195 Die Rede knüpft an zwei Reden über das Fasten an. Das leibliche Fasten sei nutzlos, wenn wir damit nicht die Übung der übrigen christlichen Tugenden verbinden. Darunter befinde sich die Barmherzigkeit gegen die Armen. Zu dieser Tugend wird besonders aufgemuntert durch den Hinweis auf das letzte Gericht, bei welchem Christus unser Verhalten gegen die Armen so auffassen wird, als ob wir es gegen ihn selbst beobachtet hätten, sowie durch den Hinweis auf das Beispiel Gottes selbst, der den Menschen durch die geschaffenen Dinge unendlich viele Wohlthaten erweist. Die Schilderung des letzten Gerichtes, sowie der wohlthätigen Einrichtungen Gottes in der Natur ist sehr lebhaft.
§ 1
Der Vorstand dieser Kirche und die Lehrer der in keinem Irrthum befangenen Frömmigkeit und der tugendhaften Lebensweise haben eine große Ähnlichkeit mit den Schulmeistern und Lehrern der ersten Anfangsgründe. Denn wie diese, wenn sie die noch unmündigen und stammelnden 196 Kinder von den Vätern übernehmen, ihnen nicht sogleich die höheren Wissenschaften beizubringen suchen, sondern zuerst das Alpha und die weiter folgenden Buchstaben in Wachs einprägen und sie deren Namen kennen lehren und ihre Hand im Schreiben der Buchstaben üben, hierauf zu den Silben übergehen und sie dann im Aussprechen der Wörter üben, in gleicher Weise führen auch die Vorsteher der Kirche zuerst die Zuhörer in die Elementarkenntnisse ein und theilen ihnen dann die höheren Kenntnisse mit.
Da wir nun in den zwei vorhergehenden Tagen die Lust des Gaumens und der Gurgel zurechtgewiesen haben, so glaubet nicht, daß ich auch heute mich in den gewohnten Ausdrücken ergehen werde, daß es sich nämlich gezieme, das Fleisch zu verschmähen, sich des Weines zu enthalten, der zum Lachen reizt und in Taumel versetzt, und auf die Köche und jede Bemühung des Weinschenks zu verzichten. Denn darüber habe ich mich hinlänglich ausgesprochen, und ihr habt in euerm Handeln die Wirksamkeit meines Rathes gezeigt. Und da ihr im ersten Unterricht geübt seid, geziemt es sich auch nunmehr, euch allmählig, die höheren und ernsteren Lehren mitzutheilen. Es gibt also auch ausserhalb des Körpers ein Fasten und eine Mäßigkeit, die nicht mit dem Materiellen zusammenhängt, eine Enthaltsamkeit vom Bösen, die in der Seele sich zeigt, und wegen dieser ist uns auch diese Enthaltsamkeit im Genuß der Speisen vorgeschrieben. Fastet also in der Schlechtigkeit, mäßigt euch in der Begierde nach dem fremden Eigenthum, enthaltet euch von ungerechtem Gewinn, hungert die Geldgier des Mammon aus. Kein Besitzthum komme durch Gewalt oder Raub in dein Haus. Denn was nützt es, wenn dein Mund kein Fleisch berührt und du durch deine Schlechtigkeit gegen den Mitbruder dich bissig zeigst? Oder was ist es für ein Gewinn, wenn du dein Eigenthum nicht verzehrst, aber das 197 Eigenthum des Armen in ungerechter Weise an dich ziehst? Oder was ist das für eine Frömmigkeit, wenn du, während du Wasser trinkst, eine Hinterlist aussinnest und aus Schlechtigkeit nach Blut dürstest? Es fastete mit den Eilfen gewiß auch Judas, aber weil er den Geiz nicht bezähmte, brachte ihm die Enthaltsamkeit im Genuß der Speise keinen Gewinn für sein Seelenheil. Auch der Teufel ißt nicht, denn er ist ein Geist ohne Körper; aber wegen seiner Schlechtigkeit stürzte er aus der Höhe. Ebenso nehmen alle Dämonen weder Speise zu sich noch vieles Getränke, auch trifft sie nicht der Vorwurf der Trunkenheit. Denn ihre Natur hindert sie am Genuß der Speisen. Aber dessen ungeachtet irren sie bei Tag und Nacht in der Luft umher, vollbringen und unterstützen die Schlechtigkeit, und entwickeln eine große Thätigkeit, um uns Nachstellungen zu bereiten. Sie verkommen vor Neid und Mißgunst. Davor müssen wir auf der Hut sein, wenn wir Menschen mit Gott in Verwandtschaft stehen wollen, während jene die Bekanntschaft mit der Tugend eingebüßt haben.
