Denjenigen, welche in Aufregung zu geraten pflegen, wenn sie von unsern Einrichtungen hören, ist vermutlich dies alles unbekannt, oder sie kennen es vielleicht nur durch die Vorlesung, nicht aus aufmerksamer Betrachtung, wie denn bei dem vielgerühmten großen Haufen der Psychiker die Ungebildeten überhaupt den meisten Einfluß ausüben. Deshalb haben wir die einzelnen Arten des Fastens, der Xerophagien und Stationen, durchgegangen, um an dem Beispielvorrat beider Testamente zu zeigen, welchen Nutzen die Verschmähung, Verkürzung und Verschiebung des Essens bringe, und so diejenigen widerlegen, welche diese Dienste als zwecklos diskreditieren, um ferner zu zeigen, welchen Rang sie stets in der Religionsübung eingenommen haben, und so diejenigen aus dem Felde schlagen, welche diese Dinge der Neuheit anklagen. Was beständig da war, ist nicht neu, und was Nutzen bringt, ist nicht zwecklos. Auch liegt es auf der Hand, daß einige von diesen Verrichtungen von Gott dem Menschen vorgeschrieben und so zum Gesetz wurden, andere, vom Menschen Gott dargebracht, zur Erfüllung von Gelübden dienten. Bildet doch auch ein Gelübde, das von Gott angenommen wurde, für die Nachwelt ein Gesetz infolge des Ansehens des Annehmenden; denn, wer eine Handlung 544gebilligt hat, hat damit anbefohlen, daß man sie von nun an üben soll.
Von diesem Gesichtspunkte aus findet nun auch indirekt das Dilemma unserer Gegner seine Widerlegung, wenn sie nämlich sagen: Entweder ist es Pseudoprophetie, wenn eine Geistesstimme diese Übungen vorgeschrieben hat, oder aber es ist Häresie, wenn menschliche Anmaßung sie erfunden hat. Denn wenn sie jene Norm tadeln, nach der sich diese Dinge im Alten Testament vollzogen, und infolgedessen wieder die Bedenken gegen dieselben aufwärmen, welche die Feinde des Alten Bundes gegen sie erheben könnten, dann müssen sie entweder auch jene Dinge verwerfen oder aber diese unsere Praxis, da sie früher offen geübt wurde, annehmen. Dies ist unbedingt notwendig, besonders deshalb, weil unsere Praxis ganz demselben Gott gilt, wie die Beispiele im Alten Testament, mag sie nun eingesetzt sein von wem sie will, von einem Geistbegabten oder bloß von einem Gläubigen. Denn zweifelsohne wird bei uns allen, die wir Verehrer eines einzigen Gottes, des Schöpfers und seines Christus sind, Häresie und falsche Prophetie darnach beurteilt werden, ob eine verschiedene Gottheit ins Spiel kommt oder nicht. Darum machte es mir bei Verteidigung dieses Punktes gar keinen Unterschied, und ich lasse ihnen die Wahl, welche Stellung sie einnehmen wollen.
Es ist ein Teufelsgeist, behauptest du, o Psychiker. - Gut, und wie kommt es, daß er zu Ehren unseres Gottes Verrichtungen anbefiehlt, und zwar solche, die 545keinem andern dargebracht werden sollen als unserem Gott? Entweder behaupte, daß der Teufel mit unserem Gott gemeinschaftliche Sache mache, oder der Satan möge für den Paraklet gehalten werden. Aber, so behauptest du, es sei ein Mensch, der als ein Antichrist auftritt; denn mit diesem Namen werden die Häretiker bei Johannes belegt. - Wie kann er dann, wer er auch sei, diese Dienstleistungen in unserem Christus für unsern Herrn angeordnet haben, da doch selbst die Antichristen, die anscheinend für Gott eintreten, gegen unsern Christus auftreten? Von welcher Seite, meinst du, hat der Geist bei uns seine Bestätigung erhalten, da er doch das befiehlt oder gutheißt, was unser Gott beständig anbefohlen und gutgeheißen hat? Allein ihr setzt auch hier dem lieben Gott wieder Grenzpfähle, wie in Bezug auf die Gnade, so auch in Bezug auf die Disziplin, wie in Bezug auf die Charismen, so auch in Bezug auf die sittlichen Gebräuche. Die Gott zu erweisenden Dienste sollen ebenso aufhören wie seine Wohltaten, und so leugnet ihr, daß er immerfort noch Pflichten auferlege, weil auch hier das Wort gelten soll: „das Gesetz und die Propheten gehen nur bis auf Johannes“. Es fehlt nun bloß noch, daß ihr alles beseitigt, da ja, soweit es auf euch ankommt, alles so überflüssig ist.