Johannes Chrysostomus · Orationes · Buch 8 · Kapitel 2
§ 1
Als wir das Andenken des Kreuzes feierten, begingen wir das Fest auch ausser der Stadt; da wir jetzt die Himmelfahrt des Gekreuzigten feiern, begehen wir diesen glorreichen und hell leuchtenden Festtag wiederum ausser der Stadt. Dieß thun wir aber nicht, als gedächten wir die Stadt zu mißachten, sondern weil wir uns die Märtyrer zu ehren bestreben. Denn damit diese Heiligen uns nicht beschuldigen und sagen: „Wir wurden nicht gewürdigt, einen Tag des Herrn in unsern Hütten feiern zu sehen;“ damit sie uns nicht den Vorwurf machen und sprechen: „Wir haben unser Blut für ihn vergossen und sind gewürdigt worden, uns für ihn das Haupt abschlagen zu lassen; aber den Festtag an diesem unserm Orte begangen zu sehen, dessen wurden wir nicht für würdig erachtet;“ darum verließen wir die Stadt, eilten zu den Füßen dieser 188 Heiligen her und entschuldigen uns beim heutigen Feste für die vergangene Zeit. Denn wenn es schon früher sich ziemte, zu diesen muthvollen und heiligen Kämpfern zu eilen, so ist es jetzt um so viel mehr unsere Pflicht, Dieses zu thun, da die Perlen nun besonders beigesetzt, die Schafe von den Wölfen getrennt und die Lebendigen von den Todten geschieden sind. Zwar brachte ihnen die Gemeinschaft der Beisetzung früher keinerlei Nachtheil; denn die Leiber Derjenigen, deren Seelen im Himmel sind, verlieren durch die Nähe Anderer Nichts, und den Überresten Derjenigen, deren Seele in der Hand Gottes ist, kann der Ort, wo sie liegen, nicht schaden: ihnen hat also Dieß auch früher keinen Schaden gebracht. Allein unser Volk hatte von dieser gemeinsamen Begräbnißstätte keinen gewöhnlichen Nachtheil. Es eilte zwar zu den Überresten der Märtyrer hin, betete aber mit Ungewißheit und Unsicherheit zu ihnen, weil es nicht wußte, wo die Gräber der Heiligen wären, und wo die wahren Schätze lägen. Und es erging ihnen gerade so, wie Schafheerden, welche zu reinen Brunnen zur Tränke geführt werden; sie gelangen zwar hin zum klaren Wasser, werden aber stutzig, wenn ihnen irgend aus der Nähe ein übler Geruch und Gestank entgegenkommt. So erging es auch diesen Schäflein. Das Volk ging zwar hin zu den reinen Quellen der Martyrer; allein da es den Gestank der nahen Leiber der Ketzer empfand, wurde es dadurch verwirrt. Da nun unser weiser Hirt und der allgemeine Lehrer, der Alles zur Erbauung der Kirche thut, Dieses bemerkte, konnte dieser eifrige Verehrer und Nachahmer der Martyrer diesen Nachtheil nicht langer gleichgiltig ansehen. Und was thut er? Betrachtet seine Weisheit! Er verschüttet und verstopft die unreinen, übelriechenden Quellen; die reinen der Martyrer bringt er an einen reinen und erhabenen Ort. Sehet, welche Liebe er gegen die Verstorbenen, welche Achtung er gegen die Martyrer und welche Sorgfalt er für das Volk an den Tag legt! Seine Liebe gegen die Verstorbenen zeigt er, indem er ihre Gebeine nicht wegschafft, sondern sie an dem Orte läßt, wo sie liegen; seine Verehrung gegen die 189 Martyrer, indem er sie aus der schlechten Nachbarschaft wegnimmt; seine Sorge für das Volk, indem er die Leute nicht mehr im Zweifel läßt, wo sie ihre Gebete verrichten sollen. Deßwegen führten wir euch hieher, damit die Versammlung desto herrlicher und der Schauplatz, wo sich nicht nur Menschen, sondern auch Martyrer, nicht nur Martyrer sondern auch Engel versammeln, erhabener werde. Denn auch Engel sind zugegen; Engel und Martyrer versammeln sich heute. Willst du die Engel und Martyrer sehen, so öffne die Augen des Glaubens, und du wirst dieses Schauspiel erblicken. Wenn nämlich die ganze Luft mit Engeln erfüllt ist, um so viel mehr ist es die Kirche, und wenn die Kirche, um so viel mehr der heutige Tag, da ihr Herr in den Himmel aufgenommen wird. Daß aber die ganze Luft mit Engeln angefüllt ist, darüber höre, was der Apostel spricht, der befiehlt, daß die Frauen ihr Haupt verschleiern sollen: „Die Frauen sollen ein Oberherrschaftszeichen auf dem Haupte haben um der Engel willen.