Die Ermahnungen des Priesters sollen nicht bloß angehört, sondern auch befolgt werden. — Die Christen sollen schon in ihren Namen (Mensch, Gläubiger, Neuerleuchteter) eine Aufforderung zur Tugend finden. — Verschiedene Bezeichnungen für die Taufe. — Die Würde des Christen, deren er durch die heilige Kommunion theilhfaft wird, verpflichtet ihn zu einem reinen Lebenswandel. — Schon vor der Taufe muß man Buße thun und seine bösen Gewohnheiten ablegen. Jeder Mensch ohne Ausnahme kann tugendhaft leben und die Taufgnade empfangen. — Warnung vor Zungensünden, Kleiderhoffart und Aberglauben.
§ 1
Ich bin gekommen, um von euch zunächst die Früchte jener Anrede einzufordern, die ich euch neulich gehalten habe. 111 Denn mit eurem Zuhören ist der Zweck meiner Reden nicht erreicht; ihr sollt das Gesagte auch im Gedächtnisse bewahren und mir dafür durch die That den Beweis liefern, — aber nein, nicht mir, sondern Gott dem Herrn, der auch die geheimen Falten eures Herzens kennt. Deßhalb werden ja diese Anreden auch Katechesen genannt, weil ihr Inhalt auch in meiner Abwesenheit in eurem Geiste gleichsam forttönen soll. Wundert euch übrigens nicht, daß ich schon nach Verlauf von zehn Tagen komme und die Früchte meiner Aussaat von euch verlange. Kann man doch sogar an einem und demselben Tage den Samen ausstreuen und die Früchte einernten! Denn es ist nicht unsere Kraft allein, sondern zugleich die göttliche Gnade, die uns stärkt, wenn wir zum Kampfe gerufen werden. Die also meine Worte sich zu Herzen genommen und im Werke erfüllt haben, mögen in ihren Bemühungen um Erreichung des vorgesteckten Zieles verharren! Die aber dieses löbliche Werk bis jetzt noch nicht in Angriff genommen haben, mögen nunmehr wenigstens beginnen, damit sie durch nachträglichen Eifer dem Strafurtheile entgehen, das ihre Nachläßigkeit verdient! Denn möglich, ja möglich ist es, durch spätern Eifer allen Schaden aus früherer Zeit wieder gut zu machen, wenn man auch sehr saumselig gewesen ist. Daher heißt es: „Heute, wenn ihr seine Stimme höret, verhärtet eure Herzen nicht, wie bei der Erbitterung.“ Diese Worte sollen uns eine Warnung und Mahnung sein, daß wir nie, so lange wir auf Erden leben, verzweifeln, sondern stets guter Hoffnung sein, nach Fortschritt im Guten strebe und uns um den Kampfpreis bemühen sollen, den der Ruf Gottes uns in Aussicht stellt. Das wollen wir denn auch thun!
112Laßt uns jetzt die Benennungen dieses werthvollen Gnadengeschenkes [der Taufe oder des christlichen Glaubens] betrachten! Denn wer einer großen Ehre theilhaft wird, der wird durch Unkenntniß ihrer Größe und Bedeutung leichtfertiger, durch genaue Bekanntschaft mit ihr dankbarer und eifriger. Und davon abgesehen, wir würden uns schämen müssen, würden Spott und Verachtung verdienen, wenn wir, während uns Gott eine so große Ehre erweis’t, nicht einmal ihre Namen und deren Bedeutung kannten. Doch warum rede ich nur von den Bezeichnungen für diese Gnade? Selbst wenn du nur den gemeinsamen Namen des ganzen Menschengeschlechtes beherzigest, wirst du darin nicht wenig Belehrung und Aufmunterung zur Tugend finden. Denn das Wort Mensch definiren wir nicht nach der Weise derer, die draussen stehen, sondern nach Anweisung der heiligen Schrift. Ein Mensch ist nicht schlechthin Jeder, der nur menschliche Hände und Füße, oder der nur Verstand und Vernunft hat, sondern wer sich entschlossen und vertrauensvoll der Frömmigkeit und Tugend befleißt. Höre nur, was die heilige Schrift von Job sagt. Nachdem gesagt ist: „Es war ein Mensch im Lande Hus,“ wird dieser keineswegs nach denjenigen Merkmalen beschrieben, welche die Heiden aufzuzählen pflegen. Es wird nicht gesagt, daß er zwei Füße und glatte Nägel hatte, sondern es werden die Kennzeichen jener Frömmigkeit zusammengestellt; gerecht, wahrhaft, gottesfürchtig, sich von jedem bösen Werke enthaltend, zum Beweise, daß Dieß eigentlich zum Menschen gehört. So heißt es auch in einem andern heiligen Buche: „Fürchte Gott und halte seine Gebote; denn das ist der ganze Mensch.“ Wenn aber schon der Name Mensch eine solche Mahnung zur Tugend enthält, so noch weit mehr das Wort Gläubiger (πιστός).
