Origenes · De oratione · Buch 4 · Kapitel 1
§ 1
Um aber das Problem des Gebets zu erschöpfen, scheint es mir hiernach am Platz zu sein, zur weiteren Einführung über die Stimmung und die Haltung, die der Betende haben muß, zu handeln und über den Ort, wo man beten soll, und über die Himmelsrichtung, nach welcher man ohne alle Umstände blicken soll, und über die für das Gebet passende und ausgesuchte Zeit, und wenn es sonst etwas dem Ähnliches gibt. Was nun die „Stimmung“ betrifft, so muß man diese in die Seele hineinlegen, die „Haltung“ aber in den Körper. Dementsprechend deutet Paulus, wie oben erwähnt, die „Stimmung“ an, wenn er sagt: man müsse „beten frei von Zorn und Bedenklichkeiten“, die „Haltung“ aber in den Worten: „heilige Hände aufhebend.“ Dies scheint er mir von den Psalmen entlehnt zu haben, wo es so heißt: „Das Aufheben meiner Hände ist Abendopfer.“ Von dem „Ort“ aber (sagt der Apostel): „Ich will nun, dass die Männer beten an jedem Ort.“ Über die „Himmelsrichtung“ heißt es in der Weisheit Salomos: „Damit es bekannt würde, dass man der Sonne zuvorkommen muß mit Danksagung gegen dich, und vor Aufgang des Sonnenlichts dir nahen müsse.“
§ 2
Wer demnach zum Gebete zu gehen im Begriff ist, der wird meiner Meinung nach die ganze Gebetshandlung angespannter und nachdrücklicher verrichten, wenn er vorher kurze Zeit anhält und sich vorbereitet, ferner alles, was ihn ablenken und seine Gedanken 139 verwirren kann, ablegt und sich möglichst an die Erhabenheit, der er nahen will, erinnert und (bedenkt), dass es frevelhaft wäre, nachlässig und ungebunden und gleichsam geringschätzig zu ihr heranzutreten, [sondern] dass er erst alles Unpassende ablegen und dann so zum Beten gehen [müsse], indem er vor seinen Händen gleichsam seine Seele ausspannt und vor seinen Augen den Geist zu Gott hinstreckt und vor dem Hintreten seine Vernunft von der Erde emporrichtet und sie zu dem Herrn der Welt hinlenkt und jeden Gedanken an das erlittene Böse einem vermeintlichen Beleidiger gegenüber soweit von sich entfernt, wie er wünscht, dass Gott auch ihm keine Sünde nachtragen möchte, der doch Unrecht getan und sich gegen viele seiner Nebenmenschen vergangen hat oder sich bewußt ist, in mannigfacher Hinsicht wider die Vernunft gehandelt zu haben. Auch darf man nicht daran zweifeln, dass von den zahllosen Stellungen des Körpers die Stellung mit ausgestreckten Händen und emporgerichteten Augen allen (andern) vorzuziehen ist, da man dann gleichsam das Abbild der besonderen Beschaffenheit, die der Seele während des Gebetes geziemt, auch am Körper trägt. Dies aber muß, wie wir betonen, ohne weiteres dann geschehen, wenn keine (besonderen) Umstände vorliegen; denn unter Umständen ist es gestattet, einmal auch im Sitzen in geziemender Weise zu beten, wenn man an einer nicht unerheblichen Fußkrankheit leidet, oder auch im Liegen wegen Fieber oder ähnlicher Krankheiten; ferner ist es wegen besonderer Umstände, z.B. wenn wir zu Schiff fahren, oder wenn die Verhältnisse es nicht erlauben, dass wir uns zurückziehen und das schuldige Gebet darbringen - dann ist es statthaft zu beten, auch ohne dass wir uns (äußerlich) den Anschein davon geben.