“ Ebenso sagt Jakob: „Der Engel, der mich erlöst hat von meiner Jugend auf.“ Und die mit den Aposteln in demselben Hause waren, sagten zu Rhode: „Es ist sein Engel.“ Und Jakob sprach: „Ich sah das Heerlager der Engel.“ Aber warum hat er das Heerlager und die Schaaren der Engel auf Erden gesehen? Gleichwie nämlich ein König seine Besatzungen in die einzelnen Städte verlegt, damit etwa nicht ein barbarischer Feind komme und die Städte berenne: so stellt auch Gott den bösen Geistern, die ebenfalls in der Luft sind, diesen wilden und grausamen Gegnern, die stets Krieg erregen und Feinde des Friedens sind, die Schaaren der Engel entgegen, damit, sobald sich jene nur zeigen, sie 190 dieselben vertreiben und uns beständig den Frieden erhalten. Und damit du weißt, daß sie Engel des Friedens sind, so höre, wie die Diakonen immer in den Gebeten sprechen: „Bittet den Engel des Friedens!“ Siehst du, daß Engel und Martyrer zugegen sind? Wer ist nun schlimmer daran als Die, welche heute abwesend sind? Und wer ist glücklicher als wir, die wir hieher gekommen sind, um an dieser Feier Antheil zu nehmen? Von den Engeln aber wollen wir zu einer andern Zeit reden, dagegen aber auf den Gegenstand des heutigen Festes übergehen.
§ 2
Was ist nun das für ein Fest? Es ist ein großes und herrliches Fest, meine Geliebten, das den menschlichen Verstand übersteigt, würdig der großen Freigebigkeit Dessen, der es geschaffen. Denn heute ist das Menschengeschlecht mit Gott ausgesöhnt, heute die lange Feindschaft beendigt worden und der langwierige Krieg zum Abschluß gekommen; ein bewunderungswürdiger Friede, ein Friede, den wir früher nie zu hoffen gewagt, ist wiedergekehrt. Denn wer hätte wohl Hoffnung gehabt, daß sich Gott je mit dem Menschen wieder versöhne? Nicht, weil der Herr hart, sondern weil der Knecht träge, nicht, weil der Herr grausam, sondern weil der Knecht hartnäckig war. Willst du wissen, wie wir diesen unsern menschenfreundlichen und liebevollen, Gott beleidiget haben? Denn es ist billig, den Grund der frühern Feindschaft gegen uns kennen zu lernen, damit, wenn du siehst, daß wir, seine Feinde und Gegner, wieder zu Ehren gekommen, du die Güte dessen bewunderest, der uns zu Ehren gebracht, und damit du nicht wähnest, diese Veränderung sei aus eigenem Verdienste geschehen, sondern damit du, wenn du seine überschwängliche Gnade erkennst, nimmermehr aufhörest, ihm für die Größe der Gaben fortwährend zu danken. Willst du also wissen, wie wir unsern liebevollen, gütigen und freundlichen Herrn, der Alles zu unserm Heile einrichtet, gegen uns aufgebracht haben? Gott beschloß einmal, unser ganzes Geschlecht zu vertilgen; er war gegen uns so sehr erzürnt, daß er uns 191 sammt Weibern, Kindern, wildem und zahmem Gethier und sammt der ganzen Erde ausrotten rollte. Wenn du willst, so lasse ich dich seinen eigenen Ausspruch vernehmen: „Ich will,“ spricht er, „den Menschen, den ich geschaffen, von dem Angesichte der Erde sammt dem Gethier und den Rindern vertilgen; denn es reut mich, ihn erschaffen zu haben.“ Damit du erkennest, daß Gott nicht unsre Natur haßt, sondern nur die Bosheit verabscheut, so spricht der, welcher sagt: „Ich will den Menschen vom Angesichte der Erde vertilgen,“ zu dem Menschen: „Die Zeit (das Ende) aller Menschen ist vor mich gekommen.