113Denn gläubig wirst du deßhalb genannt, weil du Gott dem Herrn vertraust (πιστεύεις) und weil er dir vertraut. Er hat dir anvertraut und bei dir hinterlegt: Gerechtigkeit, Heiligkeit, Reinheit der Seele, Gotteskindschaft und das Himmelreich. Anderes dagegen hast du ihm anvertraut und bei ihm hinterlegt: Almosen, Gebete, Mäßigkeit und überhaupt jegliche Tugend. Doch warum sage ich: Almosen? Wenn du ihm einen kalten Trunk Wassers gibst, so wird dir auch der nicht verloren gehen; auch den bewahrt er sorgfältig für den Gerichtstag auf und wird ihn dir mit reichlichen Zinsen erstatten. Das ist nämlich das Wunderbare und Staunenswerthe, daß er Dasjenige, was man bei ihm hinterlegt, nicht bloß aufbewahrt, sondern auch durch große Gegenleistungen vermehrt. Und er hat befohlen, daß du mit den Gütern, die er dir anvertraut, in gleicher Weise verfahrest, so viel in deinen Kräften steht. Durch deine Anstrengungen soll jene Heiligkeit, die du empfangen hast, sich mehren, soll die in der Taufe dir verliehene Gerechtigkeit noch mehr erglänzen, die Gnade noch heller erstrahlen. Darin hat uns Paulus ein Beispiel gegeben: durch seine Arbeiten, durch seinen Eifer, durch seine opferwillige Gesinnung hat er alle empfangenen Gnaden vermehrt. Beachte auch Gottes liebevolle Fürsorge: Er hat dir hier auf Erden weder alle für dich bestimmten Güter gegeben noch alle vorenthalten, sondern die einen gegeben und die andern verheissen. Warum hat er dir nicht schon hienieden alle gegeben? Damit du den Glauben an ihn beweisest und Das, was er noch nicht gegeben hat, gläubig erwartest, nur gestützt auf seine Verheissung. Warum hat er andererseits nicht alle Güter und Gnaden dort oben für dich aufbewahrt? Warum hat er dir die Gnade des heiligen Geistes, die Gerechtigkeit, die Heiligkeit schon jetzt verliehen? Um dir die Mühen zu erleichtern und dich sowohl mittelst des schon Verliehenen als mittelst dessen, was noch kommen soll, mit Hoffnung zu erfüllen.
114Du wirst ein Neuerleuchteter genannt, weil dich jetzt ein Licht erleuchten soll, das dir, wenn du nur willst, stets neu bleiben und nie erlöschen wird. Dem irdischen, dem Lichte des Tages folgt die Nacht, wir mögen es wünschen oder nicht; aber mit jenem höhern Lichte hat die nächtliche Finsterniß keine Bekanntschaft, keine Berührung. „Das Licht leuchtet in der Finsterniß, und die Finsterniß erfaßte es nicht.“ So hell wird nicht diese Erde erleuchtet beim Aufgang der Sonne, als die Seele strahlt und glänzt, wenn sie die Gnade des heiligen Geistes in sich aufgenommen hat. Vernehmet noch des Genauern, wie es sich damit verhält. Bei Nacht und Dunkel hat schon Mancher ein Seil für eine Schlange gehalten, seinen Freund für seinen Feind angesehen und darum ihn geflohen und sich über irgend ein Geräusch sehr geängstigt. Wenn aber der Tag erschienen ist, dann kommt dergleichen nicht vor, sondern es zeigt sich uns Alles, wie es ist. So geht es auch in unserer Seele. Wenn die Gnade bei uns Einkehr genommen und die Finsterniß des Geistes verscheucht hat, dann lernen wir die wahre Beschaffenheit der Dinge genau kennen, und wir verachten ohne Mühe, was uns vordem furchtbar schien. Wir fürchten den Tod nicht mehr, nachdem wir durch diesen Unterricht über die Geheimnisse des Glaubens gelernt haben, daß der Tod eigentlich kein Tod, sondern nur ein Schlaf oder Schlummer ist, der bloß eine Zeit lang währt. Wir fürchten weder Krankheit noch Armuth und dergleichen, da wir wissen, daß wir auf der Wanderschaft zu einem bessern 115 Leben begriffen sind, einem Leben, das unzerstörbar, unvergänglich und von solchen Wechselfällen vollkommen frei ist.
§ 2
Laßt uns deßhalb ja nicht, wie bisher, auch in Zukunft noch Verlangen tragen nach irdischen Freuden, nach üppigen Gastmählern und prunkenden Kleidern! Denn du hast jetzt das herrlichste Kleid, du hast ein Gastmahl für die Seele, du hast himmlische Ehre. Christus wird dir Alles: Er wird dein Gastmahl, dein Kleid, dein Haupt, deine Wurzel. „Ihr alle, die ihr auf Christum getauft seid, habet Christum angezogen.“ Sieh, er ist dein Kleid geworden! Willst du erfahren, wie er dein Gastmahl wird? „Wer mich ißt,“ sagt er, „der wird leben um meinetwillen.“ Auch deine Wohnung wird er: „Wer mein Fleisch ißt, bleibt in mir und ich in ihm.“ Und deine Wurzel: denn er sagt wiederum: „Ich bin der Weinstock, und ihr seid die Reben.“ Er wird dir Bruder, Freund und Bräutigam: „Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn ihr seid meine Freunde.“ Und Paulus sagt: „Ich habe euch einem Manne verlobt, um euch als keusche Jungfrau darzustellen Christo.“ Und wiederum: .,Damit er der Erstgeborne sei unter vielen Brüdern.“ Wir werden nicht bloß seine Brüder, sondern auch seine Kinder. „Siehe,“ heißt es, „ich und die Kinder, welche mir Gott geschenkt hat!“ Und nicht Das allein, sondern sogar seine Glieder, sein Leib. Als ob nämlich Das alles, was ich eben angeführt habe, noch nicht genug wäre, um seine Liebe und sein Wohlwollen gegen uns zu beweisen, hat er ein Anderes aufgestellt, was noch mehr sagen will und eine noch innigere Verbindung andeutet: Er hat sich unser Haupt genannt.
