210 Die Rede beginnt mit einer lebendigen Vergegenwärtigung und Schilderung des letzten Gerichtes. Sonst unterscheidet sie sich von der ersten Rede über die Liebe zu den Armen vorzugsweise dadurch, daß sie zur Unterstützung der armen Kranken und Presthaften auffordert, während die erste mehr ermahnt, den Armen Speise und Trank zu reichen. Lebhaft ist auch in der vorliegenden Rede die Schilderung des Elends der armen Kranken und Gebrechlichen. Der Redner tadelt auch die Furcht vor Ansteckung und meint sogar (wohl irrthümlich), die Krankheiten pflanzten sich durch Ansteckung gar nicht fort.
§ 1
Rede auf die Worte des Evangeliums: „Was ihr nur immer einem von Diesen gethan habt“ u. s. w. 211 Noch schwebt mir die im Evangelium geschilderte furchtbare Ankunft des Königs vor Augen, noch ist die Seele, welche unverwandt auf die furchtbaren Worte hinstarrt, bestürzt, gleich als sähe sie den König des Himmels selbst auf dem Throne der Herrlichkeit, wie das Wort sagt, furchtbar sitzen und jenen prachtvollen Thron, der, was für ein Thron es nur immer sein mag, den Unfaßbaren in sich faßt, und jene unzähligen Myriaden von Engeln, die rings um den König herumstehen, ja auch den großen und furchtbaren König selbst, wie er von seiner unaussprechlichen Herrlichkeit auf die menschliche Natur herabschaut und das ganze Geschlecht der Menschen, die es, seitdem überhaupt Menschen existirt haben, bis zu jener furchtbaren Ankunft gegeben hat, um sich versammelt und Allen, je nachdem sie gelebt haben, das verdiente Urtheil spricht, die, welche die rechte Lebensweise führten, wie es heißt, zur rechten Seite hintreten läßt, über die Verkehrten und Verworfenen aber das ihrem Leben entsprechende Urtheil ergehen läßt, und wie er zu beiden Theilen spricht, zu den Einen jenes süße und milde Wort: „Kommet, ihr Gesegneten meines Vaters!“ zu den Andern die schreckliche und furchtbare Drohung: „Gehet hin, ihr Verfluchten!“ Meine Seele ist aber von solcher Furcht über das Gelesene ergriffen, daß ich bei den Vorgängen selbst anwesend zu sein glaube und von der Gegenwart Nichts wahrnehme. Und deßhalb hat mein Geist keine Muße, auf einen andern vorliegenden Gegenstand zu schauen, um ihn zu erforschen und in der Rede darzustellen. Und doch ist es nicht geringfügig und verdient eine gründliche Untersuchung, daß man erkenne, wie der allzeit Gegenwärtige zu uns kommt, ― denn seht, sagt er, ich bin alle Tage bei euch, ― und wenn wir glauben, daß er bei uns ist, wie er versprechen kann, zu kommen, gleich als wäre er nicht gegenwärtig.
§ 2
212 Denn wenn wir in ihm leben und uns bewegen und sind, wie der Apostel sagt, so ist es nicht möglich, von Dem, der Alles umfaßt, Die örtlich zu trennen, welche von ihm umfaßt werden, so daß er entweder jetzt bei Denen nicht ist, die er umfaßt, oder man erwarten müßte, daß er später einmal bei ihnen sein werde. Zudem, was für einen Sitz hat das Körperlose und wie erscheint das Unsichtbare und was für eine Gestalt hat das Formlose? Und wie kann, der nicht umfaßt werden kann, auf dem Throne in Grenzen eingeschlossen werden? Alles Derartige will ich, als für den gegenwärtigen Augenblick zu schwierig, übergehen. Ich will vielmehr nach Kräften meine Rede auf Das richten, was dem gemeinsamen Nutzen dient, daß wir nämlich nicht unter die Verworfenen verstoßen werden. Denn gar sehr, o Brüder, gar sehr bin ich von der Drohung erschüttert, und ich stelle den aufgeregten Zustand meiner Seele nicht in Abrede. Ich wünschte aber, daß auch ihr der Furcht euch nicht entschlagen möchtet. Denn selig ist, wer bedächtig Alles fürchtet. Wer aber eine Sache gering achtet, wird von ihr gering geachtet werden, sagt irgendwo das Wort der Weisheit. Wollen wir also, bevor wir von den Übeln getroffen werden, Sorge tragen, daß uns nichts Trauriges begegnet. Wie aber werden wir vom Schrecklichen befreit? Indem wir einen solchen Lebensweg einschlagen, wie ihn uns soeben das Wort gezeigt hat, der in der That neu ist und lebt (Hebr. 10, 20).
