Lande? Siehst du wohl, wie stumpfsinnig und gefühllos die Juden sind? Einst wollten sie, obgleich von Feinden genöthigt, nicht einmal ein Lied singen im fremden Lande; jetzt werden sie von Niemand genöthigt, und ganz aus eigener Wahl und Willkür — führen sie Krieg gegen den Herrn. Diese ihre Gesinnung war es auch, weßhalb einst der heilige Stephanus zu ihnen sprach: „Ihr widerstehet allezeit dem heiligen Geiste.“ Siehst du, wie unrein das Ungesäuerte ist? wie ungesetzlich das Fest der Juden? Einst hat es ein jüdisches Ostern gegeben, allein es hat aufgehört.
149„Damals,“ heißt es, „während sie aßen und tranken, nahm Jesus Brod in seine heiligen und unbefleckten Hände, dankte, brach es und sprach zu seinen Jüngern: „Nehmet, esset! Das ist mein Leib, der für euch und für Viele gebrochen wird zur Vergebung der Sünden.“ Und wiederum nahm er den Kelch, gab ihnen und sprach: Das ist mein Blut, das für euch ausgegossen wird zur Vergebung der Sünden.“ Und auch Judas war zugegen, während der Herr diese Worte sprach. Das ist das Blut, Judas, das du um dreissig Silberlinge verkauft hast. Das ist das Blut, Judas, das du soeben an die undankbaren Pharisäer zu verschachern dich nicht geschämt hast. O große Liebe und Güte des Herrn! O schwarzer Undank des Judas! Sein Blut gibt der Herr zum Tranke, und der Knecht hat es verkauft. Verkauft hat er das Blut und dreissig Silberlinge dafür genommen, — und Christus hat sein eigenes Blut vergossen, um uns zu erlösen, und hat es auch Demjenigen, der es verkaufte, gegeben, wenn Dieser es annehmen wollte. Denn auch Judas war vor dem Verrathe dort zugegen, auch er hat an dem heiligen Gastmahl Theil genommen und die geheimnißvolle Speise genossen. Ebenso wie der Herr allen Jüngern die Füße gewaschen hat, so war auch von dem heiligen Mahle Judas nicht ausgeschlossen. Er sollte keine Entschuldigung haben, sondern sich selbst das Gericht und die Verurtheilung wählen. Und er verharrte in seiner Bosheit, indem er von dannen ging und für den Kuß der Liebe den Verrath vollbrachte, aller Wohlthaten vergessend. Nach dem Verrathe aber warf er die dreissig Silberlinge hinweg und sprach: „Ich habe gesündigt, indem ich unschuldiges Blut verrieth!“ O welche Verblendung! An dem Abendmahle hast du Theil genommen, und den Wohlthäter hast du verrathen! Und der Herr erfüllte, was geschrieben steht — er wollte es 150 so; aber wehe dem Menschen, durch den das Ärgerniß gekommen ist!
§ 6
Doch es ist nun Zeit, daß wir zu diesem Gastmahl hinzutreten, einem Gastmahl, das uns mit Furcht und Zittern erfüllen muß. Laßt uns denn alle hinzutreten mit reinem Gewissen! Möge kein Judas hier sein, der gegen seinen Nächsten auf Ränke sinnt, kein Boshafter, Keiner, der in seinem Herzen heimliches Gift birgt! Auch jetzt ist wieder Christus gegenwärtig und bereitet das Mahl. Denn nicht durch irgend eines Menschen Macht wird Das, was vor uns auf dem Altare liegt, der Leib und das Blut Christi. Der Priester, wenn er dort steht und sein Flehen opfert, ist nur Darsteller und Vertreter [des Heilandes]; die Gnade und die Macht aber, die Alles wirkt, ist des Herrn. „Das ist mein Leib,“ spricht er. Durch dieses Wort wird Das, was vor uns liegt, verwandelt. Sowie jenes Wort: „Wachset und mehret euch, und füllet die Erde.“ zunächst nur ein Wort war, aber zur That wurde, indem es die menschliche Natur zur Erzeugung von Kindern befähigte, so wird jenes Wort Christi immerdar die Gnade vermehren in Denjenigen, die würdig an dem heiligen Mahle Theil nehmen. Möge denn kein Heuchler unter uns sein, kein Boshafter, kein Dieb, kein Schmähsüchtiger, Keiner, der seinen Bruder haßt, kein Geiziger, kein Trunkenhold, kein Habsüchtiger, kein Knabenschänder, kein Mißgünstiger, kein Knecht der Unzucht, kein Betrüger, Keiner, der auf Nachstellungen sinnt, damit sich Niemand hier das Gericht und die Verdammung hole. Auch Judas hat damals an dem geheimnißvollen Mahle Theil genommen, aber unwürdig, und