116Da du nun Das alles weißt, Geliebter, so vergilt deinem Wohlthäter durch einen untadelhaften Lebenswandel! Denke an die Erhabenheit des heiligen Opfermahles — und heilige die Glieder deines Leibes! Bedenke, was deine Hand empfängt, — und wage nie, Jemand zu schlagen, auf daß du nie die Hand, die durch eine solche Gnade ausgezeichnet worden, durch die Sünde des Schlagens entweihest. Bedenke, was deine Hand empfängt, und halte sie rein von Habsucht und Ungerechtigkeit jeglicher Art! Bedenke, daß du es nicht bloß in die Hand empfängst, sondern auch dem Munde zuführst, und halte deine Zunge frei von schändlichen und schmähenden Reden, von Gotteslästerung, Meineid und allen ähnlichen Sünden! Denn es würde dir zum Verderben gereichen, wenn du die Zunge, welche dir die Theilnahme an so furchtbaren Geheimnissen vermittelt, welche von diesem Blute geröthet und kostbar wie Gold wird, zu einem scharfen Schwerte machst, das durch Lästerungen, Schmähungen und Schandreden Wunden schlägt. Du sollst die Ehre gebührend würdigen, die Gott ihr erwiesen hat, und sie nicht in die Gemeinheit der Sünde herabziehen. Bedenke auch, daß nach der Hand und der Zunge das Herz jenes furchtbare Geheimniß aufnimmt, und ersinne niemals boshafte Anschläge gegen deinen Nächsten, sondern bewahre deine Seele rein von allem Trug! So wirst du auch die Augen und die Ohren gegen die Sünde sicher stellen können. Denn nachdem du jenen geheimnißvollen, himmlischen Gesang der Cherubim gehört hast, wie sollte es da nicht unziemlich und frevelhaft sein, die Ohren zu entweihen durch Anhörung unzüchtiger Lieder und wollüstiger Melodien? Wie sollte es nicht höchst strafwürdig sein, wenn du mit denselben Augen, welche die unaussprechlichen und fruchtbaren Geheimnisse geschaut haben, Buhlerinen betrachtest und in Begierden Ehebruch begingest?
117 Du bist, Geliebter, zu einer Hochzeit geladen; tritt nicht in schmutzigen Kleidern ein, sondern nimm ein Gewand, das für die Hochzeit paßt. Die zu einer irdischen Hochzeit geladen werden, wären es auch die allerärmsten Leute, leihen sich manchmal oder kaufen ein reines Kleid und erscheinen so vor Demjenigen, der sie geladen hat. Du bist zu einer Hochzeit der Seele, zu einem königlichen Mahle geladen; bedenke, was für ein Kleid müßtest du wohl kaufen, um hier bestehen zu können? Aber du brauchst es nicht einmal zu kaufen; nein, der dich ruft, er selbst gibt es dir umsonst, damit du dich ja nicht mit deiner Armuth entschuldigen kannst. Bewahre also das Kleid, das du empfangen hast; denn wenn du es verdirbst, wirst du ein solches nie mehr kaufen oder leihen können. Denn ein solches Kleid wird nirgends feil geboten. Ist es nie an dein Ohr gedrungen, wie so manche Christen, die vordem auch in die heiligen Geheimnisse sind eingeführt worden, jetzt seufzen und an die Brust schlagen, vom Gewissen gequält? Siehe denn zu, mein Lieber, daß es dir nicht auch so ergehe! Aber wie sollte dir nicht ganz Dasselbe bevorstehen, wenn du die schlechten, lasterhaften Gewohnheiten nicht ablegst? Deßhalb habe ich früher gesagt, sage ich heute und werde ich nicht aufhören zu sagen: Wer seinen Lebenswandel nicht bessert, wer es nicht in der Tugend zu einer gewissen Fertigkeit bringt, der soll nicht getauft werden. Denn die frühern Sünden kann die Taufe zwar abwaschen; aber es ist sehr zu befürchten, und die Gefahr ist groß, daß wir wieder zu den Sünden zurückkehren und das Heilmittel uns nur verwunde. Je größer die Gnade, desto größer ist auch die Strafe für Diejenigen, welche später in Sünden fallen.