“ Denn würde er den Menschen hassen, so würde er sich nicht mit dem Menschen bereden; nun aber siehst du, daß er seine Drohung nicht ausführen wollte, sondern daß sich der Herr vor dem Knechte entschuldigt, sich mit ihm wie mit einem geehrten Freunde bespricht und ihm die Gründe anführt, warum er das Menschengeschlecht untergehen lassen will, nicht damit der Mensch sie bloß wisse, sondern sie auch Anderen mittheile und sie so zur Vernunft bringe. Aber wie gesagt, unser Geschlecht wandelte früher so schlimm, daß es selbst die Erde zu verlieren in Gefahr stand; und dennoch wurden wir, die wir der Erde unwürdig waren, heute in den Himmel erhoben; die wir nicht einmal der Herrschaft hienieden werth sind, steigen heute zum Himmel empor, ja selbst über den Himmel hinauf und nehmen dort den Herrscherthron ein, und die Kreatur, um deren willen die Cherubim das Paradies bewachten, sitzt heute über dem Cherubim. Aber wie geschah denn dieses gewaltige Wunder? Wie sind doch wir Sünder, die der Erde unwürdig schienen, die wir der Herrschaft hienieden verlustig gegangen, zu einer 192 solchen Höhe gelangt? Wie ist der Krieg beigelegt, wieder Zorn besänftiget worden? Wie denn? Das ist nämlich das Staunenswerthe, daß nicht wir, die wir mit Unrecht Gott zürnten, sondern daß Gott, der mit Recht gegen uns erbost war, uns zu sich lud und so den Frieden bewirkte. „Wir sind Gesandte an Christi Statt, als ermahnete Gott durch uns.“ Wie? Er ist der Beleidigte und ladet uns ein? Ja; denn er ist Gott, und darum ladet er uns ein als liebvoller Vater. Aber schau, was geschieht! Der Vermittler des einladenden Gottes ist dessen Sohn, nicht ein Mensch, nicht ein Engel, nicht ein Erzengel, nicht irgend Einer der Knechte. Und was thut der Vermittler? Das, was seines Amtes ist. Wie nämlich zwischen zwei, die sich einander anfeinden und nicht vereinigen wollen, ein Dritter dazwischentritt und durch seine Vermittlung die Feindschaft der beiden Anderen hebt: so hat es auch Christus gemacht. Gott war über uns erzürnt; wir hatten Gott, dem liebevollen Herrn, den Rücken gekehrt: Christus trat als Vermittler dazwischen und versöhnte Beide. Aber wie machte er sich denn selbst zum Vermittler? Er übernahm die Rache des Himmels und duldete die Schmach der Menschen. Willst du wissen, wie er Beides auf sich nahm? „Christus,“ heißt es, „hat uns erlöst vom Fluche des Gesetzes, da er für uns zum Fluche geworden.“ Siehst du, wie er sich dem von Gott gefällten Strafurtheil unterzog? Siehe nun auch, wie er die angedrohte Schmach von den Menschen auf sich nahm! „Die Schmähworte Derer, die dich schmähen,“ heißt es, „fallen auf mich.“ Siehst du, wie er die Feindschaft gehoben? wie er nicht eher geruht, als bis er Alles gethan und geduldet und sich eifrig bemüht hat, um den Feind und Widersacher Gottes mit Gott zu versöhnen und ihm denselben zum Freunde zu machen? Der heutige Tag ist es, der uns diese Güter ge- 193 bracht hat. Denn wie Christus die Erstlinge unserer Natur angenommen hat, so gab er sie auch dem Herrn wieder; und was auf dem Kornfelde geschieht, wenn Jemand wenige Ähren nimmt, eine kleine Garbe daraus macht, sie Gott darbringt und wegen dieser geringen Gabe das ganze Feld segnet, Das hat auch Christus gethan: mit seinem Leibe allein, mit diesem Erstlingsopfer hat er unserm Geschlechte den Segen gebracht. Aber warum brachte er nicht die ganze Natur dar? Weil man nicht Erstlinge darbringt, wenn man das Ganze darbringt: wohl aber verschafft man, wenn man dem Herrn nur Weniges opfert, durch dieses Wenige dem Ganzen den Segen. „Wenn Erstlinge dargebracht werden sollten,“ könnte man sagen, „so hatte man den ersten erschaffenen Menschen selbst opfern sollen; denn Erstlinge sind, was zuerst keimt, was zuerst sproßt.“ Das sind keine Erstlinge, meine Geliebten, wenn wir die erste verdorbene und schwache Frucht opfern, sondern wenn wir die vollkommene darbringen. Weil nun jene Frucht — der erste Mensch — der Sünde Unterthan war, so wurde sie nicht dargebracht, wenn sie auch die erste war; diese aber — Christus — war frei von der Sünde, darum wurde sie auch, obgleich später geboren, geopfert. Das sind Erstlinge.
