Origenes · De oratione · Buch 3 · Kapitel 12
§ 1
„Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen!“ Die Worte „sondern erlöse uns von dem Bösen“ fehlen bei Lukas. Wenn der Heiland uns nicht 119 vorschreibt, Unmögliches zu erbitten, so scheint es mir der Untersuchung wert zu sein, wie wir den Befehl erhalten können, darum zu beten, dass wir nicht „in Versuchung“ kommen möchten, da doch „das ganze irdische Leben der Menschen eine Versuchung ist.“ Denn insofern wir auf Erden umgeben sind mit dem „Fleische, das gegen den Geist streitet“, dessen „Sinnen Feindschaft ist gegen Gott, da es sich in keiner Weise dem Gesetze Gottes unterwerfen kann“, befinden wir uns in Versuchung.
§ 2
Dass „aber das ganze menschliche Leben auf Erden eine Versuchung ist“, haben wir von Hiob in diesen Worten gelernt: „Ist nicht das Leben der Menschen auf Erden eine Versuchung?“ Dasselbe wird ferner vom 17. Psalm an dieser Stelle klar gemacht: „In dir werde ich von der Versuchung erlöst werden.“ Aber auch Paulus schreibt den Korinthern, dass Gottes Gnade uns zwar nicht Befreiung von Versuchung gewähre, aber uns nicht über Vermögen versuchen lasse, indem er sagte: „Euch hat keine andere als menschliche Versuchung betroffen; getreu ist aber Gott, [der] euch nicht über euer Vermögen hinaus versuchen lassen, sondern mit der Versuchung auch den Ausgang so gestalten wird, dass ihr ihn ertragen könnt.“ Denn sei es, dass „der Kampf sich richtet gegen das Fleisch, das wider den Geist gelüstet oder streitet“, oder gegen die Seele „alles Fleisches“ - welches dem Leibe gleichnamig ist, in dem die Vernunft wohnt, die „Herz“ genannt wird -, ein Ringen, wie es bei den in den menschlichen Versuchungen Geprüften stattfindet; oder sei es, dass wir als schon fortgeschrittene und vollkommenere 120 Kämpfer, die nicht mehr „mit Blut und Fleisch zu ringen haben“, auch nicht in den menschlichen schon überwundenen Versuchungen geprüft werden, unsere Kämpfe „mit den Herrschaften und den Mächten und den Weltherrschern dieser Finsternis und den Geisterwesen der Bosheit“ bestehen müssen: von Versuchungen sind wir niemals frei.
§ 3
Wie kann uns nun der Heiland darum zu beten befehlen, dass wir nicht „in Versuchung“ geraten, da doch Gott wohl alle versucht? „Gedenket“, sagt nämlich Judith nicht nur zu den Ältesten ihrer Zeit, sondern auch zu allen Lesern ihrer Schrift, „wie viel Gott dem Abraham getan, und wie sehr er den Isaak versucht hat, und wie vieles dem Jakob zustieß, als er in dem syrischen Mesopotamien die Schafe Labans, des Bruders seiner Mutter, weidete. Denn nicht wie er jene geprüft hat zur Erforschung ihres Herzens, bestraft auch uns der Herr, der zur Warnung die züchtigt, welche ihm nahen.“ Und wenn David sagt: „Zahlreich sind die Drangsale der Gerechten“, so spricht er ganz allgemein von allen Gerechten, desgleichen der Apostel in der Apostelgeschichte: „dass wir durch viele Drangsale hindurch in das Reich Gottes eingehen müssen.“
§ 4
Und wenn wir den der großen Menge verborgenen Sinn des Gebetes, dass wir nicht „in Versuchung “ kommen möchten, richtig verstehen, so dürfen wir wohl betonen, dass die Apostel, als sie darum baten, nicht erhört wurden. Denn sie haben unzählige Leiden in ihrer ganzen Lebenszeit erdulden müssen, „mit 121 Beschwerden über die Maßen, mit Schlägen über die Maßen, in Gefangenschaft mehr als andere, oft in Todesnöten“; Paulus aber insbesondere erhielt „von den Juden fünfmal vierzig (Schläge) weniger einen, dreimal wurde er mit Ruten geschlagen, einmal gesteinigt, dreimal erlitt er Schiffbruch, einen Tag und eine Nacht war er ein Spiel der Wellen“, ein Mann, der „in allem bedrängt, in Verzweiflung gebracht, verfolgt, niedergeworfen“, dabei bekennt: „Bis zu dieser Stunde hungern und dürsten wir, können unsere Blöße nicht bedecken und erhalten Backenstreiche, sind ohne Heimat und mühen uns ab mit eigener Hände Arbeit; wir werden geschmäht und segnen, wir werden verfolgt und halten aus, wir werden verleumdet und trösten.“ Wenn aber die Apostel im Gebet keinen Erfolg hatten, welche Hoffnung besteht dann für einen, der geringer ist als jene, dass sein Gebet bei Gott Gehör finden werde?
