Origenes · De oratione · Buch 3 · Kapitel 10
§ 1
„Unser tägliches Brot gib uns heute!“ oder nach Lukas: „Unser tägliches Brot gib uns jeden Tag!“ Da einige annehmen, dass gemeint sei, wir sollten um das leibliche Brot beten, so ist es der Mühe wert, ihre falsche Meinung zu widerlegen und die Wahrheit über „das tägliche Brot“ festzustellen. Man muß nun diesen Leuten entgegnen: Wie konnte der, welcher fordert, dass man um himmlische und große Dinge bitten müsse, nach ihrer Annahme gleichsam seine eigenen Lehren vergessen und anordnen, über eine irdische und kleine Sache dem Vater ein Anliegen vorzutragen, da ja das für unser fleischliches (Leben) gegebene Brot weder himmlisch, noch die Bitte darum eine große Bitte ist?
§ 2
Wir aber folgen dem Lehrmeister selbst und wollen seine Lehre über das Brot ausführlicher 96 darlegen. Im Evangelium nach Johannes sagt (Jesus) zu denen, die nach Kapernaum gekommen waren, um ihn zu suchen: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, ihr suchet [mich], nicht weil ihr Zeichen gesehen habt, sondern weil ihr von den Broten gegessen habt und gesättigt worden seid.“ Denn wer von den von Jesus gesegneten Broten gegessen und sich an ihnen gesättigt hat, der sucht den Sohn Gottes viel genauer zu erfassen und eilt zu ihm. Deshalb gibt er eine treffliche Vorschrift in den Worten: „Schaffet nicht die vergängliche Speise, sondern die Speise, die zu ewigem Leben bleibt, welche der Menschensohn euch geben wird.“ Als demgegenüber die Hörer sich erkundigten und sagten; „Was sollen wir tun, dass wir die Werke Gottes schaffen?“ da antwortete Jesus und sagte zu ihnen: „Das ist das Werk Gottes, dass ihr glaubt an den, den er gesandt hat.“ Gott aber „sandte sein Wort und heilte sie,“ wie in den Psalmen geschrieben steht, nämlich die Kranken. Wer diesem „Worte“ glaubt, der „schafft die Werke Gottes“, die „eine Speise“ sind, „die zu ewigem Leben bleibt“. Und „mein Vater“, sagt er, „gibt euch das wahrhaftige Brot vom Himmel; denn das Brot Gottes ist das, welches vom Himmel herabsteigt und der Welt Leben gibt.“ „Das wahrhaftige Brot“ aber ist das, welches den wahrhaftigen Menschen, der „nach dem Bilde Gottes gemacht ist“, nährt; und wer hiervon sich nährt, der wird auch „dem Schöpfer ähnlich“. Was ist aber nahrhafter für die Seele als das Wort, oder was kostbarer als die Weisheit Gottes für den Geist dessen, der sie erfassen kann, oder was ist der vernünftigen Natur entsprechender als Wahrheit?
§ 3
Wenn aber jemand hiergegen einwenden wollte, er, (d.h. Christus) könne wohl nicht lehren, dass man 97 um “das tägliche Brot” als verschieden von ihm bitten solle, so mag er hören, dass (Christus) auch in dem Evangelium nach Johannes bald von einem (Brot) spricht, das verschieden von ihm ist, bald (so), dass er selbst das Brot ist. Das erstere findet sich in der Stelle: “Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben”, nicht “das wahrhaftige”, sondern mein Vater gibt euch das wahrhaftige Brot vom Himmel“; zu denen aber, die zu ihm sagten:”Gib uns allezeit dieses Brot“, spricht er als von sich selbst:”Ich bin das Brot des Lebens, wer zu mir kommt, der wird nicht hungern, und wer an mich glaubt, den wird niemals dürsten“, und etwas weiter:”Ich bin das [lebendige] Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wenn jemand von diesem Brot ißt, der wird leben in Ewigkeit; das Brot aber, das ich geben werde, ist mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt."
