Origenes · De oratione · Buch 2 · Kapitel 9
§ 1
Mit den recht Betenden aber betet nicht nur der Hohepriester, sondern beten auch die Engel „im Himmel, die sich über einen reuigen Sünder mehr freuen, als über neunundneunzig Gerechte, die keine Buße nötig haben“, und dazu die Seelen der entschlafenen Frommen. Dies erhellt daraus, dass Raphael ein Gebetsopfer von Tobit und Sara vor Gott bringt. Denn nachdem beide gebetet hatten, „wurde das Gebet beider“, sagt die Schrift, „angesichts der Herrlichkeit des großen Raphael erhört, und er wurde abgeschickt, die beiden zu heilen“. Und als Raphael selbst seinen Dienst, den er als Engel den beiden nach der Anordnung Gottes erwiesen hatte, offenbart, da sagt er: „Und nun, als ihr beiden, du und deine Schwiegertochter Sara, betetet, brachte ich das Gedächtnis eures Gebetes vor den Heiligen“, und kurz darauf: „Ich bin Raphael, einer der sieben Engel, die [die Gebete der Heiligen] (vor Gott) bringen und angesichts der Herrlichkeit des Heiligen Zutritt haben.“ Nach dem Wort des Raphael ist also „ein mit Fasten und Almosen und Gerechtigkeit verbundenes Gebet gut“. Ferner erschien, wie in den 40 Makkabäerbüchern [geschrieben steht], Jeremia, „durch graues Haar und Herrlichkeit“ ausgezeichnet, so dass ihn „eine ganz wunderbare und glanzvolle Hoheit umgab“, „streckte seine rechte Hand aus und übergab dem Judas ein goldenes Schwert“; für Jeremia (aber) legte ein anderer entschlafener Frommer Zeugnis ab mit den Worten: „Dies ist der Mann, der viel betet für das Volk und die heilige Stadt, Jeremia, der Prophet Gottes.“
§ 2
Denn da die Erkenntnis in der Gegenwart (nur) „durch einen Spiegel“ und „im Rätselwort“ den Würdigen gezeigt, „dereinst aber von Angesicht zu Angesicht“ offenbart wird, so wäre es ungereimt, das Entsprechende nicht auch bei den übrigen Tugenden anzunehmen, dass nämlich die in diesem Leben vorbereiteten Tugenden dereinst endgültig vollendet werden. Eine, und zwar die vorzüglichste der Tugenden, ist nach dem göttlichen Wort die Liebe zum Nächsten. Wir müssen nun annehmen, dass von dieser die schon entschlafenen Frommen gegenüber den noch im Lebenskampf stehenden Menschen in viel höherem Grad erfüllt sind, als diejenigen, die sich selbst noch im (Zustande der) menschlichen Schwachheit befinden und an der Seite noch Schwächerer kämpfen müssen. Nicht nur hier auf Erden trifft bei solchen, die den Bruder lieben, dies Wort zu: „Wenn ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; und wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle Glieder mit.“ Denn auch der Liebe der aus dem gegenwärtigen Leben Geschiedenen ziemt es zu sprechen: „Die Sorge für alle Gemeinden. Wer ist schwach, und ich bin es nicht? Wer hat Ärgernis und ich gerate 41 nicht in Brand?“, zumal da Christus verheißt, bei jedem der schwach (sich zeigenden) Frommen gleichfalls „schwach und im Gefängnis“ und „nackt“ und „ein Fremdling zu sein, zu hungern und zu dürsten“. Denn wer von denen, die das Evangelium zur Hand nehmen, sollte nicht wissen, dass Christus durch die Beziehung der den Gläubigen zustoßenden Leiden auf sich selbst diese Leiden als seine eigenen betrachtet?
§ 3
Wenn aber „Engel“ Gottes zu Jesus traten und „ihm dienten“, und die Annahme für uns unziemlich ist, dass der Dienst der Engel Jesu gegenüber auf kurze Zeit bei seiner leiblichen Anwesenheit unter den Menschen beschränkt gewesen sei, während doch Jesus selbst noch „in der Mitte“ der Gläubigen weilt, nicht „wie der, der zu Tische sitzt, sondern wie der, der bedient“: wie viele Engel müssen dann wohl als Diener für Jesus, wenn er „die Söhne Israels einzeln sammeln“ und die aus der Zerstreuung vereinigen will und die, „die [den Namen des Herrn] fürchten und anrufen, rettet“, in höherem Maße als die Apostel mithelfen bei dem Wachstum und der Erweiterung der Kirche, so dass bei Johannes in der Offenbarung auch einige an der Spitze der Gemeinden stehende Engel genannt werden? Denn nicht ohne Grund „steigen die Engel Gottes hinauf und herab auf den Sohn des Menschen“, sichtbar für die „von dem Lichte der Erkenntnis erleuchteten“ Augen. 42
§ 4
Und wenn sie nun zur Zeit des Gebets von dem Betenden an das erinnert werden, dessen der Betende bedarf, so erfüllen sie, soweit sie können, die Bitten nach der erhaltenen allgemeinen Anweisung. Für diese Erörterung müssen wir, damit man unsere Meinung gelten läßt, etwa einen solchen Vergleich heranziehen. Nehmen wir an, dass ein rechtlich denkender Arzt bei einem Kranken, der für seine Gesundheit betet, anwesend ist und die Fachkenntnis besitzt, um die Krankheit, für die der Kranke sein Gebet vor Gott bringt, heilen zu können. Offenbar wird sich nun dieser Arzt veranlaßt sehen, den Betenden zu heilen, da er vielleicht nicht ohne Grund annimmt, dass eben dies im Sinne Gottes geschehen ist, der das Gebet des Kranken um Befreiung von der Krankheit erhört hat. Oder nehmen wir den Fall, dass ein Mann, der die zum Leben nötigen Mittel im reichen Maße besitzt und dazu freigebig ist, das Gebet eines Armen hört, der Gott mit einer Bitte um seines Lebens Notdurft anliegt. Es ist nun klar, dass auch dieser die Bitte des Armen als ein Vollstrecker von (Gottes) Vaterwillen erfüllen wird, der zur Zeit des Gebetes den Mann mit dem Betenden zusammengeführt hat, welcher (das Erbetene) gewähren und wegen der redlichen Absicht des um solche Dinge Bittenden diesen nicht übersehen konnte.
§ 5
Wie man nun nicht glauben darf, dass dies, wenn es geschieht, zufällig geschieht, da der, welcher „alle Haare“ auf dem Haupte der Frommen „gezählt hat“, zur Zeit des Gebetes gerade den Mann mit dem gläubig Betenden in passender Weise zusammenführt, der durch Anhören (des Gebetes) der Vermittler der Wohltat werden sollte für den, der ihrer bedurfte: ebenso darf man annehmen, dass manchmal die Anwesenheit der Aufsicht übernehmenden und Gott dienenden Engel für den oder jenen der Betenden herbeigeführt wird, damit sie das Begehren des Betenden mit unterstützen können. Aber auch der Engel eines jeden, auch „der Kleinen“ in der Kirche, „der allezeit das Angesicht des Vaters 43 schaut, der in den Himmeln ist“, und die Göttlichkeit unseres Schöpfers vor Augen hat, betet mit uns und ist uns nach Kräften bei dem behilflich, was wir erbitten.