§ 5
Von dem Wort im 25. Psalm: “Prüfe mich, Herr, und versuche mich, erprobe meine Nieren und mein Herz”, wird wahrscheinlich mancher, der den Sinn der Anordnung unseres Heilandes nicht genau erfaßt, annehmen, dass es im Widerspruch stehe zu dem, was unser Herr über das Gebet gelehrt hat. Wann aber hat jemand geglaubt, dass Menschen außerhalb der Versuchungen ständen, von denen er wußte, seit er zu voller Vernunft gekommen war? Und was für einen Zeitpunkt gibt es, an welchem jemand in der Meinung, dass er (gegen Versuchungen) nicht zu kämpfen habe, sich über die Möglichkeit der Sünde hinwegsetzen kann? Ist einer “arm”? Der mag sich in acht nehmen, dass er nicht einmal “stiehlt und dann bei dem Namen Gottes schwört”. Er ist aber reich? Dann soll er nicht hochmütig sein, denn er kann “übersättigt zum Lügner” werden und sich brüstend sagen: “Wer sieht mich?” 122 Auch Paulus, reich an Wort und Erkenntnis jeder Art“, ist ja nicht der Gefahr, sich deswegen zu überheben und zu sündigen, entgangen, sondern bedarf”eines Stachels des Satans, der ihn züchtigt, dass er sich nicht überhebe“. Und wenn jemand sich im Bewußtsein seiner höheren Ziele über das Böse emporschwingt, der soll das in dem 2. Buche der Chronik von Hiskia Gesagte lesen, welcher, wie es heißt,”von der Höhe seines Herzens herabgestürzt sei".
§ 6
Wenn aber einer, da wir über „den Armen“ nicht ausführlicher gesprochen haben, deshalb unbesorgt ist, als ob es bei der Armut keine „Versuchung“ gäbe, der mag wissen, dass der (uns) auflauernde (böse Feind) darauf ausgeht, (auch) „einen Bettler und Armen niederzuwerfen“, und vor allem deshalb, weil nach Salomo „der Bettler einer Drohung nicht standhält“. Was soll man aber ausführen, wie viele wegen ihres schlecht verwendeten irdischen Reichtums beim Strafgericht den Platz neben „dem Reichen“ im Evangelium erhalten haben, und wie viele, die ihre Armut unmännlich ertrugen und sich knechtischer und unterwürfiger, als es „den Heiligen geziemt“, benahmen, ihrer „himmlischen Hoffnung“ verlustig gegangen sind? Aber auch die Menschen, welche mitten zwischen diesen beiden (Extremen), Reichtum und Armut, stehen, sind durchaus nicht ganz davor sicher, entsprechend ihrem mäßigen Besitz zu sündigen. 123
§ 7
Aber wer körperlich gesund ist und sich wohl befindet, der glaubt (vielleicht) gerade mit Rücksicht auf seine Gesundheit und sein Wohlbefinden außerhalb jeder Versuchung zu stehen. Bei wem sonst aber, als bei solchen gesunden und kräftigen Leuten die Sünde „der Zerstörung des Tempels Gottes“ vorhanden sei, das wird niemand sich die Mühe nehmen auszusprechen, da dieser Punkt allen klar vor Augen liegt. Und welcher Kranke ist den Anreizungen zur „Zerstörung des Tempels Gottes“ entgangen, da er gerade zu jener Zeit Muße hat und die Gedanken, die sich auf unsaubere Dinge beziehen, gar leicht in sich aufnehmen kann? Aber wie viele Dinge ihn noch außerdem in Verwirrung bringen, wenn er nicht „mit aller Wachsamkeit sein Herz bewahrt“, wozu braucht man dies darzulegen? Denn bei vielen, die den Mühsalen erlagen, und Krankheiten nicht tapfer zu ertragen verstanden, ließ sich nachweisen, dass sie damals viel mehr an ihrer Seele krank waren als an ihrem Körper. Endlich sind viele, weil sie der Unehre entgehen wollten und sich schämten, den Namen Christi edelgesinnt zu tragen, in ewige Schande hinab gesunken.
