5. Joseph herzte liebkosend den Sohn (Gottes) als Kind und diente ihm als Gott. Er freute sich über ihn als den Guten und trug auch heilige Scheu vor ihm als dem Gerechten. Ein großes staunenerregendes Wunder! „Wer gab mir (sagte für sich Joseph) den Sohn des Allerhöchsten, daß er mein Sohn ist? Ich war auf deine Mutter eifersüchtig und gedachte sie zu entlassen; denn ich wußte ja nicht, daß in ihrem Mutterleibe der große Schatz war, der plötzlich meine Armuth bereicherte. Der König David, mein Ahne, schmückte sein Haupt mit der Krone. Ich sank in große Tiefe herab, da ich anstatt König nur ein Zimmermann wurde. Jetzt aber ziert mich eine Krone, weil mir im Schooße der Herr aller Kronen liegt.“
6. Zu beneidenswerthen Tönen erglühte auch Maria und sang ihm ein süßes Lied: „Wer verlieh der Vereinsamten, daß sie empfing und gebar den Einen und Vielfachen, den Kleinen und Großen, der ganz bei mir und ganz beim All ist? Der Tag, an dem Gabriel zu mir eintrat, machte mich 25 plötzlich aus einer Magd zur Edlen. Ich bin die Magd deiner Gottheit, und deine Mutter der menschlichen Natur nach, o Herr und Sohn! Plötzlich wurde die Magd durch dich, o Sohn des Königs, zur Königstochter. Sieh, die Niedrige gehört durch dich, o Davids Sohn, nun zum Hause Davids! Sieh, die Erdentochter ward durch den Himmlischen zum Himmel erhoben!
7. Wie sehr soll ich erstaunen? Da liegt vor mir ein greises Kind, dessen Auge ganz am Himmel hängt, während das Lallen seines Mundes nie ruht. Es scheint mir, daß sein Schweigen mit Gott sich unterredet. Wer sah je ein Kind, das völlig Alles durchschaut? Wie es scheint, regiert sein Blick alle Geschöpfe oben und unten. Sein Schauen gleicht jenem Gebieter, der dem All gebeut. Wie öffne ich dir, o Urquell, die Quelle der Milch? Wie geb’ ich ferner Nahrung dir, der da Alles von seinem Tisch ernährt? Wie leg’ ich, mit Strahlen Umhüllter, dir Windeln an?
8. Mein Mund weiß nicht, wie ich dich nennen soll, o Sohn des Lebendigen! Wag’ ich es, als den Sohn Josephs dich zu nennen, so erbeb’ ich; denn du bist nicht von ihm erzeugt. Seinen Namen aber zu verleugnen fürcht’ ich mich; denn man hat ihn mit mir verlobt. Da du nur Sohn des Einen bist, soll ich dich den Sohn von Mehreren nennen? Myriaden von Namen genügen nicht dich auszusprechen; denn du bist Gottes Sohn und Menschensohn, bist zugleich auch der Sohn Davids und Herr Maria’s. Wer machte dich, den Herrn über jeden Mund, zum unmündigen Kinde?
9. Ob deiner reinen Empfängniß verleumdeten mich die Bösen. Sei, o Heiliger, Ehrenretter deiner Mutter! Zeig ein mächtig Wunder, auf daß sie lernen, woher ich dich empfangen habe! Deinetwegen, der du das All liebst, bin ich verhaßt. Sieh, ich werde verfolgt, weil ich dich, die eine Zuflucht für die Menschen, empfing und gebar. Erfreuen soll sich Adam, denn du bist der Schlüssel zu jenem Paradiese (das er verlor). Sieh, wüthend empört sich gegen deine Mutter, wie gegen Jonas, ein Meer. Herodes strebt gleich einer rasenden Woge den Herrn der Meere zu ersäufen. 26 Wohin soll ich mich flüchten? Lehre du es mich, o Gebieter seiner Mutter! Mit dir will ich fliehen, damit ich durch dich überall das Leben gewinne. Bei dir ist ein Kerker kein Kerker mehr; denn durch dich erhebt der Mensch sich zum Himmel. Bei dir ist das Grab auch kein Grab mehr; denn du bist auch die Auferstehung.“