Origenes · De oratione · Buch 3 · Kapitel 5
§ 1
„Unser Vater, der du bist in den Himmeln.“ Es wäre der Mühe wert, das sogenannte Alte Testament sorgfältiger daraufhin zu betrachten, ob sich wohl in ihm irgendwo ein Gebet finden läßt, in dem der Betende Gott als „Vater“ bezeichnet; denn für jetzt haben wir nach Kräften danach gesucht, aber keines gefunden. Allerdings behaupten wir nicht, dass Gott (dort überhaupt) nicht „Vater“ genannt werde, oder dass diejenigen, welche für Gott-Gläubige gelten, nicht „Söhne Gottes“ genannt worden seien, sondern dass wir die von dem Heiland verkündete Freiheit, Gott „Vater“ zu nennen, in einem Gebete (dort) noch nicht gefunden haben. Dass aber Gott „Vater“, und „Söhne“ die genannt werden, die dem Worte Gottes anhangen, das kann man häufig sehen, wie z.B. auch im Deuteronomium: „Gott, deinen Erzeuger, ließest du im Stich und vergaßest Gott, der dich ernährt“; und anderswo: „Hat nicht eben dieser, dein Vater, dich erworben und dich geschaffen und dir Dasein verliehen?“, und weiter: „Söhne, denen keine Treue innewohnt“; und bei Jesaja: „Söhne habe ich gezeugt und erhöht, sie aber haben mich verworfen“; und bei Maleachi; „Ein Sohn soll seinen Vater ehren und ein Sklave seinen 73 Herrn. Und wenn ich Vater bin, wo ist denn meine Ehre? Und wenn ich Herr bin, wo ist denn die Furcht vor mir?“
§ 2
Wenn demnach auch bei den Alten Gott den Namen „Vater“ erhält und die durch das Wort des Glaubens an ihn Erzeugten den Namen „Söhne“ führen, so kann man doch dort den Begriff der sichern und unwandelbaren Sohnschaft nicht finden. Die oben angeführten Stellen wenigstens lassen die als „Söhne“ Bezeichneten als schuldig erscheinen. Denn nach dem Apostel „besteht, solange der Erbe unmündig ist, kein Unterschied zwischen ihm und einem Knechte, obwohl er doch der Herr von allem ist; sondern er steht unter Vormündern und Verwaltern bis zu der vom Vater festgesetzten Zeit“; „die Erfüllung der Zeit“ aber liegt in der Ankunft unseres Herrn Jesu Christi, wenn die, welche es wollen, die Sohnschaft empfangen wie Paulus in diesen Worten lehrt: „Denn ihr habt nicht empfangen einen Geist der Knechtschaft zur Furcht, sondern ihr habt empfangen den Geist der Sohnschaft, in welchem wir rufen: Abba, Vater“; und in dem Evangelium nach Johannes steht: „So viele ihn aber annahmen, denen hat er Vollmacht gegeben, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben.“ Und aus dem katholischen Briefe des Johannes haben wir über „die aus Gott Gezeugten“ gelernt, dass wegen dieses „Geistes der Sohnschaft“ „jeder, der aus Gott gezeugt ist, nicht Sünde tut, weil dessen Same in ihm bleibt, und dass er nicht sündigen kann, weil er aus Gott gezeugt ist.“
§ 3
Wenn wir jedoch einsehen würden, was die Worte, die bei Lukas geschrieben stehen, bedeuten: „Wenn ihr betet, so sprecht: Vater“, so werden wir, falls wir keine echten Söhne geworden sind, Bedenken tragen, diese Bezeichnung vor ihn zu bringen, damit wir 74 nicht etwa zu unseren übrigen Sünden auch noch von dem Vorwurf der Gottlosigkeit getroffen werden. Was ich aber meine, ist folgendes. Paulus äußert in dem ersten Brief an die Korinther: „Keiner kann sagen: Herr Jesus, außer im Heiligen Geist, und keiner, der im Geiste Gottes redet, sagt: verflucht sei Jesus“, indem er unter „Heiligem Geist“ und „Geist Gottes“ dasselbe versteht. Was aber die Worte: „im Heiligen Geist Herr Jesus sagen“ bedeuten, ist nicht recht klar, da diesen Ausdruck unzählige Heuchler und zahlreiche Andersgläubige, bisweilen auch Dämonen anwenden, die (doch) von der in diesem Namen liegenden Kraft besiegt werden. Niemand wird nun zu behaupten wagen, dass