§ 8
Aber da meint jemand sich der Ruhe hingeben zu können, als ob er der Versuchung nicht ausgesetzt sei, wenn er bei den Menschen in Ehren steht, sollte jedoch das Wort nicht recht hart klingen: „Sie haben ihren Lohn dahin von den Menschen“, das für diejenigen gesagt ist, die sich mit dem Ruhme bei der großen Menge, wie wenn er ein Gut wäre, brüsten? Und liegt nicht ein scharfer Tadel in dem andern Wort: „Wie könnt ihr glauben, die ihr Ruhm voneinander nehmt, und den Ruhm von dem alleinigen Gotte sucht ihr nicht?“ Und wozu brauche ich aufzuzählen die im 124 Übermut begangenen Fehltritte derer, die zum Adel gerechnet werden, und (andererseits) bei den sogenannten niedrig Geborenen, die durch ihren Unverstand verschuldete schmeichlerische Unterwürfigkeit gegenüber den vermeintlich höher Stehenden, welche diejenigen von Gott abwendig macht, die eine echte Freundschaft nicht besitzen und das schönste Gut der Menschheit, die Liebe, nur erheucheln?
§ 9
Das ganze „Leben des Menschen auf Erden“ ist also, wie oben gesagt, „eine Versuchung“; deshalb wollen wir um „Erlösung“ von der Versuchung beten, nicht in dem Sinne, dass wir nicht versucht würden - denn dies ist unmöglich, besonders für die „auf Erden“ -, sondern in dem Sinne, dass wir der Versuchung nicht erliegen möchten. Ich nehme aber an, dass der bei der Versuchung Erliegende eingeht „in die Versuchung“ festgehalten in ihren „Netzen“. In diese „Netze“ ist wegen der vorher darin Gefangenen der Heiland eingegangen, und „herausschauend aus den Netzen“ nach den Worten im Hohenlied „antwortet er“ denen, die darin schon vorher gefangen gehalten und „in die Versuchung“ eingegangen sind, und „spricht“ zu ihnen (wie) zu seiner Braut: „Stehe auf, komme meine Nachbarin, meine Schöne, meine Taube!“ Ich will aber zu dem Gedanken, dass, um versucht zu werden, jede Zeit für die Menschen [eine Zeit] der Versuchung sei, noch dies hinzufügen. Auch der, welcher „Tag und Nacht sich um das Gesetz Gottes bemüht“ und das Wort zu verwirklichen strebt: „Der Mund des Gerechten wird sich um Weisheit bemühen“ - auch dieser ist nicht frei von Versuchungen. 125
§ 10
Wie viele nun bei der eifrigen Erforschung der göttlichen Schriften das im Gesetz und in den Propheten Verkündete falsch verstanden und sich gottlosen und frevelhaften oder törichten und lächerlichen Lehren ergeben haben, wozu brauche ich dies wohl darzulegen, da tausend und aber tausend, die dem Vorwurf der Vernachlässigung des Bibelstudiums nicht ausgesetzt zu sein scheinen, derartige Fehler begehen? Dasselbe ist vielen auch bei dem Studium der apostolischen und evangelischen Schriften begegnet, da sie sich in ihrer eigenen Torheit einen andern Sohn oder Vater bildeten, als die Heiligen in Wahrheit erkannt haben und lehren. Denn wer von Gott oder seinem Christus nicht die wahre Erkenntnis hat, der ist von dem wahrhaften Gott und seinem eingeborenen Sohne abgefallen. Den vermeintlichen Vater und Sohn aber, die seine Torheit sich gebildet hat, die verehrt er, obwohl sie es gar nicht sind; dies widerfährt ihm deswegen, weil er die Versuchung beim Studium der Heiligen Schriften nicht erkannt und sich nicht wie zu einem ihm auch dabei drohenden Kampfe gerüstet und aufgestellt hat.