§ 4
Da aber nach der Schrift jede Nahrung „Brot“ genannt wird, wie aus dem Bericht über Mose erhellt: „Vierzig Tage lang aß er kein Brot und trank kein Wasser“, und da das nährende Wort mannigfaltig und verschiedenartig ist, weil nicht alle sich von den harten und festen göttlichen Lehren (geistig) zu nähren vermögen: deshalb sagt Jesus in der Absicht, eine für die Vollkommeneren passende Athletenkost ihnen vor Augen zu stellen: „Das Brot aber, das ich geben werde, ist mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt“ und bald darauf: „Wenn ihr nicht das Fleisch des Menschensohnes esset und sein Blut trinket, so habt ihr kein Leben in euch. Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, hat ewiges Leben, und ich werde ihn auferwecken am jüngsten Tage. Denn mein Fleisch ist wahre Speise, und mein Blut ist wahrer Trank. Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm. Wie mich der lebendige Vater abgesandt 98 hat, und ich um des Vaters willen lebe, so wird auch, wer mich ißt, um meinetwillen leben“. Dies aber ist „die wahre Speise“, (nämlich) das „Fleisch“ Christi, welches als „Wort“ „Fleisch geworden ist“ nach der Schriftstelle: „Und das Wort ward Fleisch“. So oft wir es aber „[essen und] trinken“, da „nimmt es auch Wohnung unter uns“: sobald es aber ausgeteilt wird, erfüllt sich das Schriftwort: „Wir schauten seine Herrlichkeit“. „Dies ist das Brot, das vom Himmel herabgekommnen ist, nicht wie bei den Vätern, die gegessen haben und gestorben sind; wer dieses Brot ißt, wird in Ewigkeit leben.“
§ 5
Paulus sagt, als er zu den „unmündigen“ und „nach Menschenart“ wandelnden Korinthern redet: „Milch gab ich euch zu trinken, nicht (feste) Speise; denn ihr vermochtet es noch nicht. Aber auch jetzt vermögt ihr es noch nicht, denn ihr seid noch fleischlich“, und im Hebräerbrief: „Und ihr seid so geworden, dass ihr der Milch bedürft, nicht fester Speise. Denn jeder, der von Milch lebt, ist unkundig des Wortes der Gerechtigkeit, er ist ja unmündig. Für Vollkommene aber ist die feste Nahrung, für die, deren Sinne durch ihr Verhalten geübt sind, Gutes und Böses zu unterscheiden.“ Ich meine aber, dass auch sein Wort: „Der eine glaubt, dass er alles essen kann, der Schwache aber ißt (nur) Gemüse“, nicht zuerst von leiblicher Nahrung zu verstehen ist, sondern von den Worten Gottes, die die Seele nähren. Denn der im Glauben Beharrende und ganz Vollkommene, den er durch die Worte: „Der eine glaubt, dass er alles essen kann“, bezeichnet, vermag alles zu genießen; der Schwächere und Unvollkommenere aber, den er mit den Worten schildern will: „der Schwache aber ißt (nur) Gemüse“, muß sich mit einfacheren Lehren, die ihm nicht gerade Stärke verleihen, begnügen. 99
§ 6
Auch das Wort bei Salomo in den Sprichwörtern lehrt, wie ich glaube, dass, wer infolge seiner Einfalt die kräftigeren und bedeutenderen Glaubenssätze nicht erfaßt, dabei aber doch frei von irrigen Ansichten bleibt, besser fährt als einer, der zwar gewandter und scharfsinniger ist und sich den Dingen in höherem Maße widmet, aber den Grund des Friedens und Zusammenklanges im Weltganzen nicht klar durchdringt. Der Wortlaut der Stelle bei ihm heißt so: “Besser Bewirtung mit Gemüse in Freundschaft und Huld, als ein gemästetes Kalb mit Feindschaft.” Oftmals haben wir daher eine ungeschickte und einfachere Bewirtung, verbunden mit einem reinen Gewissen, bei solchen Wirten, die uns nicht mehr darbieten konnten, viel lieber angenommen als “erhabene Worte” von Leuten, die sich “wider die Erkenntnis Gottes erhoben”, und die mit großer Überredungsgabe eine dem Vater unseres Herrn Jesu, dem, der das Gesetz und die Propheten gegeben hat“, fremde Lehre verkündigten. Damit wir also nicht an unserer Seele aus Mangel an Nahrung erkranken und auch nicht wegen”des Hungers nach dem Worte des Herrn" Gott absterben, so wollen wir, gehorsam der Lehre unseres Heilandes, im Glauben und rechtlichen Leben das “lebendige Brot”, das dasselbe ist wie das “tägliche Brot”, vom Vater erbitten.
