Origenes · De oratione · Buch 2 · Kapitel 15
§ 1
Es ist aber nicht zu verwundern, wenn allen denen, die sozusagen solche Schatten erzeugende Gegenstände auf gleiche Weise empfangen, nicht der gleiche Schatten verliehen wird, einigen aber überhaupt kein Schatten verliehen wird. Denn wenn man die mit der Sonnenuhr zusammenhängenden Fragen und das Verhältnis der Schatten zu dem leuchtenden Körper betrachtet, so erscheint dies auch bei den körperlichen Gegenständen als ganz zutreffend. Für einige sind nämlich die Zeiger der Sonnenuhr zu einer gewissen Zeit ohne Schatten, für andere aber sozusagen mit kurzem Schatten, und wiederum für andere vergleichsweise mit längerem Schatten versehen. Da nun also der Ratschluß des Gebers die vorzüglichen Dinge nach gewissen unaussprechlichen und geheimnisvollen Rücksichten, entsprechend den Empfängern und den Zeiten, wo solche Dinge gegeben werden, als Geschenk gewährt, so ist es nicht auffällig, wenn manchmal die Schatten den Empfängern überhaupt nicht zuteil werden, manchmal nicht bei allen, sondern nur bei wenigen Dingen, manchmal auch kleinere im Vergleich mit andern, während (wieder) andern größere zuteil werden. Wie nun der, welcher nach den Sonnenstrahlen verlangt, weder durch Anwesenheit noch Abwesenheit des Schattens der körperlichen Dinge erfreut oder betrübt wird, da er das Notwendigste hat, sobald er hell beleuchtet ist, mag er nun entweder des Schattens beraubt sein oder mehr oder weniger von dem Schatten haben; so werden wir, wenn das Geistige in unserem Besitze ist und wir von Gott zu dem vollkommenen Erwerb der wahren Güter „erleuchtet werden“, uns nicht kleinlich um ein unbedeutendes Ding, das dem Schatten entspricht, kümmern. Denn alles Weltliche und Körperliche, von welcher Beschaffenheit es auch immer sein mag, hat die Bedeutung eines flüchtigen und kraftlosen Schattens und kann durchaus nicht mit den heilsamen und heiligen Gaben 62 Gottes, (des Herrn) der Welt, verglichen werden. Ist denn ein Vergleich möglich zwischen leiblichem Reichtum und dem Reichtum „in Wort und Weisheit jeder Art“? Wer sollte wohl bei klaren Sinnen die Gesundheit von Fleisch und Bein einem gesunden Geist und einer starken Seele und wohlgeordneten Gedanken gleichsetzen? Alles dies, durch das Wort Gottes ins Ebenmaß gebracht, macht die körperlichen Leiden zu einer unbedeutenden Schramme und womöglich zu etwas noch Geringfügigerem, als eine Schramme ist.
§ 2
Wer aber verstanden hat, was wohl die Schönheit der von dem „Bräutigam“, dem Worte Gottes, geliebten „Braut“ bedeutet, nämlich der Seele, die in der Blüte überhimmlischer und überirdischer Schönheit steht, der wird sich scheuen, leibliche Schönheit von Frau oder Kind oder Mann mit demselben Namen „Schönheit“ zu ehren; denn das Fleisch, das ganz Häßlichkeit ist, begreift die wirkliche Schönheit nicht in sich. Ist doch „alles Fleisch wie Gras“, und wird doch seine „Herrlichkeit“, die in der so genannten Schönheit von Frauen und Kindern sichtbar ist, nach dem Prophetenwort mit „einer Blume“ da verglichen, wo es heißt: „Alles Fleisch ist wie Gras, und seine Herrlichkeit ist wie eine Blume des Feldes. Es verdorrt das Gras, und die Blume fällt ab; das Wort des Herrn aber bleibt bis in Ewigkeit.“ Wer wird ferner noch „Adel“ im eigentlichen Sinne das nennen, was bei den Menschen gewöhnlich so genannt wird, wenn er den Adel der Söhne Gottes wahrgenommen hat? Wenn aber der Geist „das unerschütterliche Reich“ Christi geschaut hat, wie sollte er nicht jedes irdische Reich als keiner Beachtung wert verachten? Und wenn er das Heer der Engel und die Oberfeldherrn der Streitkräfte des Herrn unter ihnen 63 und die Erzengel und „Throne und Hoheiten und Herrschaften und überhimmlischen Gewalten“, soweit sie der noch an den Körper gebundene menschliche Geist fassen kann, nach Kräften deutlich gesehen, und wenn er begriffen hat, dass er von dem Vater gleiche Ehren wie jene erlangen könne: wie sollte er da nicht, auch wenn er kraftloser wäre als ein Schatten, diese bei den unvernünftigen Leuten bewunderten Dinge als ganz nichtig und keiner Beachtung wert im Vergleich [mit jenen] verachten und alles dies, wenn es ihm gegeben wäre, übersehen, um (den Besitz) der wahren „Herrschaften“ und der göttlichen „Gewalten“ nicht zu verfehlen?
Beten muß man also, beten um die vorzüglich und wahrhaft großen und himmlischen Güter, und die Sorge um die den Hauptgütern als Begleiterscheinung folgenden Schatten Gott anheimstellen, der ja weiß, „wessen wir“ unseres vergänglichen Körpers wegen „bedürfen, bevor“ wir „es von ihm erbeten haben.“ 64