Und was ist das für ein Weg? „Ich war hungrig, ich war durstig, ich war fremd, ich war nackt und krank und im Gefängniß. Alles, was ihr Einem von diesen Kleinsten gethan habt, habt ihr mir gethan.“ Und deßhalb sagt er: „Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters!“ Was lernen wir daraus? Daß die sorgfältige Beobachtung der Gebote 213 Segen ist, Fluch aber die Vernachläßigung der Gebote. Wollen wir nach dem Segen suchen, vor dem Fluche fliehen! Denn es steht in unserer Macht, nach Belieben das Eine oder Andere zu wählen oder nicht zu wählen. Denn wohin unser Wille neigt, da werden wir sein. Also wollen wir den Herrn des Segens, der, was wir den Armen thun, auf sich bezieht, gewinnen und zumeist jetzt, da im gegenwärtigen Leben sich für das Gebot viel Stoff darbietet und Vielen das Nothwendige, Vielen sogar der Körper selbst mangelt, da sie durch eine bösartige Krankheit aufgerieben worden sind.
Wir wollen also, indem wir Diesen beispringen, der guten Verheissung uns theilhaftig machen. Ich kann damit offenbar nur Die im Auge haben, welche von einer schweren Krankheit hart mitgenommen worden sind. Je größer nämlich ihre Krankheit ist, um so größer ist offenbar der Segen für Die, welche das mühevolle Gebot erfüllen. Was sollen wir also thun? Der Anordnung des Geistes nicht widerstreben. Diese besteht darin, daß wir uns gegen Die, welche an unserer Natur Antheil haben, nicht fremd zeigen und es nicht wie Jene machen, die im Evangelium getadelt werden, nämlich wie der Priester und Levit, die ohne Mitleid an Dem vorübereilen, welcher der Barmherzigkeit bedarf, von dem erzählt wird, daß die Räuber ihn halbtodt liegen ließen. Denn wenn Jene als schuldbeladen erscheinen, weil sie sich um die Wunden nicht kümmern, die am nackten Körper aufschwellen, wie sind wir der Rechenschaft überhoben, wenn wir die Schuldbeladenen nachahmen? Und bot etwa, der unter die Räuber fiel, ein so schlimmes Schauspiel, als wir es an Denen wahrnehmen, die von einer Krankheit ergriffen sind? Du siehst einen Menschen in Folge bösartiger Krankheit in die Gestalt eines vierfüßigen Thieres umgewandelt, indem er als Klauen und Krallen Holzstücke mit den Händen erfaßt und eine ungewöhnliche Spur in die menschlichen Wege eindrückt. Wer könnte aus der Spur erkennen, daß ein Mensch solche Figuren in den 214 Weg eindrückte? Ein Mensch von aufrechter Gestalt, der zum Himmel emporschaut, der die Hände von der Natur besitzt, um damit zu arbeiten, beugt sich zur Erde nieder und wird vierfüßig und wird beinah zum unvernünftigen Wesen. Mit schwerem und keuchendem Athem stöhnt er mit Anstrengung aus dem Innern seines Herzens hervor, und er ist dabei, wenn man sich kühn ausdrücken soll, selbst elender als die unvernünftigen Thiere. Denn diese bewahren gewöhnlich von ihrer Geburt an durch das ganze Leben ihren eigenthümlichen Zustand, und keines von ihnen wird durch irgend ein ähnliches Mißgeschick in irgend einen andern Zustand umgeschaffen. Dieser aber erscheint, wie wenn sich seine Natur umgewandelt hätte, als etwas Anderes und nicht als das gewöhnliche lebende Wesen.