§ 3
Ferner muß man wissen, dass wenn jemand sich seiner eigenen Sünden vor Gott anklagen und um Heilung davon und um ihre Vergebung flehen will, die 140 Kniebeugung notwendig ist, denn sie dient als Kennzeichen dessen, der sich demütigt und unterordnet, da Paulus sagt: „Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater, von dem alle Stämme im Himmel und auf Erden den Namen haben.“ Die geistige Kniebeugung aber, so genannt, weil sich „im Namen Jesu“ jeder der Seienden vor Gott demütigt und erniedrigt, scheint mir von dem Apostel in diesen Worten angedeutet zu werden: „damit im Namen Jesu alle Knie derer sich beugen, die im Himmel und auf der Erde sind.“ Denn die Annahme, die Körper der Himmelsbewohner seien so gestaltet, dass sie auch körperliche Knie besäßen, verbietet sich deshalb, weil ihre Körper von Männern, die darüber genaue Untersuchungen angestellt haben, als kugelförmig nachgewiesen worden sind. Wer aber diese Ansicht nicht billigen will, der wird, wenn er nicht gegen die Vernunft unverschämt ist, auch die Funktionen jedes einzelnen Gliedes annehmen müssen, damit nicht von Gott hier etwas zwecklos geschaffen sei; er wird aber in beiden Fällen irren, sei es dass er sagt, die Glieder des Körpers seien ihnen zwecklos und nicht zu persönlicher Verrichtung von Gott verliehen worden, sei es dass er behauptet, die Eingeweide und der Mastdarm verrichteten ihre besonderen Funktionen auch bei den Himmelsbewohnern. Sehr töricht aber wird sich einer zeigen, der annehmen wollte, es sei (bei diesen) nach Art der Bildsäulen bloß die (äußere) Erscheinung menschenähnlich, aber nicht auch das Innere. Dies habe ich bei der Untersuchung der Kniebeugung festgestellt, indem ich das Schriftwort betrachtete, dass „im Namen Jesu alle Knie derer sich beugen werden, die im Himmel und auf der Erde und unter der Erde sind“. Aber auch das Prophetenwort: „Mir werden sich alle Knie beugen“, bedeutet dasselbe. 141
§ 4
Von dem Ort (des Gebets) muß man wissen, dass, wenn man nur recht betet, jeder Ort zum Beten geeignet ist. Denn „an jedem Orte, spricht der Herr, bringt ihr mir Räucherwerk zum Opfer dar“, und: „Ich will nun, dass die Männer beten an jedem Ort“. Damit aber ein jeder in Ruhe und ohne Ablenkung seine Gebete verrichten kann, so gibt es auch eine Anordnung, dass man im eigenen Hause womöglich die sozusagen heiligste Stelle auswählen und (dort) so beten soll, indem man bei der allgemeinen Prüfung des Ortes (auch) darauf achtet, ob an der Stelle, wo man betet, nicht einmal gegen Sitte und Gesetz gefrevelt und gegen die Vernunft gehandelt worden sei; denn (sonst) hätte man gleichsam nicht nur sich selbst, sondern auch den Ort seines persönlichen Gebetes zu einem solchen gemacht, dass sich Gottes Fürsorge von dort abwenden müßte. Indem ich aber auch über diesen Ort weitere Erwägungen anstelle, muß ich etwas sagen, was vielleicht beschwerlich, aber bei sorgfältiger Prüfung wohl nicht unerheblich scheinen dürfte. Es ist nämlich zu untersuchen, ob es mit Frömmigkeit und Reinheit vereinbar ist, sich an dem Orte, wo der [nicht] gesetzwidrige, sondern durch das Apostelwort „nach Zulassung, nicht nach Verordnung“, gestattete eheliche Umgang stattfindet, im Gebete zu Gott zu wenden. Denn wenn es nicht möglich ist, sich „dem Gebete so zu widmen“, wie es sich gebührt, außer wenn man sich „nach Übereinkunft auf einige Zeit“ dieser Pflicht hingibt, so muß man wohl auch über den Ort (des Gebetes) womöglich (solche) Erwägungen anstellen.
