Johannes Chrysostomus · Orationes · Buch 15 · Kapitel 2
§ 1
Es ist also Wirklichkeit, was mit mir vorgegangen ist? Was geschehen ist, ist in der That geschehen, und wir täuschen uns nicht? Und diese Dinge sind kein nächtlicher Traum? Es ist wirklich heller Tag, und wir sind alle wach und bei guter Besinnung? Wer sollte es glauben, daß bei hellem Tage, wo die Menschen wachen und bei klarem Bewußtsein sind, ein ganz geringer, ja ein ganz verachtenswerther Jüngling zu einer so erhabenen Würde erhoben wäre! Im nächtlichen Schlummer kann dergleichen schon leicht vorkommen. Da sehen sich oftmals elende Krüppel mit fehlerlosen, wohlgestalteten Gliedern, und nothleidende Bettler erquicken sich an königlichen Tafeln — aber Alles ist nur Traum und Täuschung. Denn so ist es mit den Träumen: sie haben eine große, erstaunliche Kraft und necken uns gern durch wundersame Bilder. Aber niemals sieht man so Etwas bei hellem Tage, niemals in der That und Wahrheit vor sich gehen.
Und jetzt! Was noch unglaublicher ist als ein Traumbild, Das alles ist jetzt geschehen, ist zur Wahrheit geworden, ist schon vorüber — ihr seht es; und eine so große und volkreiche Stadt, eine so zahlreiche und angesehene Bürgerschaft schaut lernbegierig auf meine Wenigkeit, um aus meinem Munde eine schöne und großartige Rede zu hören. Aber ach! wenn auch sonst meine Worte flößen gleich einem nie versiegenden Strome und mein Mund wirklich ein ergiebiger Ouell der Beredsamkeit wäre — in diesem Augenblicke, wo eine so große Menge von Hörern 403 so plötzlich zusammengekommen ist, würde meine Furcht die Fluthen der Rede zum Stillstand bringen und den Quell verschließen. Nun aber, da mir nicht Ströme, nicht einmal Bäche von Beredsamkeit, sondern nur ein armseliges Tröpflein zu Gebote steht, wie sollte ich da nicht zu besorgen haben, daß die Furcht mir auch dieses Wenige versiegen macht! Was wir fest in der Hand halten und mit den Fingern umschließen, Das lassen wir manchmal in Folge eines großen Schreckens plötzlich fallen; der Schreck hat die Sehnen erschlafft, die Muskeln ihrer Kraft beraubt. Ich fürchte sehr, daß diese Erfahrung, wie sie häufig unserm Leibe widerfährt, heute meiner Seele bevorsteht, und daß die Gedanken, die unbedeutenden und alltäglichen Gedanken, die ich mir mit großer Mühe für euch gesammelt habe, vor meiner Angst wieder schwinden, daß sie auf einmal fort sein und mein Gedächtniß, meine Seele ganz allein lassen werden. Darum bitte ich euch alle, Vorgesetzte und Untergebene gleichermaßen: wie ihr mir eine so große Angst eingejagt habt, indem ihr zusammengeeilt seid, um mich zu hören, so hauchet mir einen ebenso großen Muth ein durch eifriges Gebet! Flehet doch zu Demjenigen, der in großer Kraft Worte verleiht den Überbringern der Freudenbotschaft, daß er auch mir, indem ich meinen Mund öffne, das Wort verleihe. Gewiß, es wird euch bei eurer großen Zahl und edlen Gesinnung keine Mühe kosten, eines Jünglings Seele, die sich in Furcht auflösen will, wieder mit Muth zu erfüllen. Zudem scheint mir, daß ihr diese Bitte zu gewähren schuldig seid; denn um euretwillen habe ich diesen Schritt gewagt, ja um euretwillen und um eurer Liebe willen. Diese Liebe ist so stark, so zwingend, daß ihr Nichts gleichkommt; so hat diese Liebe auch mich, der ich des Redens so wenig kundig bin, zum Reden genöthigt und hat mich vermocht, die Kämpfe eines Lehrers 404 der christlichen Wahrheit zu übernehmen, obgleich ich vordem nie an diesen Kämpfen Theil nahm und im Genusse thatenloser Ruhe stets unter den Hörern saß. Aber wer kann so steinhart, so unnachgiebig sein, um in eurer Versammlung stumm zu bleiben und so eifrige, so begeisterte Zuhörer nicht anzureden, wenn er auch weniger als jeder Andere zu sagen weiß?