§ 3
Und damit du einsehest, daß nicht die erste hervorbrechende, sondern die vollkommene und edle Frucht, die zur völligen Reife gelangt ist, Erstlinge heissen, so will ich dir Dieß aus der Schrift beweisen. „Wenn du in ‘s Land der Verheissung kommst,“ sagt Moses zum Volke, „welches der Herr, dein Gott, dir gibt, und wenn du daselbst allerlei Fruchtbäume pflanzest, so sollst du die Frucht drei Jahre lang für unrein halten, im vierten Jahre aber soll die Frucht dem Herrn geheiliget sein.“251 Wenn die Früchte, die zuerst wachsen, Erstlinge 194 wären, so hätten die Früchte des ersten Jahres heilig sein sollen. Nun aber heißt es: Drei Jahre sollst du sie für unrein halten, weil der Baum noch schwach und kraftlos und die Frucht unvollkommen ist. Die Frucht des vierten Jahres, heißt es, sei dem Herrn geheiligt. Bemerke hier die Weisheit des Gesetzgebers: Er gestattet einerseits nicht, die Frucht zu genießen, damit sie Niemand vor dem Herrn empfange; er erlaubt andererseits wieder nicht, sie zu opfern, damit dem Herrn nichts Unvollkommenes dargebracht werde. Siehst du also, daß nicht Das, was zuerst an’s Tageslicht tritt, sondern Das, was vollkommen ist, Erstlinge sind?
Das haben wir wegen des Fleisches gesagt, das Christus dargebracht hat; er hat also die Erstlinge unsrer Natur dem Vater geopfert, und der Vater staunte so sehr über das Opfer, theils wegen der Würde des Darbringenden, theils wegen der Trefflichkeit der Gabe, daß er sie mit eigenen Händen empfing, sie bei sich niederlegte und sagte: „Setze dich zu meiner Rechten.“ Zu welcher Natur hat Gott gesprochen: „Setze dich zu meiner Rechten“? Zu der, die einst das Wort gehört hatte: „Du bist Staub und wirst wieder zu Staub werden.“ War es denn nicht genug, in den Himmel zu steigen? in die Gesellschaft der Engel zu kommen? War nicht schon Dieß eine unaussprechliche Ehre? Sie stieg über die Engel hinauf, ging an den Erzengeln vorüber erhob sich über die Cherubim, stieg höher als die Seraphim, eilte an den himmlischen Mächten vorbei und hielt nicht eher den Lauf ein, als bis sie zum Throne Gottes gelangt war. Siehst du nicht, welch’ ein Raum zwischen dem Himmel und der Erde sich findet? Doch lasset uns von der Tiefe beginnen! Kennst du den Raum nicht zwischen Hölle und Erde? Von 195 der Erde zum Himmel? Vom Himmel zum obern Himmel? von diesem zu den Engeln, Erzengeln, himmlischen Mächten, ja bis zum göttlichen Thron? Und diese ganze Weite und Höhe hinauf ist unsre Natur gestiegen. Schaue, wie tief sie gelegen, und wie hoch sie bestiegen. Das sagt Paulus deutlich: „Der hinuntergefahren ist, ist auch Derselbe, der aufgefahren ist.“ Und wie tief ist er hinuntergefahren? „In die untersten Theile der Erde, aufgefahren aber ist er über alle Himmel.“ Lerne, wer aufgefahren ist, welche Natur, wie sie vorher beschaffen gewesen! Denn ich verweile gerne bei der Niedrigkeit unsrer Natur, um ihre erstaunliche Erhöhung durch die Güte des Herrn desto mehr zu erkennen Staub und Asche waren wir; Das war noch keine Verschuldung, denn es war Das natürliche Schwachheit. Wir sind thörichter geworden als das unvernünftige Vieh; „denn der Mensch hat sich gehalten wie die unvernünftigen Thiere und ist ihnen gleich geworden.