§ 3
Damit wir also nicht zurückkehren zu Dem, was wir früher ausgespieen haben, wollen wir uns von jetzt an schon in Zucht nehmen. Denn ehe man zum Empfange der Gnade hinzutritt, muß man vorher die frühern Sünden abgebüßt und sich von ihnen abgewendet haben. Zum Beweise höre, was Johannes und was der Apostelfürst zu 118 Denen sagte, die getauft werden wollten. Johannes sprach: „Bringet würdige Frucht der Buße, und fanget nicht an, bei euch selbst zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater!“ Petrus sprach zu denen, die ihn fragten: „Thut Buße, und es lasse ein Jeder von euch sich taufen auf den Namen des Herrn Jesus Christus.“ Wer aber Buße thut, der macht mit den gebüßten Werken keine Gemeinschaft mehr. Deßhalb werden wir aufgefordert zu sagen: „Ich widersage dir, Satan,“ damit wir nicht mehr zu ihm zurückkehren. Wir sollen uns das Verfahren der Maler zum Muster nehmen! Wenn nämlich ein Maler seine Tafel aufgestellt hat und darauf weisse Linien hin und her zieht, um ein großartiges Bild zu entwerfen, dann kann er mit unbeschränkter Freiheit Dieß und Jenes ausstreichen und neu zeichnen, kann das Fehlerhafte verbessern und das Verkehrte richtig stellen, — aber nur so lange, als er nicht die Farben hinzugefügt hat, die das Bild erst zu einer wahren und eigentlichen Abbildung machen. Sind die Farben einmal aufgetragen, dann kann er nicht mehr willkürlich ausstreichen und neu zeichnen; denn er würde der Schönheit des Bildes Eintrag thun und sich selbst dem Tadel aussetzen. Daraus lerne, wie auch du verfahren sollst! Betrachte deine Seele als ein Bild; und die bösen Gewohnheiten, die dir anhaften, tilge aus, ehe dieses Bild durch Wirkung des heiligen Geistes seinen wahren Farbenglanz erhält! Sei es das Schwören oder Lügen oder Schimpfen, oder seien es schändliche Reden und Scherze oder sonst etwas Böses, was dir zur Gewohnheit geworden: rotte die Gewohnheit aus, damit du nicht nach der Taufe wieder zu ihr zurückkehrest. Die Sünden tilgt die Taufe, die Gewohnheit bessere du selbst, auf daß du nicht, nachdem das Bild seine Farben erhalten hat und in seiner Schönheit erstrahlt, noch immer daran zu tilgen habest und die von Gott verliehene 119 Schönheit durch Wunden und Narben verunstaltest. Bezwinge also den Zorn, lösche aus die Gluth des Hasses! Wenn dir Jemand Unrecht thut oder Beleidigungen zufügt, dann trauere über ihn! Werde nicht zornig, bemitleide ihn, laß dich nicht erbittern, und sage nicht: Er hat mir ein Unrecht angethan, das meine Seele tief verwundet! Es ist gar nicht möglich, daß du an der Seele geschädigt wirst, wenn du dir nicht selbst den Schaden an der Seele zufügst. Wie so? Das will ich euch erklären. Hat dich Jemand um dein Geld gebracht? Er hat sich nur an deinem Gelde, nicht an deiner Seele vergriffen. Wenn du ihm aber das Unrecht nachträgst, dann fügst du dir selbst an deiner Seele Schaden zu. Denn der Verlust des Geldes schadet nicht; er dient sogar zum Heil: wenn du aber deinem Groll nicht entsagst, dann wirst du in der andern Welt für deine Unversöhnlichkeit gezüchtigt werden. Oder es hat dich Jemand geschimpft und geschmäht? Er hat dadurch deiner Seele keinen Schaden zugefügt, und deinem Leibe auch nicht. Hast du ihn wieder geschimpft und geschmäht? Dann hast du dir selbst an deiner Seele Schaden zugefügt; denn du wirst in der andern Welt für diese deine Worte büßen müssen. Das möchte ich euch am allermeisten einprägen, daß dem Christen, dem Gläubigen Niemand, nicht einmal der Teufel an der Seele schaden kann. Wie wunderbar, daß uns Gott für alle bösen Anschläge ganz unerreichbar gemacht hat!
120Aber auch Das ist wunderbar, daß er uns unter allen Umständen die Übung der Tugend ermöglicht. Dafür gibt es kein Hinderniß, wofern wir nur guten Willens sind. Mögen wir auch arm, schwächlich, verachtet, niedrigen Standes oder Sklaven sein: weder Armuth noch Krankheit noch körperliche Gebrechen noch das Sklavenleben noch irgend etwas Anderes der Art kann uns an der Übung der Tugend hindern. Ja, was sage ich? der Arme, der Sklave, der geringe Mann —? selbst wenn du in Fesseln liegst, steht Nichts im Wege: die Tugend kannst du üben. Wie sich Das verhält, will ich euch erklären. Hat dich einer von deinen Hausgenossen beleidigt und gereizt, so verzeihe es ihm, und überwinde deinen Zorn! Können dich die Fesseln, kann dich die Armuth oder die Niedrigkeit deines Standes daran hindern? Weit entfernt! Gerade das Gegentheil ist der Fall: eben diese Umstände helfen dir und erleichtern es dir, den Zorn zu bezwingen. Siehst du einen Andern vom Glücke begünstigt? Werde nicht mißgünstig! Da steht die Armuth nicht im Wege. Ferner: Wenn es Zeit zum Beten ist, dann bete mit Ernst und Andacht; auch daran kann dich Nichts hindern. Zeige dich allezeit sanftmüthig und nachgiebig, mäßig und anständig; auch dazu hast du keine äussern Hilfsmittel vonnöthen. Darin besteht eben der größte Vorzug der Tugend, daß sie weder Reichthum noch Macht noch Ansehen u. dgl. erheischt, sondern nur eine geheiligte Seele und weiter Nichts.
Siehe, ebenso verhält es sich mit der Gnade. Mag Einer auch lahm, mögen ihm die Augen ausgestochen, mag er sonst verstümmelt sein, mag er auch an einer tödtlichen Krankheit darnieder liegen, Nichts von alle Dem hindert die Gnade, bei ihm Einkehr zu nehmen. Sie verlangt nur ein Herz, das bereit und willig ist, sie aufzunehmen, und dann geht sie über alle diese äussern Umstände hinweg. Wie groß ist doch die Liebe und Güte des himmlischen Königs! Die Werber, welche Soldaten für ein irdisches Kriegsheer zusammen suchen, unterlassen es nicht, ehe sie einen Mann 121 zum Kriegsdienste annehmen, seine Leibesgröße zu messen und seine Stärke und Gewandtheit zu prüfen; und Das ist noch nicht genug: der künftige Krieger muß auch frei sein; ein Sklave wird zurückgewiesen. Der König des Himmels dagegen verlangt Nichts dergleichen, er nimmt in sein Heer auch Sklaven, Greise und Schwächlinge auf und schämt sich ihrer nicht. Kann es eine größere Liebe und Güte geben? Er verlangt nur Solches, was in unserer Macht steht; was aber Jene verlangen, Das steht nicht in unserer Macht. Denn ob wir Sklaven oder Freie sind, Das ist nicht unsere Wahl: es steht nicht bei uns, groß oder klein oder alt oder frei von Gebrechen zu sein u. s. w., aber sanftmüthig und liebevoll zu sein, und was damit verwandt ist, Das ist Sache unseres Willens. Nur Das verlangt Gott, was unserer Wahl anheimgegeben ist. Wohl begreiflich! Denn nicht zu seinem eigenen Vortheil, sondern um uns Wohlthaten zu erweisen, ruft er uns zu seiner Gnade; ein König aber wirbt Soldaten für seinen eigenen Dienst. Der irdische König führt seine Soldaten in einen äussern, sichtbaren Krieg, Gott führt die Seinigen in einen unsichtbaren, geistigen Kampf.