§ 2
Es leite also die Christen in ihrem Leben die Weisheit, und die Seele fliehe vor dem aus der Schlechtigkeit ihr drohenden Schaden. Denn wenn wir von Wein und Fleisch uns enthalten und uns freiwilliger Sünden schuldig machen, so erkläre und bezeuge ich im Voraus, daß Wasser und Gemüse und unblutiger Tisch uns keinen Gewinn bringen werde, da unser innerer Zustand mit der äussern Erscheinung nicht in Einklang steht. Wegen der Reinheit der Seele wurde Fasten vorgeschrieben. Wenn diese im Willen oder in den übrigen Kräften sich befleckt, warum verbrauchen wir umsonst das Wasser, das wir trinken? Warum pflegen sie den reichlichen Schmutz, der sich nicht abwaschen läßt? Welchen Gewinn hat das leibliche Fasten, wenn der Geist nicht rein ist? Denn es hilft Nichts, wenn der Wagen fest und das Viergespann wohlbestellt, der Fuhrmann aber wahnsinnig ist. Und was nützt ein wohlgebautes Schiff, wenn der Steuermann berauscht ist? Das Fasten ist der 198 Grundstein der Tugend. Wie aber der Grundstein eines Hauses und der Kiel eines Schiffes unbrauchbar und unnütz sind, mögen sie noch so stark angelegt sein, wenn nicht der weitere Bau darauf verständig empor geführt wird, so ist auch diese Enthaltsamkeit unnütz, wenn nicht auch die übrige Gerechtigkeit sich ihr anfügt und anschließt. Die Furcht Gottes lehre die Zunge, das Geziemende zu reden, nicht Eitles zu schwätzen, die rechte Zeit und das rechte Maß, die nothwendige Rede und treffende Antwort zu erkennen, nicht ordnungslos zu reden und Die, mit welchen man spricht, vor Ungestüm mit einem Hagel zu überschütten. Denn deßhalb wird auch jene feine Haut, welche die Zunge selbst mit dem unteren Theil des Kinnes verbindet, Zügel* (χαλινός)* [chalinos] genannt, damit sie nichts Verkehrtes und Ungeordnetes rede. Sie soll segnen und nicht schmähen, lobpreisen und nicht lästern, gute und nicht böse Reden führen. Die voreilige Hand lasse sich durch die Erinnerung an Gott wie von einer Kette fesseln. Deßhalb fasten wir, weil sie unser Lamm, bevor es angenagelt wurde, durch Schmähungen und Schläge mißhandelten. Wollen wir also als Jünger Christi nicht das Verfahren der Juden nachahmen!
