Eusebius von Caesarea · De martyribus palaestinae · Kapitel 11
Das siebente Jahr des gegen uns gerichteten Kampfes ging zu Ende. Unsere Verhältnisse waren allmählich infolge der gewährten Ruhe in die rechte Bahn gekommen und bestanden so auch ins achte Jahr hinein fort. Die Bekenner, die in nicht geringer Anzahl in den Erzbergwerken Palästinas vereinigt waren, genossen sogar große Freiheit, so daß sie Häuser in Kirchen umbauten. Als aber der Statthalter der Provinz, ein grausamer und schlechter Mensch, wie es sein Vorgehen gegen die Märtyrer erwies, dorthin kam, und 309damit Kenntnis von der Lebensweise der dort Angesiedelten erhielt, stattete er in einem Schreiben dem Kaiser davon Bericht ab, offenbar, um sie zu verdächtigen. Darauf erschien der Vorstand der Bergwerke, nahm auf kaiserlichen Befehl eine Teilung unter den Bekennern vor und wies den einen Cypern, den andern den Libanon als Aufenthaltsort an, wieder andere siedelte er an sonstigen Orten Palästinas an und ließ alle in verschiedenen Beschäftigungen Zwangsarbeit tun. Und vier Männer, die eine Führerstellung unter ihnen einzunehmen schienen, griff er heraus und sandte sie an den Befehlshaber der Truppen in der Provinz. Es waren dies Peleus und Nilus, zwei ägyptische Bischöfe, und ein anderer Priester, außerdem noch Patermuthius, der allen wegen seiner Fürsorge für jedermann aufs beste bekannt war. Der Befehlshaber verlangte von ihnen Verleugnung ihres Glaubens, und als er sie nicht durchsetzte, übergab er sie dem Feuertode. Andere Bekenner hinwiederum erhielten dort einen eigenen Wohnort für sich, nämlich alle, die wegen ihres hohen Alters oder wegen erlittener Verstümmelungen oder anderer körperlicher Gebrechen von dem Arbeitsdienst befreit waren. Ihr Haupt war der Bischof Silvanus, der aus Gaza gekommen war, ein Mann voll Frömmigkeit und wahrhaft ein Muster von Christentum. Er hatte vom ersten Tage der Verfolgung an und während der ganzen Zeit derselben durch mannigfache Bekenntniskämpfe sich ausgezeichnet und war sozusagen bis zu dieser Zeit aufbewahrt worden, um zuletzt dem ganzen Kampfe in Palästina das Siegel aufzudrücken. Mit ihm waren auch mehrere Ägypter, unter ihnen Johannes, 310der alle unsere Zeitgenossen an Gedächtnisstärke übertraf. Obwohl er schon früher des Augenlichtes beraubt worden war, wurde ihm doch auf sein Bekenntnis hin, das er in rühmlichster Weise ablegte, in gleicher Weise wie den andern der Fuß durch glühende Eisen unbrauchbar gemacht und ihm das Brenneisen auf das blinde Gesicht gelegt, wobei die Henker die Roheit und Unmenschlichkeit ihres Handwerks zur völligen Erbarmungs- und Gefühllosigkeit steigerten. Doch warum sollte man an diesem Manne seinen Charakter und seine philosophische Lebensweise rühmen, da ja dies nicht so merkwürdig erscheint, wie seine Gedächtniskraft? Denn ganze Bücher der Heiligen Schrift hatte er nicht auf steinerne Tafeln, wie der göttliche Apostel sagt, auch nicht auf Häute von Tieren oder Blätter von Papier, die von Motten und von der Zeit verzehrt werden, sondern auf die fleischernen Tafeln des Herzens und in seine reine Seele und in sein so klares Auge des Geistes geschrieben, so daß er nach Belieben, wie aus einem Schatze von Sentenzen, Stellen bald aus einem der Gesetzesbücher oder Prophetenbücher, bald aus einem der Geschichtsbücher, einem Evangelium oder einer sonstigen apostolischen Schrift auswendig vorzubringen vermochte. Ich gestehe, daß ich selbst einmal ins höchste Erstaunen geriet, als ich zum erstenmal diesen Mann sah, wie er inmitten einer zahlreichen Volksmenge in der