Man kann diesen Kampf nicht bloß mit dem Kriege, sondern auch mit den Kampfspielen vergleichen, und man wird auf die nämliche Verschiedenheit stoßen. Diejenigen, welche in diese Kampfspiele zu führen sind, dürfen dazu nicht eher zugelassen werden, als bis der Herold sie unter den Augen aller Zuschauer rings herum geführt hat, rufend mit lauter Stimme: Ist Niemand, der wider ihn klagt? Und das sind doch Kämpfe, welche der Leib und nicht der Geist auszufechten hat; warum verlangst du also Rechenschaft über seine Unbescholtenheit? Hier aber verhält es sich nicht so, sondern gerade umgekehrt. Nicht indem wir handgemein werden, sondern durch Weisheit der Seele und Tugend des Herzens führen wir unsern Kampf. Gerade umgekehrt verfährt hier der Kampfrichter; statt den künftigen Kämpfer umherzuführen und zu rufen: Ist Niemand, der 122 wider ihn klagt? ruft er vielmehr: Wenn ihn auch alle Menschen, wenn ihn die Teufel sammt dem Obersten der Teufel der ärgsten und abscheulichsten Verbrechen beschuldigen, ich schließe ihn nicht aus, mir eckelt vor ihm nicht; ich entreisse ihn allen seinen Anklägern, befreie ihn von seiner Ungerechtigkeit und führe ihn so zum Kampfe. Der Unterschied ist einleuchtend. Dort trägt der Kampfrichter zum Siege der Kämpfer durchaus Nichts bei, er steht nur mitten dazwischen; hier aber ist der Kampfrichter in den Kämpfen der Frömmigkeit zugleich Mitstreiter und Helfer und verbindet sich mit ihnen zum Kampfe gegen den Teufel.
§ 4
Nicht bloß Dieß ist etwas Staunenswerthes, daß er uns die Sünden verzeiht, sondern auch noch ein Anderes: Er bringt die Sünden gar nicht an’s Licht, macht sie nicht bekannt und nöthigt Niemand, vorzutreten und sie öffentlich zu bekennen; er verlangt nur, daß man sich mit ihm darüber abfindet und ihm das Bekenntniß ablegt. Wenn ein Richter dieser Welt einem ertappten Räuber oder Grabschänder das Anerbieten machte, er solle sein Vergehen kennen und dann der Strafe entgehen, wie gern würde der Verbrecher den Vorschlag annehmen und sich aus Liebe zum Leben über die Beschämung hinwegsetzen! Hier aber geht es noch ganz anders: der Herr verzeiht die Sünden, aber er nöthigt uns nicht, sie vor irgend einem Menschen an’s Licht zu ziehen. Er verlangt nur Eins: daß nämlich der begnadigte Sünder sich von der Größe dieser Gnade überzeuge. Indem er uns also seine Wohlthaten erzeigt, will er dafür kein anderes Zeugniß als das unsrige. Wäre es nun nicht wahrhaft sinnlos, wenn wir bei der Erfüllung unserer Pflichten gegen ihn noch andere Zeugen verlangen und uns vor den Menschen zur Schau stellen wollten?
