Sind jetzt auch die Briefe der Apostel ins Wanken geraten? Und sind wir immerfort die einfältigen 227Seelen und nur Tauben, die sich gern verirren? Durch das Verlangen, uns das Leben zu erhalten, dünkt mich. Indes, mag es so sein, daß der Sinn aus ihren Briefen verschwindet, die Lehre aber, die in dem enthalten ist, was die Apostel, wie wir wissen, wirklich litten, diese Lehre ist nicht wegzudeuten. Diese Lehre und keine andere finde ich, wenn ich die Apostelgeschichte durchblättere; weiter suche ich nichts mehr. Da ist die Rede von Kerkern, Banden, Geißeln, Steinigung, Schwertern, von Angriffen seitens der Juden, Zusammenrottungen der Heiden, Verhörtabellen der Tribunen, Audienzsälen der Könige, Richterstühlen der Prokonsuln und Appellationen an den Namen des Kaisers. Diese Dinge bedürfen keiner Deutung. Daß Petrus geschlagen, Stephanus unter Steinen erdrückt, Jakobus geopfert, Paulus hinausgeschleift wurde, diese Dinge sind mit ihrem Blute niedergeschrieben.
Wollten die Häretiker etwa zuverlässige amtliche Aufzeichnungen dessen verlangen, so werden die kaiserlichen Aktenstücke sprechen und die Steine Jerusalems. Wir haben die Lebensgeschichten der Kaiser gelesen; Nero war der erste, der zu Rom den aufkeimenden Glauben mit Blut düngte. Damals wird Petrus wirklich von einem andern gegürtet, indem er an das 228Kreuz festgebunden wird; damals erlangt Paulus in Wahrheit das römische Bürgerrecht, indem er daselbst im Adelstande des Martyriums wiedergeboren wird. Wo auch immer ich dieses lese, lerne ich daraus das Leiden, und es liegt mir nichts daran, welchen Lehrmeistern im Märtyrertum ich folge, den Ansichten oder den endlichen Schicksalen der Apostel, nur daß ich in den endlichen Schicksalen ihre Ansichten wiederfinde. Denn sie würden nichts gelitten haben, als nur, wovon sie früher bereits wußten, daß man es leiden müsse.
Als Agabus dem Paulus durch seinen Gestus Fesselung prophezeite, war es vergeblich, daß die Schüler unter Tränen baten, er solle sich nicht nach Jerusalem begeben. Denn Paulus war so, wie er immer gelehrt hatte, ein Mann voll Mut und sagte: „Warum weint ihr und betrübt euer Herz? Ich wünschte nicht bloß Fesseln zu Jerusalem zu leiden, sondern sogar zu sterben um des Namens meines Herrn Jesu Christi willen.“ Und so hörten sie denn auf und sagten: „Es geschehe der Wille des Herrn“, in der Überzeugung natürlich, daß die Leiden dem Willen Gottes entsprächen. Denn sie hatten diesen Versucht gemacht nicht in der Absicht, um ihn abzumahnen, sondern aus Liebe, um ihn zu behalten, aus Verlangen nach dem Apostel, nicht um ihm das Martyrium zu widerraten.
Wenn damals bereits ein Prodikus oder ein Valentinus dagestanden und ihm zugeflüstert hätte, man brauche auf Erden kein Bekenntnis vor den Menschen abzulegen, um so weniger, weil Gott nicht nach dem Blute der Menschen dürste und Christus keine Vergeltung für sein Leiden verlange, als begehre er erst selbst noch durch diese Vergeltung sein eigenes Heil zu erlangen - so würde er sogleich von dem Knechte Gottes die Worte zu hören bekommen haben, die der Teufel vom Herrn zu hören bekam: „Weiche von mir, Satan, du bist mir ein Ärgernis. Es steht geschrieben, du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten und ihm allein dienen“. Auch jetzt 229wird er sie zu hören bekommen müssen, soweit er, wenn auch lange Zeit nachher, dieses Gift mischt. Es wird aber so leicht keinem Kranken schaden, wenn derselbe nur diesen unsern aus dem Glauben bereiteten Heiltrank vorher oder auch nachher zu sich nimmt.