Es war nun mein Wunsch, diese meine erste Predigt als ein Erstlingsopfer dem Lobe Desjenigen zu weihen, der nur Zunge und Sprache verliehen hat: dem Lobe des Herrn. Denn Das wäre auch geziemend. Nicht bloß die Erstlinge der Tenne und der Kelter, sondern auch — und noch viel mehr ! — die Erstlinge der Rede hat man durch das Wort dem Herrn zu weihen. Denn diese Frucht, die Rede, ist mehr unser eigen und ist auch dem Herrn, der dadurch geehrt wird, wohlgefälliger. Trauben und Ähren wachsen aus den Erdschollen, werden genährt durch Thau und Regen, gepflegt durch die Hand des Bebauers; aber ein heiliges Loblied hat seinen Ursprung in der Frömmigkeit der Seele, findet seine Nahrung in einem guten Gewissen und wird von Gott aufgenommen in die himmlischen Vorrathskammern. Wie die Seele ungleich mehr werth ist als das Erdreich, so und in demselben Grade ist dieses Opfer besser als ein Opfer von den Früchten der Erde. Darum ist es dieses Opfer, das ein großer und bewundernswerther Mann, der Prophet Oseas, von Denjenigen verlangt, die Gott beleidigt haben und ihn wieder versöhnen wollen. Sie sollen mitbringen, sagt er, — nicht Heerden von Rindern, nicht so und so viel Maß des feinsten Weizenmehls, nicht Tauben oder Turteltauben, nein, Nichts der Art. Was verlangt er? „Bringet mit euch — Worte!“ Was ist das aber für ein Opfer? sagt man vielleicht dagegen. Ein sehr großes und heiliges, mein Freund, und 405 ein besseres als alle andern. Wer sagt uns Das? Der es am allerbesten wußte, David, jener große und edle Mann. Als er nämlich einst Gott dem Herrn für einen im Kriege erfochtenen Sieg Dankopfer brachte, sagte er ungefähr wie folgt: „Lobpreisen will ich den Namen des Herrn in einem Lied, verherrlichen ihn im Lobgesang.“ Indem er dann die Vorzüglichkeit dieses Opfers hervorhebt, fügt er hinzu: „Und Das wird Gott weit mehr gefallen als ein jugendliches Kalb, das Hörner schon und Klauen hat.“
Es war also auch mein Wunsch, dieses Opfer heut’ vor dem Herrn zu bringen; dieses Opfer wollte ich schlachten auf dem Altar des Geistes. Allein wie soll es mir gehen? Ein weiser Mann schließt mir den Mund und setzt mich in Furcht, indem er sagt: „Nicht schön ist Lob im Munde eines Sünders.“ Wie ein Kranz nicht bloß aus reinen Blumen, sondern auch von reinen Händen geflochten sein muß, so muß auch das Lob des Herrn nicht bloß in frommen Worten erklingen, sondern auch aus einer reinen, frommen Seele kommen. Die meinige aber ist mit Schuld beladen, sie ermangelt der göttlichen Liebe und Freundschaft und ist bedeckt mit vielen Sünden. Wenn es aber so um eine Seele bestellt ist, dann heißt nicht bloß jener Ausspruch des weisen Mannes sie verstummen, sondern auch ein anderer, der noch aus älterer Zeit stammt. Auch dieser rührt von David her, der eben zu uns von den Opfern redete. Nachdem er nämlich gesagt hat: „Lobet den Herrn von den Himmeln her, lobet ihn in den Höhen;“ nachdem 406 er bald darauf wieder gesagt hat: „Lobet den Herrn von der Erde her;“ nachdem er beide Reiche der Schöpfung, das himmlische und das irdische, die Körperwelt und die Geisterwelt, die sichtbare und die unsichtbare Schöpfung, die über dem Himmel und die unter dem Himmel ist, zum Lobe des Herrn aufgerufen; nachdem er aus beiden Reichen der Schöpfung gleichsam einen Chor gebildet und sie so zum Preise des Königs der ganzen Welt eingeladen: ruft er nirgends den Sünder und verschließt ihm auch hier das Thor.
