Origenes · De oratione · Buch 2 · Kapitel 11
§ 1
Wenn aber Jesus betet und nicht vergeblich betet, da er durch das Beten das, worum er bittet, 45 erlangt, ohne Gebet es aber vielleicht nicht erhalten hätte: wer von uns sollte da das Beten vernachlässigen? Denn Markus sagt: „Früh morgens noch im Dunkeln stand er auf, ging hinaus und begab sich an einen einsamen Ort, und dort betete er“; Lukas aber berichtet: „Und es geschah, da er an einem Orte war und betete, da sagte, als er aufgehört hatte, einer von seinen Jüngern zu ihm“, und an einer anderen Stelle: „Und er brachte die Nacht zu im Gebete zu Gott“; Johannes aber zeichnet ein Gebet von ihm auf in den Worten: „Dies hatte Jesus geredet, da hob er seine Augen zum Himmel empor und sagte: Vater, die Stunde ist gekommen, verherrliche deinen Sohn, damit auch dein Sohn dich verherrliche.“ Auch diese Stelle: „Ich wußte aber, dass du mich jederzeit hörst“, die bei demselben (Evangelisten) als von dem Herrn gesprochen aufgezeichnet ist, macht deutlich, dass „jederzeit“ erhört wird, wer „jederzeit“ betet.
§ 2
Wozu bedarf es aber einer Aufzählung der Menschen, die durch richtiges Beten die größten Güter von Gott erhalten haben, da es für jeden freisteht, sich aus den Schriften mehr Beispiele zu sammeln? Anna nämlich beförderte die Geburt Samuels, der dem Mose an die Seite gestellt wird, als sie, unfruchtbar, gläubig zum Herrn betete; Hiskia aber, der, noch kinderlos, von Jesaja erfuhr, dass er sterben werde, betete und ist darauf in das Geschlechtsregister des Heilands aufgenommen worden; als ferner nach einem einzigen Befehl infolge der Hinterlist Hamans das Volk schon im Begriffe war, unterzugehen, da wurde das mit Fasten verbundene Gebet Mardochais und Esthers erhört und fügte zu den von Mose angeordneten Festen den 46 Freudentag des Mardochai für das Volk hinzu. Aber auch Judith, die ein frommes Gebet (zu Gott) emporgesandt hatte, überwand mit Hilfe Gottes den Holofernes, und „ein einziges Weib der Hebräer brachte Schande über das Haus Nabuchodonosor“; Ananias aber und Asarja und Misael wurden erhört und gewürdigt, „den frischen Hauch des (den Ofen) durchwehenden Windes“ zu genießen, der die Feuerflamme nicht wirksam sein ließ; ferner wird um der Gebete Daniels willen den Löwen in der Grube der Babylonier der Rachen verschlossen; endlich kann Jona, der die Hoffnung nicht aufgab, dass sein Gebet „aus dem Leibe des Meertieres“, das ihn verschlungen hatte, gehört werden würde, den Bauch des Tieres verlassen und seine Prophezeiung an die Nineviten vervollständigen.
§ 3
Wie viel könnte aber auch ein jeder von uns berichten, wenn er dankbar sich an die empfangenen Wohltaten erinnert und Gott dafür Dankgebete darbringen will! Denn Menschenseelen, die lange Zeit unfruchtbar geblieben waren [und] die Dürre der eigenen Vernunft und die Unfruchtbarkeit ihres Denkens wahrgenommen hatten, sind infolge anhaltenden Gebets vom Heiligen Geist befruchtet worden und haben heilsame Worte, erfüllt von Lehren der Wahrheit, hervorgebracht. Während aber gegen uns oft viele Tausende feindlicher Mächte zu Felde ziehen und uns von dem Gottesglauben abbringen wollen - wie viele Feinde sind (hierbei schon) geschlagen worden! Denn wir gewannen Zuversicht, da „diese auf Wagen, jene auf Rosse“ (vertrauten), wir aber „auf den Namen des Herrn“, und ihn anrufend„ sehen, dass in Wahrheit “trügerisch ist 47 das Roß zur Rettung„. Aber auch dem Oberfeldherrn des Widersachers, [dem] trügerischen und leicht überredenden Worte, durch das viele auch von denen, die für gläubig gelten, veranlaßt werden, sich furchtsam zu ducken, schlägt der dem Lobpreis Gottes vertrauende (Christ) oft das Haupt ab; denn “Judith„ bedeutet übersetzt “Lobpreisung„. Und wie viele oft in schwer zu überwindende Versuchungen, sengender als jede Flamme, geraten sind und doch nicht durch sie gelitten haben, sondern ganz unversehrt durch diese hindurchgegangen sind, ohne auch nur durch “den Brandgeruch des feindlichen Feuers„ vielleicht einen Schaden zu erleiden; was bedarf dies der Erwähnung? Wie groß ist aber auch die Zahl der wilden, gegen uns (Christen) ergrimmten Tiere, böse Geister (meine ich) und rohe Menschen, denen (Christen) begegneten und durch ihre Gebete oft “den Rachen verschlossen, so dass diese nicht imstande waren, ihre Zähne in die von uns einzuschlagen, welche „Glieder Christi“ geworden waren? Denn oft hat „der Herr“ bei einem jeden einzelnen der Frommen „die Backenzähne der Löwen zerbrochen“, und sie wurden gering geachtet „wie vorüberfließendes Wasser“. Wir wissen auch, dass Übertreter der Anordnungen Gottes oftmals vom „Tode“, der vorher „über sie Macht gewonnen hatte, verschlungen“, dann aber um ihrer Sinnesänderung willen von diesem so großen Unheil errettet worden sind, da sie an der Möglichkeit ihrer Rettung nicht verzweifelten, als sie schon „im Leibe“ des Todes festgehalten waren; denn „der Tod verschlang sie, als er Macht (über sie) gewonnen hatte, und wiederum wischte Gott alle Tränen von jedem Antlitz ab“. 48
