Origenes · De oratione · Buch 3 · Kapitel 6
§ 1
Wenn es [aber] heißt, dass „der Vater“ der Heiligen „in den Himmeln“ ist, so darf man nicht annehmen, dass er von körperlicher Gestalt umgrenzt sei und „in Himmeln“ wohne; denn Gott, als umschlossen (gedacht) , würde ja kleiner erfunden werden als die Himmel, da die Himmel ihn umschließen würden; (vielmehr) muß man überzeugt sein, dass von ihm durch die unaussprechliche Macht seiner Gottheit das Weltganze umschlossen und zusammengehalten wird. Und im allgemeinen sind (auch) die Schriftstellen im wörtlichen Sinne, von denen die einfältigeren Christen glauben, dass sie Gott als an einem Orte befindlich bezeichnen, so zu erklären, wie es den erhabenen 77 und geistigen Anschauungen über Gott entspricht. Solche Stellen sind z.B. im Evangelium nach Johannes folgende: „Vor dem Passahfest aber bewies Jesus, da er wußte, dass seine Stunde gekommen war, dass er aus dieser Welt zum Vater hinginge, den Seinigen die Liebe, die er zu ihnen in der Welt gehabt hatte, bis zum Ende“; und bald darauf: „Da er wußte, dass ihm der Vater alles in die Hände gegeben hatte, und dass er von Gott ausgegangen war und zu Gott hingehe“; und weiter unten: „Ihr habt gehört, dass ich zu euch gesagt habe: ich gehe hin und ich komme zu euch. Wenn ihr mich liebtet, so würdet ihr euch freuen, dass ich zum Vater gehe“; und wiederum weiter unten: „Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; und keiner von euch fragt mich: wo gehst du hin?“ Denn wenn diese Stellen örtlich zu verstehen wären, dann offenbar auch die folgende: „Da antwortete Jesus und sprach zu ihnen: wenn einer mich liebt, so wird er mein Wort beobachten, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen“.
§ 2
Dies geschieht aber nicht so, dass beim Vater und dem Sohn ein örtlicher Übergang zu dem, der das Wort Jesu liebt, anzunehmen wäre; also ist dies auch nicht örtlich zu verstehen, sondern das Wort Gottes, das zusammen mit uns herabsteigt und sich während seines Aufenthaltes bei den Menschen im Hinblick auf seine eigene Würde „erniedrigt“, geht, wie geschrieben steht, über „von dieser Welt zum Vater“, damit auch wir es dort in seiner Vollkommenheit schauen können, wenn es von der bei uns vollzogenen „Selbstentäußerung“ zu seiner eigenen „Fülle“ zurückkehrt; dort, wo auch wir, wenn wir uns seiner Führung bedienen, „in (seiner) Fülle“ von aller „Selbstentäußerung“ 78 befreit sein werden. Also mag immerhin das Wort Gottes die Welt verlassen und zu „dem, der es gesandt hat“, weggehen und „zu dem Vater“ wandern. Auch das Wort am Ende des Evangeliums nach Johannes; „Rühre mich nicht an; denn ich bin noch nicht aufgestiegen zu meinem Vater“, wollen wir geheimnisvoller zu verstehen suchen; denn „der Aufstieg des Sohnes zum Vater“ wird von uns [so] mit frommem Scharfsinn in einer Gott würdigeren Weise verstanden als ein Aufstieg, den mehr der Geist als der Körper vollbringt.