§ 2
Damit euch meine Worte klarer werden, will ich euch den Psalm selbst von Anfang an vorlesen. „Lobt den Herrn von den Himmeln her,“ heißt es, „lobt ihn in den Höhen! Lobt ihn, ihr, seine Engel all’, lobt ihn, all’ seine Heerschaaren!“ Siehst du, wie ihn die Engel, die Erzengel, die Cherubim und Seraphim, die Heerschaaren des Himmels preisen? Indem der Psalmist sagt: „Alle seine Heerschaaren,“ schließt er alle Bewohner des Himmels ein. Siehst du hier auch den Sünder? Nein. Freilich, wie kann man auch den Sünder im Himmel finden? So will ich dich denn wieder auf die Erde herabführen; wenden wir uns zu der andern Abtheilung des Chores. Auch hier wirst du den Sünder nicht finden. „Lobt den Herrn von der Erde her, ihr Ungeheuer und ihr Meeresfluthen all; Gewild und alles zahme Vieh, was kriecht und Flügel hat.“
Nicht umsonst, nicht ohne Grund schweige ich nach diesen Worten still. Denn ganz verwirrt sind meine Gedanken, und es drängt mich, bitterlich zu weinen und schmerzvoll zu klagen. Wie kann es auch etwas Traurigeres geben? Schlangen und Skorpionen und Drachen werden eingeladen zum Lobe Desjenigen, der sie geschaffen hat; nur der Sünder wird nicht zu diesem heiligen Chore zugelassen 407 — und zwar mit vollem Recht. Denn die Sünde ist ein böses, wildes Thier, das seine Bosheit nicht so fast an den Mitgeschöpfen ausläßt, als vielmehr gegen die Ehre des Herrn das Gift seiner Schlechtigkeit ausspritzt. Denn „um euretwillen,“ heißt es, „wird mein Name gelästert unter den Heiden.“ Darum hat der Prophet den Sünder gleichsam aus dem heiligen Vaterlande, ja aus der ganzen Schöpfung ausgetrieben und über die Grenze gewiesen. So entfernt ein guter Künstler aus der wohlgestimmten Zither die mißtönende Saite, damit sie die Harmonie der übrigen Töne nicht störe. So schneidet ein kundiger Arzt das faulende Glied hinweg, damit sein Verderben nicht auf die gesunden Glieder übergehe. Ebenso thut auch der Prophet, indem er den Sünder wie eine mißtönende Saite, wie ein krankes Glied von der Gemeinschaft der ganzen Schöpfung abtrennt.
Was soll ich also beginnen? Weil ich verworfen, weil ich abgeschnitten bin, darum müßte ich völlig schweigen. Soll ich also schweigen? Und wird mir Niemand gestatten, unsern Herrn zu preisen? Vergeblich hätte ich um euer Gebet angehalten? Vergeblich wäre ich unter euren Schutz geflüchtet? Nein, wahrhaftig, nicht vergeblich. Es sind eure Gebete, die mir in dieser Verlegenheit Licht gebracht haben, wie ein Blitzstrahl in dunkler Nacht. Ich habe eine andere Weise gefunden, Gott zu loben: loben will ich unsere Mitknechte. Denn es ist nicht verwehrt, auch sie zu loben, und dann wird unfehlbar ihre Ehre, ihr Ruhm auf den Herrn zurückfallen. Daß ihm auch auf diesem Wege Ehre gebracht wird, zeigt uns Christus selbst, indem er sagt: „Lasset euer Licht leuchten vor den Menschen, damit sie sehen eure guten Werke und preisen euren Vater, der in den Himmeln ist.“ Da seht denn eine andere Weise, 408 den Herrn zu loben, von der auch der Sünder Gebrauch machen kann, ohne das Gesetz zu übertreten.