“ Das heißt aber sich unter die Thiere erniedrigen, wenn man ihnen gleich wird; denn von Natur unvernünftig sein und in dieser Unvernunft bleiben, ist natürlich; allein mit Vernunft begabt sein und dennoch zur Unvernunft herabsinken, Das ist Schuld der eigenen Wahl. Wenn du also hörst, daß der Mensch unvernünftigen Thieren gleich geworden sei, so wisse, daß der Prophet nicht sagen wollte, der Mensch sei den Thieren gleich, sondern er sei noch weniger als die Thiere. Wir sind noch schlimmer und unverständiger als die Thiere geworden, nicht allein, weil wir als Menschen so tief gefallen sind, sondern weil wir auch noch einen größeren Undank an den Tag gelegt haben. Das zeigt Isaias, wenn er sagt: „Der Ochs kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn, Israel aber erkennt mich nicht.“ Doch 196 verzagen wir nicht wegen des frühern Zustandes; denn „wie groß das Maaß der Sünde auch war, bewies sich dennoch die Gnade in noch größerem Maaße.“ Siehst du, daß wir unter diese Thiere gesunken? Willst du sehen, daß wir auch unvernünftiger als die Vögel gewesen? „Die Turteltaube und die Schwalbe und die Sperlinge des Feldes wissen die Zeit ihrer Ankunft, aber mein Volk hat meine Gerichte nicht erkannt.“ Sehet, wir waren unvernünftiger als Esel und Ochsen, ja selbst unvernünftiger als die Vögel: die Turteltaube und Schwalbe. Willst du an uns noch einen andern Stumpfsinn bemerken? Die Ameisen stellt er uns als Lehrmeister vor; so sehr hatten wir den natürlichen Verstand eingebüßt; denn es heißt: „Gehe hin zur Ameise und betrachte ihre Wege.“ Wir sind also Schüler der Ameisen geworden, wir — nach dem Ebenbilde Gottes erschaffen! Aber nicht unser Schöpfer ist daran Schuld, sondern wir, die wir sein Ebenbild nicht bewahrt haben. Und was rede ich von Ameisen? Unempfindlicher noch als Steine sind wir geworden! Willst du, daß ich auch hiefür den Beweis erbringe? „Höret, ihr Berge und ihr Grundvesten der Erde, denn der Herr will Gericht halten gegen sein Volk.“ Du richtest die Menschen und nennest die Grundvesten der Erde? Ja freilich, sagt er: „denn die Menschen sind unempfindlicher als sie.“ Welches andere Maaß der Bosheit suchst du nun, wenn wir Menschen thörichter als Esel, unverständiger als Ochsen, unwissender als Schwalbe und Turteltaube, unvernünftiger als Ameisen, unempfindlicher als Steine — Schlangen gleich sind? „Ihr Wüthen,“ heißt es, „ist gleich dem Wüthen einer Schlange, Natterngift ist unter ihren Lippen.“ Was 197 brauchen wir weiter von der Dummheit der Thiere zu sprechen, da wir sogar Kinder des Teufels genannt werden? „Ihr seid,“ heißt es, *„Kinder des Teufels.“
§ 4
Allein, so unempfindlich und undankbar, so thöricht und steinhart, so erniedrigt und aller Ehre beraubt, so ganz verworfen wir waren — wie soll ich sagen? wie sprechen? welchen Ausdruck soll ich gebrauchen? — unser nichtswürdiges Geschlecht, das thörichter war als Alles, ist heute über Alles erhoben worden. Heute haben die Engel erlangt, wornach sie sich lange gesehnt; heute haben die Erzengel gesehen, was sie schon lange zu sehen gewünscht: unsre Natur mit unsterblicher Glorie und Herrlichkeit angethan auf dem königlichen Throne erglänzen! Darnach hatten sich die Engel schon lange gesehnt, Das hatten die Erzengel schon lange gewünscht. Wenn wir auch größerer Ehre gewürdiget worden als sie, so freuten sie sich dennoch über unsre Erhöhung, sowie sie getrauert hatten über unsern Fall; denn wenn auch die Cherubim das Paradies bewachten, so empfanden sie doch Mitleid mit uns. Und wie ein Knecht seinen Mitknecht auf Befehl des Herrn in das Gefängniß wirft und denselben bewacht, aber aus Mitleid gegen den Mitknecht über den Vorfall Schmerzen empfindet: so hatten es die Cherubim zwar übernommen, das Paradies zu bewachen, aber bei der Bewachung Mitleid gefühlt. Um dir zu zeigen, daß sie Mitleid empfanden, will ich dir Das an dem Menschen klar machen. Denn wenn du siehst, daß Menschen gegen Mitmenschen Mitleid empfinden, so zweifle fürder ja nicht bei den Cherubim; denn diese Mächte lieben mehr als die Menschen. Welcher von den Gerechten trauerte nicht über die gerechte Bestrafung der Menschen nach ihren zahllosen Sünden? Denn Das ist das Wunderbare, daß sie die Sünden derselben 198 kannten und wußten, daß sie den Herrn beleidiget hatten und dennoch trauerten. So sagte Moses nach der Abgötterei seines Volkes: „Wenn du ihnen die Sünden vergibst, so vergib sie ihnen; wenn aber nicht, so tilge mich aus dem Buche, das du geschrieben hast.