§ 3
Diese Untersuchungen, die ich bei den Worten: “Unser Vater, der du bist in den Himmeln” angestellt habe, waren, wie ich meine, [notwendig], um eine niedrige Auffassung von Gott, wonach er räumlich “in Himmeln” wohnen soll, zu beseitigen und niemandem die Behauptung, dass Gott sich an einem körperlichen Orte befände, zu gestatten. Denn hieraus würde die weitere Annahme, dass Gott ein Körper sei, folgen, womit dann die gottlosesten Lehrsätze verbunden sind: dass er teilbar und materiell und vergänglich sei; denn jeder Körper ist teilbar und materiell und vergänglich. Oder (wer annimmt) und sich nicht von trügerischen Empfindungen bestimmen läßt, sondern ein klares Verständnis davon zu haben behauptet, der soll uns sagen, wie es dann möglich ist, von anderer Natur [zu sein] als von materieller. Da aber auch vor der leiblichen Ankunft Christi (auf Erden) viele Schriftstellen von einem Aufenthalt Gottes an einem körperlichen Orte zu reden scheinen, so halte ich es 79 für passend, einige auch von jenen Stellen anzuführen, um denjenigen, die wegen ihrer Unbildung, so weit es an ihnen liegt, den über allen waltenden Gott in einem kleinen und engen Raume befassen wollen, jeden Zweifel zu nehmen. Und zuerst heißt es in der Genesis: “Adam und Eva hörten das Geräusch Gottes, des Herrn, der am Abend im Paradiese wandelte; und Adam und sein Weib verbargen sich vor dem Angesichte Gottes, des Herrn, inmitten der Bäume des Paradieses.” Wir werden (nun) an diejenigen, welche zu den Schätzen der Schriftstelle nicht eindringen und auch nicht einmal zuerst “an ihre Türe klopfen” wollen, die Frage richten: ob sie dartun können, dass Gott, der Herr, “der den Himmel und die Erde erfüllt”, der nach ihrer eigenen Auffassung in mehr körperlicher Weise “den Himmel als Thron und die Erde als Schemel seiner Füße gebraucht”, von einem im Vergleiche mit dem ganzen Himmel und der Erde so engen Raume umschlossen werde, so dass das von ihnen körperlich verstandene Paradies von Gott nicht ausgefüllt wird, sondern ihn an Größe so weit übertrifft, um ihn sogar als “wandelnden” in sich fassen zu können, als “ein Geräusch” von dem Schreiten seiner Füße her gehört wird. Noch widersinniger wäre es aber nach der (buchstäblichen) Auffassung jener Leute, dass “Adam und Eva” aus Scheu vor Gott wegen ihrer Übertretung “sich verbargen vor dem Angesichte Gottes inmitten der Bäume des Paradieses”; denn es heißt ja nicht, dass sie sich so verbergen wollten, sondern sich wirklich “verbargen”: Wie fassen es aber jene Leute auf, dass Gott auch Adam mit den Worten fragte: “Wo bist du?” 80
§ 4
Hierüber haben wir ausführlicher gehandelt, als wir unsere Erklärung zur Genesis ausarbeiteten; jedoch wollen wir auch jetzt, um diese bedeutende Streitfrage nicht vollständig mit Schweigen zu übergehen, uns - was genügen dürfte - an den von Gott im Deuteronomium getanen Ausspruch erinnern: „Ich will unter ihnen wohnen und unter ihnen wandeln.“ Denn von welcher Art sein Wandeln unter den Heiligen ist, von solcher Art ist auch sein Wandeln in dem Paradiese, indem sich jeder Sünder vor Gott verbirgt und seiner Aufsicht zu entfliehen sucht und seine „Zuversicht“ aufgibt; so nämlich „ging auch Kain hinaus von dem Angesichte Gottes und wohnte in dem Lande Naid gegenüber Edom“. Wie Gott nun unter den Heiligen „wohnt“, so auch in dem Himmel, d.h. entweder in jedem Heiligen, der „das Bild des Himmlischen trägt“, oder in Christus, in welchem alle die Erlösten als „Leuchten“ und Sterne des Himmels (vereinigt) sind; oder auch wegen der im Himmel befindlichen Heiligen wohnt er [dort nach] dem Schriftwort: „Zu dir habe ich meine Augen erhoben, der du in dem Himmel wohnst.“ Auch die Stelle im Prediger: „Beeile dich nicht, ein Wort vor das Angesicht Gottes zu bringen; denn Gott ist oben in dem Himmel, und du bist unten auf der Erde“ will den Abstand zwischen denen deutlich machen, die im „Leibe der Erniedrigung“ wandeln, und demjenigen, welcher neben den durch die Hilfe des Wortes erhöhten Engeln und heiligen Mächten 81 oder neben Christus selbst steht. Denn nicht ungereimt ist die Ansicht, dass er selbst in eigentlichem Sinne des Vaters „Thron“ sei, der in mehr bildlichem Sinne „Himmel“ genannt wird, während seine Kirche, „Erde“ genannt, „den Schemel seiner Füße“ bilde.
§ 5
Wir haben nun einige wenige Stellen auch des Alten Testamentes, von denen man glaubt, dass sie Gott als an einem Orte befindlich darstellen, hinzugefügt, in der Absicht, nach der uns verliehenen Fähigkeit den Leser in jeder Hinsicht zu einer höheren und geistigeren Auffassung der Heiligen Schrift hinzuleiten, sobald sie scheinbar lehrt, dass Gott sich an einem Orte befinde. Es ziemte sich aber, diese Ausführungen mit der Prüfung der Worte: „Unser Vater, der du bist in den Himmeln“ zu verbinden, da durch diese gleichsam die Wesenheit Gottes von allen Geschöpfen unterschieden wird. *** Denn mit welchen er selbst keine Gemeinschaft macht, denen wird eine Art von göttlicher Ehre und Macht und sozusagen ein Ausfluß der Gottheit zuteil.