Laßt uns denn seine Güte bewundern und unserseits thun, was Pflicht und Schuldigkeit ist. Vor allen Dingen laßt uns die Gelüste der Zunge bezähmen, und laßt uns nicht fortwährend reden; denn „beim vielen Reden wirst du 123 von Sünden nicht frei bleiben.“ Wenn du also etwas Nützliches zu sagen hast, dann öffne deine Lippen; ist es aber nichts Nothwendiges, was du sagen willst, dann schweige, denn Das ist besser. Bist du ein Handwerker? Singe Psalmen, wenn du bei deiner Arbeit sitzest. Aber mit dem Munde singen, Das willst du vielleicht nicht? So singe im Herzen! Ein Psalm ist ein schätzenswerter Gefährte. Du wirst keinen Nachtheil davon haben, und deine Werkstätte kann dir zur Klosterzelle werden. Denn zur Ruhe der Seele verhilft uns nicht ein passend gewählter Aufenthaltsort, sondern die Vollkommenheit des Lebenswandels. Während Paulus in der Werkstätte dem Handwerke oblag, kam seine Tugend nicht zu Schaden. Sage also nicht: Wie kann ich, da ich doch nur ein armer Handwerker bin, mich der christlichen Weisheit befleissigen? Gerade deßhalb kannst du es besonders gut. Denn der Frömmigkeit ist Armuth günstiger als Reichthum. Arbeit günstiger als Müssiggang. Wird doch der Reichthum, wenn man nicht sehr wachsam ist, geradezu ein Hinderniß der Frömmigkeit! Steht denn die Armuth im Wege, wenn man dem Zorne entsagen, die Mißgunst austilgen, den Haß unterdrücken, sich mit Gebet beschäftigen, Milde und Sanftmuth, Freundlichkeit und Liebe üben soll? Nicht durch Geldausgeben, sondern durch guten Willen hat man diese Tugenden zu bethätigen. Hauptsächlich zu einem guten Werke, zum Almosengeben hat man Geld nothwendig; allein auch dieses eine gewinnt durch die Armuth an Werth und Glanz. Denn die Wittwe, die zwei Heller opferte, war von Allen die ärmste und hat doch Alle übertroffen. Laßt uns darum den Reichthum nicht für etwas Großes und Vorzügliches halten, und laßt uns das Gold nicht höher schätzen als Koth! Denn der Werth des Metalls wird nicht durch dessen natürliche Beschaffenheit, sondern durch unsere Schätzung bestimmt. Genau genommen, ist 124 das Eisen weit nothwendiger als das Gold. Denn zu den Bedürfnissen des täglichen Lebens ist das Gold nicht brauchbar, das Eisen aber von sehr großem Vortheil, da es zu tausenderlei Geräthschaften verarbeitet wird. Doch warum vergleiche ich Gold und Eisen? Nothwendiger als Edelsteine sind die gewöhnlichen Steine; denn aus den Edelsteinen läßt sich nichts Nützliches herstellen, jenen andern Steinen aber danken wir Häuser, Mauern und Städte. Zeige mir einmal, was für einen Gewinn diese Edelsteine einbringen, oder vielmehr, welchen Schaden sie nicht anstiften! Damit du dich mit einer einzigen Perle schmückest, müssen tausend Arme hungern. Kannst du dich vertheidigen? Kannst du Nachsicht erwarten? Wenn du dein Angesicht schmücken willst, dann schmücke es nicht mit Perlen, sondern mit Bescheidenheit und Anstand. Dann wird dein Angesicht dem Mannen liebenswürdiger vorkommen. Der Perlenschmuck bringt oft in den Verdacht der Eifersucht, erzeugt Feindschaft, Streitigkeiten und Reibereien; denn kein Angesicht ist widerwärtiger, als woran sich Verdacht knüpft. Der Schmuck aber, den Mildthätigkeit und Bescheidenheit dem Angesichte mittheilt, verscheucht allen bösen Verdacht und fesselt den Mann mehr, als die stärksten Bande es vermöchten. Denn was verleiht dem Antlitz seinen Reiz und seine Lieblichkeit? Nicht sowohl seine natürliche Schönheit als vielmehr die Zuneigung dessen, der es anschaut. Deßhalb wird selbst ein schönes Weib dem Manne häßlicher als alle andern erscheinen, wenn es ihm verhaßt ist; und ein ganz unansehnliches Weib wird dem Manne schöner als alle andern vorkommen, wenn es seine Zuneigung besitzt. Denn man pflegt sich in seinem Urtheil über Das, was man sieht, nicht von der wirklichen Beschaffenheit desselben, sondern von seiner eigenen Zuneigung oder Abneigung bestimmen zu lassen. So schmücke denn dein Angesicht mit Bescheidenheit, Ehrbarkeit, Mildthätigkeit, Nächstenliebe, Wohlwollen; schmücke es mit Freundlichkeit, Nachgiebigkeit, Sanftmuth und Geduld gegen deinen Mann! Das sind die Farben der Tugend. Dadurch wirst du die 125 Liebe der Engel, geschweige denn der Menschen gewinnen; dafür wirst du von Gott selbst gelobt werden. Wenn aber Gott sich deiner annimmt, dann wird er dir ohne Zweifel auch die Liebe deines Mannes zuwenden. Denn wenn nach den Worten der heiligen Schrift die Weisheit über das Angesicht des Mannes, so wird noch weit mehr die Tugend über das Angesicht des Weibes Licht und Glanz verbreiten. Oder hältst du wirklich den Perlenschmuck für etwas Großes und Werthvolles? Dann sage mir doch, was dir am Gerichtstage die Perlen nützen werden! Ja, ich habe nicht einmal nothwendig, an den Gerichtstag zu erinnern; denn was ich hier behaupte, Das alles bestätigt sich schon in diesem Leben. Als Diejenigen, welche den Kaiser geschmäht haben sollten, vor Gericht gezogen wurden und in der äussersten Gefahr schwebten, da haben ihre Mütter und Weiber sich des Halsschmuckes, des Goldes und der Perlen, aller Schmucksachen und der goldbesetzten Gewänder entledigt, geringe und schlechte Kleider angelegt, sich mit Asche bestreut und sich so vor den Thüren des Gerichtssaales über den Boden gewälzt. Dadurch rührten sie die Herzen der Richter. Wenn nun bei irdischen Gerichten Gold und Perlen und reichgewirkte Kleider für den Angeklagten nachtheilig und gewissermaßen verrätherisch sind, dagegen ein demüthiges und bescheidenes Entgegenkommen, Asche und Thränen und schlechte Kleider den Richter eher zur Milde bewegen: dann läßt sich mit weit größerer Sicherheit behaupten, daß es bei jenem