Origenes · De oratione · Buch 2 · Kapitel 10
§ 1
Außerdem aber sind, wie ich glaube, die Worte des Gebetes der Frommen von Kraft erfüllt, besonders wenn sie „mit dem Geiste betend, auch mit dem Verstande beten“, der einem Lichte gleicht, das von dem Denkvermögen des Betenden aufleuchtet und aus seinem Munde hervorgeht, um mit Gottes Kraft den geistigen Pfeil unwirksam zu machen, der von den feindlichen Mächten auf die Vernunft der Verächter des Betens abgeschossen wird, die das bei Paulus entsprechend den Weisungen Jesu stehende Wort: „Betet ohne Unterlaß“ nicht beachten. Denn von der Seele des Betenden geht gleichsam ein Geschoß aus, [geschärft] durch die Erkenntnis und Vernunft oder durch den Glauben des Frommen, um die Gott feindlichen Geister, welche uns mit den Fesseln der Sünde umschlingen wollen, durch die geschlagenen Wunden niederzuwerfen und zu vernichten.
§ 2
“Ohne Unterlaß” aber betet, wer mit seinen notwendigen Werken das Gebet, und mit dem Gebet die geziemenden Handlungen verbindet, da auch die Werke der Tugend oder die Ausführung der (göttlichen) Gebote mit in den Bereich des Gebetes einbezogen werden. Denn nur so können wir das Gebot: “Betet ohne Unterlaß” als ausführbar verstehen, wenn wir das ganze Leben des Frommen ein einziges, großes, zusammenhängendes Gebet nennen würden. Ein Teil dieses 44 “großen Gebetes” ist auch das, was man gewöhnlich “Gebet” nennt, welches nicht seltener als dreimal an jedem Tage verrichtet werden muß. Dies erhellt aus dem Bericht über Daniel, der trotz der großen ihm drohenden Gefahr dreimal des Tages betete . Und Petrus, der “auf das Dach hinaufsteigt [um] die sechste Stunde, zu beten, als er auch”das vom Himmel herunterkommende, an den vier Enden herabgelassene Gerät" schaute, führt uns das mittlere der drei Gebete vor Augen, das vor ihm auch von David gesprochen wird, [während das erste Gebet aufgezeichnet ist an dieser Stelle]: “In der Frühe wirst du mein Gebet hören, in der Frühe werde ich zu dir treten und auf dich sehen”, und das letzte durch diese Worte deutlich gemacht wird: “Das Aufheben meiner Hände ist Abendopfer”. Ohne dieses Gebet werden wir aber auch die Nachtzeit nicht pflichtgemäß hinbringen, weil David spricht: “Zu Mitternacht erhebe ich mich, um dich zu preisen wegen der Entscheidungen deiner Gerechtigkeit” und Paulus, wie in der Apostelgeschichte gesagt ist: “um Mitternacht zugleich mit Silas in Philippi betet und Gott preist”, so dass “auch die Gefangenen ihnen zuhörten.”