§ 3
Wen also, wen von den Mitknechten soll ich loben? Wen anders als den gemeinsamen Lehrer unserer Vaterstadt und eben deßhalb auch der ganzen Welt? Das ist er in der That; denn wie er euch lehrt, bis zum Sterben treu zur Wahrheit zu stehen, so habt ihr die andern Menschen gelehrt, lieber das Leben als die Frömmigkeit fahren zu lassen. Soll ich nun aus diesen Blumen ihm den Kranz des Lobes flechten? Das möchte ich zwar; aber da sehe ich ein endloses Meer von Tugenden und Verdiensten; und ich fürchte, wenn meine Rede in diese Tiefen hinabsteigt, wird sie nicht mehr hinaufzukommen im Stande sein. Denn dann müßte ich von Verdiensten aus alter Zeit erzählen, von Wanderungen, Nachtwachen, Sorgen, Richtersprüchen, Kämpfen, wie sich Trophäe an Trophäe, Sieg an Sieg gereiht hat; und das wäre ein Unternehmen, für welches weder meine, noch selbst irgend eines Menschen Zunge hinreichte, das eines Apostels Zunge erheischte, durch welche der heilige Geist redet, dem Nichts unmöglich ist zu reden und zu lehren. Darum will ich diesen Gegenstand verlassen und auf ein anderes Gebiet übergehen, wo ich weniger Gefahr laufe und auch mit einem kleinen Fahrzeug fertig werde. Wohlan, ich will über seine Enthaltsamkeit reden. Ich will euch schildern, welche Herrschaft er über seinen Leib ausgeübt, wie er, obgleich ausgewachsen in einem reichen Hause, ein weichliches Leben verschmäht und die Freuden der Tafel verachtet hat. Hat Jemand bisher in Armuth gelebt, dann ist es nicht sonderlich bewundernswerth, wenn er sich nun zu diesem harten, entbehrungsreichen Leben entschließt; denn die Armuth als seine Gefährtin, seine stete Begleiterin, bietet ihm für diese Last immerdar Erleichterung. Wer aber über Reichthümer zu verfügen hat, der wird sich ihren Lockungen nicht leicht entziehen können; denn ein ganzes Heer von Leidenschaften belagert sein Herz. Diese Leidenschaften sind wie ein 409 dichte, dunkle Wolke, die sein geistiges Auge verfinstert, die ihn hindert, gen Himmel zu schauen, die ihn nöthigt, sich nach unten zu wenden und nach irdischen Dingen zu trachten. Ja, so groß ist schlechterdings kein anderes Hinderniß auf dem Wege zum Himmel, als der Reichthum und seine schlimmen Folgen. Nicht ich bin es, der Das sagt; nein, Christus selbst hat dieses Urtheil abgegeben, da er sprach: „Leichter ist es, daß ein Kameel durch ein Nadelöhr hindurchgehe, als daß ein Reicher eingehe in das Himmelreich.“ Aber siehe da! dieses Schwere, oder vielmehr dieses Unmögliche ist möglich geworden, und was einst Petrus von dem Meister erfragte und zu wissen begehrte, Das haben wir alle durch eigene Anschauung gelernt — ja noch mehr als Das. Denn er [unser Bischof] hat nicht bloß sich selbst schon bis an den Himmel erhoben, sondern führt dorthin auch die ganze Gemeinde, obschon ihn ausser dem Reichthum noch andere und zwar nicht geringere Hindernisse beschwerten, nämlich seine Jugend und seine frühe Verwaisung. Wo die Reize der Verführung so verlockend, das Gift der Sünde so schwer abzuweisen war: welches Menschenherz hätte sich da nicht bethören lassen? Doch er hat Das alles überwunden, hat den Himmel schon berührt und sich der himmlischen Weisheit hingegeben. Er hat der Herrlichkeiten dieses Lebens vergessen und vom Ruhme der Vorfahren seine Blicke abgewandt. Doch ja, darauf hat er hingeschaut, aber nicht auf diejenigen Ahnen, mit welchen ihn ohne seinen Willen die Natur verbunden, sondern auf die, welche ihm seine Frömmigkeit und freie Wahl zu Ahnen gegeben hat. Dadurch ist er auch ein solcher Mann geworden. Er hat auf den Patriarchen Abraham und auf Moses hingesehen, auf diesen großen Mann, der nach seiner im Königspalast verlebten Jugend, wo er an reich besetzter Tafel die kostbarsten Speisen genießen konnte, zurückgelassen mitten in dem geräuschvollen Treiben 410 der Ägyptier — ihr kennt ja die Barbaren und wißt auch, wie bei ihnen Übermuth und Prahlerei regiert —, der also Das alles für Nichts achtete und aus freien Stücken zur Arbeit an Lehm und Ziegeln überging und zu den Knechten, zu den Gefangenen gehören wollte — er, der König und Königssohn! Er ist freilich eben dadurch wieder gestiegen, und zwar zu einer Stellung, mit welcher seine frühere, freiwillig verlassene an Glanz und Ehre keinen Vergleich aushält. Nach seiner Flucht nämlich, nach dem Lohndienst bei seinem Schwiegervater, nach allen Mühseligkeiten im fremden Lande kehrte er zurück als ein Mann, der des Königs Gebieter, ja des Königs Gott geworden war. Denn der Herr sprach zu ihm: „Ich habe dich wie Gott über Pharao gesetzt.“ Ohne ein Diadem zu tragen, ohne mit Purpur bekleidet zu sein, ohne in einem goldenen Wagen zu fahren, besaß er mehr Herrlichkeit als der König selbst, nachdem er all’ jenen Prunk unter die Füße getreten hatte. „Alle Herrlichkeit der Königstochter,“ heißt es, „ist von innen.“ Als er zurückkehrte, da trug er ein Szepter, mit welchem er nicht bloß Menschen, sondern auch den Himmel, die Erde und das Meer, die Luft und das Wasser, die Seen, Quellen und Flüsse beherrschte. Denn gerade wie Moses gebot, so gestalteten sich jedesmal die Bestandtheile der äussern Welt; nach Maßgabe seines Willens verwandelte sich die Schöpfung, und indem sie in ihm den Freund ihres Herrn kommen sah, gehorchte sie ihm als getreue Dienerin in allen Stücken ebenso willig als dem Herrn selbst.
