Origenes · De oratione · Buch 3 · Kapitel 3
§ 1
Wenn es aber einen gewissen Unterschied zwischen „Gemeinde“ und „Synagoge“ gibt - denn die wahre Gemeinde hat keinen „Flecken, keine Runzel oder etwas dergleichen, sondern ist heilig und tadellos“, und zu ihr erhält weder „der Sohn einer Hure noch der Eunuch oder Verstümmelte“, auch nicht ein Ägypter oder Idumäer Zutritt, sie müßten sich denn, wenn ihnen Söhne geboren sind, „der dritten Generation“ wegen mühsam der Gemeinde anpassen können, auch nicht „der Moabiter und Ammaniter“, außer 69 wenn die zehnte Generation erfüllt und der (bestimmte) Zeitraum vollendet ist; die „Synagoge“ aber wird von einem „Hauptmann erbaut“ der dies in den Zeiten vor der Ankunft Jesu tut, als ihm noch nicht bezeugt worden ist, dass er „einen Glauben“ habe, so groß, wie ihn der Sohn Gottes „auch in Israel nicht fand“ -, wer also „in den Synagogen zu beten pflegt“, der ist nicht weit entfernt von „den Straßenecken“. Aber der Fromme ist nicht so geartet. Denn nicht „pflegt er zu beten“, sondern liebt (das Gebet), und zwar nicht „in Synagogen“, sondern in Gemeinden, und nicht „an Straßenecken“, sondern auf dem geraden „engen und schmalen Wege“, aber auch nicht, „um sich vor den Leuten zu zeigen“, sondern um „vor Gott dem Herrn zu erscheinen“. Denn „männlich“ ist [wer] „das angenehme Jahr des Herrn“ wahrnimmt und das Gebot beobachtet, welches lautet: „Dreimal im Jahre soll alles, was männlich ist, vor Gott dem Herrn erscheinen.“
§ 2
Sorgfältig aber muß man auf den Ausdruck „sich zeigen“ achten; denn nichts, was „sich zeigt“, ist sittlich gut, da es gleichsam nur dem Scheine nach und nicht wahrhaft existiert und unsere Vorstellung in die Irre führt, aber nicht genau und wahrhaft ausprägt. Wie die Darsteller von gewissen Handlungen in den Theatern nicht das, wofür sie sich ausgeben, sind, auch nicht das, was man nach der sie umgebenden Maske in ihnen sieht: so sind auch alle diejenigen, welche durch den Schein die Vorstellung des sittlich Guten fälschlich erwecken, nicht Gerechte, sondern nur Darsteller der Gerechtigkeit, da sie ebenfalls in einem eigenen Theater, „den Synagogen und den Straßenecken“, als Darsteller 70 tätig sind. Wer aber nicht (ein solcher) Darsteller ist, sondern alles Fremde abgelegt hat und in dem Theater, das an Erhabenheit jedes vorher genannte gewaltig übertrifft, zu gefallen sich rüstet, der „geht hinein in seine Kammer“, indem er bei dem in der Schatzkammer niedergelegten Reichtum „den Schatz der Weisheit und Erkenntnis“ mit einschließt; und ohne sich irgendwie nach außen zu wenden oder die Außenwelt mit Bewunderung zu betrachten, schließt er jede „Tür“ der Sinneswerkzeuge zu, damit er nicht durch die Sinne abgezogen wird und damit sich nicht die durch diese geweckte Vorstellung in seinen Geist eindrängt, und „betet zu dem Vater“, der ein solches „Verborgene“ nicht flieht noch verläßt, sondern in ihm (dem Betenden) wohnt, wobei auch der eingeborene Sohn mit zugegen ist. Denn „ich und der Vater“ sagt er, „wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen“. Wenn wir nun so beten, so werden wir offenbar nicht nur den gerechten Gott, sondern auch den Vater finden, da er sich von den Söhnen nicht trennt, sondern „in dem Verborgenen“ von uns zugegen ist und über ihm waltet und den Inhalt „der Kammer“ vergrößert, wenn wir ihre „Türe“ zuschließen.