Origenes · De oratione · Buch 3 · Kapitel 2
§ 1
Da aber der Betende, wie wir oben gesagt haben, zuerst eine bestimmte Haltung und Gesinnung annehmen und dann erst so beten muß, so wollen wir vor (der Erklärung) des bei Matthäus überlieferten Gebetes die hierüber von unserm Heiland geäußerten [Worte] betrachten, die so lauten: „Wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, denn diese pflegen in den Synagogen und an den Straßenecken stehend zu beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch, sie haben ihren Lohn dahin. Wenn du aber betest, so gehe in deine Kammer hinein und schließe deine Türe zu, und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der dich in dem Verborgenen sieht, wird dir (es) vergelten. Wenn ihr aber betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden; denn sie glauben erhört zu werden, wenn sie viele Worte machen. Gleichet ihnen nun nicht; denn euer Vater weiß, wessen ihr bedürft, bevor ihr es von ihm fordert. So nun sollt ihr beten.“
§ 2
An vielen Orten tritt nun offenbar unser Heiland der Ruhmbegierde als einer verderblichen Leidenschaft entgegen; dies hat er auch hier getan, indem er abmahnt, zur Zeit des Gebetes das Werk von Heuchlern zu betreiben; denn das Werk von Heuchlern ist es, sich unter den Menschen mit Frömmigkeit oder mit Freigebigkeit brüsten zu wollen. Eingedenk aber des Wortes: “Wie könnt ihr glauben, die ihr Ruhm von Menschen nehmt, und den Ruhm von dem alleinigen Gotte sucht ihr nicht?” müssen wir allen “Ruhm bei Menschen”, wenn er auch nach allgemeiner Annahme der Tugend zuteil wird, verachten und den wirklichen und wahrhaften 67 Ruhm suchen, der von dem kommt, der allein in einer ihm angemessenen Weise dem des Ruhmes Würdigen auch über seine Würdigkeit hinaus Ruhm verleiht. Und gerade das nun, was für tugendhaft und lobenswert gelten könnte, verliert seinen Wert bei der Annahme, es träte dann ein, wenn wir es tun, “um von den Leuten gepriesen zu werden” oder “um uns vor den Leuten zu zeigen”; deshalb erhalten wir auch hierfür von Gott keinen Dank. Denn untrüglich ist jedes Wort Jesu und wird, wenn man den starken Ausdruck brauchen darf, noch untrüglicher, sobald es mit der von ihm häufig gebrauchten eidlichen Versicherung verbunden ist. Er tut aber über diejenigen, welche um menschlichen Ruhmes willen ihrem Nächsten Gutes zu erweisen scheinen, oder “in den Synagogen und an den Straßenecken beten, um sich vor den Leuten zu zeigen”, denselben Ausspruch: “Wahrlich, ich sage euch, sie haben ihren Lohn dahin.” Denn wie der “reiche Mann” bei Lukas “das Gute in seinem eigenen irdischen Leben empfangen hatte” und eben deswegen nicht mehr imstande war, es nach dem gegenwärtigen Leben zu erlangen: ebenso wird der, welcher “seinen Lohn” beim Spenden von Almosen oder bei Gebeten “schon empfangen hat”, “das Verderben ernten”, aber nicht “das ewige Leben ernten”, da er nicht “auf den Geist”, sondern “auf das Fleisch gesät hat”. Auf das Fleisch aber sät“, wer”in den Synagogen und auf den Straßen, um von den Menschen gepriesen zu werden, Almosen gibt, indem er es vor sich her ausposaunen läßt“, oder wer”in den Synagogen und an den Straßenecken stehend zu beten pflegt, damit er vor den Leuten sich zeige" und bei den Zuschauern für gottesfürchtig und heilig gelte.
§ 3
Aber auch jeder, der auf der breiten und geräumigen Straße wandelt, die “zum Verderben führt” und nichts Richtiges und Gerades an sich hat, sondern ganze krumm und winkelig gestaltet ist - denn 68 die gerade Linie ist zum größten Teil gebrochen -, ein solcher Mensch steht auf ihr nicht anders da [als der,] welcher “an den Ecken der Straßen betet und infolge seines Hanges zum Vergnügen nicht auf einer Straße bleibt, sondern auf mehreren geht; wo von denjenigen, die wegen ihres Abfalls von der Gottheit”als Menschen sterben“, solche gerühmt und gepriesen werden, die nach ihrer Meinung auf diesen Straßen Frömmigkeit üben. Viele aber gibt es immer, die augenscheinlich beim Beten”mehr einen Hang zum Vergnügen als zu Gott" zeigen, die inmitten der Gastmähler und bei den Zechgelagen das Gebet als Trunkene mißbrauchen und in Wahrheit “an den Ecken der Straßen stehen” und beten. Denn ein jeder, der nach seinem Vergnügen lebt, verläßt aus Liebe zu der “breiten Straße” den “engen und schmalen Weg” Jesu Christi, der nicht einmal zufällige Krümmungen und überhaupt keine Winkel aufweist.