§ 11
Wir müssen demnach beten, nicht dass wir nicht versucht werden möchten - denn das ist unmöglich -, sondern dass wir nicht in die Versuchung verstrickt werden, wie es denen ergeht, die, in ihr festgehalten, unterliegen. Da nun außerhalb des Herrengebets geschrieben steht: „[Betet,] dass ihr nicht in Versuchung geratet“, was nach dem Gesagten wohl deutlich sein kann, während wir in dem Herrengebete zu Gott dem Vater sprechen müssen: „Führe uns nicht in Versuchung“: so ist es von Wichtigkeit, zu sehen, wie man es verstehen muß, dass Gott den, der nicht gebetet hat, oder den, der nicht erhört wird, „in die Versuchung“ 126 führt. Denn da in Versuchung hineingerät, wer ihr unterliegt, so ist es unpassend, anzunehmen, dass Gott jemanden „in Versuchung hineinführe“ und ihn gleichsam dem Unterliegen preisgebe. Derselbe Widerspruch entsteht auch, wenn man das Wort: „Betet, dass ihr nicht in Versuchung geratet“, irgendwie erklären will. Denn wenn es etwas Schlimmeres ist, „in Versuchung zu fallen“, wovon befreit zu bleiben wir beten, wie ist es dann nicht ungereimt, zu denken, dass der gute Gott, der doch gar keine „bösen Früchte bringen“ kann, jemanden in das Böse verstrickt?
§ 12
Hierfür wird es nun nützlich sein, die von Paulus im Römerbriefe so ausgedrückten Gedanken heranzuziehen: „Während sie sich für Weise ausgaben, wurden sie zu Toren und tauschten für die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes ein das Abbild der Gestalt eines vergänglichen Menschen, auch der Vögel und der vierfüßigen und kriechenden Tiere. Deshalb hat sie Gott in den Gelüsten ihrer Herzen dahingegeben zur Unreinigkeit, um ihre Leiber an sich selbst zu entehren“ und kurz darauf: „Deshalb hat sie Gott in entehrende Leidenschaften dahingegeben; denn ihre Weiber haben den natürlichen Gebrauch mit dem widernatürlichen vertauscht; in gleicher Weise haben auch die Männer den natürlichen Gebrauch der Weiber aufgegeben und sind entbrannt“ usw.; und wiederum bald darauf: „Und wie sie die Erkenntnis Gottes verworfen hatten, so hat sie Gott dahingegeben in verwerflichen Sinn, um das Unziemliche zu tun.“ Doch alles dies muß man denen vorhalten, die die Gottheit zerteilen und den „guten“ Vater unseres Herrn von dem 127 Gotte des Gesetzes unterscheiden wollen, und muß sie fragen, ob der „gute“ Gott denjenigen „in Versuchung“ führt, dessen Gebet nicht erhört wird, und ob der Vater des Herrn (Jesu) die, welche vorher irgendwie gesündigt haben, „in den Gelüsten ihrer Herzen zur Unreinigkeit dahingibt, um ihre Leiber an sich selbst zu entehren“, und ob er, der sich nach ihrer eigenen Aussage vom Richten und Strafen fernhält, sie dahingibt „in entehrende Leidenschaften“ und „in verwerflichen Sinn, um das Unziemliche zu tun“, während sie nicht „in die Gelüste ihrer Herzen“ geraten wären, wenn Gott sie nicht diesen dahingegeben hätte, und nicht „entehrenden Leidenschaften“ verfallen wären, wenn Gott sie nicht diesen dahingegeben hätte, und auch nicht „in verwerflichen Sinn“ versunken wären, es sei denn, dass Gott die so Gerichteten ihm dahingegeben hätte?