§ 7
Nun aber ist auch die Bedeutung des Wortes „ἐπιούσιος “ zu überlegen. Zuerst muß man wissen, dass sich das Wort „ἐπιούσιος “ bei keinem griechischen Schriftsteller findet und auch nicht im Sprachgebrauche des gemeinen Mannes vorkommt, sondern von den Evangelisten gebildet zu sein scheint. Und zwar trafen Matthäus und Lukas bezüglich dieses Wortes, das sie in 100 die Öffentlichkeit brachten, genau zusammen, da es in keiner Hinsicht bei ihnen verschieden ist. Das gleiche haben bei anderen Worten auch die Übersetzer des hebräischen Grundtextes getan. Denn wer von den Griechen hat jemals die Bezeichnungen „ἐνωτίζου “ oder „ἀκουτίσθητι “ anstatt der (üblichen) „εἰς τὰ ὦτα δέξαι“ (=nimm in die Ohren auf) und „ἀκοῦσαι ποίει σε“ (= lasse dich hören) angewendet? Ein ganz ähnlicher Ausdruck wie „ἐπιούσιον “ steht bei Mose in den Worten Gottes geschrieben: „Ihr aber werdet mir sein ein Volk des Eigentums“ (λαὸς περιούσιος). Beide Wörter (d.h. ἐπιούσιος und περιούσιος) scheinen mir von οὐσία (= Sein, Substanz, Wesen, Eigentum) gebildet zu sein; das erste (ἐπιούσιος) bedeutet nämlich das Brot, das sich mit unserer Substanz (οὐσία) vereinigt, das zweite (περιούσιος) zeigt das Volk an, das zu (Gottes) „Eigentum“ geworden ist und an ihm Teil hat.
§ 8
Die Substanz (οὐσία) im eigentlichen Sinne jedoch wird von denen, die die Wesenheit des Unkörperlichen für ursprünglich erklären, eben bei den unkörperlichen Dingen angenommen, die in ihrem Sein nicht schwanken und weder einen Zusatz vertragen noch eine Beraubung dulden. Denn dies ist den körperlichen Dingen eigentümlich, bei denen, entsprechend ihrer fließenden Natur, die zur Stütze und Ernährung eines von außen in sie eindringenden Stoffes bedarf, eine verhältnismäßige Zunahme und Abnahme stattfindet: die Zunahme, wenn in einer bestimmten Zeit mehr eindringt als abfließt, die Abnahme, wenn verhältnismäßig weniger eindringt. Vielleicht nehmen einige Dinge das von außen Eindringende überhaupt nicht an und befinden sich daher in dem Zustand einer sozusagen reinen Verminderung. Wer aber das Sein (οὐσία) der unkörperlichen Dinge als Folgeerscheinung, das der körperlichen aber als ursprünglich ansieht, der bestimmt es folgendermaßen: Substanz (οὐσία) ist entweder erstes Substrat der vorhandenen Dinge und woraus diese entstehen, oder Substrat der Körper und woraus diese entstehen, oder Substrat der benannten Dinge und woraus diese 101 entstehen; oder die erste eigenschaftslose Substanz, oder das vor den Dingen Seiende; oder das, was alle Umwandlungen und Veränderungen annimmt, selbst aber seinem eigenen Begriff entsprechend unveränderlich bleibt, oder das, was jede Veränderung und Umwandlung zuläßt. Nach diesen Leuten ist die Substanz ihrem eigenen Begriffe nach eigenschafts- und formlos und besitzt auch keine bestimmte