Origenes · De oratione · Buch 2 · Kapitel 13
§ 1
Wenn wir nun verstehen, was denn eigentlich „Gebet“ bedeutet, dann darf man wohl zu keinem der Geschaffenen beten, auch nicht zu Christus selbst, sondern allein zu dem Gott und Vater aller, zu dem auch unser Heiland selbst betete, wie wir oben dargelegt haben, und zu dem er uns beten lehrt. Denn als er die Worte gehört hatte: „Lehre uns beten“, lehrt er nicht zu ihm, sondern zu dem Vater beten und sprechen: „Unser Vater in den Himmeln“ und so weiter. Denn wenn, wie an anderem Orte gezeigt wird, der Sohn vom Vater dem Wesen und der Person nach unterschieden ist, so muß man entweder zum Sohn und 56 nicht zum Vater beten, oder zu beiden, oder zum Vater allein. Zum Sohn und nicht zum Vater beten, das wird jeder, wer es auch sei, für ganz unmöglich und dem klaren Augenschein widersprechend erklären; wenn aber zu beiden, so würden wir offenbar wohl unsere Wünsche in der Mehrzahl vorbringen und in den Gebeten sprechen: „gewährt“ und „erzeigt Wohltaten“ und „helft“ und „rettet“, und wenn es etwas dergleichen gibt. Diese Ausdrucksweise ist an und für sich unangemessen, auch kann man nicht nachweisen, dass sie in den (heiligen) Schriften von jemandem gebraucht werde. Es bleibt also übrig, allein zu Gott, dem Vater des Weltalls, zu beten, aber nicht ohne den Hohenpriester, welcher von dem Vater „mit Eidschwur“ eingesetzt wurde nach dem Wort: „Er hat geschworen, und es wird ihn nicht gereuen; du bist Priester für immerdar nach der Weise Melchisedeks.“
§ 2
Wenn also die Heiligen in ihren Gebeten Gott Dank sagen, so bekennen sie ihm durch Christus Jesus ihren Dank. Wie aber der, welcher recht zu beten versteht, nicht zu dem beten darf, welcher selbst betet, sondern zu dem Vater, den uns unser Herr Jesus bei den Gebeten anzurufen gelehrt hat: ebenso darf man nicht ohne ihn irgendein Gebet dem Vater darbringen, wie er selbst dies deutlich in folgenden Worten darlegt: “Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, wenn ihr meinen Vater um etwas bittet, wird er es euch auf meinen Namen geben; bittet, so werdet ihr empfangen, damit eure Freude vollkommen sei.” Denn nicht sagte er: “bittet mich”, auch nicht einfach “bittet den Vater”, sondern: wenn ihr den Vater um etwas bittet, wird er es euch auf meinen Namen geben." Denn bis Jesus dies lehrte, hatte keiner “den Vater auf den Namen” des Sohnes gebeten; und Wahrheit enthielt das Wort Jesu: “Bis 57 jetzt habt ihr nichts auf meinen Namen erbeten”, Wahrheit aber auch dies: “bittet, so werdet ihr empfangen, damit eure Freude vollkommen sei.”
§ 3
Wenn aber jemand, durch die Bedeutung des Wortes προσκυνεῖν (=anbeten) irregeführt, meint, man müsse zu Christus selbst beten und uns die Schriftstelle im Deuteronomium, die sich anerkanntermaßen auf Christus bezieht, vorhält: „Anbeten sollen ihn alle Engel Gottes“, so ist ihm zu entgegnen, dass es auch von der beim Propheten „Jerusalem“ genannten Kirche heißt, dass sie von „Königen und Fürstinnen, ihren Pflegern und Ammen“ angebetet würde, in dieser Stelle: „Siehe, ich erhebe meine Hand gegen die Heiden, und gegen die Inseln will ich mein Feldzeichen erheben; und sie werden deine Söhne im Busen herbeiführen, deine Töchter aber auf den Schultern emporheben. Und es werden Könige deine Pfleger sein, ihre Fürstinnen aber deine Ammen; auf das Angesicht der Erde (niederfallend) werden sie [dich] anbeten, und den Staub deiner Füße werden sie lecken. Und du wirst erkennen, dass ich Herr bin, und du wirst nicht zu Schanden werden.“
§ 4
Wie sollte es aber nicht dem Sinne dessen, der gesagt hat: “Was nennst du mich gut? Niemand ist gut, außer dem einen Gott, dem Vater” entsprechen, etwa zu sagen: Was betest du zu mir? Nur zu dem Vater darfst du beten, zu dem auch ich bete; was ihr ja aus den heiligen Schriften lernt. Denn zu dem für euch vom Vater eingesetzten Hohenpriester und Fürsprecher, der vom Vater her (dieses Amt) erhalten hat, dürft ihr nicht beten, sondern durch den Hohenpriester und Fürsprecher, der imstande ist, mitzuleiden “mit euern 58 Schwächen”, der “in allem in ähnlicher Weise” wie ihr “versucht ist”, aber um des Vaters willen, der es mir gewährt hat, versucht ohne Sünde“. Lernt nun, wie groß die Gabe ist, die ihr von meinem Vater empfangen habt, indem ihr durch die Wiedergeburt in mir”den Geist der Kindschaft" überkommen habt, damit ihr “Söhne Gottes” und meine Brüder heißet. Ihr habt ja die Worte gelesen, die ich über euch durch David zum Vater gesprochen habe: “Ich will meinen Brüdern deinen Namen verkünden, inmitten der Gemeinde will ich dir lobsingen.” Dass aber zum “Bruder” die beten, welche des gleichen Vaters mit ihm gewürdigt sind, ist nicht begründet; denn allein zum Vater sollt ihr mit mir und durch mich ein Gebet emporsenden.