Origenes · De oratione · Buch 4 · Kapitel 3
§ 1
Ich glaube, wenn ich nun noch die Hauptstücke des Gebets durchgenommen habe, so die Abhandlung abschließen zu können. Vier Hauptstücke, die ich zerstreut in den Schriften fand, scheinen mir beschrieben werden zu müssen, nach denen jeder sein Gebet zu gestalten hat. Die Hauptstücke sind folgende: Am Anfang und in der Einleitung des Gebets soll man nach Kräften Lobpreisungen Gottes durch Christus, der mitgepriesen wird, in dem Heiligen Geiste, der mitverherrlicht wird, aussprechen. Und hierauf soll ein jeder gemeinsame Danksagungen folgen lassen, 146 indem er bei der Danksagung der vielen Menschen erwiesenen Wohltaten und das, was er persönlich von Gott empfangen hat, vorbringt. Nach der Danksagung soll man, wie mir scheint, ein strenger Ankläger der eigenen Sünden vor Gott werden und ihn zuerst um Heilung und Befreiung von dem Zustande bitten, der das Sündigen herbeiführt, zweitens [aber] um Vergebung der früher begangenen Sünden. Nach dem Sündenbekenntnis soll man viertens, wie mir scheint, die Bitte um „die großen und himmlischen“, teils persönlichen, teils allgemeinen Gaben, auch für die Angehörigen und Freunde, anknüpfen. Und zu alledem muß man das Gebet in eine Lobpreisung Gottes durch Christus im Heiligen Geiste ausklingen lassen.
§ 2
Diese Hauptstücke haben wir, wie schon erwähnt, zerstreut in den (heiligen) Schriften gefunden; das Stück von der Lobpreisung im 103. Ps. in diesen Worten: „Herr, mein Gott, wie sehr groß bist du! Mit Lobpreis und Pracht bist du bekleidet, der Licht um sich wirft wie einen Mantel, der den Himmel ausspannt wie eine Decke, der mit Gewässern seine Söller bedeckt, der Wolken zu seinem Zugang macht, der auf Sturmesfittichen wandelt, der seine Engel zu Winden und seine Diener zu Feuerflammen macht, der die Erde auf ihre Festigkeit gründet, (so dass) sie in alle Ewigkeit nicht wanken wird. Der Abgrund ist, wie ein Mantel, sein Kleid; auf den Bergen werden Wasser stehen; vor deinem Schelten werden sie fliehen, vor der Stimme deines Donners werden sie zagen.“ Der größte Teil dieses Psalms besteht in einem Lobpreis des Vaters. Wer sich aber noch einige Beispiele mehr sammelt, kann sehen, wie das Stück von der Lobpreisung an vielen Orten zerstreut ist.
§ 3
Für die Danksagung mag die Stelle in dem zweiten Buch der Königreiche als Beispiel vorgelegt 147 werden, wo David nach den durch Nathan ihm gegebenen Verheißungen über die Gaben Gottes erstaunte und mit diesen Worten Dank dafür sagte: „Wer bin ich, mein Herr, Herr, und was ist mein Haus, dass du mich bis zu diesem Grade geliebt hast? Und ich war noch etwas zu gering vor dir, mein Herr, und du sprachst von dem Hause deines Knechtes auf weit hinaus; dies ist aber das Gesetz für den Menschen, mein Herr, Herr. Und was soll David noch weiter zu dir sagen? Nun kennst du ja deinen Knecht, o Herr; um deines Knechtes willen hast du (das) getan, und nach deinem Herzen ließest du diese deine ganze Herrlichkeit deinem Knechte bekannt machen, um dich zu preisen, mein Herr, Herr.“
§ 4
Ferner ein Beispiel für die Sündenbekenntnisse: „Von allen meinen Übertretungen erlöse mich“, und an anderer Stelle: „Meine Beulen stanken und wurden brandig infolge meiner Torheit; ich litt Drangsal und krümmte mich im höchsten Grade, den ganzen Tag lang wanderte ich trauernd umher.“
§ 5
Für die Bitten gibt es (ein Beispiel) in Ps 27: „Raffe mich nicht hinweg mit Sündern, und mit Übeltätern vernichte mich nicht“, und wenn etwas dem ähnlich ist.
§ 6
Passend aber ist es, das mit einer Lobpreisung begonnene Gebet mit einer Lobpreisung abzuschließen und zu beendigen, indem man den Vater des Weltalls rühmt und preist „durch Jesus Christus“ im Heiligen Geiste, „dem die Ehre sei in Ewigkeit“.