Größe, liegt aber wie ein gewisses zubereitetes Feld jeder Eigenschaft zugrunde. Mit „Eigenschaften“ aber bezeichnen sie im allgemeinen in ihrem System die Wirkungen und die Tätigkeiten, zu welchen die Bewegungen und Zustände gehören. Denn an keiner von diesen Eigenschaften habe die Substanz, sagen sie, ihrem eigenen Begriffe nach Anteil; immer jedoch sei sie infolge ihrer Empfänglichkeit mit irgendeiner von diesen Eigenschaften untrennbar verbunden, aber nichtsdestoweniger auch allen Einwirkungen des Handelnden zugänglich, so wie sie jener gestalte und umändere. Denn die ihr innewohnende und das Weltall durchdringende Kraft dürfte wohl Ursache jeder Eigenschaft und der mit ihr verbundenen Leistungen sein. Die Substanz ist nach ihrer Angabe durchaus veränderlich und durchaus zerlegbar; und jede Substanz könne mit jeder andern, allerdings zu einer (neuen) Einheit, verbunden werden.
§ 9
Da wir nun wegen „des täglichen Brotes“ und „des Volkes des Eigentums“ den Begriff οὐσία untersucht und dies dargelegt haben, um die Bedeutungen von οὐσία voneinander zu sondern, „das Brot“ aber, um das wir bitten sollten, im Vorhergehenden geistig zu verstehen war: so muß die Substanz notwendigerweise als dem Brot eng verwandt gedacht werden; damit, wie das leibliche Brot, das dem Körper gegeben wird, in die Substanz des (dadurch) Genährten eingeht, ebenso „das 102 lebendige und vom Himmel herabgekommene Brot“, dem Geist und der Seele gegeben, von der ihm eigenen Kraft demjenigen mitteile, der die durch dieses Brot gespendete Nahrung in sich aufnimmt; und dies wird „das tägliche Brot“ sein, um das wir bitten. Und wiederum, wie entsprechend der Beschaffenheit der Nahrung - die entweder eine „feste“ und für Kämpfer passende ist, oder aus „Milch“ und „Gemüse“ besteht- der sie Genießende verschiedene Leistungsfähigkeit erlangt: so ist es folgerichtig, dass, wenn das Wort Gottes entweder als „Milch“ passend für Kinder gegeben wird, oder ein „Gemüse“, geeignet für Schwache, oder als Fleisch schicklich für Kämpfende, dass dann ein jeder der Genährten nach dem Verhältnis seiner Hingabe an den Glauben dieses oder jenes zu leisten und ein Mann von solcher oder von solcher Bedeutung zu werden vermag. Es gibt freilich manches, was als Speise gilt, aber schädlich ist, und andere Speise, die krank macht, und eine dritte Art Speise, die nicht einmal verdaut werden kann; alles dies muß nach Verhältnis auch auf die Verschiedenheit der als geistnährend geltenden Lehren bezogen werden. Demnach ist „tägliches Brot“ das der geistigen Natur (des Menschen) am meisten entsprechende und der Substanz selbst verwandte, das der Seele zugleich Gesundheit und Wohlbefinden und Stärke verschafft und dem von ihm Essenden Anteil an der eigenen Unsterblichkeit gibt; denn unsterblich ist das Wort Gottes.
