Origenes · De oratione · Buch 2 · Kapitel 12
§ 1
Nach dieser von uns gegebenen Darlegung der Wohltaten, die den Frommen durch ihre Gebete zuteil geworden sind, wollen wir das Wort betrachten; „Bittet um das Große und das Kleine wird euch zugelegt werden“, und „Bittet um das Himmlische und das Irdische wird euch zugelegt werden.“ Alles Sinnbildliche (Symbolische) und Vorbildliche (Typische) ist im 51 Vergleich mit dem Wahren und Geistigen „klein“ und „irdisch“; und passenderweise redet daher das göttliche Wort, indem es uns zur Nachahmung der Gebete der Frommen in der Art antreibt, dass wir sie entsprechend der Wahrheit des Vorbildlichen, das jene aufgestellt haben, verrichten sollen, von „dem Himmlischen und Großen“, das durch die Hinzufügung über „irdische und kleine Dinge“ verdeutlicht wird. Es bedeutet nämlich: ihr (Christen), die ihr „geistig“ zu sein begehrt, sollt in euern Gebeten um [„das Himmlische und Große“] bitten, damit ihr beides erlangt und im ersten Falle das Himmelreich ererbt und im zweiten Falle die größten Güter genießt, und euch der Vater „das Irdische und Kleine“, das ihr der leiblichen Bedürfnisse wegen nötig habt, nach dem Maße des Notwendigen noch dazu gewähre.
§ 2
Da aber bei dem Apostel im ersten Brief an Timotheus vier Namen von vier Dingen angegeben sind, die der Erörterung über das Gebet nahe stehen, so wird es nützlich sein, diese Stelle anzuführen, um zu sehen, [ob] wir wohl einen jeden der vier Namen, in seinem eigentlichen Sinn verstanden, richtig auffassen. (Der Apostel) sagt so: „Ich ermahne nun zuerst zu vollziehen Bitten, Gebete, Fürbitten, Danksagungen für alle Menschen“ und so weiter. Ich glaube demnach, dass „Bitte“ (δέησις) dasjenige Gebet bedeutet, welches einer, dem etwas fehlt, mit flehentlicher Bitte, um dies zu erlangen, emporsendet; „Gebet“ (προσευχή) aber, was jemand unter Lobpreisung Gottes wegen größerer (Gaben) in feierlicher Form emporsendet; „Fürbitte“ (ἒντευξις) ferner ein Ansuchen, das einer, der etwas 52 größeren Freimut besitzt, wegen gewisser Dinge vor Gott bringt; endlich „Danksagung“ (εὐχαριστία) die mit Gebet verbundene Bestätigung des Empfängers, dass er Güter von Gott erhalten hat, indem der Empfänger die Größe der ihm gewordenen Wohltat erfaßt, oder diese dem Beschenkten als groß erscheint.
§ 3
Beispiele für den ersten Namen sind; die Ansprache des Gabriel an Zacharias, der wahrscheinlich wegen der Geburt des Johannes gebetet hatte, die so lautet: „Fürchte dich nicht, Zacharias, da deine Bitte erhört worden ist; und dein Weib Elisabeth wird dir einen Sohn gebären, und du wirst ihn Johannes heißen“, ferner was im Buch Exodus bei der Anfertigung des goldenen) Kalbes folgendermaßen aufgezeichnet ist: „Und es bat Mose vor Gott dem Herrn und sprach: Warum bist du, Herr, von Zorn erfüllt gegen dein Volk, das du in großer Kraft aus Ägyptenland weggeführt hast?“, weiter im Deuteronomium: „Und ich bat vor dem Herrn das zweite Mal wie auch das erste Mal vierzig Tage und vierzig Nächte - Brot aß ich nicht und Wasser trank ich nicht - wegen aller eurer Sünden, die ihr begangen hattet“, endlich im Buch Esther „Mardochai bat Gott, indem er sich aller Werke des Herrn erinnerte, und sagte: Herr, Herr, allmächtiger König“, und Esther selbst „bat den Herrn, den Gott Israels, und sagte: Herr, unser König“.