§ 13
Diese Bedenken werden, wie ich wohl weiß, auf jene Leute starken Eindruck machen. Haben sie ja doch deswegen einen anderen Gott neben dem Schöpfer von Himmel und Erde erdichtet, weil sie im Gesetz und in den Propheten viele derartige Anstöße fanden und daran Ärgernis nahmen, wie wenn der Gott, welcher solche Aussprüche getan hätte, nicht „gut“ sei. Wir aber müssen nunmehr wegen der bei der Bitte: „Führe und nicht in Versuchung“ entstandenen Schwierigkeiten, um derentwillen wir auch die Worte des Apostels angeführt haben, zusehen, ob auch wir zutreffende Lösungen der Widersprüche finden können. Ich glaube also, dass Gott eine jede vernünftige Seele im Hinblick auf ihr ewiges Leben leitet. Diese Seele hat immer die freie Selbstbestimmung und ist selbst schuld daran, wenn sie sich entweder beim Aufstieg bis zu der Höhe der Tugenden in sittlich besserem Zustande befindet, oder abweichend hiervon infolge von Unachtsamkeit zu einer mehr oder weniger tiefen Stufe der Schlechtigkeit hinabsteigt. Da nun die schnelle und kürzer bemessene Heilung bei einigen Geringschätzung der Krankheiten, 128 in die sie verfallen sind, bewirkt, als ob sie leicht heilbar wären, so dass sie wohl auch ein zweites Mal nach der Genesung in dieselben Krankheiten verfallen: so wird (Gott) mit gutem Grunde bei solchen Leuten, die nach irgendeiner Hinsicht wachsende Schlechtigkeit nicht beachten und sogar deren größte bis zur Unheilbarkeit führende Ausdehnung übersehen, damit sie durch den Verkehr mit dem Bösen und die Durchdringung mit der Sünde, nach der sie verlangen, gesättigt den Schaden merken und, von Haß gegen das erfüllt, was sie früher billigten, imstande sind, nach erfolgter Heilung die Gesundheit ihrer Seelen, die ihnen bei dem Heilungsprozeß zuteil wird, mit größerer Sicherheit zu genießen. Zum Beispiel „bekam einst das den Kindern Israel beigemischte Pöbelvolk Gelüste. Und da lagerten sie sich und auch die Kinder Israel und weinten und sprachen: Wer wird uns Fleisch zu essen geben? Wir erinnerten uns an die Fische, die wir umsonst in Ägypten verzehrten, und an die Gurken, die Melonen, den Lauch, die Zwiebeln und den Knoblauch. Jetzt aber ist unsere Seele verschmachtet, nichts als das Manna sehen unsere Augen.“ Dann heißt es kurz darauf: „Und Mose hörte sie in ihren Abteilungen jammern; jeder war vor seiner Tür.“ Und wiederum kurz darauf sagt der Herr zu Mose: „Und zum Volke sollst du sagen: Heiliget euch morgen, dann werdet ihr Fleisch essen; denn ihr habt vor dem Herrn gejammert und gesagt: Wer wird uns Fleisch zu essen geben? Denn gut erging es uns in Ägypten. So wird euch nun der Herr Fleisch zu essen geben, und ihr werdet Fleisch essen. Nicht einen Tag nur werdet ihr es essen, auch nicht zwei oder fünf oder zehn oder zwanzig Tage; einen ganzen Monat lang werdet ihr essen, bis es euch zum Hals heraushängt; und es wird euch zum Ekel werden, da ihr den Herrn, der unter euch weilt, nicht gehorcht und vor ihm gejammert und gesagt habt: Wozu sind wir doch aus Ägypten ausgezogen?“ 129