§ 10
Dieses „tägliche Brot“ nun scheint mir in der Schrift mit einem anderen Namen „Baum des Lebens“ genannt zu sein. Wer darnach „seine Hand ausstreckt und von ihm nimmt, der wird in Ewigkeit leben“. Mit einem dritten Namen wird dieser „Baum“ bei Salomo „Weisheit Gottes“ an folgenden Stellen genannt: „Sie ist 103 ein Baum des Lebens für alle, welche sich an ihr festhalten, und ein sicherer (Hort) für die, welche sich auf sie wie auf den Herrn stützen.“ Da aber auch die Engel durch Gottes Weisheit genährt werden, indem sie von dem mit Weisheit verbundenen wahrhaften Schauen (Gottes) Stärke erlangen, um die eigenen Werke zu vollenden, so heißt es in den Psalmen, dass auch die Engel genährt würden, und dass hierbei die Männer Gottes, die „Hebräer“ genannt werden, mit den Engeln verkehren und gleichsam auch ihre Tischgenossen werden. Ein solches Wort ist dieses; „Engelbrot aß der Mensch“. Denn unser Geist möge nicht in dem Grade bettelarm sein, um zu meinen, dass die Engel eine Art leiblichen Brotes, das, wie erzählt wird, auf die aus Ägypten ausgezogenen (Hebräer) vom Himmel herabgekommen war, immer als Nahrung empfangen, und dass die Hebräer gemeinsam mit den Engeln, „den dienstbaren Geistern“ Gottes, dieses Brot genossen hätten.
§ 11
Wenn wir aber untersuchen, was „das tägliche Brot“ und „der Baum des Lebens“ und „die Weisheit Gottes“ und die heiligen Menschen und Engeln gemeinsame Speise bedeuten, so ist es nicht unpassend, auch über die in der Genesis aufgezeichneten drei Männer, die bei Abraham einkehrten und von den „drei Maß Feinmehl“, die zur Herstellung von flachen Broten eingerührt waren, genossen, eine Erwägung anzustellen, ob dies nicht rein bildlich gesagt ist. Denn die Heiligen können zu Zeiten nicht nur Menschen, sondern auch göttlicheren Mächten Anteil an geistiger und vernunftgemäßer Nahrung geben, entweder zu ihrem Nutzen oder zum Nachweis der besten Nahrung, die sie 104 sich haben verschaffen können. An einem derartigen Nachweis erfreuen und nähren sich ja die Engel und werden bereitwilliger, auf jede Weise mitzuhelfen, und der Reihe nach dazu beizutragen, dass, wer früher bei Nahrung spendenden Lehren vorbereitet worden war und sie dann erfreut und sozusagen genährt hat, ein noch ausgedehnteres und höheres Verständnis gewinne. Es ist aber nicht wunderbar, wenn Engel durch einen Menschen genährt werden, da doch auch Christus zusagt, dass er „an der Tür stehe und anklopfe“, damit er „zu dem, der ihm öffnet, eingehe und mit ihm von dessen Vorräten speise“, um hierauf ebenfalls von seinem eigenen Besitz dem mitzuteilen, der vorher nach seinem eigenen Vermögen den Sohn Gottes bewirtet hatte.