§ 4
Nach der Aufzählung derer, die durch das Gebet Nutzen gehabt haben, mußte dies ganz notwendigerweise, wie ich glaube, von mir gesagt sein. Ich suche ja die nach dem geistigen Leben, nach dem Leben in Christus, Verlangenden abzubringen von dem Gebet um die kleinen und irdischen Dinge und möchte die Leser dieser Schrift zu den Geheimnissen einladen, deren Abbilder die von mir vorher erwähnten Dinge waren. Denn jedes Gebet um die von uns vorher dargelegten geistigen und geheimnisvollen Dinge wird immer nur von dem verrichtet, der nicht „nach dem Fleische den Kampf führt“, sondern „mit dem Geiste die Handlungen des Leibes tötet“. Verdienen doch auch die Ergebnisse einer Forschung nach dem höheren Sinne den Vorzug vor der Wohltat, die den Betenden, wie sich zeigt, nach dem Wortlaut zuteil geworden ist. Denn wir müssen uns üben, dass auch in uns nicht eine kinderlose oder unfruchtbare [Seele] entstehe, indem wir das geistige Gesetz mit geistigen Ohren hören, auf dass wir die Kinderlosigkeit oder Unfruchtbarkeit ablegen und erhört werden wie Anna und Hiskia, und dass wir vor den Nachstellungen unserer Feinde, „der Geisterwesen der Bosheit“, gerettet werden wie Mardochai und Esther und Judith. Und da „Ägypten“ als Bild für den ganzen Erdenraum „ein eiserner Brennofen“ ist, soll jeder, der Schlechtigkeit des menschlichen Lebens entflohen und nicht von der Sünde versengt ist, auch nicht sein Herz wie einen Backofen von Feuerglut angefüllt hat, 49 nicht weniger Dank sagen als die Männer, welche im Feuer „einen frischen Wind“ verspürten. Aber auch der Mann, welcher beim Aussprechen der Gebetsworte: „Überliefere nicht den wilden Tieren meine Seele, die sich zu dir bekannt hat“, erhört worden ist und von der Natter und der Schlange kein Leid erfahren hat, weil er um Christi willen über sie hingeschritten ist, und wer „Löwen und Drachen zertreten hat“, da er von der schönen, durch Jesus gewährten „Vollmacht, zu wandeln über Schlangen und Skorpionen und über alle Gewalt des Feindes hin“, Gebrauch machte und daher von so vielen (Gegnern) nicht verletzt wurde: der soll (noch) mehr als Daniel Dank sagen, da er von noch furchtbareren und schändlicheren Tieren befreit worden ist. Wer außerdem von der Bedeutung des Untiers, welches den Jonas verschlungen hat, überzeugt ist, und wer verstanden hat, dass er jenes bedeute, von dem Hiob sagt: „Es möge sie [d.h. die Nacht der Empfängnis Hiobs] verfluchen, wer jenen Tag [d.h. den Geburtstag Hiobs] verflucht, wer im Begriff ist, das große Untier zu überwältigen“: der soll, wenn er sich einmal irgend eines Ungehorsams wegen „in dem Leibe des Untiers“ befindet, seinen Sinn ändern und beten, dann wird er von dort herauskommen und ist er herausgekommen und beharrt im Gehorsam gegen die Gebote Gottes, so wird er gemäß der „Güte des Geistes“ auch jetzt zugrunde gehenden Nineviten (den Untergang) prophezeien und für sie der Anlaß zur Rettung werden können, wenn er nicht unzufrieden ist mit „der Güte Gottes“ und nicht danach verlangt, dass Gott den Reuigen gegenüber bei seiner „Strenge beharre“.
§ 5
Das größte aber, das Samuel, wie berichtet wird, durch Gebet bewirkt hat, dies kann in geistiger Weise auch jetzt (noch) jeder der Gott wahrhaft ergebenen 50 (Christen) vollbringen, wenn er der Erhörung würdig geworden ist. Es steht nämlich geschrieben: „Und jetzt tretet hin [und seht] dieses gewaltige Ereignis an, das der Herr vor euern Augen geschehen läßt. Ist nicht heute Weizenernte? Ich werde den Herrn anrufen, und er wird Gewitter und Regen senden.“ Und kurz darauf: „Da rief“, hieß es, „Samuel zum Herrn, und der Herr sandte an jenem Tage Gewitter und Regen.“ Denn einem jeden Frommen, der wahrhaft Jesu Schüler ist, wird von dem Herrn gesagt: „Hebet eure Augen auf und schauet die Felder an, dass sie schon zur Ernte weiß sind. Der Erntearbeiter empfängt Lohn und sammelt Frucht zu ewigem Leben.“ In diesem Zeitpunkt der Ernte nun „läßt der Herr ein gewaltiges Ereignis vor den Augen“ derer geschehen, die auf die Propheten hören; denn wenn der mit dem Heiligen Geist Ausgerüstete „zum Herrn ruft“, „sendet“ Gott vom Himmel her „Gewitter und“ den die Seele tränkenden „Regen“, damit wer vorher in der Sünde lebte, gar sehr fürchte den Herrn und den Vermittler der göttlichen Wohltat, der dadurch, dass er gehört wird, als verehrungswürdig und heilig erscheint. Und Elias öffnet den Himmel, der in drei Jahren und sechs Monaten den Gottlosen verschlossen gewesen war, später mit göttlichem Wort. Solches kann von allen denen, die durch ihr Gebet „den Regen“ der Seele empfangen, während sie ihn um ihrer Sünde willen vorher entbehren mußten, immer vollbracht werden.