“ Was ist Das? Du siehst die Gottlosigkeit und beklagst die Leiden des Volkes? Darüber klage ich, sagt er, einerseits daß sie gestraft werden, andererseits daß sie dem Herrn gerechte Ursache zur Strafe gegeben. So rief auch Ezechiel, als er den Engel das Volk austilgen sah, laut auf und erhob ein Klagegeschrei mit den Worten: „Ach, Herr, vertilgst du denn Alles, was in Israel übrig geblieben.“ Und Jeremias sagt: „Züchtige uns, o Herr, aber mit Schonung und nicht in deinem Grimme, auf daß du uns nicht bis auf gar Wenige aufreibest!“ Wenn also Moses und Jeremias und Ezechiel Mitleid empfanden, sollten diese himmlischen Mächte durch unser Elend nicht mehr gerührt worden sein? Und wie soll Das glaublich erscheinen? Daß sie unsre Anliegen als ihre eigenen betrachten, Das lerne aus der großen Freude, die sie empfanden beim Anblick, daß sich der Herr mit den Menschen versöhnt hat. Hätten sie vorher kein Mitleid gehabt, so hätten sie nachher keine Freude empfunden; daß sie sich aber freuten, erhellt aus den Worten Christi: „Es wird eine Freude sein im Himmel und auf Erden über einen Sünder, der Buße thut.“ Freuen sich aber die Engel, wenn sie nur einen reuigen Sünder erblicken, wie sollten sie nicht die größte Freude empfinden, wenn sie heute das ganze Menschengeschlecht durch den Erstling desselben in den Himmel gebracht sehen? Vernimm noch weiter die Freude der Engel über unsre Versöhnung mit Gott! Als nämlich unser 199 Herr im Fleische erschien und die Engel sahen, daß er mit sich die Menschen versöhne (denn hätte er sich nicht versöhnen wollen, so wäre er ja nicht so tief herabgestiegen), als sie nun Das sahen, so versammelten sie sich in Heerschaaren auf der Erde und riefen mit lauter Stimme: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und Wohlwollen unter den Menschen.“ Und damit du siehst, daß sie darum Gott preisen, geben sie, nachdem die Erde ihre Güter erlangt, auch den Grund davon an: „Friede auf Erden,“ sagen sie, „und Wohlwollen gegen die Menschen die Feinde (Gottes), die Undankbaren.“ Du siehst, daß sie Gott preisen, weil er Andern Gutes erweist, als wäre es ihnen geschehen; denn unser Glück halten sie für ihr Glück. Willst du wissen, daß sie sich freuten, daß sie frohlockten, den Herrn auffahren zu sehen? Höre, was Christus selbst sagt: „Sie steigen beständig auf und nieder.“ Das thun aber Die, welche ein ungewöhnliches Schauspiel zu sehen verlangen. Woher wissen wir, daß sie auf- und absteigen? Höre, was Christus selbst sagt: „Von nun an werdet ihr den Himmel offen und die Engel Gottes hinauf- und herabsteigen sehen auf des Menschen Sohn;“ denn Das ist bei den Liebenden Brauch: sie warten nicht, bis die Zeit kommt, sondern sie kommen der Zeit mit ihrer Freude zuvor. Deßwegen steigen sie herab voll Begierde, ein neues und ungewöhnliches Schauspiel, einen Menschen im Himmel erscheinen zu sehen. Darum zeigen sich überall Engel sowohl bei Christi Geburt, als bei seiner Auferstehung, wie heute bei seiner Himmelfahrt. „Siehe,“ heißt es, „da standen zwei Männer in glänzender Kleidung“ (durch die Kleider zeigten sie ihre Freude an) und sprachen zu den 200 Jüngern: „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da? Dieser Jesus, welcher von euch ist aufgenommen worden in den Himmel, wird wieder kommen, wie ihr ihn gen Himmel fahren gesehen habt.“