Kirche stand und mehrere Stücke aus der Heiligen Schrift vortrug. Solange ich nur die Stimme hören konnte, glaubte ich, daß jemand, wie es bei den Versammlungen üblich ist, vorlese; als ich aber ganz in die Nähe kam und den Vorgang sah, wie alle andern mit gesunden Augen im Kreis herumstanden, er aber nur die Augen des Geistes zur Verfügung hatte und doch mühelos, wie ein Prophet, sprach und dabei bei weitem diejenigen übertraf, die körperlich gesund waren, — da konnte ich nicht genug Gott loben und staunen und ich glaubte gerade in dem Vorgange einen klaren und sicheren 311Beweis dafür sehen zu dürfen, daß allein in Wahrheit nicht derjenige Mensch ist, der seinem sichtbaren Körper nach als solcher gilt, sondern derjenige, der es ist der Seele und dem Verstande nach. So ließ er, nachdem sein Leib verstümmelt war, um so stärker die Größe der in ihm wohnenden Kräfte hervortreten. Die erwähnten Männer, die an dem ihnen eigens angewiesenen Orte weilten und in gewohnter Weise dem Fasten und Beten und den anderen Bußübungen oblagen, würdigte Gott, ja Gott selbst einer seligen Vollendung. Er bot ihnen hierzu seine rechte Hand. Der Feind in seinem Hasse konnte es nicht mehr ertragen, wie sie in aller Ruhe durch ihr Beten zu Gott sich gegen ihn wappneten, und beschloß, sie zu töten und aus der Welt zu räumen, gleich als ob sie ihn störten. Und Gott ließ auch dies sein Beginnen geschehen, damit er sich in seiner selbst gewählten Schlechtigkeit nicht gehindert sehe, und zugleich jene endlich den Siegespreis für ihre verschiedenartigen Kämpfe erhielten. So wurden denn neununddreißig an einem Tage auf Befehl des ganz verruchten Maximinus enthauptet.
Das sind die Martyrien, die in vollen acht Jahren in Palästina stattfanden, und so gestaltete sich die Verfolgung gegen uns: mit der Zerstörung der Kirchen hatte sie begonnen und war zu der großen Ausbreitung gekommen durch die immer wieder erfolgten Angriffe der Statthalter; dabei stellten die mannigfachen und verschiedenartigen Kämpfe der Streiter für die Religion eine fast unzählbare Menge von Märtyrern in jeder Provinz der Gebietsteile, die sich von Libyen angefangen über ganz Ägypten und Syrien und über die Landstriche im Orient und im Umkreis bis zum illyrischen Landstrich erstrecken. Denn die Gebietsteile, die über die gerade genannten hinausliegen, ganz Italien und Sizilien und Gallien, und alle, die gegen Sonnenuntergang liegen über Spanien, Mauretanien und Afrika hin, hatten nicht einmal die ganzen ersten zwei Jahre den Sturm der Verfolgung zu ertragen, sondern durften sich sehr bald des göttlichen Schutzes und des Friedens erfreuen, weil die göttliche Vorsehung die Bewohner um ihrer Einfalt und ihres Glaubens willen schonte. Was in 312den früheren Zeiten des römischen Reiches überhaupt nicht berichtet ist, das geschah gegen alle Erwartung jetzt zum erstenmal in unserer Zeit: das Reich ward in Hinsicht auf die gegen uns gerichtete Verfolgung in zwei Teile geteilt; die Brüder, die in dem einen, gerade bezeichneten Teile wohnten, genossen Frieden, während die im andern Teile ungezählte Kämpfe auf Kämpfe zu bestehen hatten. Als aber die Huld Gottes und des Himmels uns in Güte und Gnade ihren Schutz bot, da änderten auch unsere Fürsten und selbst diejenigen, die dereinst die Verfolgungen gegen uns veranlaßt, ganz wunderbarer Weise ihre Gesinnung und stimmten den Widerrufungsgesang an: durch uns günstige Edikte und durch milde Bestimmungen brachten sie das gegen uns entfachte Feuer zum Erlöschen. Auch dieser Widerrufungsgesang wird noch niederzuschreiben sein ...