Origenes · De oratione · Buch 3 · Kapitel 7
§ 1
„Geheiligt werde dein Name!“ [Da der Betende] das eine Mal darlegt, das worum er bittet, sei ihm noch nicht geworden, das andere Mal aber, wenn er es erlangt hat, darlegt, es sei nicht von 82 Dauer, und (deshalb) bittet, dass es ihm bewahrt bleibe; so werden wir, soweit es hier auf den Wortlaut ankommt, nach Matthäus und Lukas offenbar aufgefordert, die Bitte zu sprechen: „Geheiligt werde dein Name“, da „der Name des Vaters“ noch nicht „geheiligt worden sei“. Und wie sollte, könnte jemand sagen, ein Mensch bitten, dass „der Name Gottes“, als nicht geheiligt, „geheiligt werde“? [Dies wollen wir jetzt prüfen und zuerst] erwägen, was „der Name“ des Vaters und was sein „Geheiligt werden“ bedeutet.
§ 2
„Name“ ist also eine zusammenfassende Benennung, die die eigenartige Beschaffenheit dessen andeutet, der den Namen trägt. So gibt es z.B. eine gewisse eigenartige Beschaffenheit des Apostels Paulus, teils seiner Seele, nach welcher sie so und so beschaffen ist, teils seines Geistes, nach welcher dieser solche oder solche Betrachtungen anstellt, teils eine gewisse Beschaffenheit seines Leibes, nach welcher dieser von der und der Art ist. Das Eigenartige und einem andern gegenüber Selbständige dieser Beschaffenheiten - denn einen andern, mit Paulus vollkommen übereinstimmenden Menschen gibt es unter den Seienden nicht - wird also durch die Benennung „Paulus“ deutlich gemacht. Aber wenn bei Menschen gleichsam die individuellen Eigenschaften sich wandeln, so wandeln sich vernünftigerweise nach der Schrift bei ihnen auch die Namen; denn als die Beschaffenheit des „Abram“ sich änderte, wurde er „Abraham“ genannt, desgleichen bei „Simon“, der den Namen „Petrus“ erhielt, und bei dem Verfolger Jesu, „Saul“, der „Paulus“ angeredet wurde. Bei Gott aber, der selbst unwandelbar ist und immer unveränderlich bleibt, ist der gleichsam auch ihm beigelegte Name immer nur einer: „[der] Seiende“, so im 83 Exodus genannt, oder vielleicht in ähnlicher Weise zu benennen. Da wir nun alle von Gott irgendeine Auffassung haben, indem wir über ihn denken, was es auch immer sein mag, nicht alle aber das (bedenken) , was er ist - denn nur wenige und, wenn man so sagen darf, noch weniger als die wenigen sind es, die seine allseitige Heiligkeit erfassen -: so werden wir mit Recht belehrt, dass unsere Auffassung von Gott heilig sein [muß], damit wir seine „Heiligkeit“ sehen können, wie er erschafft und vorsorgt und richtet und auserwählt und verläßt und annimmt und verstößt und einen jeden nach seiner Würdigkeit teils durch Ehrenlohn auszeichnet, teils bestraft.
§ 3
Denn in diesen und ähnlichen (Betätigungen) wird sozusagen die Gott eigentümliche Beschaffenheit gekennzeichnet, die nach meiner Meinung in den Schriften „Name Gottes“ heißt; so im Exodus: „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht unnütz gebrauchen“; und im Deuteronomium: „Erwartet werden soll wie Regen mein Ausspruch, herabkommen sollen wie Tau meine Worte, wie ein Regenguß über das Feldgras und wie Schneegestöber über die Weide; denn des Herrn Name rief ich an“; und in den Psalmen: „Sie werden deines Namens gedenken in jedem kommenden Geschlecht.“ Denn wer mit seiner Auffassung von Gott Ungehöriges verbindet, der „gebraucht den Namen des Herrn, seines Gottes, unnütz“; und wer imstande ist einen Ausspruch zu tun (gleich) einem „Regen“, der den Hörern zur Fruchtbarkeit ihrer Seelen mit verhilft, und tröstende Worte, die dem „Tau“ gleichen, anbringt und zu wirksamer Erbauung einen den Zuhörern sehr nützlichen „Regenguß“ oder ein sehr förderliches „Schneegestöber“ seiner Worte hinzufügt: der vermag dies eben 84 deswegen, [„weil er den Namen des Herrn angerufen hat“]. In der Erkenntnis, dass er zu dessen Vollendung Gottes bedürfe, ruft er eben den zu Hilfe, welcher in eigentlichem Sinne Urheber der vorher genannten Dinge ist. Jeder aber, der auch die Erkenntnis Gottes aufhellt, erinnert sich deren mehr, als dass er sie erfährt, wenn er auch die Geheimnisse der Gottesfurcht von jemandem zu vernehmen glaubt oder (selbst) zu finden meint.
