„Bleibet“, sagt er, „in meiner Liebe“. Wie werden wir darin bleiben? Höre, was folgt: „Wenn ihr meine Gebote“, spricht er, „haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben“. Bewirkt die Liebe die Haltung der Gebote oder bewirkt die Haltung der Gebote die Liebe? Allein wer möchte zweifeln, daß die Liebe vorausgeht? Denn wer nicht liebt, dem fehlt die Möglichkeit, die Gebote zu halten. Indem er also sagt: „Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben“, gibt er zu verstehen, nicht wie die Liebe entsteht, sondern 915 wie sie sich kundgibt. Als würde er sagen: Meinet ja nicht, daß ihr in meiner Liebe bleibt, wenn ihr meine Gebote nicht haltet; denn nur wenn ihr sie haltet, werdet ihr darin bleiben. Das will sagen, daraus wird erhellen, daß ihr in meiner Liebe bleiben werdet, wenn ihr meine Gebote halten werdet; damit niemand sich täusche mit der Rede, er liebe ihn, wenn er seine Gebote nicht hält. Denn nur insoweit lieben wir ihn, als wir seine Gebote halten, insoweit wir sie aber weniger halten, lieben wir ihn auch weniger. Obwohl, wenn er sagt: „Bleibet in meiner Liebe“, nicht klar ist, welche Liebe er gemeint hat, jene, womit wir ihn lieben, oder jene, wodurch er uns liebt; allein aus dem vorhergehenden Worte erkennt man es. Er hatte nämlich gesagt: „Auch ich habe euch geliebt“, und diesem Worte hat er sofort beigefügt: „Bleibet in meiner Liebe“, in jener also, wodurch er uns geliebt hat. Was heißt also: „Bleibet in meiner Liebe“, außer: bleibet in meiner Gnade. Und was heißt: „Wenn ihr meine Gebote halten werdet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben“, außer: Daraus werdet ihr erkennen, daß ihr in meiner Liebe, womit ich euch liebe, bleiben werdet, wenn ihr meine Gebote halten werdet? Also nicht, damit er uns liebe, halten wir zuerst seine Gebote, sondern wenn er uns nicht liebt, können wir seine Gebote nicht halten. Das ist die Gnade, welche den Demütigen offen, den Hochmütigen verborgen ist.