Dieser ist es also, auf den unser Bischof seinen Blick gerichtet hat, um trotz seiner Jugend ein solcher Mann zu werden — vorausgesetzt, daß er jemals jung gewesen ist. Denn ich kann es fast nicht glauben; so sehr war ihm die geistige Reife des Alters eigen, als er erst kaum den Windeln 411 entwachsen war. Doch war er auch den Jahren nach ein Jüngling, so hatte er gleichwohl die christliche Weisheit schon ganz erfaßt. Unsere Natur als Das erkennend, was sie ist, als einen Acker, auf dem viel Unkraut sproßt, wußte er die Krankheiten der Seele leicht hinwegzuräumen mit der Sichel des göttlichen Wortes. Dem Säemann bereitete er für die Saat der Lehre ein untadeliges Erdreich, und indem er Alles willig aufnahm, ließ er es zugleich in die Tiefe eindringen, so daß es tief Wurzel faßte und nun weder von den Strahlen der Sonne leiden noch von den Dornen erstickt werden konnte. So sorgte er für seine Seele; die unordentlichen Regungen des Fleisches aber beschwichtigte er durch die Mittel der Abtödtung, indem er dem Leibe wie einem schwer zu lenkenden Rosse die Zügel des Fastens anlegte und ihn in die rechte Bahn hinein zwang. So kräftig er aber seine Leidenschaften in Schranken hielt, vergaß er dabei nicht auf die nöthige Vorsicht und Schonung. Denn er hat sein Roß — seinen Leib meine ich — weder zu hart behandelt, um es nicht zum Falle zu bringen und für seinen Dienst untauglich zu machen, noch auch zu gut genährt, damit es sich nicht in seiner Üppigkeit gegen den Geist, der es zügelt, erheben konnte. So hat er zugleich für seine Gesundheit und auch für die Unterordnung des Fleisches unter den Geist Sorge getragen. Übrigens hat er keineswegs, nachdem er als Jüngling ein solches Leben geführt, in seinem spätern Alter diese Vorsicht aufgegeben; auch jetzt, wo er in den sichern Hafen des Greisenalters eingelaufen ist, auch jetzt noch läßt er sich dieselbe Sorgfalt angelegen sein. Die Jugend, meine Theuren, gleicht einem tobenden Meer, voll wilder Fluthen und gefährlicher Stürme; das Greisenalter dagegen ist der sichere, windstille Hafen, wo die Seele, wenn sie dort eingelaufen ist, sich ungestört jener Ruhe überlassen darf, welche das Alter mit sich bringt. Diese Ruhe könnte auch unser Bischof jetzt genießen; denn er ist, wie ich eben sagte, in den Hafen eingelaufen; aber er kämpft nicht weniger als Die welche auf hohem Meere hin- und hergeschleudert werden.
412Solche heilige Furcht hat er von Paulus gelernt. Denn der heilige Paulus war in den Himmel entrückt, durch den folgenden Himmel hindurchgeführt und bis in den dritten Himmel erhoben worden; und darauf sagte er: „Ich fürchte, daß ich, nachdem ich Andern gepredigt, selbst verwerflich werde.“ Darum hat auch unser Bischof stets eine heilige Furcht unterhalten, um beständig guten Muthes sein zu können. Er hat am Steuer seinen Platz genommen, nicht um auf die Bahn der Gestirne, auf Klippen und Sandbänke Acht zu haben, sondern auf die Angriffe der Dämonen, auf die Ränke des Teufels, auf die Kämpfe der Geister. Das Schlachtheer rings umgehend verschafft er Allen Sicherheit und Ruhe. Denn er sucht nicht bloß den Untergang des Schiffleins zu verhüten, sondern bietet auch alle Mühe auf, damit keiner von seinen Insassen durch Sturm und Ungemach bedrängt wird. Er ist es und seine Weisheit, der wir alle es zu danken haben, daß wir mit gutem Fahrwind und mit vollen Segeln fahren.