§ 4
Wie aber der Betende das hier Gesagte kennen muß, [um mit Grund] beten zu können, dass „der Name Gottes geheiligt werde“, so heißt es (auch) in den Psalmen: „Laßt uns seinen Namen miteinander erheben“, indem der Prophet fordert, dass wir in vollkommenem Einklang „in demselben Sinn und in derselben Überzeugung“ zu der wahren und hohen Erkenntnis der Eigenart Gottes vordringen. Denn dies bedeutet „den Namen Gottes miteinander erheben“, [wenn] jemand, der an der Auswirkung der Gottheit dadurch teilgenommen hat, dass er von Gott „in Schutz genommen“ und Herr über seine „Feinde“ geworden ist, die sich über seinen Fall „nicht freuen“ konnten, eben die Macht Gottes, woran er Anteil erhalten hat, „erhebt“. Das wird im 29. Psalm durch die Worte deutlich gemacht: „Ich will dich erheben, Herr, da du mich in Schutz genommen hast und [nicht] zuließest, dass meine Feinde sich über mich freuten.“ Es „erhebt“ 85 aber jemand Gott, wenn er ihm in seinem Innern „einen Tempel weiht“, da ja auch die Überschrift des Psalmes so lautet: „Ein Psalmlied für die Einweihung des Tempels, von David.“
§ 5
Ferner ist über die Bitte: „Geheiligt werde dein Name“ und die folgenden in Befehlsform gekleideten Bitten zu sagen, dass auch die Übersetzer die Befehlsform anstatt der Wunschform beständig gebraucht haben, wie in den Psalmen: „Stumm sollen werden die trügerischen Lippen, die gegen den Gerechten Gesetzlosigkeit reden“, anstatt: „(Stumm) mögen werden“[usw.]; ferner: „Ausforschen soll der Wucherer alle seine Habe; nicht soll er jemanden haben, der sich seiner annimmt“, wie es im 108. Psalm über Judas heißt; denn der ganze Psalm ist eine Bitte, dass dem Judas dies und das widerfahre.
Da aber dem Tatian die Einsicht fehlte, dass das Wort γενηθήτω („es werde“) nicht immer den Wunsch, sondern gelegentlich auch einen Befehl anzeigt, so hat er von Gott, der das Wort sprach: „Es werde Licht“, höchst frevelhaft angenommen, dass er mehr gewünscht als befohlen habe, dass „das Licht werde“, „da Gott“, wie jener gottlose Denker sagt, „sich in Finsternis befand“. Hiergegen ist zu bemerken, wie denn Tatian auch (die folgenden Sätze) deuten wird: „Die Erde lasse Gras zur Weide sprossen“ und: „Es sammle sich das Wasser, das unter dem Himmel ist“, und: „Das Wasser bringe hervor kriechende Lebewesen“ und: „Die Erde bringe hervor lebendige Wesen.“ Wünscht 86 er etwa, um auf festem Grunde zu stehen, dass „das Wasser, das unter dem Himmel ist, sich an einem Orte sammle“ oder wünscht er, um an dem von der Erde Aufsprießenden teilzuhaben, „die Erde lasse sprossen“? Wozu bedarf er aber in ähnlicher Weise, wie er das Licht wünscht, der im Wasser und in der Luft und auf dem festen Lande lebenden Tiere, dass er auch um ihretwillen den Wunsch äußert? Wenn es aber auch nach Tatians Ansicht widersinnig ist, dass Gott über diese in Befehlsform eingekleideten Dinge Wünsche äußere, wie sollte da nicht das gleiche auch von dem Satz: „Es werde Licht“, gelten, dass man ihn nämlich nicht als Wunsch, sondern als Befehl auffassen muß? Da nun das Gebet in der Befehlsform abgefaßt ist, so glaubte ich notwendigerweise an die falschen Deutungen Tatians um der Leute willen erinnern zu müssen, die, von ihm getäuscht, seine gottlose Lehre angenommen haben; Solche Leute haben auch wir einst kennen gelernt.