dann ist er hinausgegangen und hat den Herrn verrathen. Daraus sollt ihr lernen, daß Die- 151 jenigen, die unwürdig an den Geheimnissen Theil nehmen, am allermeisten und fortwährend vom Teufel angefochten werden und sich selbst in schwerere Strafen hineinstürzen. Das sage ich nicht, um euch lediglich zu schrecken, sondern um euch auch vorsichtiger zu machen. Sowie nämlich die leibliche Nahrung, wenn sie in einen Magen voll böser Säfte ausgenommen wird, die Krankheit verschlimmert, so muß auch diese Seelenspeise, wenn sie unwürdig genossen wird, das Verdammungsurtheil noch verschärfen. Daß also Niemand — ich bitte euch — in seinem Innern boshafte Gedanken hege! Laßt uns vielmehr unsere Herzen reinigen! Denn wenn wir rein sind, dann sind wir Tempel Gottes. Laßt uns heiligen unsere Seelen; denn Das können wir an einem einzigen Tage zu Stande bringen! Wie und auf welche Weise? Wenn du Etwas gegen deinen Feind hast, dann entsage deinem Groll, mache der Feindschaft ein Ende, damit du an dem heiligen Tische Heilung und Vergebung findest. Zu einem heiligen, wahrhaft furchtbaren Opfer trittst du hinzu. Als Opferlamm geschlachtet liegt vor uns Christus selbst. Aber bedenke wohl, zu welchem Ende er sich hinschlachten ließ. O was sind Das für erhabene Geheimnisse, denen du, o Judas, dich entzogen hast! Christus hat freiwillig gelitten, um die Scheidewand niederzureissen und die Erde mit dem Himmel zu verbinden, um dich, seinen Feind und Widersacher, zum Genossen der Engel zu machen. So hat Christus für dich sein Leben hingeopfert, und du verharrest im Hasse gegen deinen Mitknecht? Wie kannst du dich dann diesem Tische des Friedens nahen? Der Herr hat sich nicht geweigert, um deinetwillen Alles zu leiden, und du willst nicht einmal dem Zorn entsagen? Aber warum, sage an! Die Liebe ist Wurzel und Quelle und Mutter alles Guten. Er hat mich aufs Ärgste be- 152 leidigt, sagst du, hat mir tausendmal ungerechten Schaden zugefügt und selbst meinem Leben nachgestellt. Aber was soll Das? Gekreuzigt hat er dich noch nicht, wie die Juden den Herrn. Wenn du deinem Nächsten sein Unrecht nicht verzeihst, wird auch dein himmlischer Vater dir deine Sünden nicht verzeihen. Wie kannst du mit gutem Gewissen beten: Vater unser, der du bist in den Himmeln, geheiliget werde dein Name u. s. w.? So hat denn Christus sein Blut, das sie vergossen, für das Heil seiner Mörder hingeopfert; kannst du mir vielleicht ein Gleiches aufweisen, das von dir verlangt würde? Wenn du deinem Feinde nicht verzeihest, dann fügst du nicht ihm, sondern dir selbst Unrecht und Schaden zu. Denn dem Feinde schadest du in der Regel nur für dieses gegenwärtige Leben, dir selbst aber raubst du die Aussicht auf Erlaß der Strafen für das künftige Leben. Oder weißt du nicht, daß Gott der Herr Nichts so sehr hasset und verabscheut als einen unversöhnlichen Menschen, ein Herz, das von Haß geschwollen, und eine Seele, die von Groll entzündet ist? Höre das Wort des Herrn: „Wenn du deine Gabe zum Altare bringst und dich dort erinnerst, daß dein Bruder Etwas wider dich habe, dann laß dort deine Gabe vor dem Altare stehen, und gehe zuvor hin, und versöhne dich mit deinem Bruder, und dann komme und opfere deine Gabe!“ Was sagst du, o Herr? Ich soll dort die Gabe, nämlich das Opfer stehen lassen? Ganz gewiß, spricht er; denn der Friede mit deinem Bruder, das ist eben das Ziel des Opfers. Wird nun um des Friedens mit dem Nächsten willen das Opfer dargebracht, und du suchst den Frieden nicht aufrecht zu halten, dann magst du immerhin am Opfer Theil nehmen, es wird dir nicht helfen, weil du nicht für den Frieden thätig bist. Darauf also sei zuerst deine Thätigkeit gerichtet, auf den 153 Frieden meine ich nämlich, der das Ziel dieses Opfers ist, und dann wirst du es auch in der rechten Weise genießen. Deßhalb ist ja der Sohn Gottes in die Welt gekommen, um unser Geschlecht mit seinem Vater zu versöhnen. So sagt irgendwo der Apostel Paulus: „Jetzt aber hat er Alles mit sich versöhnt, indem er durch das Kreuz die Feindschaft ertödtete in sich selbst.