Wie leer, oder vielmehr wie hoffnungslos ist die Sophistik derer, welche — ohne Zweifel als bloße Ausflucht, um sich das Vergnügen nicht nehmen zu lassen — vorschützen, es komme in der Hl. Schrift keine Vorschrift einer derartigen Enthaltung speziell oder an einem bestimmten Orte vor, wodurch es dem Diener Gottes direkt untersagt würde, solchen Zusammenkünften anzuwohnen. Da habe ich nun von einem Theaterfreunde kürzlich eine ganz neue Verteidigung gehört. „Die Sonne„, sagte er, „oder vielmehr Gott selbst schaut vom Himmel herunter und wird nicht verunreinigt.“ — Fürwahr, die Sonne sendet ihre Strahlen auch in Kloaken, ohne befleckt zu werden. O, dass doch Gott gar keine Schandtaten der Menschen schaute, damit alle dem Gerichte entgingen! Indessen, er sieht auch die Räubereien, Fälschungen, Ehebrüche, Betrügereien, götzendienerischen Handlungen, sogar die Schauspiele selbst. Eben deshalb also sollen wir bei letztern nicht zuschauen, damit wir nicht von dem gesehen werden, der alles sieht. Du bringst da, o Mensch, den Richter und den Angeklagten in Vergleich, den Angeklagten, der, weil er gesehen wird, schuldig ist, und den Richter, der, weil er sieht, Richter ist! Sind wir denn auch außerhalb des Zirkus von der Raserei eingenommen, beschäftigen wir uns auch außerhalb der Gänge des Theaters mit Schamlosigkeit, mit übermütigem Gebaren außerhalb des Stadiums und mit Unmenschlichkeit außerhalb des Amphitheaters? Gott hat ja auch außerhalb der Kammern, der Sitzreihen und Schattendächer Augen. 127Wir irren uns. Was Gott einmal verdammt hat, lässt sich nie und nirgends entschuldigen. Nie und nirgends ist erlaubt, was immer und überall unerlaubt ist. Darin besteht eben die Fülle der wahren Lehre und die ihr entsprechende, nach allen Seiten hin vollkommene Sittlichkeit, die gleichmäßige Furcht und der zuverlässige Gehorsam: dass man in seiner Meinung nicht wetterwendisch und in seinem Urteile nicht wandelbar ist. Was einmal wirklich wahr, beziehungsweise falsch ist, das kann nichts anderes sein.