Will der Skorpion noch weiter vordringen und Gott einen Menschenmörder schelten, so werde ich mich wahrhaftig entsetzen über diesen scheußlichen, gotteslästerlichen Gestank, der aus dem Munde der Häretiker hervorgeht. Doch ich werde mir auch einen solchen Gott gefallen lassen, im Vertrauen auf jene Vernunft, in der er in der Person seiner Sophia, durch den Mund Salomos, sich selbst einen noch schlimmeren Namen als „Menschenmörder“ beilegt. „Die Sophia“, sagt er, „hat ihre Kinder erwürgt“. Sophia ist die Weisheit. Er hat sie also mit Weisheit erwürgt, weil zum Leben, und von der Vernunft geleitet, weil zur Herrlichkeit. Das ist ein weisheitsvoller Kindesmord, ein kunstvolles Verbrechen, eine bewunderungswürdige Grausamkeit; sie tötet, damit der Getötete nicht sterbe! Und darum, was folgt darauf? „Der Weisheit singt man auf den Ausgängen Hymnen“. Es wird nämlich auch der Ausgang der Märtyrer besungen. Die Sophia ist geschäftig auf den Gassen in der Sache der Standhaftigkeit; zu 203einem guten Zwecke erwürgt sie ihre Söhne. Höher als auf die höchsten Mauern vertrauend, spricht sie, wenn z. B. bei Isaias der eine ausruft: „Ich bin Gottes“ und der andere laut ruft „im Namen Jakobs“ und ein anderer schriftlich erklärt „Im Namen Israels“. O gute Mutter! Auch ich hoffe noch zu ihren Söhnen zu gehören und von ihr getötet zu werden. Auch ich wünsche zu sterben, um ihr Sohn zu werden.
Bringt sie nun ihre Kinder einfach um, oder martert sie dieselben auch? Ich höre Gott nämlich an einer andern Stelle den Ausspruch tun: „Ich will sie brennen, wie Gold in Feuer geglüht, und sie prüfen, wie Silber geprüft wird“. Natürlich durch die Marter des Feuers und der Hinrichtung und durch die Martyrien, welche den Glauben erproben. Auch der Apostel weiß sehr gut, was er für eine Beschreibung von Gott gibt, wenn er sagt: „Wenn Gott seines eingeborenen Sohnes nicht geschonet, sondern ihn für uns dahingegeben hat, wie sollte er nicht mit ihm uns alles geschenkt haben?“ Da siehst du, wie die göttliche Sophia ihren erstgeborenen und eingeborenen Sohn erwürgt hat, sicher damit er siege und die übrigen zum Leben zurückbringe. Ich kann mit der Sophia Gottes sagen: Christus ist es, der sich hingegeben hat für unsere Fehltritte. Sich selbst sogar hat die Sophia gemordet. Worte besitzen ihren geistigen Inhalt nicht bloß im Wortklang, sondern auch im Sinn, und sind nicht bloß mit dem Ohre aufzufassen, sondern auch mit dem Geiste. Wer nicht versteht, daß Gott grausam ist, der glaube es. Auch für den, der es nicht versteht, findet sich ein Spruch, wodurch der Verwegenheit, die Sache anders zu verstehen, gesteuert 204wird: „Wer“, heißt es, „hat den Sinn des Herrn erkannt? Oder wer ist sein Ratgeber gewesen, daß er ihn belehrte? Oder wer hat ihm den Weg der Erkenntnis gezeigt?“ Der Diana der Skythen, dem Merkur der Gallier und dem Saturn der Afrikaner war es in der Heidenwelt vergönnt, sich durch Menschenopfer versöhnen zu lassen; dem latinischen Jupiter zu Ehren wird noch heute mitten in Rom Menschenblut vergossen, und niemand hat dabei Bedenken oder nimmt an, es geschehe ohne Grund oder der Wille seines Gottes sei nicht hoch zu schätzen. Wenn nun auch unser Gott als ein Opfer im eigentlichen Sinne des Wortes Martyrien verlangt hätte, wer hätte ihm dann vorgeworfen, seine Religion sei eine blutbefleckte, seine Riten jammervoll, sein Altar ein Scheiterhaufen, sein Priester ein Leichenbitter; wer hätte nicht vielmehr den für selig gehalten, der von Gott verzehrt worden wäre?!