Origenes · De oratione · Buch 3 · Kapitel 9
§ 1
„Es geschehe dein Wille, wie im Himmel, also auch auf Erden!“ Lukas hat dies nach der Bitte „Es komme dein Reich!“ übergangen und läßt (sogleich) folgen: „Unser tägliches Brot gib uns jeden Tag!“ Deshalb wollen wir die vorangestellten Worte als nur bei Matthäus überliefert im Anschluß an die vor diesen stehenden Worte prüfen. Solange wir Betenden noch „auf Erden“ sind und bedenken, dass „der Wille Gottes im Himmel“ bei allen Himmelsbewohnern „geschieht“, so wollen wir darum beten, dass auch bei uns „auf Erden“ in gleicher Weise wie bei jenen „der Wille Gottes in allem geschehe“; dies wird dann eintreten, wenn wir nichts wider seinen Willen tun. Sobald aber „der Wille Gottes“, wie er „im Himmel“ waltet, auch von uns „auf Erden“ vollzogen wird, so werden wir den Himmelsbewohnern gleichgestellt sein, da wir ähnlich wie jene „das Bild des Himmlischen an uns tragen“, und werden „das Himmelreich erben“, während die nach uns „auf Erden“ Weilenden darum beten werden, auch uns, wenn wir „im Himmel“ sind, gleichgestellt zu sein.
§ 2
Freilich können, wenn wir den Bericht des Matthäus allein berücksichtigen, die Worte: “wie im Himmel, also auch auf Erden” als gemeinsame Ergänzung (der Bitten) aufgefaßt werden, so dass uns bei dem Gebet eine solche Ausdrucksweise vorgeschrieben würde: “Geheiligt werde dein Name, wie im Himmel, also auch auf Erden” “Es komme dein Reich”, “wie im Himmel, also auch auf Erden!” “Es geschehe dein Wille, wie im Himmel, also auch auf Erden!” Denn “der Name Gottes” wird ja “geheiligt” bei denen im 91 Himmel“, und gegenwärtig ist ihnen”das Reich Gottes“, und”der Wille Gottes" ist bei ihnen “geschehen”. Alles dieses fehlt uns, die wir “auf Erden” weilen, es kann uns aber dadurch zuteil werden, dass wir uns würdig machen, in allen diesen Dingen von Gott erhört zu werden.
§ 3
Man könnte nun, weil die Bitte lautet: „Es geschehe dein Wille, wie im Himmel, also auch auf Erden“, untersuchen, wie denn „der Wille Gottes im Himmel geschieht“, wo doch „die Geisterwesen der Bosheit“ sind, wegen deren „das Schwert Gottes“ auch „im Himmel (vom Blute) trunken sein“ wird. Wenn wir aber beten, dass so „auf Erden“ „der Wille Gottes geschehen“ möge, wie er auch „im Himmel geschieht“, ist dann nicht (zu fürchten), wir könnten, ohne es zu merken, darum beten, dass auch die feindlichen Mächte „auf Erden“ verbleiben, wohin eben diese vom Himmel her kommen, so dass viele „auf Erden“ schlecht werden wegen der sie verführenden „Geisterwesen der Bosheit, die in der Himmelswelt sind“? Wer nun den Ausdruck „Himmel“ bildlich verstehen und sagen würde, damit sei Christus gemeint, mit „Erde“ aber die Kirche - denn wer ist ein so würdiger „Thron“ des Vaters wie Christus, und gibt es einen so trefflichen „Schemel für die Füße“ Gottes wie die Kirche? -, der wird mit leichter Mühe die Streitfrage lösen und sagen; ein jeder, der zur Kirche gehört, müsse darum beten, den „Willen des Vaters“ so zu erfassen, wie Christus ihn erfaßt hat, der gekommen ist, „den Willen seines Vaters“ zu tun, und ihn ganz zur Erfüllung gebracht hat. Denn wer ihm „anhängt“, kann „ein 92 Geist mit ihm werden“ und deshalb „den Willen“ (des Vaters) erfassen, dass, „wie er im Himmel“ erfüllt ist, er ebenso auch „auf Erden“ erfüllt werde; denn nach Paulus ist, „wer dem Herrn anhängt, ein Geist (mit ihm)“. Diese Auslegung wird meines Erachtens nicht leicht beiseite gelassen werden können, wenn man sie erst sorgfältiger erwogen hat.
§ 4
Wer aber dieser Auslegung widerspricht, wird das Wort des auferstandenen Herrn an die elf Jünger, das am Schlusse dieses Evangeliums steht, anführen: „Mir ist gegeben alle Gewalt, wie im Himmel, (so) auch auf Erden“. Denn im Besitze der „Gewalt“ über die „im Himmel“ hat er nach diesen Worten „die Gewalt auf Erden“ hinzubekommen, da die „im Himmel“ auch früher (schon) von dem Wort erleuchtet sind, während „am Ende der Welt“ auch die „auf Erden“ wegen der dem Sohne Gottes verliehenen Gewalt den sittlich reinen (Mächten) „im Himmel“, über die der Heiland Gewalt erhalten hat, nachahmen. So will nun Christus die von ihm Unterrichteten durch ihre Gebete gleichsam zu Mitarbeitern seinem Vater gegenüber nehmen, damit er in ähnlicher Weise wie das „im Himmel“ der Wahrheit und dem Worte Unterworfene das „auf Erden“ [wegen] der „wie im Himmel, (so) auch auf Erden“ erlangten Gewalt sittlich bessere und zu dem seligen Ziele der unter seiner Gewalt Stehenden führe. Wer aber unter „Himmel“ den Heiland und unter der „Erde“ die Kirche verstehen will, indem er „den Erstgeborenen aller Schöpfung“, auf dem der Vater wie auf einem Throne ruht, als „den Himmel“ bezeichnet, der dürfte wohl finden, dass „der Mensch“, den er als eng verbunden mit jener Macht „anzog“, weil er „sich selbst 93 erniedrigte und gehorsam bis zum Tode wurde“, nach seiner Auferstehung das Wort spricht: „Mir ist gegeben alle Gewalt, wie im Himmel (so) auch auf Erden“; denn der „Mensch“ im Heiland hat die „Gewalt über die im Himmel“ als die im „Erstgeborenen“ Vorhandenen erhalten, damit er sie mit ihm teile, indem er sich mit der Gottheit jenes innig vermischt und mit ihm eins wird.