Die Hände versehen ihm den Dienst der Füße, die Kniee vertreten die Stelle der Fußsohlen. Die natürlichen Fußsohlen aber und die Knöchel sind entweder ganz verschwunden oder sind wie Schleppschiffe lose angebunden und werden, wie es gerade trifft, mit fortgezogen. Wenn du nun den Menschen in solcher Lage siehst, rührt die Verwandtschaft des Geschlechtes nicht dein Herz? Hast du kein Erbarmen mit dem Stammgenossen? Hast du einen Abscheu vor dem Mißgeschick, und ist dir der Flehende zuwider, und vermeidest du seine Nähe wie den Angriff eines wilden Thieres? Aber du solltest doch vernünftiger Weise überlegen, daß mit dir, der du ein Mensch bist, ein Engel in Berührung tritt und, obschon er ohne Leib und Materie ist, dich, der du aus Fleisch und Blut gemischt bist, nicht verabscheut. Was rede ich aber von den Engeln? Der Herr der Engel selbst, der König der himmlischen Seligkeit, ist deinetwegen Mensch geworden und hat dieses übelriechende und schmutzige Fleisch mit der in ihm eingeschlossenen Seele angezogen, um deine krankhaften Zustände durch seine Berührung zu heilen. Du aber bist der Natur nach der Nämliche wie der Kranke und fliehst vor Dem, der mit dir gleichen Geschlechtes ist. Nicht, o Bruder, nicht sollst 215 du einen bösen Entschluß fassen. Erkenne, wer du bist, und über wen du dich entschließest, über einen Menschen als Mensch, der du ausser der gemeinsamen Natur in dir nichts Besonderes besitzest. Greif der Zukunft nicht vor! Denn indem du das Leiden verurtheilst, das bisher in einem fremden Körper erschien, sprichst du dich ohne Unterschied gegen die ganze Natur aus. Aber auch du nimmst wie Alle Antheil an der Natur. Es soll daher wie von einer gemeinsamen Sache die Rede sein.
§ 3
Warum also erfaßt dich kein Mitleid mit Dem, was du wahrnimmst? Du siehst umherziehende Menschen wie Heerden zerstreut, um sich Nahrung zu verschaffen, zusammengeflickte Lumpen sind ihre Kleidung, ein Stock in den Händen ist ihnen Waffe und Fuhrwerk, und selbst dieser wird nicht mit den Fingern festgehalten, sondern ist mit gewissen Bändern an die Hände gebunden, ein zerlumpter Quersack, ein verfaultes und schimmliges Stück Brod, Herd, Haus, Lager, Bank, Schatzkammer, Tisch, ganze Einrichtung ist ihnen der Quersack. Und dann erwägst du nicht, wer es ist, der sich in solcher Lage befindet? Ein Mensch, der nach dem Ebenbild Gottes geschaffen, der beauftragt ist, über die Erde zu herrschen, dem die unvernünftigen Thiere zu seinem Dienste unterworfen sind, ist in solches Unglück gestürzt, und es ist mit ihm eine solche Veränderung vor sich gegangen, daß die Erscheinung zweifelhaft ist, indem er weder ohne Beimischung die Merkmale eines Menschen noch die deutlichen Merkmale irgend eines anderen lebenden Wesens an sich trägt. Vergleichst du ihn mit einem Menschen, so paßt zur menschlichen Figur die Mißgestalt nicht. Ziehest du die unvernünftigen Thiere zum Vergleiche herbei, so bieten auch diese keine ähnliche Erscheinung. Da sie allein so beschaffen sind, so schauen sie auf sich allein und schaaren sich wegen der Gleichheit ihres Zustandes zusammen, und während sie von Andern verabscheut werden, zwingt sie die Noth, sich gegenseitig nicht zu verabscheuen. Denn da sie überall verdrängt werden, werden sie ein eigenes Volk, 216 indem sie von allen Seiten zusammenströmen. Siehst du die unergötzlichen Tänzer unter Trauer und Seufzern diesen Tanz aufführen? Wie prunken sie mit ihren Mißgeschicken? Wie stellen sie die mißgestaltete Natur an sich zur Schau, indem sie der zusammenströmenden Menge wie Komödianten ihre vielfältigen Krankheiten sehen lassen? Sie erscheinen als Dichter von Klageliedern, als Sänger jener schlimmen Gesänge und führen dieses seltsame und unglückliche Trauerspiel auf, indem sie nicht fremde Trauerfälle zur Erregung der Gefühle gebrauchen, sondern mit ihren eigenen Leiden die Bühne erfüllen. Was für Gestalten, was für Erzählungen! Was für Worte vernehmen wir von ihnen! Wie sie von ihren Eltern ohne alles Verschulden verstoßen wurden, wie sie aus den gemeinsamen Versammlungen, Festen und Feierlichkeiten vertrieben werden, wie wenn sie Blut vergoßen hätten oder Vatermörder wären, zu ewiger Verbannung verurtheilt oder vielmehr noch unglücklicher als diese. Denn die Mörder können sich anderswohin begeben und unter Menschen leben, sie allein sind von allen Seiten von Allem ausgeschlossen, wie wenn sie als gemeinsame Feinde erklärt wären. Nicht des nämlichen Daches, nicht des gemeinsamen Tisches, nicht der Benützung der Geräthschaften werden sie für würdig erachtet. Und das ist noch nicht das Schlimmste. Nicht einmal die hervorsprudelnden Quellen haben sie mit den Menschen gemeinsam und nicht einmal von den Flüssen glaubt man, daß sie von der Befleckung der Krankheit Nichts an sich ziehen. Und wenn ein Hund mit seiner blutbefleckten Zunge an das Wasser leckt, so glaubt man wegen des Thieres das Wasser nicht verabscheuen zu dürfen; wenn aber der Kranke dem Wasser naht, so wird sogleich auch das Wasser wegen des Menschen vermieden.