§ 3
Denn wenn wir diese Gesinnung haben, so wird Isaias zu uns sagen: „Warum fastet ihr zu Zank und Streit und schlaget den Armen mit Fäusten?“ Vom nämlichen Propheten laß dich belehren über die Werke redlichen und reinen Fastens: „Löse jede Fessel der Ungerechtigkeit, löse die Schlingen gewaltsamer Verbindungen. Brich dem Hungrigen dein Brod und führe die Armen und Obdachlosen in dein Haus.“ Eine große Zahl von Nackten und Obdachlosen hat uns aber die gegenwärtige Zeit gebracht. Denn viele Kriegsgefangene finden sich an Jedermanns Thüre. Auch an Fremden und Vertriebenen fehlt es nicht. Überall 199 kann man die flehende Hand ausstrecken sehen. Diese haben ihre Wohnung unter freiem Himmel, ihre Herberge in den Säulengängen, auf den Straßen und auf verödeten Marktplätzen. Und wie die Nachtraben und Eulen verkriechen sie sich in Löcher. Ihre Kleidung besteht in zerfetzten Lumpen, Feldbau ist ihnen der gute Wille der Barmherzigen, Nahrung, was ihnen der Zufall zuführt, Getränke wie den unvernünftigen Thieren die Quellen, Trinkgefäß die hohle Hand, Vorrathskammer die Höhlung des Kleides und diese nur, wenn sie nicht zu weit ist, sondern Das bewahrt, was hineingesteckt wird; Tisch die zusammengestemmten Kniee, Bett der Fußboden, Bad ein Fluß oder See, was Gott Allen als Gemeingut und ohne Zubereitung gegeben hat. Sie führen ein umherschweifendes und verwildertes Leben, das nicht schon ursprünglich so beschaffen war, sondern durch Unglück und Noth so geworden ist.
Diesen komme zu Hilfe, der du fastest, sei freigebig gegen die unglücklichen Brüder! Was du deinem Bauche entziehst, das laß dem Hungrigen zukommen! Die Furcht Gottes zeige sich gerecht, indem sie gleichmäßig vertheilt. Heile durch weise Enthaltsamkeit zwei einander entgegengesetzte Zustände, deine Übersättigung und den Hunger des Mitbruders. Denn so machen es auch die Ärzte. Bei den Einen wenden sie ausleerende, bei den Andern verstopfende Mittel an, damit durch Zusatz oder Entziehung die Gesundheit eines Jeden wieder hergestellt werde. Folget der guten Ermahnung. Möge meine Rede die Thüren der Wohlhabenden öffnen. Es verschaffe mein Rath dem Armen Zutritt zum Besitzenden. Nicht ein bloßes Wort aber bereichere die Jammernden. Es verleihe ihnen Wohnung, Bett und Tisch das ewige Wort Gottes. Mit einem zutraulichen Worte liefere ihm das Nöthige aus deinem Besitze. Ausser diesen gibt es andere Arme, die krank darnieder liegen. Jeder sorge für seine Nachbarn. Überlaß die Pflege Dessen, der dir nahe steht, nicht einem Andern. Nicht reisse ein Anderer den dir bereit liegenden Schatz an 200 sich. Umarme den Unglücklichen wie Gold. Umfange den Verunglückten wie deine Gesundheit, wie Rettung von Weib, Kindern, Dienern und dem ganzen Hause. Der kranke Arme ist ein doppelter Bettler. Denn die gesunden Armen gehen von Thüre zu Thüre und begeben sich zu den Besitzenden. Und indem sie an den Straßen sitzen, rufen sie alle Vorübergehenden an. Die aber von Krankheit bedrängt und in enge Herbergen und enge Winkel eingeschlossen sind, wie Daniel in der Löwengrube, warten auf dich als den Barmherzigen und den Freund der Armen, wie auf Habakuk.
Werde ein Freund des Propheten durch Almosen. Als ein schneller Ernährer erscheine ohne Zaudern dem Dürftigen. Die Gabe bringt dir keinen Verlust. Sei ohne Furcht. Eine reichliche Frucht sproßt aus dem Almosen empor. Säe deine Gaben aus, und du wirst dein Haus mit einer guten Ernte füllen.
