Origenes · De oratione · Buch 3 · Kapitel 1
§ 1
Hiermit ist nun nach der uns von Gott durch seinen Christus geschenkten Gnade, so wie wir sie erfaßt haben - wenn doch aber auch im Heiligen Geiste! Ob dies zutrifft, werdet ihr beim Lesen dieser Schrift beurteilen -, eine ausreichende Darlegung und Untersuchung des Gebetsproblems von uns gegeben worden. Jetzt wollen wir uns zu der folgenden Aufgabe wenden und überlegen, welche große Bedeutung dem von dem Herrn vorgeschriebenen Gebet innewohnt.
§ 2
Und vor allem ist nun anzumerken, dass es den meisten wohl scheinen könnte, als ob Matthäus und Lukas dasselbe Gebet, entworfen in der Absicht, dass man so beten müsse, aufgezeichnet hätten. Der Wortlaut bei Matthäus heißt so: „Unser Vater, der du bist in den Himmeln. Geheiligt werde dein Name! Es komme dein Reich! Es geschehe dein Wille, wie im Himmel, also auch auf Erden! Unser tägliches Brot gib uns heute! Und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben haben unsern Schuldnern! Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen!“ Bei Lukas aber so: „Vater, geheiligt werde dein Name! Es komme dein Reich! 65 Unser tägliches Brot gib uns jeden Tag! Und vergib uns unsere Sünden, denn auch wir vergeben jedem, der uns schuldig ist! Und führe uns nicht in Versuchung!“
§ 3
Denen, die (dasselbe Gebet) annehmen, ist zu entgegnen, erstens, dass die Worte, wenn sie auch einige Berührungen miteinander haben, doch auch in andern Beziehungen verschieden zu sein scheinen, wie wir bei der Untersuchung derselben darlegen werden; zweitens, dass es sich (bei Matthäus und Lukas) unmöglich um dasselbe Gebet handeln kann, das (bei Matthäus) auf dem „Berge“ gesprochen wird, „auf den er stieg, als er die Volksmassen sah“, als „seine Jünger, nachdem er sich gesetzt hatte, zu ihm traten, und er seinen Mund öffnete und sie lehrte“, da sich dieses Gebet in dem Zusammenhang der Verkündigung der Seligpreisungen und der folgenden Gebote bei Matthäus aufgezeichnet findet, und das Gebet, welches (bei Lukas) , „da er an einem Orte war und betete, als er aufgehört hatte“, zu einem „der Jünger“ gesprochen wird, der gebeten hatte, ihn „beten zu lehren, wie auch Johannes seine Schüler lehrte“. Denn wie ist es möglich, dass dieselben Worte (hier) ohne jede vorausgegangene Frage als Anordnung gesprochen und (dort) auf die Bitte eines Jüngers hin kund gegeben werden? Aber vielleicht könnte jemand hierzu bemerken, dass die beiden Gebete als gleichbedeutend und wie eins gesprochen (anzusehen) seien, das eine Mal in ausgedehnter Rede [an die Jünger], das andere Mal an einen andern (einzelnen) Jünger auf seine Bitte hin, der wahrscheinlich damals nicht zugegen war, als (Jesus) das bei Matthäus Stehende sagte, oder der das lange vorher Gesagte nicht (mehr) inne hatte. Indessen ist die Annahme von zwei verschiedenen Gebeten mit einigen gemeinsamen Teilen wohl vorzuziehen. 66 Wir haben auch bei Markus nachgeforscht, damit uns nicht etwa ein dort aufgezeichnetes derartiges Gebet von gleicher Bedeutung entginge, haben aber dort auch nicht die Spur von einem (solchen) Gebet gefunden.