§ 12
Wer nun an „dem täglichen Brot“ Anteil nimmt, der wird. „in seinem Herzen gestärkt“, ein Sohn Gottes; wer aber mit „dem Drachen“ Gemeinschaft hat, ist kein anderer als der geistig zu verstehende „Äthiope“ und wandelt sich infolge der Fallstricke des „Drachen“ ebenfalls in eine Schlange, so dass er, auch wenn er den Willen kundgibt, sich taufen zu lassen, von dem Wort (Gottes) gescholten wird und die Worte hören muß’: „Ihr Schlangen, ihr Otternbrut, wer hat euch gezeigt, dass ihr dem künftigen Zorngericht entgehen könntet?“ Über den von den Äthiopen gespeisten Drachenleib spricht sich aber David so aus; „Zerschmettert hast du die Häupter der Drachen auf dem Wasser, [zerbrochen hast du den Kopf des Drachen,] du hast ihn als Speise gegeben den Äthiopischen Völkern.“ Wenn es aber nicht unwahrscheinlich ist, dass im Hinblick auf die wirkliche Existenz des Sohnes Gottes und seines Widersachers sie beide Nahrung werden können dieses oder jenes (Menschen), was zögern wir, bei allen besseren und schlechteren 105 Mächten und bei den Menschen die Möglichkeit anzunehmen, dass ein jeder einzelne von uns Nahrung von allen diesen erhalten kann? Jedenfalls sieht Petrus, als er im Begriffe war, mit dem Hauptmann Cornelius und den bei ihm in Cäsarea Versammelten Gemeinschaft zu pflegen und hierauf auch den Heiden Anteil an den Worten Gottes zu geben, da sieht er „das an den vier Enden vom Himmel herabgelassene Gerät, in welchem sich alle vierfüßigen und kriechenden und wilden Tiere der Erde befanden“; wobei er auch den Befehl erhält, „aufzustehen, zu schlachten und zu essen“; und, als er dies mit den Worten: „Du weißt, dass niemals Gemeines oder Unreines in meinen Mund gekommen ist“, ablehnt, dann angewiesen wird, „keinen Menschen gemein oder unrein zu nennen“, weil das von Gott Gereinigte von Petrus nicht als gemein erklärt werden dürfe; denn die Schrift sagt: „Was Gott gereinigt hat, das erkläre du nicht für gemein.“ Also die reine und die unreine Speise, die nach dem Gesetze des Mose in den Benennungen so vieler Tiere unterschieden wird und auf die voneinander abweichende sittliche Beschaffenheit der Vernunftwesen bezogen werden muß, belehrt uns darüber, dass uns die Menschen teils (geistige) Nahrung bieten können, teils nicht dazu imstande sind, bis Gott alle reinigt und zum Spenden von Nahrung fähig macht, auch die „von aller Art“.
§ 13
Während nun dementsprechend eine so große Verschiedenheit in den Speisen besteht, gibt es im Vergleiche zu allen genannten nur ein einziges „tägliches Brot“, um das wir beten müssen, damit wir seiner gewürdigt, und genährt durch „das Wort“, das „als Gott 106 im Anfang bei Gott war“, vergöttlicht werden. Es wird nun jemand sagen, das Wort „ἐπιούσιος“ sei von ἐπιέναι (=herannahen, bevorstehen) gebildet, so dass uns befohlen würde, um das der zukünftigen Zeit angehörende Brot zu bitten, damit Gott vorausgreifend es uns schon (jetzt) schenken möchte; so würde uns gleichsam das, was morgen gegeben werden soll, „heute“ gegeben werden, wobei man unter „heute“, die Zeit der Gegenwart, unter „morgen“ aber die Zeit der Zukunft verstehen müßte. Da aber, wenigstens nach meinem Urteil, die frühere Auffassung (von ἐπιούσιος) besser ist, so wollen wir noch den Begriff „σήμερον“, der bei Matthäus dieser Bitte hinzugefügt ist, oder den Ausdruck „καθ’ ἡμέραν “, der bei Lukas geschrieben steht, prüfen. An vielen Stellen der (heiligen) Schriften ist es nun Sitte, die Gesamtzeit (αἰών) mit „σήμερον“ (=heute) zu bezeichnen, wie z.B. an dieser Stelle: „Dieser ist der Stammvater der Moabiter bis zum heutigen Tage“ und: „Dieser ist der Stammvater der Ammaniter bis zum heutigen Tage“ und: „Diese Rede verbreitete sich bei den Juden bis zum heutigen Tage“ und in den Psalmen: „Wenn ihr heute seine Stimme hört, so verhärtet eure Herzen nicht“. Im (Buch) Josua ist dies am deutlichsten so ausgesprochen: „Fallet nicht ab vom Herrn in diesen heutigen Tagen.“ Wenn aber „heute“ die ganze Gegenwart bedeutet, dann bedeutet vielleicht „gestern“ die vergangene Zeit. Wir sind nun der Ansicht, dass dies (die Schrift) in den Psalmen und bei Paulus im Hebräerbrief meint, in den Psalmen folgendermaßen: „Tausend Jahre sind in deinen Augen wie der gestrige Tag, der vergangen ist“ - dies ist wohl der bekannte Zeitraum von tausend Jahren, [der] mit dem „gestrigen Tage“ zum Unterschiede von dem „heutigen Tage“ verglichen wird -; bei dem Apostel aber steht geschrieben: „Jesus Christus gestern und heute derselbe und in Ewigkeit.“ Und es ist gar nicht 107 wunderbar, dass für Gott die ganze Zeit die Bedeutung des Zeitraums eines Tages nach unserer Rechnung, ich glaube aber sogar noch eines geringeren Zeitraumes, hat.
