Origenes · De oratione · Buch 3 · Kapitel 13
§ 1
Lukas scheint mir nun durch die Bitte; „Führe uns nicht in Versuchung“, dem Sinne nach auch diese: „erlöse uns von dem Bösen!“, mitgelehrt zu haben. Und wahrscheinlich brauchte der Herr dem Schüler gegenüber, der 135 schon nützliche Unterweisung erhalten hatte, die kürzere Fassung, für die Menge dagegen, die eindringlicher belehrt werden mußte, die deutlichere Form. Gott „erlöst uns aber von dem Bösen“ nicht dann, wenn uns der (böse) Feind mit seinen Schlichen mancherlei Art und den Helfershelfern seines Willens zum Kampfe überhaupt nicht entgegentritt, sondern wenn wir den Ereignissen tapfer die Stirn bieten und den Sieg gewinnen. So verstehen wir auch das Schriftwort: „Zahlreich sind die Drangsale der Gerechten, und aus allen diesen erlöst er sie.“ Denn von „den Drangsalen erlöst“ Gott nicht dadurch, dass keine Drangsale mehr eintreten - sagt doch auch Paulus „in allem bedrängt“ wie wenn wir zu keiner Zeit nicht „bedrängt“ wären -, sondern wenn wir, „bedrängt“, durch Gottes Beistand nicht „erdrückt“ werden. Und zwar wird der Ausdruck „bedrängt werden“ (θλίβεσθαι) nach einem gewissen hebräischen Sprachgebrauch bei einem mißlichen Umstand, der ohne unsern Willen eintritt, angewendet, der Ausdruck „erdrückt werden“ (στενοχωρεῖσθαι) aber bei dem mit freiem Willen versehenen Menschen, der durch die Drangsal, da er ihr (schwächlich) nachgegeben hat, besiegt worden ist. Daher hat Paulus vortrefflich gesagt: „in allem bedrängt, aber nicht erdrückt“. Diesem Ausspruch ähnlich ist meiner Meinung nach auch das Psalmwort: „In der Drangsal hast du mir Raum geschaffen.“ Denn die Fröhlichkeit und Heiterkeit unseres Sinnes, die uns zur Zeit der mißlichen Umstände von Gott infolge der Mitarbeit und Gegenwart des uns tröstenden und rettenden Gotteswortes geschenkt wird, hat (in der Schrift) den Namen „Raum schaffen“.
§ 2
Ähnlich ist es nun auch zu verstehen, wenn „jemand von dem Bösen erlöst wird“. Gott erlöst [den 136 Hiob] nicht dadurch, dass [der Teufel] keine Vollmacht erhielt, ihn mit derartigen Versuchungen zu umgarnen - denn er erhielt sie ja -, sondern dadurch, dass Hiob „bei allem, was ihm zustieß, sich nicht vor dem Herrn versündigte“, sondern als gerecht erwies. Wenn (also der Teufel) sagte: „Verehrt Hiob den Herrn etwa umsonst? Hast du nicht das außerhalb von ihm und das innerhalb seines Hauses und das außerhalb im Umkreis seines ganzen Besitzes Befindliche rings umhegt, [seine] Arbeiten gesegnet und seine Herden reichlich vermehrt auf der Erde? Aber recke deine Hand aus und taste seinen ganzen Besitz an: fürwahr, er wird dir ins Angesicht fluchen“, so wurde er auch damals als Verleumder des Hiob zu Schanden. Denn obwohl dieser so viele Leiden erduldet hatte, „flucht er“ doch nicht, wie der Widersacher behauptete, „Gott ins Angesicht“, sondern bleibt auch, als er dem Versucher preisgegeben ist, dabei, den Herrn zu rühmen. Und als sein Weib sagte: „Sprich ein Wort zum Herrn und stirb“, da tadelte und schalt er sie mit den Worten: „Wie eine von den törichten Frauen hast du geredet; wenn wir das Gute aus des Herrn Hand empfangen haben, sollten wir da das Böse nicht auch ertragen?“ Und zum zweiten Male „sprach der Teufel zum Herrn“ wegen Hiob: „Haut um Haut; alles, was der Mensch hat, wird er als Preis für sein Leben zahlen. Indessen recke deine Hand aus und taste sein Gebein und sein Fleisch an: fürwahr, er wird dir ins Angesicht fluchen!“ Aber besiegt von dem heldenhaften Kämpfer für die Tugend wird er als Lügner erwiesen. Denn wiewohl Hiob das Schwerste erduldet hatte, harrte er aus, „ohne mit seinen Lippen vor Gott zu sündigen“. Als aber Hiob zwei Kämpfe siegreich bestanden hatte, braucht er einen dritten so bedeutenden Kampf nicht zu bestehen. Denn der dreifache Kampf 137 mußte für den Heiland aufgespart werden, wie er in den drei Evangelien aufgezeichnet ist, da dreimal unser Heiland, als Mensch gedacht, den Feind besiegt hat.
§ 3
Da wir nun, um Gott mit Verständnis bitten zu können, dass wir „nicht in Versuchung geraten“ und „von dem Bösen erlöst werden“, diese Worte sorgfältiger geprüft und bei uns selbst erwogen haben und dadurch, dass wir auf Gott hören, seiner Erhörung würdig werden: so wollen wir ihn, wenn wir versucht werden, anrufen, dass wir nicht den Tod erleiden, und getroffen von den „feurigen Geschossen des Bösen“, nicht von ihnen entzündet werden. Entzündet aber werden von ihnen alle, deren „Herzen“ nach einem der zwölf (Propheten) „wie ein Ofen“ geworden sind; nicht entzündet werden dagegen diejenigen, welche „mit dem Schilde des Glaubens alle die feurigen, von dem Bösen auf sie geschleuderten Geschosse auslöschen“, wenn sie in sich selbst „Ströme Wassers haben, das zum ewigen Leben sprudelt“, Ströme, die die Macht des Bösen nicht erstarken lassen, sondern sie mit leichter Mühe durch die Überflutung mit den göttlichen und heilsamen Gedanken brechen, die durch die Betrachtung der Wahrheit der Seele dessen eingeprägt sind, der sich befleißigt „geistlich“ zu sein. 138