Athanasius von Alexandrien · De synodis Arimini et Seleuciae in Isauria · Kapitel 26
Allein gleichsam als wenn sie dieses bereuten, riefen sie nach drei Jahren abermals ihre Versammlung zusammen, und schickten den Eudoxius, Martyrius und Matedonius, Bischof in Cilicien, und mit diesen einige Andere in die Länder Italiens, um eine weitschweifig abgefaßte, und mit noch weit mehreren Zusätzen, als die obigen, versehene Glaubensformel zu überbringen. Sie reiseten nämlich, als wenn sie etwas Neues erdacht hätten, mit Folgendem ab.
I. Wir glauben an Einen Gott, allmächtigen Vater, Schöpfer und Urheber aller Dinge, von dem alle Vaterschaft den Namen hat im Himmel und auf Erden. Und an seinen eingebornen Sohn, unsern Herrn Jesum Christum, welcher von Ewigkeit her aus dem Vater geboren ist, Gott von Gott, Licht vom Lichte, durch den Alles gemacht ist, im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare; der da ist das Wort, die Weisheit, die Kraft, das Leben und das wahre Licht; welcher in den letzten Tagen unsertwegen Mensch geworden, aus der heiligen Jungfrau geboren, gekreuziget worden, gestorben, begraben worden, von den Todten am dritten Tage auferstanden und aufgenommen worden ist in den Himmel, zur Rechten des Vaters sitzet, und kommen wird am Ende der Welt, um zu richten die Lebendigen und die Todten, und zu vergelten einem Jeden nach seinen Werken; dessen Reich ohne Ende ist und fortbesteht in die endlose Ewigkeit. Denn er sitzet zur Rechten des Vaters nicht nur in dieser, sondern 257 auch in der zukünftigen Zeit. Wir glauben auch an den heiligen Geist, das ist, den Tröster, den er den Aposteln verheißen und nach seiner Himmelfahrt gesandt hat, daß er sie Alles lehre und ihnen Alles eingebe; durch den auch die Seelen derer, welche mit aufrichtigem Herzen an ihn geglaubt haben, werden geheiliget werden.
Diejenigen aber, welche sagen, der Sohn sey aus Nichts, oder aus einer andern Substanz, und nicht aus Gott; und: Es war einmal eine Zeit oder ein Zeitraum, wo er nicht war, erkennt die katholische und heilige Kirche als Ketzer. Eben so belegt die heilige und katholische Kir che auch diejenigen, welche sagen, es gebe drei Götter, oder Christus sey nicht Gott, oder er sey von Ewigkeit her weder Christus, noch Gottes Sohn, oder Einer und derselbe sey Vater und Sohn oder heiliger Geist, oder der Sohn sey nicht geboren, oder der Vater habe den Sohn nicht nach freiem und eigenem Willen gezeugt, mit ihrem Fluche.
Denn es ist nicht sicher, zu sagen, der Sohn sey aus Nichts, weil dieses nirgends in den vom göttlichen Geiste eingegebenen Schriften von ihm gesagt wird; oder er sey aus irgend einer andern früher vorhandenen Substanz, und nicht aus der des Vaters; sondern wir behaupten, daß er aus dem einzigen Gotte wirklich geboren wurde. Denn die göttliche Schrift lehrt, daß das Ungeborne und Anfangslose Eines, nämlich der Vater Christi sey. Aber auch diejenigen, welche.gegen das Ansehen der Schrift die grundlose Behauptung aufstellen: Es war einmal eine Zeit, wo er nicht war, dürfen keinen Zeitraum vor ihm denken, sondern nur Gott allein, welcher ihn ohne Zeit geboren hat; denn die Zeiten und Jahrhunderte sind durch ihn gemacht worden. 258 Ferner darf man nicht glauben, daß der Sohn zugleich mit dem Vater nicht geboren und ohne Anfang sey; denn man wird Niemanden im eigentlichen Sinne den Vater oder Sohn eines zugleich Nichtgebornen und Anfangslosen nennen können. Sondern wir wissen, daß der Vater, welcher allein ohne Anfang und nicht geboren ist, auf eine unaussprechliche und Allen unbegreifliche Weise gezeugt habe, und daß der Sohn vor den Zeiten geboren, und somit nicht wie der Vater auch selbst nicht geboren sey, sondern einen Anfang habe, nämlich den Vater, welcher ihn gezeugt hat; denn das Haupt Christi ist Gott.
Wir stellen, indem wir drei Dinge und drei Personen, nämlich die des Vaters, die des Sohnes, und die des heiligen Geistes, den Schriften gemäß bekennen, deßhalb nicht drei Götter auf; denn wir erkennen nur Einen einzigen durch sich selbst vollkommenen, nichtgebornen, anfangslosen, und unsichtbaren Gott, den Gott und Vater des Eingebornen, welcher allein aus sich selbst das Seyn hat, und allein dieses Allem andern reichlich mittheilt. Obschon wir aber den Vater unsers Herrn Jesu Christi, den allein Nichtgebornen, den Einen alleinen Gott nennen, so läugnen wir darum nicht, daß auch Christus vor der Weltschöpfung Gott sey; wie es die Schüler des Paulus von Samosate machen, welche behaupten, daß er erst später, nämlich nach der Menschwerdung, durch Fortschritt zum Gotte geworden sey, nachdem er von Natur als einfacher Mensch geboren worden wäre. Denn wir wissen, daß er, obschon er dem Vater und Gott unterworfen ist, doch vor der Welterschaffung von Gott gezeugt, und der Natur nach vollkommener und wahrer Gott sey, und nicht aus einem Menschen nachher Gott, sondern aus Gott unsertwegen Mensch geworden sey, und niemals Gott zu seyn aufgehört habe.