§ 5
Hört mir nun aufmerksam zu! Warum sprachen sie also? Hatten denn die Jünger keine Augen? Hatten sie denn nicht gesehen, was da geschah? Sagt nicht der Evangelist, daß er vor ihren Augen aufgenommen wurde? Warum standen denn die Engel und belehrten sie, daß er in den Himmel aufgefahren sei? Aus folgenden zwei Gründen. Einmal, weil die Jünger traurig waren über den Weggang Christi. Daß sie aber traurig waren, darüber höre, was Christus zu ihnen gesagt. „Niemand aus euch fragt mich: wo gehst du hin? sondern weil ich Solches zu euch geredet habe, hat euer Herz Trauer erfüllt.“ Wenn wir von Freunden und Verwandten getrennt werden, so fällt uns schon die Trennung von ihnen schwer. Wie sollten nun die Jünger nicht von großer Trauer erfaßt worden sein, als sie ihren Erlöser, ihren Lehrer und Hort, diesen liebevollen, freundlichen und gütigen Herrn von sich scheiden sahen? Mußten sie nicht vom heftigsten Schmerz erfüllt sein? Darum stand der Engel bei ihnen; er sollte den Schmerz über den Weggang des Herrn lindern durch die Versicherung seiner Wiederkunft. „Denn dieser Jesus,“ heißt es, „der von euch aufgenommen worden ist gen Himmel, wird ebenso wieder kommen.“ Es schmerzt euch, daß er hinweggenommen wurde, aber trauert nicht; denn er wird wieder kommen. Damit sie es nicht machten, wie es Elisäus gemacht, der, als er seinen Meister auffahren sah, sein Kleid zerriß (denn es stand Niemand neben ihm, 201 der sagte, daß Elias wieder komme); damit sie also nicht Dasselbe thäten, darum standen die Engel bei ihnen, um sie in ihrer Trauer zu trösten.
Das ist die eine Ursache der Gegenwart der Engel; die andere ist nicht geringer als diese, weßwegen der Engel auch beifügt: „Er ist aufgenommen worden.“ Was ist nun das für eine Ursache? „Er ist in den Himmel aufgenommen worden.“ Der Zwischenraum war aber groß, und die Kraft unserer Augen reichte nicht hin zu sehen, daß er in den Himmel aufgenommen wurde; sondern, wie ein Vogel, der in die Höhe fliegt, sich desto mehr unsern Augen entzieht, je höher er steigt: so wurde auch dieser Leib, je höher er stieg, desto mehr den Blicken entrückt, und die Schwäche der Augen konnte der unermeßlichen Weite nicht folgen. Darum standen die Engel da, um sie von dem Hingang in den Himmel zu belehren, damit sie nicht glaubten, er sei nach Art des Elias in die Höhe, sondern er sei in den Himmel gefahren. Deßwegen heißt es: „Er wurde von ihnen weggenommen in den Himmel.“ Nicht ohne Ursache steht dieser Beisatz. Elias wurde gleichsam in den Himmel erhoben, denn er war ein Knecht (Gottes); Jesus aber fuhr in den Himmel auf, denn er war der Herr, Jener auf einem feurigen Wagen, Dieser in einer Wolke. Als der Knecht von hier abberufen werden sollte, wurde ein Wagen geschickt; als aber der Sohn (in den Himmel zurückkehren sollte), ein königlicher Thron, ja nicht bloß ein königlicher Thron, sondern der Thron des Vaters selbst. Denn Isaias sagt vom Vater: „Siehe, der Herr sitzt auf einer leichten Wolke;“ weil also der Vater auf einer Wolke thront, so sendet er seinem Sohne auch eine Wolke. Als Elias gen Himmel fuhr, ließ er seinen Mantel auf Elisäus fallen; Jesus aber sandte nach seiner Auffahrt 202 seine Gnadengaben auf die Jünger herab, welche nicht bloß einen Propheten machten, sondern tausend Elisäi, die weit größer und herrlicher waren als Dieser.