§ 4
Aber du sagst vielleicht: Auch ich bin arm. Zugegeben. Gib, was du hast, denn Gott verlangt nichts Unmögliches. Du gib Brod, ein Anderer gebe einen Becher Wein, ein Anderer ein Kleid, und so wird das Unglück eines Einzigen durch das Zusammenwirken Mehrerer gehoben. Auch Moses nahm den Aufwand für das Zelt nicht von einem einzigen Steuerzahler, sondern vom ganzen Volke. Denn von den Reichen brachten ihm der Eine Gold, der Andere Silber, der Arme dagegen Felle, und wer noch ärmer als arm war, Haare. Du siehst, daß auch der Heller der Wittwe mehr galt als die Opfergaben der Reichen. Denn diese gab Alles hin, was sie besaß, die Letzteren aber verminderten den Besitz um eine Kleinigkeit. Verachte Die nicht, welche auf der Straße liegen, als ob sie keine Beachtung verdienten. Bedenke, wer sie sind, und du wirst ihren Werth erkennen; 201 sie haben die Gestalt unsers Erlösers angenommen. Denn der Menschenfreund lieh ihnen seine Gestalt, damit sie dadurch die Unbarmherzigen und die Feinde der Bettler zur Milde bewegten, gerade so wie Die, welche vor gewaltthätigen Angriffen sich hinter die Bilder des Königs flüchten, um durch das Bildniß des Regenten den Übermüthigen abzuschrecken. Das sind die Schatzmeister der erwarteten Güter, das die Pförtner des Himmelreiches, welche die Thüren den Guten öffnen, den Unfreundlichen und Hartherzigen verschließen. Das sind sowohl heftige Ankläger als auch gute Vertheidiger. Sie bringen aber ihre Vertheidigung und Anklage nicht in Reden vor, sondern indem sie vom Richter gesehen werden. Denn was man ihnen gethan hat, erhebt seine Stimme vor dem Kenner der Herzen lauter als irgend ein Herold. Ihretwegen ist uns auch das furchtbare Gericht Gottes durch die Engel festgesetzt, von dem ihr oft gehört habt.
Denn dort sah ich den Sohn des Menschen vom Himmel kommen und auf die Luft wie auf Land seinen Fuß setzen, in Begleitung vieler Tausende von Engeln, wie er hierauf auf den Thron der Herrlichkeit sich erhob, und das ganze Menschengeschlecht, das ins Dasein getreten war und von der Sonne beschienen wurde und diese Luft athmete, in zwei Theile geschieden und vor dem Richterstuhl aufgestellt war. Es wurden aber Die zur Rechten Schafe genannt, und Die auf der andern Seite hörte ich Böcke nennen indem die Ähnlichkeit der Sitten ihnen diese Namen verschaffte. Und ich vernahm die Unterredung des Richters mit Denen, die gerichtet wurden, und die Antworten der Gerichteten, die sie dem König gaben. Und Allen wurde das verdiente Loos zuerkannt, Denen, die ein gutes Leben geführt hatten, der Genuß des Himmelreiches, den Hartherzigen und Bösen die Strafe des Feuers, die ewig dauert. Er beschreibt aber Alles umständlich, und es hat uns das Wort ein genaues Gemälde vom Gerichte aus keinem anderen Grunde entworfen, als daß wir den Nutzen der 202 Wohlthätigkeit kennen lernen. Denn sie ist es, die das Leben zusammenhält, Mutter der Armen, Lehrerin der Reichen, eine gute Pflegemutter der Jünglinge, eine Stütze des Alters für die Bejahrten, eine Vorratskammer für die Nothleidenden, ein gemeinsamer Hafen für die Unglücklichen, in dem sie auf alle Alter und Unglücksfälle ihre Vorsorge ausdehnt. Denn wie Die, welche eitle Wettkämpfe anordnen, mit der Trompete ihr ehrgeiziges Streben ankündigen und Allen auf dem Kampfplatze die Vertheilung des Reichthums melden lassen, in gleicher Weise ruft die Wohlthätigkeit Alle zu sich, welche sich in