Solche Reden führen sie, so jammern sie. Deßhalb werfen sich die Unglücklichen von Noth getrieben vor den Menschen nieder und flehen einen Jeden an, der an ihnen vorübergeht. Oft beweine ich dieses betrübende Schauspiel. 217 Oft bin ich auf die Natur selbst ungehalten, und selbst in diesem Augenblicke macht mich die bloße Erinnerung bestürzt. Ich sehe ein jammervolles Elend, ich sehe ein Schauspiel reich an Thränen. Es liegen Menschen an den Wegen beim Vorübergehen, oder vielmehr nicht mehr Menschen, sondern unglückliche Überreste der ehemaligen Menschen, die gewisser Kennzeichen und Merkmale bedürfen, um als Menschen erkannt zu werden. Denn nicht können sie als Menschen an den Kennzeichen der Natur erkannt werden, da sie allein unter Allen sich verabscheuen und allein ihren Geburtstag verfluchen, ― denn sie verabscheuen mit Recht jenen Tag, der für sie der Anfang eines solchen Lebens war, ― Menschen, die sich sogar schämen, sich mit dem gemeinsamen Namen zu benennen, um nicht durch die Gemeinschaft des Namens die gemeinsame Natur in sich zu verhöhnen. Beständig führen sie ihr Leben unter Wehklagen, und nie mangelt es ihnen an Stoff zu Thränen. Denn so lange sie sich sehen, haben sie beständig Veranlassung, zu weinen, und sie wissen nicht, worüber sie mehr jammern sollen, über Das, was sie von ihrem Körper nicht mehr besitzen, oder über Das, was ihnen davon noch übrig geblieben ist, über Das, was die Krankheit zuvor aufgezehrt hat, oder über Das, was für die Krankheit noch zurückgeblieben ist, daß sie solches an sich sehen, oder daß sie es nicht einmal sehen können, weil durch die Krankheit die Sehkraft vernichtet wurde, daß sie Solches von sich erzählen können, oder daß sie nicht einmal im Stande sind, ihre Leiden zu erzählen, weil die Krankheit sie der Stimme beraubt hat, daß sie eine solche Nahrung zu sich nehmen, oder daß es ihnen nicht einmal für diese leicht fällt, da die Krankheit durch die Zerstörung der um den Mund gelegenen Körpertheile dem Essen hinderlich ist, daß sie, obschon sie empfinden, das Unglück der Leichname ertragen, oder daß ihnen die Empfindung selbst geraubt ist. Denn wo ist bei ihnen das Gesicht, wo der Geruch, wo der Tastsinn? Wo sind die übrigen Sinne, welche, indem die Krankheit sich allmählig ausdehnt, von der Fäulniß verzehrt werden? Deßhalb 218 irren sie in allen Gegenden herum und ziehen gleich wie die unvernünftigen Thiere der fetteren Weide wegen von einem Ort zum andern, indem sie als Mittel zum Nahrungserwerb das Unglück mit sich herumführen und, anstatt ihre Hände flehend auszustrecken, die Krankheit zur Schau stellen.