259 V. Wir verabscheuen und verfluchen überdieß auch diejenigen, welche ihn ein bloßes und einfaches Wort Gottes, das nicht wesentlich ist, und sein Seyn in einem Andern hat, fälschlich nennen, ein Wort, welches von Einigen bald ein ausgesprochenes, bald ein innerlich gedachtes genannt wlrd, Christum selbst aber, und den Sohn Gottes, den Mittler und das Ebenbild Gottes vor der Wetterschaffung nicht daseyn lassen wollen, sondern behaupten, Christus und der Sohn Gottes sey seit jener Zeit gewesen, seit welcher er unser Fleisch aus der Jungfrau angenommen habe, nämlich seit nicht vollen vierhundert Jahren. Denn sie wollen, daß von dieser Zeit an das Reich Christi seinen Anfang genommen habe, und daß dieses Reich nach dem Ende der Welt und nach dem Gerichte ein Ende nehmen werde.
Solche sind die Anhänger des Marcellus und Scotinus von Ancyra in Galatien, welche die Existenz Christi vor der Welterschaffung, seine Gottheit und ewige Herrschaft eben so, wie die Juden läugnen, um sich den Schein zu geben, daß sie eine Monarchie aufstellten. Denn wir wissen, daß er nicht bloß ein ausgesprochenes oder innerlich gedachtes Wort Gottes sey, sondern der lebendige Gott, das Wort, welches durch sich selbst besteht, und Gottes Sohn und Christus, welcher vor der Weltschöpfung nicht bloß 260 durch Vorherwissen zugleich mit dem Vater war, und ihm sich befand, und ihm bei der ganzen Schöpfung aller Dinge, sowohl der sichtbaren als auch der unsichtbaren Dienste leistete. Denn dieser ist es, zu dem der Vater sprach: „Lasset uns den Menschen machen nach unserm Ebenbilde und Gleichbilde;“ welchen die Patriarchen von Angesicht zu Angesicht sahen, der das Gesetz gab, und durch den Mund der Propheten sprach, der endlich Mensch wurde, und seinen Vater allen Menschen offenbarte, und in unendlichen Zeiten fortherrschet. Denn Christus hat nicht eine neue Würde erhalten; sondern wir glauben, daß er vom Anfange an vollkommen war, und dem Vater in Allem gleich ist.
Diejenigen aber, welche sagen, Einer und derselbe sey Vater und Sohn und heiliger Geist, und welche diese drei Namen auf Einen und denselben Gegenstand und Eine und dieselbe Person gottloser Weise beziehen, schließen wir mit Recht von der Kirche aus; weil sie den Vater, der nicht begriffen werden und nicht leiden kann, durch die Menschwerdung als begreiflich und leidenfähig darstellen; solche sind nämlich die, welche von den Römern Patropassianer, von uns aber Sabellianer genannt werden. Denn wir wissen, daß der Vater, welcher Christum sandte, in dem eigenthümlichen Zustande der unveränderlichen Gottheit blieb, Christus aber, welcher gesandt wurde, die Anordnung der Menschwerdung vollbrachte.
261 VIII. Auf gleiche Weise erkennen wir auch, daß diejenigen, welche auf gottlose Weise behaupten, der Sohn sey nicht mit Vorsatz und Willen geboren worden, sondern Gott offenbar einen Zwang wider seinen Willen und Vorsatz zuschreiben, so daß er wider seinen Willen den Sohn gezeugt habe, sehr gottlos und der Kirche fremd sind, weil sie gegen die gemeinschaftlichen Ansichten über Gott, und gegen den Sinn der von Gott eingegebenen Schrift es wagten, so etwas in Beziehung auf ihn zu behaupten. Denn wir, die wir Gott als seinen eigenen Gebieter und als seinen eigenen Herrn anerkennen, nehmen frommer Weise an, daß er den Sohn freiwillig und aus eigenem Antriebe gezeugt habe. Und obgleich wir ihm mit Ehrfurcht glauben, wenn er von sich selbst sagt: „Der Herr hat mich geschaffen zum Anfange seiner Wege zu seinen Werken;“ so glauben wir doch nicht, daß, wie die Geschöpfe und Werke von ihm gemacht worden sind, so auch er selbst gemacht worden sey. Denn es ist gottlos und dem Glauben der Kirche zuwider, den Schöpfer mit den Geschöpfen, welche von ihm geschaffen worden sind, zu vergleichen, und zu glauben, daß er auf die nämliche Weise, wie die übrigen Geschöpfe, entstanden sey; denn die göttlichen Schriften lehren richtig und wahr, daß der eingebome Sohn allein und einzig gezeugt worden ist.
X. Dieses waren wir gezwungen, nachdem wir zuvor unsern Glauben in Kürze ausgesprochen hatten, weitläufiger auseinander zu setzen, nicht um einen überflüssigen Ehrgeiz zu befriedigen, sondern um uns von allem durch unsern Glauben nicht begründeten Verdachte vor denjenigen zu reinigen, welche unsere Angelegenheiten nicht kennen, und damit alle Occidentalen sowohl die unverschämte Verläumdung unserer Gegner, als auch die kirchliche Gesinnung im Herrn, welche die Orientalen haben, erkennen, eine Gesinnung, die durch das unerzwungene Zeugniß der von Gott eingegebenen Schriften bei denjenigen bekräftiget ist, welche keines verkehrten Sinnes sind.