§ 5
Da aber der zweite Erklärer die Zweifel darüber noch nicht beseitigt, wie denn „der Wille Gottes im Himmel“ gilt, während doch die „in den Himmelsräumen wohnenden Geisterwesen der Bosheit gegen die auf Erden streiten“, so wird es möglich sein, von dieser Erwägung aus die Frage so zu lösen. Wie der, welcher noch „auf Erden“ weilt, aber „sein Bürgertum in den Himmeln“ hat und Schätze „im Himmel“ sammelt, da er „sein Herz im Himmel“ hat und „das Bild des Himmlischen an sich trägt“, deshalb zwar nicht des Ortes, aber der Gesinnung wegen nicht mehr „von der Erde“ ist, auch nicht „von der unteren Welt“, sondern vom Himmel und der himmlischen Welt, die besser ist als diese: so sind auch „die noch in den himmlischen Räumen verweilenden Geisterwesen der Bosheit“, die „ihr Bürgertum“ „auf Erden“ haben und dem Menschen als ihre Widersacher nachstellen und sich „Schätze auf Erden sammeln“ und „das Bild des Irdischen an sich tragen“, welcher „das Erstgebilde des Herrn ist, geschaffen, um von den Engeln verspottet zu werden“ - so sind auch diese Geister nicht 94 himmlisch und wohnen auch wegen ihrer schlechten Gesinnung nicht in den Himmeln. Wenn nun gesagt wird: „Es geschehe dein Wille, wie im Himmel, also auch auf Erden“, so muß man annehmen, dass sich jene Geister gar nicht „im Himmel“ befinden, sondern durch ihren Hochmut mit dem „aus dem Himmel“ nach Art eines „Blitzes gefallenen“ (Engel) gefallen sind.
§ 6
Und wenn unser Heiland sagt, man müsse beten, dass „der Wille des Vaters wie im Himmel, also auch auf Erden geschähe“, so befiehlt er wohl die Gebete nicht durchweg daraufhin zu lenken, dass die an einem Orte der Erde Befindlichen ähnlich werden denen, die an einem Orte des Himmels weilen, sondern bei der Anordnung des Gebetes wünscht er, dass alles „auf Erden“, d.h. das Schlechtere und mit dem Irdischen eng Verbundene, ähnlich werde dem Besseren, das „sein Bürgertum in den Himmeln hat“ und ganz und gar „Himmel“ geworden ist. Denn wer sündigt, der „ist Erde“, mag er auch sein, wo er will, und „wird“, wenn er nicht bereut, irgendwie zu der ihm verwandten „Erde werden“; wer aber „den Willen“ Gottes tut und seinen heilsamen geistigen Gesetzen gehorcht, der ist „Himmel“. Sei es nun, dass wir noch „Erde“ sind wegen unserer Sünde, so wollen wir beten, dass sich auch auf uns der Wille Gottes zu unserer Besserung so erstrecke, wie er zu denen gekommen ist, die vor uns „Himmel“ geworden sind oder „Himmel“ sind; sei es aber, dass wir von Gott nicht als „Erde“, sondern schon als „Himmel“ angesehen werden, so wollen wir bitten, dass in gleicher Weise wie „im Himmel“ so auch „auf Erden“, ich meine aber bei den Schlechteren, „der Wille Gottes“ erfüllt wird, damit die Erde sozusagen zum Himmel umgeschaffen werde, so dass es einmal keine „Erde“ mehr gibt, sondern alles „Himmel“ wird. Denn wenn nach 95 unserer Auslegung „der Wille“ Gottes „wie im Himmel“ ebenso auch „auf Erden geschieht“, dann wird die Erde nicht „Erde“ bleiben. Durch ein anderes Beispiel läßt sich dies deutlicher machen. Wenn „der Wille“ Gottes, wie er bei den Enthaltsamen geschehen ist, so auch bei den Zügellosen geschähe, so werden die Zügellosen enthaltsam sein; oder [wenn] „der Wille“ Gottes, wie er bei den Gerechten geschehen ist, [so] auch bei den Ungerechten [geschähe], so werden die Ungerechten gerecht sein. Deshalb werden wir, wenn „der Wille“ Gottes so „auch auf Erden geschieht“, wie er „im Himmel geschehen ist“, alle zu „Himmel“ werden. Und wenn auch das nichts nützende „Fleisch“ und das mit ihm verwandte „Blut“ das „Reich Gottes“ nicht „ererben“ können, so würde vielleicht doch gesagt werden dürfen, dass sie es ererben könnten, wenn sie sich aus Fleisch und Erde und Staub und Blut zu dem himmlischen Wesen umgewandelt haben.