Johannes Chrysostomus · Orationes · Buch 16 · Kapitel 2
§ 1
Mächtig stürmen die Wogen, und es tobt die Fluth; aber wir fürchten nicht, unterzugehen; denn wir stehen auf einem Felsen. Mag wüthen das Meer — den Felsen kann es nicht wegschwemmen. Mag steigen die Fluth — das Schifflein Jesu kann sie nicht versenken. Was fürchten wir denn? Den Tod? „Mir ist das Leben Christus, und das Sterben Gewinn.“ Oder Verbannung? „Des Herrn ist die Erde, und was sie füllet.“ Oder Einziehung der Güter? „Wir haben Nichts in die Welt gebracht; es ist offenbar, daß wir auch Nichts von dannen tragen können.“ Die Schrecknisse der Welt verachte ich, ihrer Güter spotte ich. Armuth fürchte ich nicht, Reichthum begehre ich nicht, den Tod scheue ich nicht, und zu leben verlange ich nicht — es sei denn um eures Heiles willen. Deßhalb richte ich auch jetzt diese Ermahnung an euch und fordere euch auf, guten Muthes zu sein. Niemand wird uns trennen können. Denn was Gott verbunden hat, Das kann ein Mensch nicht trennen. Heißt es doch sogar von Mann und Weib: „Darum wird der Mensch Vater und Mutter verlassen und seinem Weibe anhängen, und es werden die Zwei sein zu einem Fleische. Was also Gott verbunden hat, soll ein Mensch nicht trennen.“ Wenn du also die Ehe nicht auflösen kannst, um wie viel weniger kannst du die Kirche 417 Gottes zerreissen; Du bekriegst die Kirche, aber du kannst Demjenigen, den du bekriegst, keinen Schaden zufügen. Indem du gegen mich kämpfest, förderst du meine Ehre und untergräbst deine eigene Kraft. Es ist dir hart, wider einen scharfen Stachel auszuschlagen. Du machst den Stachel nicht stumpf, aber deine Füße blutig. So können auch die Wogen den Fels nicht zerstören; eher lösen sie sich selbst in Schaum auf. Nichts ist mächtiger als die Kirche, o Mensch! Mache dem Krieg ein Ende, auf daß es nicht mit deiner Macht zu Ende gehe! Führe nicht Krieg gegen den Himmel! Wenn du einen Menschen bekriegst, wirst du entweder siegen oder unterliegen; wenn du die Kirche bekriegst, ist es nicht möglich, daß du siegest; denn Gott ist der Allerstärkste. „Oder machen wir eifern den Herrn? Sind wir stärker als er?“ Gott hat sie befestigt; wer unternimmt es, sie zu erschüttern? Du kennst seine Macht nicht. „Er schaut über die Erde und macht sie zittern;“ er gebietet, und was erschüttert war, steht wieder fest. Wenn er die wankende Stadt befestigt, kann er noch weit eher der Kirche Festigkeit verleihen. Die Kirche ist stärker als der Himmel. „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.“ Welche Worte? „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen.“
§ 2
Wenn du dem Worte nicht glaubst, so glaube den Thatsachen. Wie viele Tyrannen haben schon die Kirche bezwingen wollen, bald mit Hilfe glühender Marterpfannen, bald durch Feuer, bald durch die Zähne wilder Thiere, bald durch die Schärfe des Schwertes — und haben sie nicht bezwungen! Wo sind Jene, die den Krieg gegen die Kirche geführt haben? Man spricht nicht mehr von ihnen, 418 sie sind der Vergessenheit anheimgefallen. Wo ist die Kirche? Sie glänzt heller als die Sonne. Jene sind erloschen sammt ihrer Macht; sie ist unsterblich. Konnten also damals, wo es nur wenige Christen gab, diese wenigen nicht besiegt werden: wie willst du jetzt siegen, wo Glaube und Frömmigkeit sich über die ganze Erde verbreitet haben? „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.“ Ganz natürlich: denn Gott liebt die Kirche mehr als den Himmel. Er hat nicht einen Himmelsleib, sondern der Kirche Leib [wörtlich: Fleisch] angenommen; um der Kirche willen ist der Himmel, nicht wegen des Himmels die Kirche da.