Noth und Unglück befinden, und theilt unter Die, welche herzutreten, nicht Lohn für davon getragene Wunden, sondern Heilmittel für Mißgeschick aus. Sie steht höher als jedes löbliche Werk, thront bei Gott als Freundin des Guten und ist in engster Freundschaft mit ihm verbunden. In dieser Weise erscheint uns Gott selbst vor Allen als der Urheber der guten und milden Werke. Denn die Erschaffung der Erde, den Schmuck des Himmels, den geordneten Wechsel der Jahreszeiten, die Wärme der Sonne, die abkühlende Bildung des Eises und alles Übrige bewirkt Gott ohne Unterbrechung nicht für sich selbst, (denn er bedarf hievon Nichts,) sondern für uns. Denn unsichtbar erzeugt er aus der Erde die Nahrung der Menschen, säet zur rechten Zeit und besorgt weise die Bewässerung. Denn er gibt, wie Isaias sagt, Samen dem Säemann, und das Wasser aus den Wolken läßt er jetzt ruhig auf die Erde niederträufeln und dann wieder mit Ungestüm sich in den Furchen ergießen. Wenn aber die Saat emporwächst und die grüne Farbe verschwindet, so verscheucht er die Wolken vom ganzen Himmel und bietet ihr dann die Sonne frei von jeder Umhüllung dar, die ihren warmen und feurigen Strahl aussendet, damit die Ähren zum Schnitte reif werden.
203 Er nährt auch den Weinstock und bereitet dem Durstigen den Trank zur rechten Zeit und nährt uns verschiedenartige Heerden, damit die Menschen Überfluß an Lebensmitteln haben und die Felle der einen, indem sie Wolle hervorbringen, uns Kleidung gewähren, die der andern aber uns Schuhe verschaffen. Du siehst, daß der Erste, der die Wohlthätigkeit gerne ausübt. Gott ist, der in dieser Weise den Hungrigen nährt, den Durstigen tränkt und den Nackten bekleidet, wie wir im Vorhergehenden gesagt haben.
§ 5
Willst du aber hören, wie er für die Unglücklichen sorgt, so vernimm es. Wer lehrte die Biene, das Wachs zu bereiten und mit diesem den Honig? Wer hat es veranstaltet, daß die Fichte, der Terpentinbaum und Mastixbaum jenen fetten Saft auströpfeln? Oder wer hat das Land der Inder zur Mutter von trockenen und wohlriechenden Früchten gemacht? Wer hat den Ölbaum gepflanzt zur Abhilfe in körperlichen Leiden und Schmerzen? Wer gab uns die Kenntniß der Wurzeln und Kräuter und unterrichtete uns über ihre Eigenschaften? Wer erfand die Arzneikunde, welche die Gesundheit herstellt? Wer ließ aus der Erde warme Quellen hervordringen, von denen die einen Kälte und Erweichung heilen, die andern Trockenheit und Verhärtung beseitigen? Man kann da mit Recht die Worte des Baruch anführen: „Dieser entdeckte jeden Weg der Wissenschaft und theilte ihn seinem Sohne Jakob mit und seinem geliebten Israel.“
Deßhalb gibt es Handwerke mit und ohne Gebrauch des Feuers und andere mit Anwendung des Wassers und unzählige Erfindungen von Künsten, damit zur Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse Nichts mangle. Und so ist Gott der erste Erfinder der Wohlthätigkeit und ein zugleich reicher und mildthätiger Spender Dessen, was wir 204 brauchen. Wir aber, obschon uns jeder Buchstabe der Schrift lehrt, unsern Herrn und Schöpfer nachzuahmen, soweit dem Sterblichen die Nachahmung des Seligen und Unsterblichen möglich ist, scharren Alles zu unserm eigenen Genuß zusammen, verwenden es theils für unser eigenes Leben und sammeln es theils für unsere Erben. Auf die Unglücklichen aber denken wir nicht und kennen keine wohlangebrachte Sorge für die Armen. O unbarmherzige Gesinnung!