§ 14
Auch ist zu prüfen, ob sich die Berechnung der nach bestimmten „Tagen“ oder „Monaten“ oder „Festzeiten“ oder „Jahren“ aufgezeichneten Feste oder Versammlungen auf „Aeonen“ bezieht. Denn wenn „das Gesetz nur den Schatten der zukünftigen (Güter) hat“, so müssen notwendigerweise die vielen Sabbate „der Schatten“ vieler Tage von irgendeiner Art sein, und die Neumonde müssen in bestimmten Zeiträumen eintreten, durch das Zusammentreffen von, ich weiß nicht, was für einem Monde mit irgendeiner Sonne hervorgebracht. Wenn aber auch „der erste Monat“ und „der zehnte Tag bis zum vierzehnten“ und das Fest der ungesäuerten Brote von „dem vierzehnten bis zum einundzwanzigsten Tage“ einen „Schatten der zukünftigen Güter“ umschließt, „wer ist weise“ und so sehr „Gottes Freund“, dass er von mehreren Monaten „den ersten“ und seinen „zehnten Tag“ und das folgende erkennen könnte? Was soll ich nun sagen über das Fest der sieben Wochen und über „den siebenten Monat“, dessen Neumondstag der Tag „des Trompetenschalles“, und dessen „zehnter“ der „Sühnetag“ ist, da diese Dinge Gott allein, der sie zum Gesetz gemacht hat, (in ihrer Bedeutung) bekannt sind? Wer aber hat Christi Geist so weit erfaßt, dass er die siebenten Jahre der Freiheit der Hebräischen Sklaven und des „Erlasses der Schuldforderungen“ und der Freilassung des heiligen Landes vom Landbau deuten könnte? Es gibt nun ein Fest von noch höherem Rang als das in sieben Jahren 108 gefeierte, das sogenannte Jubeljahr. Sich dieses auch nur bis zu einem gewissen Grade nach seiner Bedeutung bestimmt vorzustellen oder die Gesetze in ihm, die sich wahrhaft erfüllen werden, das vermag niemand [ausgenommen] (der Sohn), der den väterlichen Ratschluß betreffend der Weltordnung geschaut hat, die sich in allen Zeiträumen nach „seinen unerforschlichen Gerichten und seinen nicht aufzuspürenden Wegen“ vollzieht.