Möge euch Nichts von Allem, was jetzt geschieht, ausser Fassung bringen. Dadurch beweint mir eure Liebe, daß ihr unwandelbar am Glauben festhaltet. Habt ihr nicht gesehen, daß Petrus über das Meer wandelte? Und habt ihr nicht alsdann gesehen, daß er ein wenig zweifelte und sofort im Begriffe war, zu versinken, und zwar nicht wegen des ungestümen Aufruhrs der Fluthen, sondern wegen seiner Schwachheit im Glauben? Bin ich denn auf Anordnung eines Menschen hieher gekommen? Hat ein Mensch mich geführt, damit ein Mensch mich wieder stürze? Ich bin nicht von Sinnen; ich prahle nicht; ich sage Das nur, um euch zu befestigen, wenn ihr wanket. Jetzt, wo die Stadt feststeht, will der Teufel die Kirche erschüttern. O du nichtswürdiger, du verruchter Teufel! Du meinst die Kirche zum Wanken zu bringen und konntest nicht einmal der Mauern Herr werden! Bilden denn die Mauern die Kirche? Nein, die Menge der Gläubigen, das ist die Kirche! Sieh 419 da! wie viele unerschütterliche Säulen, nicht durch eiserne klammern verbunden, sondern durch den Glauben zusammengehalten! Eine solche Menge ist stärker als die Gewalt des Feuers — doch davon will ich nicht reden. Ich sage vielmehr: wäre es auch nur ein Einziger, du würdest ihn nicht bezwingen. Du weißt ja, wie viele Wunden du im Kampfe mit den Martyrern davongetragen hast. Wie oft hat nicht eine zarte, noch unvermählte Jungfrau den Kampf aufgenommen, die weicher war als Wachs und stärker wurde als ein Fels! Du hast ihr die Seiten zerfleischt, aber den Glauben nicht geraubt. Die Natur unterlag, die Kraft des Glaubens ging nicht aus. Den Leib verkehrte die Pein, den Geist erfüllte jugendlicher Muth. Das Leben schwand, die Frömmigkeit blieb. Eines einzelnen Weibes bist du nicht Herr geworden, und du erwartest, ein so großes Volk zu besiegen? Hörst du nicht, was der Herr sagt: „Wo Zwei oder Drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte“? Und er sollte nicht da sein, wo ein so zahlreiches Volk, durch Liebe vereinigt, sich versammelt? Ich habe sein Pfand. Verlasse ich mich denn auf eigene Kraft? Seine Handschrift hab’ ich. Sie ist mein Pfand, sie meine Sicherheit, sie ist mein Hafen, der mich schützt vor tobenden Fluthen. Wird auch die ganze Welt erregt, ich halte mich an dieser Handschrift. Ihre Worte lese ich; sie sind mein Wall, meine Sicherheit. Welche Worte? „Ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt.“ Christus ist bei mir, wen soll ich fürchten? Jetzt mögen Fluthen, mögen die Tiefen des Meeres sich gegen mich erheben und der Fürsten Zorn, — Das alles ist mir geringer als Spinngewebe. Wäre es nicht aus Liebe zu euch, so hätte ich heute schon nicht Anstand genommen, zu gehen; denn immer sage ich: „Herr, dein Wille geschehen;“ nicht, was Dieser oder Jener will, sondern was du willst. Das ist mein Thurm, Das mein 420 unbeweglicher Fels, Das mein fester Stab. Will Gott, daß Dieses geschehe, so geschehe es. Will er, daß ich hier sei, so sag’ ich ihm Dank. Wo er will, daß ich sei, danke ich ihm.
§ 3
Laßt euch von Niemand verwirren! Verharret im Gebete! Der Teufel hat Das alles in’s Werk gesetzt, um den Eifer im Gebete zu stören. Aber es gelingt ihm nicht; ich habe euren Eifer, eure Begeisterung vermehrt gefunden. Morgen werde ich mit euch zum Gebete ausziehen. Wo ich bin, da seid auch ihr, und wo ihr seid, da bin auch ich. Wir sind ein Leib. Der Leib ist nicht vom Haupte, und das Haupt nicht vom Leibe zu trennen. Trennt man uns dem Raume nach, bleiben wir durch die Liebe geeinigt. Selbst der Tod wird uns nicht trennen können. Stirbt auch mein Leib, so lebt doch die Seele und ist des Volkes eingedenk. Ihr seid mir Väter; wie könnte ich euer vergessen? Ihr seid mir Väter, ihr seid mein Leben, ihr seid mein Ruhm. Wenn ihr im Guten vorwärts kommt, bin ich in Ehren; ja, ihr seid der Schatz, der mein Leben und meinen Reichthum enthält. Tausendmal für euch erwürgt zu werden, bin ich bereit; und Das ist keine Gabe, Das ist nur Schuldigkeit; denn „der gute Hirt gibt sein Leben für seine Schafe“. Für sie läßt er sich tausendmal erwürgen, tausendmal enthaupten. Mir würde ein solcher Tod Unsterblichkeit verschaffen, würden solche Nachstellungen Sicherheit verleihen. Werde ich denn um des Geldes willen verfolgt, daß ich traurig sein müßte? oder um eines Verbrechens willen, daß ich mich grämen müßte? Nein, wegen meiner Liebe zu euch. Denn ich thue Alles, was ich kann, damit ihr in Sicherheit seid, damit sich Keiner in die Heerde eindränge, damit die Heerde ohne Makel bleibe. Die Ursache der Kämpfe genügt schon, um mir den Sieg zu sichern. Was würde ich nicht leiden für euch! Ihr seid 421 meine Mitbürger, ihr meine Väter, ihr meine Brüder, ihr meine Kinder, ihr meine Glieder, ihr mein Leib, ihr mein Licht, und zwar lieblicher als das Sonnenlicht! Denn was gewährt mir der Strahl der Sonne, das mir so theuer wäre wie eure Liebe! Der Strahl der Sonne nützt mir nur im gegenwärtigen Leben, aber eure Liebe windet mir den Kranz für das künftige Leben.
Diese Worte sollen euch, meine Zuhörer, in die Ohren dringen. Eure Ohren sind ja unvergleichlich begierig, zu hören. Schon so viele Tage habt ihr gewacht, und Nichts hat euch wankend gemacht. Nicht die Länge der Zeit, nicht Furcht noch Drohungen haben eure Kraft erschöpft. Ihr habt euch in allen Anfechtungen muthig erwiesen. Ja, was sage ich? nur muthig erwiesen? Ihr habt auch — was ich immer sehnlich wünschte — die weltlichen Dinge verachtet, der Erde abgesagt, euch zum Himmel gewendet; ihr habt euch gelöst von des Leibes Banden und strebet wetteifernd jener seligen Weisheit nach. Das sind meine Kronen, Das ist mein Trost, meine Ermunterung, meine Stärkung, mein Leben; Das führt zur Unsterblichkeit.
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