Ein Mensch sieht seinen Mitmenschen an Brod Mangel leiden und die nothwendigen Lebensmittel entbehren, und er springt ihm nicht bereitwillig bei und bringt ihm keine Rettung, sondern sieht zu, wenn er wie ein blühendes Gewächs durch Wassermangel jämmerlich austrocknet, obschon er reichlichen Überfluß besitzt und von seinem Reichthum Vielen Trost spenden könnte. Wie nämlich der Abfluß einer einzigen Quelle viele ausgedehnte Flächen befruchtet, so vermag auch der Wohlstand eines einzigen Hauses Schaaren von Armen zu retten, wenn nur nicht ein Filz und Geizhals wie ein Stein, der in den Abzugsgraben fällt, den Abfluß zurückdrängt.
§ 6
Wollen wir nicht in Allem dem Fleische, sondern in Einigem auch Gott leben. Denn der Geschmack und der Genuß der Nahrung kommt einem kleinen Theil des Fleisches, dem Schlunde, zu Gute, und sind die Stoffe in den Magen gedrungen, so drängen sie der natürlichen Ausleerung zu. Barmherzigkeit und Wohlthätigkeit aber sind Gott angenehme Dinge, und den Menschen, in dem sie ihre Wohnung aufschlagen, machen sie zu einem Gotte und machen ihn zum Ebenbild des Guten, so daß er ein Gleichniß der ersten unvermischten und jeden Begriff übersteigenden Substanz ist. Aber welchen Ausgang unseres Strebens setzen sie in Aussicht? Jetzt eine herrliche Hoffnung und fröhliche Erwartung, später aber, wenn wir dieses hinfällige Fleisch ablegen und die Unsterblichkeit anziehen, ein seliges, unaufhörliches und unverwüstliches Leben, das mit 205 ausserordentlichen jetzt uns unbekannten Vergnügungen aus gestattet ist.
Ihr also, die ihr mit Vernunft ausgerüstet seid und den Verstand als Dollmetscher und Lehrer der göttlichen Dinge besitzet, laßt euch nicht vom Zeitlichen berücken. Erwerbet, was dem Besitzer nie abhanden kommt, setzet euern Lebensbedürfnissen ein Ziel. Nicht Alles sei für euch, sondern ein Theil auch für die Armen, die Lieblinge Gottes. Denn Alles gehört Gott, dem gemeinsamen Vater. Wir aber sind Brüder eines Stammes. Für Brüder aber ist es am Geziemendsten und Gerechtesten, gleichheitlich sich in die Erbschaft zu theilen. In zweiter Reihe sollen, wenn Einer oder Zwei sich den größeren Theil angeeignet haben, die übrigen den Rest bekommen. Will aber Einer geradezu des Ganzen sich bemächtigen und vom dritten oder fünften Theil seine Brüder verdrängen, so ist ein Solcher ein harter Tyrann, ein unverbesserlicher Barbar, ein unersättliches Thier, das mit Lust allein den Fraß verschlingt oder vielmehr sogar wilder als selbst die wilden Thiere. Denn ein Wolf läßt einen andern Wolf am Fraß Theil nehmen, und viele Hunde zerfleischen gemeinsam einen einzigen Körper. Der Unersättliche aber zieht keinen Stammesgenossen bei, um ihn an seinem Reichthum Theil nehmen zu lassen. Es genügt dir ein mäßiger Tisch. Laß dich nicht in das Meer maßloser Schmauserei stürzen. Denn schrecklich ist der drohende Schiffbruch, der nicht an unterseeische Felsen stößt, sondern in die tiefste Finsterniß schleudert, von wo Der, welcher hineinstürzte, nicht mehr herauskommen wird.