§ 14
Wir wollen nun zusehen, ob wir euch diese Geschichte zur Lösung des Widerspruchs in der Bitte: „Führe uns nicht in Versuchung“ und in den Worten des Apostels mit Nutzen zur Vergleichung herangezogen haben. „Ein Gelüst hatte das den Kindern Israel beigemischte Pöbelvolk, und so jammerte es, und die Kinder Israel mit ihm.“ Und so lange sie das, was sie begehrten, nicht hatten, konnten sie offenbar keinen Überdruß daran empfinden und von ihrer Leidenschaft nicht ablassen; aber auch Gott in seiner Menschenliebe und Güte wollte, indem er ihnen das Begehrte gab, es ihnen nicht in der Weise geben, dass in ihnen noch Begierde zurückblieb. Deshalb sagt er, dass sie „nicht nur einen Tag das Fleisch essen“ sollen - denn die Leidenschaft würde in ihrer, von dieser durchglühten und entflammten Seele haften geblieben sein, wenn sie nur für kurze Zeit von dem Fleisch genossen hätten -; aber auch nicht nur für „zwei Tage“ gibt er ihnen das Gewünschte, sondern in der Absicht, es ihnen zum Ekel zu machen, spricht er gewissermaßen keine Verheißung, sondern für den Urteilsfähigen eine Drohung darin aus, worin er ihnen willfährig zu sein schien, indem er sagt: „auch nicht nur fünf Tage“ sollt ihr mit dem Essen des Fleisches zubringen, auch nicht doppelt so viel als diese, ferner auch nicht nochmals doppelt so viel, sondern solange sollt ihr essen, einen vollen Monat lang Fleisch verzehren, „bis euch“ mit dem Gefühl des Ekels das „zum Halse heraushängt“, was euch als Genuß galt, und dazu die tadelnswerte und schimpfliche Begierde danach. (Dies tue ich in der Absicht) damit ich euch, wenn ihr frei von Begierden seid, aus dem Leben hinwegnehmen kann, und ihr in solchem Zustand abscheidend als rein von Begierde und eingedenk der großen Mühen, durch die ihr von jener befreit worden seid, entweder die Kraft habt, ihr fernerhin überhaupt nicht mehr anheimzufallen; oder damit ihr, wenn dies 130 nun doch einmal eintritt, (erst) in langen Zeitperioden, indem ihr die um eurer Begierde willen erduldeten Leiden vergeßt, dem Bösen anheim fällt, sobald ihr nicht auf euch achtet und die von aller Leidenschaft vollkommen befreiende Vernunft nicht annehmt; und damit ihr später nach der (irdischen) Schöpfung begehrend wiederum den Wunsch hegt, zum zweiten Mal euer Begehren erfüllt zu sehen, [von eurer Begierde aber befreit werden könnt], indem ihr das Begehrte hasset und dann so wieder zum Guten und zu der himmlischen Nahrung zurückkehren könnt, die ihr im Trachten nach dem Schlechteren gering schätztet.