furchtbaren, unbestechlichen Gerichte ähnlich gehen wird. Wie willst du dich auch rechtfertigen, wie entschuldigen, wenn der Richter dich wegen dieser Perlen zur Rede stellt und dir dann die Armen vorführt, die vor Hunger umkommen? Da sehet, warum Paulus sagt: ���Nicht mit Haargeflechte oder Gold oder Perlen oder kostbarer Kleidung;“ Das würde nämlich zum Verderben ausschlagen. Sollten wir uns dieser Sachen auch 126 auf die Dauer erfreuen, mit dem Tode werden wir sie auf jeden Fall verlieren. Vollkommen gesichert ist dagegen der Besitz der Tugend und keinem Wechsel, keiner Veränderung unterworfen. Die Tugend gewährt uns Sicherheit hier auf Erden und begleitet uns in das Jenseits. Willst du Perlen wahrhaft besitzen und diese Reichthümer nie verlieren? Dann lege alle diese Schmucksachen ab, und lege sie nieder in die Hände Christi, und zwar durch Vermittlung der Armen! Er bewahrt dir alle diese Reichthümer auf, bis er deinen Leib auferweckt in herrlichem Glanze. Dann wird er dir bessere Kostbarkeiten, einen schönern Schmuck anlegen, als den du jetzt trägst; — der ist so gering und verächtlich! Bedenke einmal, was Das für Leute sind, denen du mit deinem Schmuck gefallen willst, und um deren willen du ihn anlegst! Irgend ein Wasserschöpfer, ein Schmied, ein Krämer soll ihn sehen und bewundern. Schämst du dich nicht, erröthest du nicht, daß du dich solchen Leuten zur Schau stellst, daß du ihnen zu Liebe Das alles aufbietest, während du sie nicht einmal so viel achtest, daß du sie anreden möchtest? — Wie sollst du es nun beginnen, um diese Eitelkeiten zu verachten? Denke an jene Worte, die du damals gesprochen hast, als du in die Geheimnisse des Christenthums eingeweiht wurdest: Ich widersage dir, Satan, und deiner Pracht und deinem Dienste. Denn die unsinnige Liebe zu dem Perlenschmucke, das ist Pracht des Teufels. Nicht dazu ist dir dieß Gold gegeben worden, damit du es in Ketten an deinen Leib hängst, sondern damit du die Armen aus Ketten und Banden erlösest und mit Nahrung versorgest. Sprich also immerdar: Ich widersage dir, Satan. Nichts gewahrt uns so große Sicherheit als diese Worte, vorausgesetzt, daß wir sie im Werke bethätigen.
§ 5
Diese Worte — euch, ihr Täuflinge, bitte ich darum —wollet doch recht verstehen lernen, denn in diesen Worten schließen wir den Bund mit dem Herrn. Wenn wir einen Sklaven kaufen wollen, so fragen wir ihn vorher, ob er uns dienen will. So auch Christus. Wenn er im Begriffe steht, 127 dich zu seinem Dienste anzunehmen, dann fragt er vorher: Willst du jenem harten und grausamen Tyrannen entsagen? Diese Zusage läßt er sich von dir geben; denn seine Herrschaft kennt keinen Zwang. Und sieh, wie gütig er ist! Wenn wir einen Sklaven kaufen wollen, dann stellen wir unsere Fragen an ihn, ehe wir den Kaufpreis zahlen; und erst dann zahlen wir, wenn er seine Bereitwilligkeit zu erkennen gegeben hat. Ganz anders Christus: Er hat den Kaufpreis schon für uns alle erlegt — es ist sein kostbares Blut. „Um einen Preis seid ihr erkauft,“ sagt der Apostel. Und dennoch zwingt er Niemanden, ihm wider Willen zu dienen. Wenn du nicht geneigt bist, sagt er, wenn du dich nicht aus freier Wahl meinem Dienste widmen willst — ich zwinge dich nicht, ich thue dir keine Gewalt an. Wenn wir einen Sklaven kaufen, hüten wir uns, einen schlechten zu wählen; oder wenn wir uns je für einen schlechten entscheiden und den Preis zahlen, dann ist Das eben eine schlechte Wahl. Christus aber hat es nicht verschmäht, Undankbare und Nichtswürdige zu kaufen und für sie einen Kaufpreis wie für den Allerbesten zu erlegen. Ja, dieser Preis ist noch weit höher, und zwar dermaßen höher, daß kein Wort und kein Gedanke an seine Größe reichen kann. Denn indem er uns kaufte, hat er nicht etwa den Himmel und die Erde und das Meer, sondern etwas Anderes als Preis dahingegeben, was mehr werth ist als Das alles: sein eigenes Blut. Und nach alle Dem verlangt er von uns keine Zeugen und keine Verschreibung, sondern begnügt sich mit einigen wenigen Worten; und wenn du von ganzem Herzen sagst: „Ich widersage dir, Satan, und deiner Pracht,“ dann hat er schon Alles von dir entgegengenommen.
Dieses Wort wird am Gerichtstage wieder von uns gefordert werden. In diesem Gedanken laßt uns sprechen: 128 „Ich widersage dir, Satan,“ und das Wort laßt uns bewahren, damit wir dieses Pfand einst unversehrt wieder abgeben können. Pracht des Teufels, das ist das Theater, das sind die Cirkusspiele, jedes Laster, die Tagwählerei und [der Glaube an] die Vorbedeutungen, die man an Begegnungen knüpft. Was ist denn mit diesen letztgenannten Vorbedeutungen gemeint? Man sieht beim Hinausgehen aus dem Hause einen Einäugigen oder Lahmen, und darin findet man ein Vorzeichen! Das ist „Pracht des Satans“. Denn was den Tag zu einem Unglückstag macht, Das ist nicht die Begegnung mit einem Menschen, sondern Das ist ein sündhafter Lebenswandel. Wenn du also ausgehest, dann gib nur auf Eins Acht: daß die Sünde dir nicht begegne! Die Sünde ist es, die uns in das Unglück bringt; sind wir von Sünden frei, dann kann der Teufel uns nicht schaden. Was sagst du doch? Du siehst einen Menschen und knüpfst daran dein Urtheil über die Zukunft; und du merkst den Fallstrick des Teufels nicht, der dich in Feindschaft mit einem schuldlosen Menschen verwickelt? der dich ohne irgend einen rechtmäßigen Grund zum Widersacher deines Bruders macht? Gott befiehlt, die Feinde zu lieben, und du läßt Feindschaft in dir aufkommen gegen einen Menschen, der dir kein Unrecht zugefügt, und dem du Nichts vorzuwerfen hast? Denkst du nicht daran, wie lächerlich, wie beschämend, oder vielmehr wie gefährlich Das ist?