Mache also Gebrauch, aber keinen Mißbrauch. Denn Das hat dich auch Paulus gelehrt. Überlaß dich einem mäßigen Genuß. Gib dich nicht zügelloser Wollust hin. Bringe nicht geradezu allen Thieren den Untergang, den 206 vierfüssigen, großen, kleinen, den Vögeln, Fischen, den gewöhnlichen, den seltenen, den wohlfeilen, den kostspieligen. Fülle nicht mit dem Schweiß vieler Jäger deinen einzigen Bauch gleich einem tiefen Brunnen, der sich, wenn ihn auch viele Hände zu verschütten suchen, nicht füllen läßt. Wegen der üppigen Schwelger bleibt nicht einmal die Tiefe des Meeres unbelästigt. Und nicht bloß werden Fische gefangen, die im Wasser schwimmen, sondern alle unglücklichen Thiere, die sich in der Tiefe des Wassers bewegen, werden gleichfalls an das Land und an dieses Himmelslicht herausgezogen. So blieben die verschiedenen Austern nicht unentdeckt, es wird der Meerigel gefangen, der kriechende Tintenfisch mit dem Netz herausgeholt, der an die Felsen angewachsene Polyp herabgerissen, die Schnecken werden aus den untersten Tiefen hervorgezogen, und alle Arten lebender Wesen, die auf den Wogen der Oberfläche schwimmen, und Die, welchen der Meeresgrund zum Aufenthalte angewiesen ist, werden an das Tageslicht hervorgezogen, indem der Erfindungsgeist der Lüsternen mannigfaltige Mittel ausfindig macht, sie zu fangen.
Was führt aber die Schwelgerei in ihrem Gefolge mit sich? Denn es muß das Böse, wo nur immer die Krankheit ausbrechen mag, die verwandten Stoffe nach sich ziehen. Die, welche gleich den Sybariten einen üppigen Tisch halten, lassen sich nothwendig zur Aufführung großartiger Gebäude hinreissen und verwenden ihren reichen Wohlstand auf große und übermäßig geschmückte Häuser. Ausserdem sorgen sie für schöne Ruhebetten und bedecken sie mit blumigen, ganz bunten Teppichen. Aus vielen Talenten lassen sie silberne Tische vom Silberarbeiter verfertigen, die einen glatt gearbeitet, die andern mit künstlich getriebener Arbeit versehen, so daß zugleich mit dem Schlunde auch das Auge an den geschichtlichen Darstellungen sich ergötzen kann. Denke dann ferners an die Mischkrüge, Dreifüße, Fässer, Gießkannen, Schüsseln, unzähligen Gattungen von Trinkgeschirren, Possenreisser, Komödianten, Citherspieler, Sänger, 207 Witzmacher, Tonkünstler, Tonkünstlerinnen, Tänzerinnen, an den ganzen Troß einer üppigen Lebensweise, Knaben mit weibischem Haarschmuck, schamlose Mädchen, an Zuchtlosigkeit Schwestern der Herodias, die den Johannes tödten, nämlich den göttlichen und weisen Sinn eines Jeden.
§ 7
Während Dieß alles im Hause vor sich geht, lagern vor der Thüre unzählige Lazarus, die Einen voll eckelhafter Geschwüre, die Andern mit ausgestochenen Augen, während wieder Andere über die Verstümmelung der Füße seufzen, und Einige nach Verlust aller Glieder geradezu kriechen, und ihr Ruf wird nicht gehört. Denn er wird übertönt vom Laute der Flöten, von den Melodien der improvisirten Gesänge und dem lautschallenden Gelächter. Wenn sie aber an den Thüren etwa zu lästig werden, so kommt der rohe Thürhüter eines unbarmherzigen Herrn herbeigesprungen, schilt sie unverschämte Hunde, vertreibt sie mit dem Stocke und reißt mit Schlägen die Wunden von Neuem auf. Und es entfernen sich die Freunde Christi, an denen sich die Gesammtheit der Gebote erfüllen läßt, und haben kein Stücklein Brod und keine Speise empfangen, sondern Mißhandlung und Schläge davon getragen. Drinnen aber in der Werkstätte des Mammon speien die Einen wie überladene Schiffe die Nahrung aus, Andere aber schlafen am Tische ein, während noch die Becher vor ihnen stehen. Eine doppelte Sünde hat aber im schmachvollen Hause ihren Wohnsitz aufgeschlagen, die eine in der Unmäßigkeit der Betrunkenen, die andere im Hunger der vertriebenen Bettler.