Und da sie wegen ihrer Presthaftigkeit eines Führers bedürfen, so stützen sie sich wegen ihrer Noth gegenseitig selbst. Denn da sie einzeln für sich ohnmächtig sind, so dienen sie Einer dem Andern zur Stütze, indem Einer von den Gliedern des Andern statt der ihm mangelnden Gebrauch macht. Denn sie erscheinen nicht einzeln, sondern auch das Elend ist erfinderisch für die Befriedigung der Lebensbedürfnisse, indem sie miteinander gesehen werden wollen. Denn da sie alle einzeln für sich bejammernswerth sind, so vermehren sie, um die Menschen mitleidiger zu stimmen, miteinander das Leiden, indem sie ihren schlimmen Beitrag zum Gemeinwesen leisten und ein Jeder durch irgend ein anderes Unglück für sich zum Mitleid beiträgt. Es streckt der Eine die verstümmelten Hände hin, ein Anderer zeigt den aufgedunsenen Bauch, wieder Einer das entstellte Gesicht und ein Anderer das faulende Bein. Und was für einen Theil des Körpers er immer entblößen mag, so zeigt er an demselben sein Leiden.
§ 4
Wie nun? Ist Das alles genug, um nicht gegen das Gesetz der Natur zu sündigen, daß man nämlich bloß eine ergreifende Schilderung der Leiden der Natur macht und die Krankheit in der Rede ausschmückt und bei der Erinnerung seinem Schmerze Ausdruck gibt? Oder ist auch irgend ein Werk nothwendig, das gegen diese unser Mitgefühl und unsere gegenseitige Liebe kundgibt? Fürwahr, was die Zeichnungen den wirklichen Gegenständen gegenüber sind, das sind die Reden in ihrer Trennung von den Werken. Denn der Herr sagt, daß die Rettung nicht im Reden liege, sondern darin, daß man die Werke der Rettung 219 vollbringe. Wir müssen daher das Gebot in Betreff Dieser erfüllen. Denn es möge ja Niemand Dieß sagen, daß es genügt, irgendwo fern von unserm Leben in der Zurückgezogenheit in irgend einem entfernten Winkel ihnen die Nahrung zu reichen. Denn eine solche Ansicht trägt nicht das Gepräge von irgend welchem Mitleid und Erbarmen an sich, sondern es ist ein beschönigender Vorwand, um die Menschen ganz aus unserem Umgang zu verbannen. Schämen wir uns dann nicht unseres Lebens, die wir Schweine und Hunde unter unser Dach nehmen? Selbst das Lager theilt der Jäger oft mit seinem Hunde. Selbst mit einem Kuß pflegt der Landmann das Kalb zu liebkosen. Ja, das will noch nicht viel sagen, sogar mit seinen eigenen Händen wäscht der Wanderer die Füße des Esels und legt Hand an und schafft den Unrath fort und trägt Sorge für das Lager, und Den, der mit uns gleichen Geschlechtes und Stammes ist, sollten wir weniger ehren als selbst die unvernünftigen Thiere? Nicht doch, Brüder, nicht doch, nicht soll dieser Urtheilsspruch über die Menschen seine Bestätigung finden! Wir dürfen nicht vergessen, wer wir sind, und über wen wir zu Rathe gehen, über Menschen als Menschen, die wir ausser der gemeinsamen Natur nichts Besonderes haben.* Einen* Eingang in’s Leben gibt es für Alle,* eine* Weise des Lebens für Alle, Speise und Trank; die Lebensthätigkeit ist gleichartig, die Einrichtung der Leiber ist ein und dieselbe und ein und derselbe der Ausgang aus dem Leben.