So wollen wir denn, Geliebte, wachsam sein und unsre Augen auf jene Wiederkunft richten. Denn auch Paulus sagt: „Er wird selbst beim Aufgebot und bei der Stimme des Erzengels herabkommen, und wir, die wir leben und übrig geblieben sind, werden in den Wolken in die Luft Christo entgegengerückt werden, aber nicht alle.“ Daß wir aber nicht alle werden entgegengerückt werden, sondern daß Einige noch unten verbleiben, Andere aber werden entgegengerückt werden, darüber höre, was Christus sagt: „Dann werden Zwei getroffen werden mahlend an der Mühle; die Eine wird aufgenommen, die Andere zurückgelassen;“ und: „Zwei werden in einem Bette sein; der Eine wird aufgenommen, der Andere zurückgelassen.“ Was will dieses Räthsel sagen? Was bedeutet dieser geheimnißvolle Ausdruck? Die an der Mühle, Das sind Alle, die in Armuth und Dürftigkeit leben; durch die im behaglichen Bette bezeichnet er Alle, die in Überfluß und Ansehen leben. Um zu zeigen, daß auch von den Armen Einige gerettet werden, Andere verloren gehen, sagt er, daß auch von denen an der Mühle die Eine aufgenommen, die Andere zurückgelassen und von denen im Bette der Eine aufgenommen, der Andere zurückgelassen wird, und will damit sagen, daß die Sünder hier gelassen werden und ihre Strafe erwarten müssen, die Gerechten aber in die Wolken entrückt werden sollen. Denn wie beim Einzuge eines Königs Diejenigen, welche in Würden und Ansehen und bei ihm in besonderer Gunst stehen, ihm vor die Stadt entgegengehen, die Verbrecher und 203 Verurtheilten aber im Gefängnisse bleiben und das Urtheil des Königs erwarten: so werden auch, wenn der Herr kommt, die Einen voll Vertrauen ihm in die Luft entgegenziehen, die Verdammten aber und die sich vieler Sünden bewußt sind, den Richter erwarten. Dann werden auch wir entrückt werden; ich sage: wir, nicht als ob ich mich unter die Zahl Derjenigen rechnete, die dann entrückt werden sollen; ich bin nämlich nicht so unverständig und thöricht, daß ich meine Sünden nicht wüßte; ja wenn ich nicht fürchtete, die Freude des heutigen Festes zu stören, so würde ich, dieses Ausspruchs gedenkend, bitterlich weinen und mir meine Sünden in’s Gedächtniß zurückrufen. Da ich aber die Freude des gegenwärtigen Festes nicht trüben will, so werde ich hier meine Rede beschließen und euch das lebhafte Andenken an diesen Tag einprägen, damit weder der Reiche sich seines Reichthumes rühme noch der Arme sich ob seiner Armuth für elend erachte, sondern Jeder nach seinem Gewissen Dieß oder Jenes vollbringe. Denn weder der Reiche ist glücklich noch der Arme Unglücklich, sondern glücklich, dreimal glücklich ist Der, und sollte er auch der Ärmste sein, der einst in die Wolken entrückt zu werden verdient; unglücklich, dreimal unglücklich ist aber Der, der Das nicht erlangt, und wäre er auch der Reichste von Allen. Deßwegen sage ich: Wir, die wir Sünder sind, sollen uns selber beweinen; Diejenigen aber, die tugendhaft leben, sollen vertrauen, ja nicht nur vertrauen, sondern sich auch künftighin sichern; die Sünder aber sollen nicht nur Thränen vergießen, sondern sich auch bessern; denn es kann auch der Lasterhafte, wenn er vom Sündigen abläßt und sich der Tugend zuwendet, Denen gleich werden, die von Anfang an fromm gelebt haben. Dieß wollen auch wir mit Eifer vollbringen. Die sich eines rechtschaffenen Wandels bewußt sind, mögen in Frömmigkeit aushalten, dieß ihr schönes Besitzthum vergrößern und diesem frühern Vertrauen einen Zuwachs verschaffen. Wir aber, die wir Ursache haben zu zagen und uns vieler Sünden bewußt sind wir wollen uns bessern, auf daß auch wir ein solches 204 Vertrauen, wie Jene, gewinnen und so gemeinschaftlich und einmüthig den König der Engel mit gebührender Ehre aufnehmen und jener seligen Wonne genießen in Jesus Christus unserm Herrn, dem Ehre und Macht sei zugleich mit dem Vater und dem heiligen Geiste, jetzt und alle Zeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
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