Origenes · De oratione · Buch 3 · Kapitel 8
§ 1
„Es komme dein Reich!“ Wenn „das Reich Gottes“ nach dem Wort unseres Herrn und Heilandes „nicht mit Aufsehen kommt“ und „man nicht sagen wird: siehe, hier ist es oder siehe dort“, sondern wenn „das Reich Gottes unter uns ist“ - denn „das Wort ist sehr nahe in unserm Munde und in unserm Herzen“ -, so betet offenbar, wer um das Kommen des Reiches Gottes betet, vernünftigerweise darum, dass das in ihm befindliche Reich Gottes emporwachsen und Frucht bringen und vollendet werden möge. Denn jeder Fromme wird von Gott regiert und gehorcht den geistigen Gesetzen Gottes, indem er sich selbst gleichsam wie eine gut eingerichtete Stadt verwaltet. 87 Zugegen ist bei ihm der Vater, und mit dem Vater herrscht Christus in der vollkommenen Seele nach dem Schriftwort, das wir vor kurzem erwähnten: „Wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen.“ Und ich glaube, dass mit „Reich Gottes“ der selige Zustand des herrschenden Willens und die Ordnung der weisen Gedanken gemeint ist, mit „Christi Reich“ aber die zum Heil für die Hörer gesprochenen Worte und die vollbrachten Werke der Gerechtigkeit und der übrigen Tugenden; denn „Wort“ und „Gerechtigkeit“ ist der Sohn Gottes. Jeder Sünder [aber] wird beherrscht von dem „Herrscher dieser Welt“, da jeder Sünder „der gegenwärtigen bösen Welt“ zu eigen geworden ist und sich dem nicht anvertraut, „der sich selbst für uns Sünder dahingegeben hat, damit er uns befreie aus dieser gegenwärtigen bösen Welt“ und „befreie nach dem Willen Gottes, unseres Vaters“ wie dies in dem Brief an die Galater ausgesprochen ist. Wer aber von „dem Herrscher dieser Welt“ infolge seiner vorsätzlich begangenen Sünden beherrscht wird, der wird auch von der Sünde (selbst) regiert. Deshalb befiehlt uns Paulus, „uns nicht mehr unterzuordnen der Sünde, die uns regieren will“, und zwar werden wir in diesen Worten dazu aufgefordert: „So regiere nun nicht die Sünde in unserm sterblichen Leibe, dass wir ihren Begierden untertan sind.“
§ 2
Aber zu den beiden Bitten: “Geheiligt werde dein Name” und “Es komme dein Reich!”, kann jemand den Einwand machen, dass, wenn der Betende mit der Absicht, erhört zu werden, betet und einmal auch erhört wird, offenbar bei manchem 88 nach dem vorher Gesagten “der Name Gottes einmal geheiligt werden” und ihm auch “das Reich Gottes gegenwärtig sein wird”. Hat er dies aber erreicht, wie sollte er da noch pflichtgemäß um das schon Vorhandene, als ob es nicht vorhanden wäre, beten und sprechen: “Geheiligt werde dein Name!” “Es komme dein Reich!”? Ist dies aber richtig, so wird es einmal Pflicht sein, nicht zu sprechen: “Geheiligt werde dein Name!” “Es komme dein Reich!” Hierauf ist zu entgegnen: Wie der, welcher um das “Wort der Erkenntnis” und das “Wort der Weisheit” betet, pflichtgemäß immer um diese Güter beten wird, damit er im Falle der Erhörung immer reichere Anschauungen der “Weisheit” und “Erkenntnis” empfange, nur dass er “stückweise” erkennt, was er nur immer in der Gegenwart fassen kann, während das Vollkommene, vor dem das “Stückwerk” vergeht, dann offenbar werden wird, wenn “von Angesicht zu Angesicht” der Geist ohne sinnliche Anschauung zu dem Geistigen hingelangt: so ist auch für einen jeden von uns “das Vollkommene” in “der Heiligung des Namens Gottes” und in dem “Kommen seines Reiches” unerreichbar, wenn nicht auch “das Vollkommene” in der “Erkenntnis und Weisheit”, vielleicht auch das in den übrigen Tugenden (hinzu) kommt. Wir gehen aber der Vollkommenheit entgegen, wenn “wir uns nach dem hinstrecken, was vor uns ist, und das, was dahinten liegt, vergessen.” Das “Reich Gottes” in uns wird also, wenn wir ununterbrochen vorwärtsschreiten, seine Höhe erreichen, sobald das Apostelwort sich erfüllt, dass “Christus”, wenn ihm “alle Feinde unterworfen sind, das Reich Gott dem Vater übergeben wird, damit Gott alles in allem sei.” Deshalb wollen wir “ohne Unterlaß betend” in einer durch das Wort vergöttlichten Seelenstimmung zu unserm Vater in den Himmeln sprechen: “Geheiligt werde dein Name” Es komme dein Reich!" 89
§ 3
Ferner ist aber über „das Reich Gottes“ auch dies zu erwägen, dass, wie „Gerechtigkeit und Gesetzlosigkeit keinen Teil aneinander haben“ und „das Licht keine Gemeinschaft mit der Finsternis hat“ und „Christus nicht mit Beliar zusammenstimmt“, so auch mit dem Reiche Gottes ein Reich der Sünde nicht zugleich bestehen kann. Wenn wir demnach von Gott regiert werden wollen, so „regiere in keiner Weise die Sünde in unserm sterblichen Leibe“, auch wollen wir nicht ihren Weisungen gehorchen, wenn sie unsere Seele zu „den Werken des Fleisches“ und den Dingen, die Gott fremd sind, antreibt, sondern wenn wir „die Glieder, die auf der Erde sind, getötet haben“, wollen wir „die Früchte des Geistes ernten“, damit der Herr in uns wie in einem geistigen „Paradiese“ wandle und uns allein mit seinem Gesalbten regiere, der in uns „zur Rechten“ der geistigen „Kraft“ sitzt, um die wir im Gebete flehen, und (daselbst) sitzt, „bis“ alle seine Feinde in uns „zum Schemel seiner Füße“ geworden sind, und von uns aus „alle Herrschaft, Gewalt und Macht vernichtet ist“. Denn es ist möglich, dass dies bei einem jeden von uns geschieht, und dass „der letzte Feind vernichtet wird, der Tod“, damit auch in uns Christus spreche: „Wo ist, Tod, dein Stachel? Wo ist, Hades, dein Sieg?“ Schon jetzt soll demnach „das Vergängliche“ von uns die in Keuschheit und aller Reinheit bestehende Heiligkeit und „Unvergänglichkeit“ anziehen, und „das Sterbliche“ soll sich, wenn der Tod 90 vernichtet ist, mit „der Unsterblichkeit“ des Vaters umkleiden; so dass wir, von Gott regiert, uns schon jetzt inmitten der Güter der Wiedergeburt und der Auferstehung befinden.