Alles Zusammengesetzte fällt der Auflösung anheim. Alles, was sich durch Zusammensetzung gebildet hat, geht der Auflösung entgegen. Wenn unser Leib den Geist kurze Zeit umschlossen hat, dann erlöschen wir wie eine Wasserblase und lassen keine Spur dieses vorübergehenden aufgeblasenen Dunstes im Leben zurück. Säulen, Steine und 220 Inschriften erhalten unser Andenken, und auch diese dauern nicht ewig. Wenn du also Dieß in Betreff deiner Person bedenkest, so sei nicht hohen Sinnes, sondern fürchte dich, wie der Apostel sagt. Es ist ungewiß, ob du nicht gegen dich selbst Hartherzigkeit vorschreibst. Du fliehest, nicht wahr, vor dem Kranken? Was kannst du ihm vorwerfen? Daß die Feuchtigkeit in ihm verdorben und ein gewisser eiternder Saft in das Blut gemischt ist, weil die schwarze Galle sich in die Feuchtigkeit ausgegossen hat? Denn so kann man die Ärzte sich äussern hören, welche die Natur der Krankheiten erklären. Was für ein Unrecht begeht also der Mensch, wenn die Natur eine schwankende und unbeständige Substanz ist und in diese Gattung der Krankheit fällt? Siehst du nicht auch an den gesunden Körpern, daß, wer im Übrigen sich wohl befindet, von einer Entzündung oder einem Geschwüre oder einem ähnlichen Leiden ergriffen wird, indem an einem Theile die Feuchtigkeit über Gebühr sich erhitzt und deßhalb Entzündung, Röthe und eiternde Fäulniß eintritt? Wie nun? Führen wir etwa Krieg mit dem kranken Theile des Fleisches? Gerade im Gegentheil wenden wir Alles, was am Körper gesund ist, zur Heilung des kranken Theiles an. Die Krankheit ist also nicht zu verabscheuen. Denn es würde sonst auch an uns selbst, wenn ein Theil krank ist, der gesunde Theil vor der Pflege des kranken zurückschrecken. Was ist aber die Ursache, die uns von solchen Menschen zurückhält? Was ist es? Daß wir die Drohung Desjenigen nicht fürchten, welcher sagt: „Weichet von mir in’s ewige Feuer; denn Alles, was ihr Einem aus Diesen nicht gethan habt, das habt ihr auch mir nicht gethan.“ Denn wenn sie glauben würden, daß sich Das so verhalte, so hätten sie gegen die Kranken keine solche Gesinnung, daß sie dieselben von sich stoßen und die Sorge für die Unglücklichen für eine Befleckung ihres Lebens halten.
221 Wenn wir also Den, der Das angekündigt hat, für glaubwürdig halten, so müssen wir wohl die Gebote erfüllen, ohne welche unsere Hoffnungen nicht befriedigt werden können. Fremd und nackt und nahrungsbedürftig, krank und gefangen und Alles ist er dir, was im Evangelium ausgesprochen ist. Irrend und nackt geht er umher, nackt und am Nöthigen Mangel leidend wegen der mit der Krankheit verbundenen Armuth. Denn wer weder von Hause aus Etwas hat noch um Lohn dienen kann, dem muß es notwendig an den Mitteln zum Leben fehlen, indem ihn wie einen Gefangenen die Krankheit fesselt. Du kannst also die ganze Fülle der Gebote an Diesem erfüllen, und der Herr aller Dinge selbst wird dein Schuldner, wenn du Diesem einen Liebesdienst erweisest. Warum bist du also eifersüchtig auf dein eigenes Leben? Denn den Gott aller Dinge nicht zum Genossen haben wollen, heißt nichts Anderes, als in gewisser Weise gegen sich selbst sich hart zeigen. Wie er nämlich durch das Gebot in unsere Wohnung eingeführt wird, so wird er durch Hartherzigkeit abgestoßen. „Nehmet mein Joch,“ sagt er, „auf euch!“ Joch aber nennt er die Erfüllung der Gebote. Wollen wir dem Befehle gehorchen und ein Lastthier Christi werden, indem wir mit den Riemen der Liebe uns an’s Joch binden. Wollen wir dieses Joch nicht abschütteln, es ist süß, es ist leicht. Es drückt nicht den Nacken Desjenigen, der es auf sich nimmt, sondern berührt ihn sanft. „Laßt uns in Segnungen säen,“ sagt Paulus, „damit wir auch in Segnungen ernten.“ Eine reiche Ähre wird aus dieser Saat emporsprossen. Groß ist das Saatfeld der Gebote des Herrn, hoch sind die Gewächse seines Segens.