§ 4
(Ein Beispiel) für den zweiten Namen steht in dem Buche Daniel: „Und Asarja trat hin und betete so, er öffnete seinen Mund inmitten des Feuers und sagte:“, 53 und in dem Buche Tobit: „Und ich betete in Betrübnis und sprach: Gerecht bist du, Herr, mit allen deinen Werken, alle deine Wege sind Erbarmen und Wahrheit, und wahrhaftes und gerechtes Gericht hältst du bis in Ewigkeit.“ Da wir aber die Stelle im Daniel als nicht im hebräischen Texte befindlich für unecht erklärt haben, und die Juden dem Buche Tobit, da es nicht kanonisch sei, die Anerkennung versagen, so werde ich aus dem ersten Buche der Königreiche die Stelle von Anna hersetzen: „Und sie richtete ein Gebet an den Herrn und vergoß viele Tränen. Und sie tat ein Gelübde und sprach: Herr der (Himmels)mächte, wenn du die Niedergeschlagenheit deiner Magd ansiehst“ und so weiter; auch im Habakuk (steht): „Ein Gebet des Propheten Habakuk mit Gesang. Herr, ich habe deine Stimme gehört und geriet in Furcht. Herr, ich betrachte deine Werke und geriet außer mir. Inmitten von zwei lebenden Wesen wirst du erkannt werden; indem die Jahre sich nähern, wirst du dabei erkannt werden.“ Sehr deutlich weist dieses Gebet die Begriffsbestimmung von προσευχή als richtig nach, da es unter Lobpreisung Gottes von dem Betenden emporgesandt wird. Aber auch in dem Buche Jona „betete Jona in dem Leibe des Meertieres zu dem Herrn, seinem Gott, und sprach; In meiner Bedrängnis rief ich zu dem Herrn, meinem Gott und er erhörte mich. Aus dem Schoße der Unterwelt hörtest du mein Klagegeschrei. Du schleudertest mich in die Tiefe des Herzens des Meeres, und die Fluten umringten mich.“
§ 5
(Ein Beispiel) für den dritten Namen findet sich bei dem Apostel, der mit gutem Grund „das Gebet“ uns zuweist, „die Fürbitte“ aber dem (Heiligen) Geiste als dem, der mächtiger ist und Freimut besitzt dem 54 gegenüber, an den er sich bittend wendet. „Denn was wir beten sollen“, sagt er, „nach Gebühr, das wissen wir nicht; aber der Geist selbst tritt mit unaussprechlichen Seufzern Gott gegenüber (für uns) kräftig ein. Der aber die Herzen erforscht, weiß, was der Sinn des Geistes ist, dass er nämlich nach Gottes Willen für Fromme eintritt.“ „Für uns“ nämlich „tritt der Geist kräftig ein“ und „verwendet sich (für uns)“, wir aber sprechen das Gebet. „Fürbitte“ scheint mir auch zu sein, was Josua über das „Stillstehen der Sonne gegen Gabaoth“ sagt: „Damals sprach Josua zu dem Herrn, an welchem Tage Gott die Amorrhäer dem Volk Israel unterwarf, als er sie aufrieb in Gabaoth, und sie aufgerieben wurden vor dem Angesicht der Söhne Israels. Und Josua sprach: Es steht still die Sonne gegen Gabaoth, und der Mond gegen das Tal Elom.“ Und in dem Buche der Richter sprach Simson fürbittend, wie ich glaube: „Mit den Fremden zugleich soll mein Leben endigen“, als „er sich mit Kraft neigte und das Haus auf die Fürsten und das ganze Volk in ihm herabstürzte.“ Wenn auch nicht geschrieben steht, dass Josua und Simson Fürbitte eingelegt, sondern dass sie „gesprochen“ haben, so scheint ihre Rede doch eine „Fürbitte“ zu sein, die nach unserer Meinung, wenn wir die Namen in ihrer eigentlichen Bedeutung verstehen, verschieden ist von dem „Gebet“.
Ein Beispiel für das „Dankgebet“ endlich ist der Ausspruch unseres Herrn, welcher sagt: „Ich danke dir, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies verborgen hast vor Weisen und Verständigen und es Unmündigen offenbart hast“; denn das Wort ἐξομολογοῦμαι (= ich bekenne, preise) bedeutet (hier) dasselbe wie εὐχαριστῷ (= ich danke).
§ 6
„Bitte, Fürbitte und Danksagung“ kann man nun passenderweise auch [heiligen] Menschen darbringen; aber zwei davon, ich meine nämlich „Fürbitte und 55 Danksagung“ nicht nur heiligen, sondern auch [andern] Menschen: die „Bitte“ aber nur heiligen Menschen, wenn sich ein zweiter Paulus oder Petrus finden sollte, damit sie uns förderlich sind und uns würdig machen, die ihnen gewährte Vollmacht der Sündenvergebung zu erlangen; es müßte denn, wenn wir einem, der nicht heilig ist, Unrecht zugefügt haben, gestattet sein, auch an einen solchen, sobald wir uns der Versündigung an ihm bewußt geworden sind, eine „Bitte“ zu richten, damit er uns das Unrecht verzeiht. Wenn man aber bei heiligen Menschen so verfahren soll, um wie viel mehr muß man Christus „Dank sagen“, der uns nach dem Willen des Vaters so viele Wohltaten erwiesen hat! Aber auch „Fürbitten“ sollen wir an ihn richten, wie es Stephanus in den Worten tat: „Herr, wäge ihnen diese Sünde nicht zu“; und in Nachahmung des Vaters des Mondsüchtigen werden wir sprechen: „Ich bitte, Herr, erbarme dich“ entweder „über meinen Sohn“ oder über mich selbst oder über irgend jemand sonst.