§ 5
Einen gewissen, mit (geistlichem) Nutzen verbundenen Reiz hat aber ein Gebetsort, nämlich der Platz, wo sich die Gläubigen versammeln, wie dies natürlich ist, da sowohl Engelmächte neben den Massen der Gläubigen stehen als auch „die Kraft unseres Herrn“ 142 und Heilandes selbst, ferner auch Geister von Heiligen und zwar, wie ich glaube, von bereits abgeschiedenen, offenbar aber auch von solchen, die noch am Leben sind, wenn auch das „Wie“ nicht leicht anzugeben ist. Von den Engeln gilt diese Schlußfolgerung: Wenn „der Engel des Herrn sich rings um die lagern wird, die ihn fürchten, und sie erretten wird“, und wenn Jakob nicht nur von sich, sondern auch von allen, die Gott dem Allwissenden anhangen, die Wahrheit in den Worten spricht: „Der Engel, der mich aus den Leiden errettet“: so ist es natürlich, dass dann, wenn eine größere Menge in rechter Weise zum Preise Christi zusammengekommen ist, „der Engel“ eines jeden „sich rings um die lagern wird, die (den Herrn) fürchten“, an der Seite des Mannes, dessen Schutz und Leitung ihm anvertraut ist. Und so entsteht bei den versammelten Frommen eine doppelte Gemeinde: die der Menschen und die der Engel. Und wenn Raphael schon bei dem einen Tobit sagt, er habe sein Gebet und nach ihm das der Sara, die durch die Verheiratung mit Tobias später seine Schwiegertochter wurde, „zum Gedächtnis“ vor Gott gebracht, was sollen wir sagen, wenn eine größere Menge „in demselben Sinn und in derselben Überzeugung“ zusammenkommt und „einen Leib in Christus“ bildet? Über „die Kraft des Herrn“ aber, die in der Gemeinde zugegen ist, sagt Paulus: „wenn ihr und mein Geist mit der Kraft des Herrn Jesu zusammengetreten seid“, in der Annahme, dass „die Kraft des Herrn Jesu“ nicht nur mit Ephesiern, sondern auch mit Korinthiern verbunden sei. Und wenn der noch von seinem (irdischen) Leib umgebene Paulus geglaubt hat, er könne 143 mit „seinem Geist“ den Christen in Korinth beistehen, so braucht man nicht daran zu zweifeln, dass so auch die abgeschiedenen Seligen mit ihrem Geist vielleicht eher, als wer sich noch im Leibe befindet, zu den Versammlungen kommen. Deshalb darf man die dort gesprochenen Gebete nicht gering achten, da sie für den, der in rechter Weise teilnimmt, etwas ganz besonderes bedeuten.
§ 6
Wie aber „die Kraft Jesu“ und „der Geist“ des Paulus und der ihm ähnlichen Männer und die sich „rings“ um alle Frommen „lagernden Engel des Herrn“ mit denen zusammengehen und sich vereinigen, die sich in rechter Weise versammeln, so muß man vermuten, dass, wenn jemand seines heiligen Engels unwürdig ist, er sich infolge seiner Sünden und Gesetzwidrigkeiten, die er unter Verachtung Gottes begeht, sogar einem Satansengel übergibt. Denn ein solcher Mensch wird zwar, wenn seinesgleichen nur wenige sind, nicht für lange Zeit der Fürsorge der Engel ermangeln, die im Dienste des göttlichen Willens die Aufsicht über die Gemeinde üben und die Fehltritte eines solchen Mannes zur allgemeinen Kenntnis bringen; wenn aber diese Leute eine große Menge bilden und zu rein menschlichen Versammlungen zusammentreten, um irdische Dinge zu betreiben, so wird ihnen (seitens der Engel) keine fürsorgliche Überwachung zuteil werden. Dies ergibt sich aus den Worten des Herrn bei Jesaja: „auch dann nicht, wenn ihr kommt, um vor mir zu erscheinen; denn ich werde“, sagt er, „meine Augen von euch abwenden; und wenn ihr auch euer Gebet (noch) anschwellen laßt, so werde ich euch doch 144 nicht erhören.“ Denn vielleicht entsteht anstatt der vorher erwähnten Doppelversammlung von frommen Menschen und seligen Engeln wiederum eine doppelte Zusammenkunft von gottlosen Menschen und bösen Engeln, und von einer Vereinigung solcher Elemente könnten wohl die heiligen Engel und die gottgeweihten Menschen sagen: „Ich sitze nicht im Rate des Leichtsinns, und zu Gesetzesverächtern gehe ich nicht ein; ich hasse die Versammlung der Bösewichter, und mit Gottlosen will ich nicht zusammensitzen.“
§ 7
Deshalb, glaube ich, sind auch die in zahlreichere Sünden verfallenen Bewohner von Jerusalem und von ganz Judäa ihren Feinden untertan geworden, da die Völker, welche das Gesetz preisgaben, von Gott und den sie beschützenden Engeln und den frommen Menschen, die sie hätten retten können, preisgegeben worden sind. Denn so werden manchmal auch ganze Versammlungen preisgegeben, so dass sie in Versuchungen fallen, damit auch das, „was sie zu haben glauben“, von ihnen weggenommen werde, indem sie ähnlich „dem Feigenbaume“, der „verflucht worden war“ und „von den Wurzeln aus verdorrte“, weil er dem hungernden Jesus keine Frucht gegeben hatte, verdorren und das Wenige an Lebenskraft in ihrem Glauben, das sie etwa hatten, verlieren.
Diese Erörterungen scheinen mir notwendig gewesen zu sein bei der Prüfung des Gebetsortes und der Darstellung der Vorzüge, welche - soweit es den Ort betrifft - die Zusammenkunft der frommen und gottesfürchtig sich an derselben Stelle mit der Gemeinde versammelnden Christen mit sich bringt. 145