Und soll ich euch ein Anderes sagen, was noch erbärmlicher ist? Ich schäme mich zwar und erröthe es zu sagen; aber um eures Seelenheiles willen bin ich dazu genöthigt. Wenn dir eine ehrbare Jungfrau begegnet, sagt man, wirst 129 du an diesem Tage keine Geschäfte machen; wenn dir aber eine schlechte Dirne in den Weg kommt, dann wirst du einen guten, einen Glückstag haben und viel verdienen. Ihr verhüllt euch, ihr schlagt euch an die Stirne, ihr seht beschämt auf die Erde. Ganz recht, aber nicht jetzt, wo ich diese Worte rede, sondern damals, als diese Dinge vorkamen, da hattet ihr Grund dazu. Und nun sehet, wie auch hier der Teufel seine Arglist verbirgt! Wir sollen uns von der ehrbaren Jungfrau widerwillig abwenden, das unzüchtige Weib dagegen mit Freuden begrüßen und lieb gewinnen! Er hat das Wort Christi gehört: „Wer ein Weib anschaut, um sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen.“ Dann hat er gesehen, daß jetzt viele Menschen die unkeusche Lust bezwängen, und er wollte sie auf einem andern Wege von Neuem in die Sünde hineintreiben: deßhalb hat er sie durch den Glauben an diese Vorbedeutung zu bestimmen gewußt, unzüchtige Weiber mit Wohlgefallen zu betrachten.
Was soll man gar von Denen sagen, die sich mit Zaubersprüchen und Amuletten abgeben und eiserne Münzen von Alexander dem Mazedonier am Kopfe und an den Füßen befestigen? So wäre es also um unsere Hoffnungen bestellt, daß wir nach dem Kreuz und dem Tode unseres Herrn die Hoffnung auf Erhaltung unseres Lebens an das Bildniß eines heidnischen Königs knüpfen? Kennst du denn die Kraft und den Segen des Kreuzes nicht? Das Kreuz hat den Tod vernichtet, die Sünde getilgt, der Hölle ihre Beute entrissen, des Teufels Macht gebrochen, — und wir sollten nicht vertrauen dürfen, daß es uns die Gesundheit des Leibes erhalten kann? Es hat die ganze Welt wieder aufgerichtet, und du hast kein Zutrauen zu ihm? Sag’ an, was hättest du wohl dafür verdient?
Und du versiehst dich nicht bloß mit Amuletten, sondern 130 auch mit Zaubersprüchen! Du läßt betrunkene, taumelnde alte Weiber in dein Haus kommen! Schämst du dich nicht, erröthest du nicht, daß du dich von solchen Leidenschaften berücken läßt, nachdem du die erhabene Lehre des Christenthums angenommen hast? Eins macht diesen Trug noch unheilvoller. Wenn wir warnen und abmahnen, dann antwortet man — als wäre Das eine Entschuldigung —: „Die Frau, welche diese Beschwörungen vornimmt, ist eine Christin und spricht nichts Anderes als den Namen Gottes aus.“ Gerade deßhalb hasse und verabscheue ich sie am meisten, weil sie den Namen Gottes zur Sünde mißbraucht, weil sie sich für eine Christin ausgibt und heidnische Werke übt. Auch die Teufel sprachen den Namen Gottes aus, und doch waren es Teufel. Sie sagten zum Herrn: „Wir wissen, wer du bist, der Heilige Gottes.“ Aber dessen ungeachtet hat der Herr sie hart angefahren und dann ausgetrieben. So mahne ich euch denn, daß ihr euch von diesem Trug frei haltet und euch auf jenes Wort [ich widersage dir, Satan] stützet wie auf einen Stab. So wie du ohne Schuhe und Kleider nicht auf den Markt gehen würdest, so solltest du auch nicht ausgehen ohne dieses Wort und jedesmal, wenn du die Schwelle überschreitest, vorher dieses Wort wiederholen: Ich widersage dir, Satan, und deiner Pracht und deinem Dienste, und dir, o Christus, stehe ich zur Seite. Nie solltest du ausgehen ohne diesen Spruch. Dann wirst du einen Stab, eine Waffe, ein unüberwindliches Bollwerk besitzen. Mit diesen Worten zeichne das Kreuz auf deine Stirne; dann wird kein Mensch dir schaden können, wer dir auch immer begegnen mag. Ja selbst der Teufel wird dir nicht schaden können, wenn du überall, wo er dich sieht, mit dieser Rüstung gewaffnet bist. Das lerne, darin übe dich schon jetzt, damit du beim Empfange des Siegels [der Taufe oder der Firmung] ein wohlge 131 rüsteter Krieger seiest, damit du den Sieg über den Teufel erringest und die Krone der Gerechtigkeit erlangest. Möge sie uns allen zu Theil werden durch die Gnade und Liebe unseres Herrn Jesus Christus! Ihm und zugleich dem Vater und dem heiligen Geiste sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
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