einer von diesen „im Heiligen Geist Herr Jesus sage“. Deshalb könnte wohl bei ihnen auch nicht gezeigt werden, dass sie (wirklich) „Herr Jesus“ sagen, da nur die Leute von [frommer] Gesinnung, indem sie dem Wort Gottes dienen, Jesus [mit Recht] so nennen und keinen anderen außer ihm bei all ihren Handlungen als „Herrn“ bekennen, da (nur) Jesus „Herr“ ist Wenn aber die, welche „Herr Jesus“ sagen von solcher Art sind, so ruft wohl (andererseits) jeder Sünder, indem er durch sein gesetzwidriges Handeln das göttliche Wort verflucht, durch seine Werke aus: „verflucht sei Jesus“. Wie nun der frommgesinnte Mensch sagt: „Herr Jesus“ und der diesem entgegengesetzt Denkende: „verflucht sei Jesus“, so sagt, „jeder, der aus Gott gezeugt ist“ und, teilnehmend an „dem Samen“ Gottes, der ihn von aller Sünde fern hält, „nicht Sünde tut“, durch seine Taten: „Unser Vater, der du bist in den Himmeln“; wobei „der Geist selbst mit Zeugnis ablegt für ihren 75 Geist, dass sie Kinder Gottes und seine Erben und Miterben Christi sind“, da sie „mitleidend“ auch begründete Hoffnung haben, „mit verherrlicht zu werden“. Damit aber solche Christen die Worte „Unser Vater“ nicht bloß zur Hälfte sagen, so „glaubt“, abgesehen von den Werken, auch „das Herz“, die Quelle und der Ursprung der guten Werke, „zur Gerechtigkeit“, während ihr „Mund“ übereinstimmend hiermit „Bekenntnis ablegt zum Heil“.
§ 4
Jedes Werk nun bei ihnen, jedes Wort und jeder Gedanke, von dem eingebornen Wort nach ihm selbst gestaltet, ahmt das „Ebenbild des unsichtbaren Gottes“ nach und entsteht „nach dem Ebenbilde des Schöpfers“, der „seine Sonne über Gute und Böse aufgehen, und regnen läßt über Gerechte und Ungerechte“, so dass in ihnen „ das Bild des Himmlischen“ wohnt, der selbst das „Ebenbild Gottes“ ist. Da nun „die Heiligen“ „Abbild“ des „Ebenbildes“, d.h. des Sohnes, sind, so machen sie sich die Sohnschaft zu eigen, indem sie nicht nur „dem Leibe der Herrlichkeit“ Christi „gleichgestaltet“ werden, sondern auch ihm selbst, der „im Leibe“ ist. Sie werden aber dem im „Leibe der Herrlichkeit“ Befindlichen dadurch „gleichgestaltet“, dass sie „verwandelt werden durch Erneuerung des Sinnes“. Wenn aber solche (Christen) in allem die Worte sprechen: „Unser Vater, der du bist in den Himmeln“, so ist (andererseits) „wer die Sünde tut“, wie Johannes in seinem katholischen Briefe sagt, offenbar „vom Teufel, da der Teufel von Anfang an sündigt“. Und wie der „Same Gottes“, in dem „aus Gott Gezeugten“ verbleibend, Ursache wird, dass der nach dem eingebornen Wort Gestaltete nicht „sündigen“ 76 kann, so ist in jedem, der „die Sünde tut“, „der Same“ des Teufels, der dem damit Behafteten, solange er sich in seiner Seele befindet, die Möglichkeit raubt, gut zu handeln. Aber weil „dazu der Sohn Gottes sich offenbart hat, um die Werke des Teufels zu zerstören“, so ist es durch die Einkehr des Wortes Gottes in unsere Seele möglich, dass nach „Zerstörung der Werke des Teufels“ der in uns gelegte böse „Same“ ganz verschwindet und wir „Kinder Gottes“ werden.
§ 5
Wir wollen also nicht glauben, dass wir nur zu irgendeiner bestimmten Gebetszeit Worte zu sprechen gelehrt würden. Sondern wenn wir unsere früheren Ausführungen über (die Notwendigkeit) „des Betens ohne Unterlaß“ recht verstehen, so muß unser ganzes Leben „im Gebet ohne Unterlaß“ die Worte sprechen: „Unser Vater, der du bist in den Himmeln“, da es „sein Bürgertum“ keineswegs auf Erden, sondern durchaus „in den Himmeln“ hat, die „Throne Gottes“ sind, da das Reich Gottes auf allen denen begründet ist, die „das Bild des Himmlischen tragen“ und deshalb „zu Himmlischen“ geworden sind.