§ 15
Das gleiche wie diese werden nun diejenigen erleiden, welche „für die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes das Abbild der Gestalt eines vergänglichen Menschen, auch der Vögel und der vierfüßigen und kriechenden Tiere“ eintauschen; denn sie werden verlassen und dahingegeben „in den Gelüsten ihrer Herzen zur Unreinigkeit, um ihre Leiber zu entehren“, da sie zu einem seelen- und empfindungslosen Körper den Namen dessen herabgezogen hatten, der allen mit Empfindung und Vernunft begabten Wesen nicht nur das Empfinden, sondern auch das vernunftgemäße Empfinden, einigen auch das vollkommene und tugendhafte Empfinden und Denken verleiht. Und mit Recht werden solche von dem Gott, den sie verlassen haben, und der sie nun seinerseits verläßt, „zu entehrenden Leidenschaften dahingegeben“, indem sie „den gebührenden Lohn für ihre Verirrung“ durch das räudige Vergnügen, 131 dem sie fröhnten „empfangen“. „Der gebührende Lohn für ihre Verirrung“ wird ihnen nämlich viel mehr zuteil, wenn sie „zu entehrenden Leidenschaften dahingegeben“, als wenn sie durch das einsichtsvolle Feuer gereinigt werden und „im Kerker bis zum letzten Quadranten“ jeden Teil ihrer Schuld wiedererstatten müssen. Denn durch die Preisgabe an „entehrende Leidenschaften“, nicht nur an die natürlichen, sondern auch an viele widernatürliche, werden sie befleckt und durch das Fleisch abgestumpft, wie wenn sie dann nicht mehr Seele oder Geist besäßen, sondern ganz zu Fleisch geworden wären. In dem Feuer und „dem Kerker“ aber empfangen sie mit heilsamen Leiden, die über die Vergnügungssüchtigen verhängt werden, zur Reinigung von den in „der Verirrung“ begangenen Sünden nicht „einen gebührenden Lohn für ihre Verirrung“, sondern eine Wohltat, und werden von allem „Schmutz und Blute“ befreit, womit besudelt und verunreinigt, sie nicht einmal imstande waren, etwas zu ihrer Rettung [in] ihrem Verderben auszudenken. „Abwaschen“ wird also Gott „den Schmutz der Söhne und der Töchter Zions und ihr Blut reinigend wegspülen aus ihrer Mitte durch den Hauch des Gerichts und den Hauch der brennenden Flamme.“ „Er geht nämlich hinein wie Feuer eines Schmelzofens und wie Kraut von Wäschern“, abwaschend und reinigend die solcher Heilmittel Bedürftigen, weil sie „Gott nicht gebührend erkennen“ wollten. Solchen Heilmitteln übergeben, werden sie freiwillig „den verwerflichen Sinn“ hassen. 132 Denn Gott will nicht, dass jemandem das Gute zwangsweise zuteil werde, sondern nach seinem freien Willen soll es ihm werden; wobei gar mancher infolge der länger dauernden Gemeinschaft mit der Sünde nur schwer die ihr anhaftende Häßlichkeit bemerkt, um sich dann von ihr, die er fälschlicherweise für schön angesehen hatte, abzuwenden.
§ 16
Erwäge ferner, ob deshalb Gott auch das Herz des Pharao verhärtet, damit er das, was er nicht verhärtet sagte: “Der Herr ist gerecht, ich aber und mein Volk, wir sind gottlos”, sagen konnte. Aber für längere Zeit bedarf er der Verhärtung, und für längere Zeit muß er einige Plagen erdulden, damit er nicht, wenn er schneller von der Verhärtung los käme, die Verhärtung als ein Übel geringachte und noch viel häufiger Grund zur Verhärtung böte. Wenn demnach, wie es in den Sprichwörtern heißt, “nicht mit Unrecht Netze für die Vögel ausgespannt werden”, sondern mit gutem Grund Gott hineinführt “in die Schlinge” - wie der Psalmist sagt: “Du führtest uns in die Schlinge hinein” -, und wenn “ohne den Willen des Vaters” auch kein “Sperling”, der wohlfeilste der Vögel, “in die Schlinge” gerät - wer “in die Schlinge gerät, gerät deshalb hinein, weil er die Kraft seiner Flügel, die ihm zum Auffliegen verliehen sind, nicht richtig gebraucht hat -: so wollen wir darum beten, dass wir nichts begehen, weshalb wir von dem gerechten Gericht Gottes”in die Versuchung geführt werden" müßten, in die jeder geführt wird, der von Gott “in den Gelüsten seines Herzens dahingegeben wird zur Unreinigkeit”, und jeder, der “dahingegeben wird zu entehrenden Leidenschaften” und jeder, der “wie er es verschmäht hatte, Gott in sich zu tragen”, dahingegeben wird “zu verwerflichem Sinn, um das Unziemliche zu tun”. 133