§ 15
Oftmals wandelte mich beim Zusammenstellen von zwei Aussprüchen des Apostels der Zweifel an, wie denn das eine „Vollendung der Zeiten“ sei, bei der „einmal“ Jesus „zur Beseitigung der Sünden offenbar geworden ist“, wenn es Zeiträume geben soll, die nach diesem „herankommen“. Die Aussprüche des Apostels lauten so, zuerst im Hebräerbrief: „Jetzt aber ist er einmal bei der Vollendung der Zeiten zur Beseitigung der Sünden durch sein Opfer offenbar geworden“, und zweitens im Epheserbrief: „Damit er in den herankommenden Zeiträumen die überwältigende Fülle seiner Gnade in Güte gegen uns zeige.“ Über so wichtige Fragen nachdenkend, habe ich folgende Ansicht gewonnen. Wie „die Vollendung“ des Jahres der letzte Monat ist, nach welchem der Anfang eines andern Monats bevorsteht, ebenso ist vielleicht, indem mehrere Zeiträume gleichsam ein Jahr von Zeiträumen erfüllen, „die Vollendung“ der jetzige Zeitraum, nach welchem gewisse zukünftige Zeiträume eintreten werden, deren Anfang der nächstfolgende Zeitraum ist; und in jenen künftigen Zeiträumen wird „Gott den Reichtum seiner 109 Gnade in Güte dadurch erzeigen“, dass der größte Sünder, nämlich der, welcher gegen den Heiligen Geist gelästert hat und in dem ganzen gegenwärtigen Zeitraum und vom Anfang bis zum Ende in dem folgenden von der Sünde gefangen gehalten wird, hierauf in einer mir unbekannten Weise das Heil erlangt.
§ 16
Wer also dies erkannt und mit seinem Denkvermögen sich eine Aeonen-Woche, um eine Art von heiliger „Sabbatruhe“ zu schauen, vorgestellt und einen Aeonen-Monat erforscht hat, um den heiligen Neumond Gottes zu sehen, und ein Aeonen-Jahr, um die Feste des Jahres wahrzunehmen, wenn „alles Männliche vor Gott, dem Herrn, erscheinen“ muß, und die entsprechenden Jahre so großer Zeiträume, um das siebente heilige Jahr zu begreifen, und die Aeonen-Jubeljahre, um den, der so große Bestimmungen getroffen hat, zu preisen: wie kann ein solcher Mann über den so kleinen Teil einer Tagesstunde dieses so großen Zeitraums kleinlich streiten, und wird er nicht vielmehr alles tun, dass er, durch die irdische Vorbereitung würdig geworden des Empfanges „des täglichen Brotes“ an dem „heutigen“ Tage, es auch „jeden Tag“ empfange? Der Begriff „jeden Tag“ ist ja aus dem vorher Gesagten bereits deutlich. Denn wer zu Gott, der von Ewigkeit zu Ewigkeit ist, nicht nur um das „heute“, sondern auch um das „jeden Tag“ „heute“ betet, der wird von dem, der die Macht hat zu schenken „überschwenglich über das hinaus, was wir erbitten oder verstehen“, sogar noch mehr - um so mit Übertreibung zu sprechen - erlangen können, als „was kein 110 Auge gesehen“, und noch mehr als „was kein Ohr gehört“, und noch mehr als was „in keines Menschen Herz emporgestiegen ist“.
§ 17
Diese Untersuchung scheint mir sehr nötig gewesen zu sein, um die Begriffe „heute“ und „jeden Tag“ zu verstehen, wenn wir beten, dass „das tägliche Brot“ (d.h. Christus) uns von seinem Vater gegeben werde. Wenn wir aber auch [nach] dem letzten Evangelium (dem des Lukas) [in gleicher Weise wie nach dem] ersteren (dem des Matthäus) den Begriff „unser“ beurteilen können, so müssen wir trotzdem prüfen, wieso denn dieses Brot „unser“ ist, da es (bei Lukas) nicht heißt: „Unser tägliches Brot gib uns heute“, sondern: „Unser tägliches Brot gib uns jeden Tag.“ Nun lehrt der Apostel: „Sei es Leben, sei es Tod, sei es Gegenwärtiges, sei es Zukünftiges, alles“ ist Eigentum der Frommen; [worüber] gegenwärtig zu sprechen nicht notwendig ist.