“ Darum hat er auch uns, wie er selbst gekommen ist, um Frieden zu stiften, für ein solches Werk selig gepriesen und mit demselben Namen benannt, den er selber trägt; denn er sagt: „Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Söhne Gottes genannt werden.“ Was also Christus, der Sohn Gottes, gethan hat, Das thue auch du nach Maßgabe deiner menschlichen Kräfte, und werde ein Bringer des Friedens für dich selbst und für deinen Nächsten. Deßhalb nennt der Herr den Friedfertigen einen Sohn Gottes, deßhalb bringt er für die Zeit des Opfers keine andere Pflicht als die Versöhnung mit dem Bruder in Erinnerung. Damit hat er gezeigt, daß die Liebe die größte aller Tugenden ist. — Es war nun zwar meine Absicht, Geliebte, mich noch viel ausführlicher darüber zu verbreiten; allein für Diejenigen, welche mit Aufmerksamkeit und Verständniß diesen Samen der Frömmigkeit aufnehmen und meinen Worten williges Gehör schenken wollten, ist es an dem Gesagten genug. Laßt uns denn, ich bitte euch, immerdar dieser Ermahnungen gedenken! Laßt uns auch gedenken unserer gegenseitigen Umarmung; sie fordert heiligen Ernst und große Ehrfurcht. Denn sie schlingt ein Band um unsere Seelen; sie macht uns alle zu einem Leibe und zu Gliedern Christi, da wir ja auch alle an einem Leibe [dem Leibe des Herrn] Theil nehmen. Laßt uns denn in Wahrheit ein Leib werden, nicht durch fleischliche Vermischung, sondern durch Vereinigung der 154 Seelen mittelst des Bandes heiliger Liebe. Dann können wir mit Zuversicht an diesem Mahle Theil nehmen, das uns hier vorgesetzt wird, und können in den Besitz jenes Friedens gelangen, den der Heiland uns für das Ende als Lohn des Kampfes zuerkennt. Denn hätten wir auch unzählige gute Werke aufzuweisen, wären dabei aber unversöhnlichen Herzens, dann hätten wir Alles umsonst gethan, und Nichts könnte uns Frucht bringen für das ewige Leben. Der Friede — das war ja das Erbtheil, das der Herr vor seiner Rückkehr zum Vater, statt zeitlicher Ehren und Reichthümer, seinen Jüngern hinterließ, da er sprach: „Meinen Frieden gebe ich euch, meinen Frieden lasse ich euch.“ Wie sollte auch irdischer Reichthum und der größte Überfluß an irdischen Gütern kostbarer sein als der Friede Christi, der jeden Begriff und jedes Verständniß übersteigt? — In der That, diese Sünde [Haß und Unversöhnlichkeit] ist überaus groß und schwer. Das hat auch schon der Prophet Malachias gewußt, als er, Gottes Stelle vertretend, folgende Worte sprach: „Mein Volk! Redet Wahrheit mit einander! Keiner möge seinem Nächsten im Herzen Beleidigungen nachtragen! Auch lügenhaftes Schwören liebet nicht! Dann werdet ihr gewißlich nicht sterben, Haus Israel! So spricht der Herr.“ Wenn ihr Lügner sein werdet, sagt er also, unversöhnlichen Herzens, meineidig und nicht eingedenk meiner Gebote, dann werdet ihr des Todes sterben. Da wir nun Das alles wissen, meine Theueren, laßt uns dem Zorn gänzlich entsagen und mit einander in Frieden leben! Laßt uns ausreissen die Wurzel der Bosheit und unsere Seelen reinigen; und dann seien wir sanftmüthig und nachgiebig und voll tiefer Ehrfurcht, indem wir zur Theilnahme an diesen Geheimnissen hinzutreten. Es sind Geheimnisse, die Furcht und Zittern erheischen. Hüten wir uns denn, zu drängen und zu stoßen, 155 zu lärmen und zu schreien; laßt uns vielmehr mit Furcht und Zittern, unter Thränen der Zerknirschung hinzutreten, damit der barmherzige Gott, vom Himmel herab unsere friedfertige Gesinnung, unsere ungeheuchelte Liebe, unsere brüderliche Eintracht gnädig ansehend, uns allen sowohl diese als die verheissenen Güter verleihen wolle, durch die Liebe und Gnade unseres Herrn Jesus Christus. Ihm und zugleich dem Vater und dem heiligen Geiste sei Ehre, Herrschaft, Herrlichkeit, jetzt und immer und in Ewigkeit! Amen.
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