§ 17
Der Nutzen der Versuchung ist aber ungefähr folgender. Was unsere Seele so in sich aufgenommen hat, dass es außer Gott allen, auch uns selbst, verborgen ist, das wird durch die Versuchungen offenbar, damit unser eigentliches Wesen nicht mehr verborgen bleibt, sondern wir uns auch selbst erkennen und bei gutem Willen die eigenen sittlichen Mängel wahrnehmen und für das uns durch die Versuchungen sichtbar gewordene Gute Dank sagen. Dass aber die (über uns) verhängten Versuchungen zu dem Zwecke eintreten, damit unser eigentliches Wesen ans Licht kommt oder die in unserem Herzen verborgenen Gedanken bekannt werden, das beweisen die Worte des Herrn in dem Buche Hiob und eine Stelle in dem Buche Deuteronomium. Die beiden Stellen lauten so: „Glaubst du aber, dass ich zu anderm Zweck mit dir verhandelt habe, als damit deine Gerechtigkeit in helles Licht tritt?“ Und im Deuteronomium: „Er mißhandelte dich und ließ dich hungern und speiste dich mit dem Manna“ „und geleitete dich in der Wüste“, „wo es beißende Schlangen und Skorpione und Durst gibt“, „damit der Inhalt deines Herzens bekannt wurde.“
§ 18
Wenn wir uns aber auch durch die Geschichte erinnern lassen wollen, so müssen wir wissen, dass der leicht zu täuschende Sinn [der Eva] und das fehlerhafte ihrer Überlegung nicht (erst) damals, als sie, statt auf Gott zu hören, auf die Schlange hörte, eintrat, sondern auch schon früher nachweislich vorhanden war; denn die Schlange hatte sich ihr deswegen genähert, weil sie bei ihrer eigenen Klugheit die Schwäche der Frau zum Ziel ihres Angriffs machen konnte. Auch in Kain begann die Bosheit nicht erst damals zu entstehen, “als er seinen Bruder tötete”, denn auch vorher beachtete der herzenskundige Gott Kain und seine Opfer nicht“; offenkundig aber wurde Kains Schlechtigkeit, 134 als er den Abel umbrachte. Hätte ferner Noah nicht von”dem Wein“, den er gebaut, getrunken und”sich berauscht" und seine Blöße aufgedeckt, so wäre weder die Frechheit und Ruchlosigkeit des Ham seinem Vater gegenüber an den Tag gekommen, noch die Ehrbarkeit und das Schamgefühl seiner Brüder gegen ihren Erzeuger. Auch Esaus Nachstellungen gegen Jakob schienen den Raub “des Segens” zum Grund zu haben; aber schon vorher lagen in seiner Seele die Keime dazu, dass er “ein Unzüchtiger und Unheiliger” wurde. Und die glänzende Keuschheit des Joseph, der dazu gerüstet war, von keiner Begierde überwunden zu werden, wäre uns verborgen geblieben, wenn die Herrin nicht leidenschaftliche Liebe zu ihm empfunden hätte.
§ 19
Deshalb wollen wir uns in den Zeiten, die zwischen den aufeinanderfolgenden Versuchungen liegen, den gegenwärtigen Gefahren entgegenstellen und uns rüsten für alle die Ereignisse, welche möglicherweise eintreten können; damit wir, was auch immer geschehen möge, nicht ungerüstet betroffen werden, sondern als solche erscheinen, die sich aufs sorgfältigste eingeübt haben. Denn das, was um der menschlichen Schwachheit willen noch fehlt, wird, wenn wir von uns aus alles tun, Gott ergänzen, der denen, „die ihn lieben, in allem zum Guten mithilft“, denen, die nach seiner untrüglichen Vorsehung schon im voraus dazu ausersehen sind, was sie nur immer dereinst durch sich selbst sein werden.