§ 4
Als wir unsern frühern Vater verloren, der auch unseres jetzigen Bischofs geistlicher Vater war, da waren wir in großer Noth und klagten bitterlich, indem wir nicht erwarteten, daß ein anderer Mann von gleicher Art diesen Thron besteigen würde. Als nun aber Dieser sich zeigte und in unsere Mitte trat, da ging alle Trauer sogleich vorüber wie eine Wolke, und die düstern Aussichten verschwanden. Nicht nach und nach nahm er den Schmerz von uns hinweg, sondern so schnell, als wenn jener Selige sich aus dem Sarge erhoben und diesen Thron wieder bestiegen hätte.
Doch es ist mir in meinem Eifer, die Tugenden und Verdienste unseres Vaters zu preisen, ganz entgangen, daß meine Rede sich schon über das rechte Maß ausgedehnt 413 hat, freilich nicht über das Maß seiner Tugenden und Verdienste — denn davon habe ich eigentlich noch gar nicht begonnen zu reden, — sondern über die Grenze, die mein jugendliches Alter mir vorzeichnet. Wohlan, ich will nun schließen und meine Worte wieder in den Hafen des Stillschweigens zurückführen. Freilich, sie wollen noch nicht zurückkehren, sie sträuben sich und sind unzufrieden, weil sie sich in diesem Tugendgarten nach Herzenslust ergehen wollen. Aber Das, meine Kinder, geht nicht an. Was gesagt ist, auch Das reicht hin, uns zu trösten und zu stärken. Wir wollen ablassen, auf Unmögliches auszugehen. Da ist ein Gefäß mit kostbaren Salben; nicht bloß, wer es ausgießt, sondern auch, wer mit der Spitze seines Fingers die Oberfläche berührt, verbreitet rings umher den lieblichen Duft und erquickt alle Anwesenden durch den Wohlgeruch. Das ist auch jetzt geschehen, nicht kraft meiner Worte, sondern kraft seiner Tugenden.
Gehen wir also von dannen, gehen wir hin und wenden uns zum Gebet! Flehen wollen wir zum Herrn, daß unsere gemeinsame Mutter unerschüttert bleibe und unentwegt feststehe, und daß dieser unser Vater, unser Lehrmeister, Hirt und Steuermann zu einem hohen Alter gelange. Und wenn euch auch an mir Etwas gelegen ist — ich werde nicht wagen, mich selbst in die Schaar der Priester einzureihen; denn eine Fehlgeburt darf man nicht unter die rechten, wohlgebildeten Kinder zählen — doch wenn ihr auch meiner (immerhin als einer Fehlgeburt) gedenken wollt, dann flehet, daß die Hilfe und Gnade von oben mir reichlich zu Theil werde. Zwar auch vordem, als ich noch, für mich allein, ein thatenloses Leben führte, hatte ich Schutz und Beistand nothwendig; nachdem ich nun aber auf den Leuchter gestellt bin — über das Wie, ob durch Bemühungen der Menschen oder durch die Gnade Gottes, sage ich Nichts; denn ich will nicht mit euch streiten, damit mich Niemand auch noch der Verstellung zeihe, — wie dem auch sei, nachdem man mich hervorgezogen und mir das schwere, drückende 414 Joch aufgelegt hat, bedarf ich vieler Hilfe und bedarf Gebete ohne Zahl, damit ich dem Herrn, der das Pfand bei mir hinterlegt, dieses Pfand ganz und heil an jenem Tage zurückgeben kann, wo die Verwalter seiner Talente herbeigerufen, vor Gericht gezogen und zur Rechenschaft gefordert werden. Betet also, damit ich alsdann nicht unter Denen sei, die gefesselt in die Finsterniß geworfen werden, vielmehr unter Denen, die wenigstens in etwa Verzeihung finden können, durch die Gnade und Liebe unseres Herrn Jesus Christus, dem da ist die Herrlichkeit, Macht und Anbetung in alle Ewigkeit. Amen.
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