Wenn nun Gott Dieß schaut, wie er es wirklich sieht, ihr Feinde der Bettler, was für einen Ausgang glaubt ihr, daß es mit euerem Leben nehmen werde? Ist euch etwa unbekannt, daß das heilige Evangelium um dieser willen alle schrecklichen und furchtbaren Beispiele mit lautem Zeugniß verkündet? Es steht geschrieben von einem Manne, der sich in Purpur kleidete, wie er entsetzlich aufschrie und seufzte und in einem Abgrund von Qualen gepeinigt 208 war. Und ein Anderer von gleicher Lebensweise wurde zu einem unerwarteten Tode verurtheilt, der am Abend noch an die Nahrung für den folgenden Morgen dachte und den Strahl der Morgenröthe nicht mehr erlebte. Laßt uns nicht sterblich im Glauben und unsterblich im Genusse erscheinen. Denn eine solche Auffassung verrathen wir, wenn wir in Allem dem Fleische zu schmeicheln suchen, wie wenn wir als Familienhäupter keine Nachfolger hätten, wie wenn wir ewige Eigenthümer des Irdischen wären, die in der Erntezeit die Aussaat besorgen wollen und schon in der Zeit der Aussaat den Wonnegenuß der Ernte zu finden hoffen, die eine Platane pflanzen und den Schatten eines hochgewachsenen Baumes hoffen, die den harten Kern der Palme in die Erde senken und süße Früchte erwarten. Und das thun sie oft mit grauem Haupte, da der Herbst des Lebens angebrochen, da der Winter des Todes nahe ist und zum Leben nicht mehr eine Reihe von Jahren, sondern drei bis vier Tage übrig sind.
Erwägen wir also, da wir mit Vernunft begabt sind, daß unser Leben vergänglich, die Zeit flüchtig, unbeständig und unaufhaltsam ist, indem sie wie ein reissender Strom Alles, was sie in ihrem Schooße umfängt, zuletzt dem Untergange zuführt. Und wäre sie doch, wie sie kurz und vergänglich ist, auch der Rechenschaft überhoben! Darin aber besteht unsere gefahrvolle Lage, daß wir für jede Stunde und sogar für die Worte, die wir reden, vor dem unbestechlichen Richterstuhle Rechenschaft geben müssen. Daher sehnt sich der selige Psalmist, indem er ähnliche Betrachtungen wie die eben von uns vorgetragenen anstellt, die festgesetzte Zeit seines Lebensendes zu erfahren, und er fleht zu Gott, ihm die Zahl der noch übrigen Tage wissen zu lassen, um die Vorbereitungen zu seinem Hingang treffen zu können, damit er nicht plötzlich während der Reise wie 209 ein unvorbereiteter Wanderer in Verlegenheit gerathe, wenn er das nöthige Reisegeld vermißt. Er sagt also: „Mach mir bekannt, o Herr, mein Ende und die Zahl meiner Tage, wie groß sie ist, damit ich erfahre, was mir mangelt. Sieh, als Handbreiten hast du meine Tage hingestellt, und mein Dasein ist wie Nichts vor dir.“ Sieh die lobenswerthe Sorge einer verständigen Seele und zwar in einem Manne von königlicher Würde. Er schaut nämlich den König der Könige und den Richter der Richter, und er fleht, des vollkommenen Schmuckes der Gebote theilhaftig zu werden und als vollkommener Bürger des jenseitigen Lebens zu scheiden, an dem auch wir alle Theil nehmen mögen durch die Gnade und Liebe unseres Herrn Jesus Christus, dem die Ehre sei von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.Zweite Rede von der Liebe zu den Armen.