Ihr erhebt die Einrede, die Gebräuche, die zum christlichen Glauben gehören, seien festgesetzt durch die Schrift und die Tradition der Vorfahren, und es sei keine Observanz mehr hinzuzufügen, weil Neuerungen verboten seien. Haltet diese Position, wenn ihr könnt! Denn siehe, ich klage euch an, daß ihr, auch außer dem 548Passah, auch an ändern Tagen als an jenen, an welchen der Bräutigam weggenommen ist, fastet; auch legt ihr die Halbfasten der Stationen ein und lebt zuweilen bloß von Wasser und Brot, wie es einem jeden gut scheint. Ihr gebt allerdings zur Antwort, daß man dies nach eigenem Dafürhalten zu tun habe, nicht auf Befehl. Ihr habt also eure Position aufgegeben, indem ihr über die Tradition hinausgeht und Dinge beobachtet, die nicht festgesetzt sind. Was soll es aber heißen, deinem Gutdünken einzuräumen, was du dem Befehle Gottes, deines Herrschers, nicht einräumst?! Dem menschlichen Willen soll mehr erlaubt sein als der Macht Gottes?! Ich bin der Ansicht, der Welt, nicht aber Gott gegenüber Freiheit zu besitzen. Wie es meine Sache ist, Gott von freien Stücken einen Dienst zu leisten, so ist es Sache 549Gottes, ihn anzubefehlen. Ich muß ihm nicht nur gehorchen, sondern auch seine Huld erschmeicheln. Ersteres erweise ich ihm auf seinen Befehl, letzteres tue ich nach meinem Ermessen.
Es kommt mir gut zustatten, daß auch die Bischöfe die Gewohnheit haben, dem gesamten Volke Fasten aufzuerlegen, ich meine nicht in der Absicht, um Geldbeisteuern zusammenzubringen, wie es bei euch aus Geldsucht geschieht, sondern nur zuweilen und wegen irgendeiner kirchlichen Bekümmernis. Wenn ihr daher auf den Erlaß eines Menschen hin, und zwar alle zusammen als eine Einheit, Akte der Verdemütigung vornehmt, wie könnt ihr denn an uns dieselbe Einheit, in der wir fasten, Xerophagien und Station halten, zum Gegenstand des Tadels machen, es sei denn, daß wir damit gegen Senatsbeschlüsse oder Kabinetsordres der Fürsten, die gegen die verbotenen Vereinigungen gerichtet sind, verstoßen?! Als der Hl. Geist in allen Ländern, wo er wollte, und durch den Mund von Personen, die er frei auswählte, seine Kundgebungen erließ, hat er in Voraussicht der bevorstehenden Prüfungen der Kirche und der Plagen der Welt in seiner Eigenschaft als Paraklet, d. h. als Beistand, um den Richter zu besänftigen, dergleichen Verrichtungen als Heilmittel angeordnet, so, nimm an, auch jetzt, um die Zucht der Mäßigkeit und Enthaltsamkeit zu üben. Wir, die wir ihn angenommen haben, beobachten konsequenterweise auch, was er damals festgesetzt hat. Blicke hin auf die Annalen des Judentums, und du wirst keine Neuerung darin finden, 550wenn das, was den Vätern vorgeschrieben wurde, die ganze Nachkommenschaft in ererbter religiöser Betätigung fortan beobachtet.
Außerdem werden in den griechischen Ländern an bestimmten Orten jene Versammlungen aus allen Kirchen, die man Konzilien nennt, abgehalten, durch die sowohl alle wichtigeren Dinge gemeinschaftlich verhandelt werden, als auch eine Repräsentation der gesamten Christenheit in ehrfurchtgebietender Weise gefeiert wird. Wie angemessen ist dies, sich unter dem guten Wahrzeichen des Glaubens von allen Seiten um Christus zusammenzuscharen! Siehe, „wie schön und lieblich ist es, wenn die Brüder einmütig zusammenwohnen“. Du weißt diese Psalmenstelle freilich nur dann zu singen, wenn du es dir mit mehreren andern gut schmecken lässest. Jene Versammlungen aber liegen vorher den Stations- und sonstigen Fasten ob und wissen so zu trauern mit den Traurigen, und dann erst sich zu freuen mit den Fröhlichen, Wenn nun auch wir solche feierliche Gebräuche, für die doch damals das gegenwärtige Wort Gottes schützend eintrat, in den verschiedenen Provinzen als solche üben, die miteinander 551im Geiste versammelt sind, so ist das ein Gesetz der Religion.