Willst du erfahren, bis zu welcher Höhe die Gewächse zunehmen und emporwachsen? Sie reichen bis zur himmlischen Höhe selbst. Denn Alles, was du diesen thust, 222 hinterlegst du als Frucht in die himmlischen Schatzkammern. Mißtraue den Aussprüchen nicht, halte die Freundschaft solcher Menschen nicht für geringfügig. Die Hand ist abgehauen, aber nicht, wenn sie helfen sollen; der Fuß ist gelähmt, aber es hindert ihn Nichts, zu Gott zu laufen. Das Auge ist verschwunden, aber durch die Seele sieht er die unsichtbaren Güter. Beachte also nicht die Mißgestalt des Körpers! Warte ein wenig, und du wirst sehen, was unglaublicher als irgend ein Wunder ist. Denn nicht Alles, was an der hinfälligen Natur geschehen ist, bleibt auch immer, sondern wenn die Seele von der Verbindung mit dem Vergänglichen und Irdischen sich losgemacht hat, dann glänzt sie in ihrer eigenen Schönheit. Ein Beweis hievon ist, daß nach diesem Leben jener üppige Reiche vor der Hand des Bettlers keinen Abscheu hatte, sondern bat, es möchte der damals in Verwesung übergegangene Finger des Bettlers ihm einen Tropfen Wasser zuführen, und daß er sich sogar sehnte, mit der Zunge die Feuchtigkeit am Finger des Bettlers abzulecken, wornach er sich gewiß nicht gesehnt haben würde, wenn er das Abstoßende des Körpers auch am Ausdruck der Seele wahrgenommen hätte. Wie viel wird wohl der Reiche bei der Veränderung des Lebens umsonst zurückgenommen, wie sehr wird er wohl den Armen wegen des Unglücks in diesem Leben selig gepriesen, wie sehr über sein Lebensloos sich beschwert haben, weil es zum Nachtheil der Seele mit Reichthum ausgestattet worden sei! Und wenn nun der Reiche von Neuem wieder hätte in’s Leben treten können, unter welchen Umständen würde er wieder gerne in’s Dasein getreten sein? In den glücklichen oder unglücklichen Verhältnissen dieses Lebens? Aber es tritt deutlich hervor, daß er das Loos der Unglücklichen vorgezogen hätte. Denn er bittet, daß Einer von den Todten seinen Brüdern Botschaft bringe, damit nicht auch sie, durch den Prunk des Reichthums geblendet, in der Verweichlichung des Fleisches in den nämlichen Abgrund der Hölle stürzen, wenn sie wegen der schlüpfrigen Lust ausgleiten.
§ 5
223 Warum lassen wir uns also durch solche Erzählungen nicht zur Besinnung bringen? Warum betreiben wir nicht jenes schöne Handelsgeschäft, welches der Apostel anräth? „Euer Überfluß“, sagt er, „soll ihrem Mangel abhelfen, damit der Überfluß ihres Trostes im späteren Leben auch euch zum Heile genüge.“ Wenn wir also etwas Gutes erlangen wollen, so wollen wir zuvor es gewähren; wenn wir später Trost empfangen wollen, wollen wir jetzt Trost gewähren; wollen wir später von ihnen in die ewigen Zelte aufgenommen werden, so wollen wir sie jetzt in die unsrigen aufnehmen; wollen wir Heilung für die Wunden der Sünden, so wollen wir das selbst den Leibern der Unglücklichen erweisen. Denn „selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen“.
Aber vielleicht wird Jemand sagen, daß das Gebot für später gut sei, hütet sich aber jetzt vor einer Mittheilung und Ansteckung der Krankheit und glaubt, um nichts Unerwünschtes zu erdulden, die Annäherung an Solche vermeiden zu müssen. Das sind Redensarten, Vorwände und Ausflüchte und gleissende Beschönigungen der Gleichgültigkeit gegen die Gebote Gottes. In Wahrheit ist es aber nicht so. Denn die Erfüllung des Gebotes kennt keine Furcht. Niemand suche ein Übel durch ein anderes zu heilen. Denn wie Viele kann man sehen, die sich von der Jugend bis in’s Greisenalter mit der Pflege dieser Menschen beschäftigen und von dem natürlichen Wohlbefinden des Leibes durch eine solche Beschäftigung Nichts einbüßen! Und es ist auch nicht wahrscheinlich, daß so Etwas geschehe. Da nämlich einige Krankheiten, wie das Auftreten der Pest und alle, die in ähnlicher Weise von einer äusseren Ursache abhängen, wenn sie aus dem Verderbniß von Wasser oder Luft entspringen, bei der Menge Verdacht erregen, als ob sie von Denen, die davon zuerst ergriffen wurden, auch auf 224 Die übergingen, welche mit ihnen in Berührung kommen, ― obschon nach meiner Meinung auch hier nicht durch Mittheilung die Krankheit in den Gesunden verpflanzt wird, sondern vielmehr der gemeinsame Anfall die gleiche Krankheit herbeiführt, ― so beschuldigte man die Krankheit, daß sie von Denen, die sie zuerst ergriffen hat, auf die Übrigen übergeht. Und da hier die Entwicklung eines solchen Leidens von innen geschieht und das Blut durch die Beimischung verderbender Säfte ein Verderbniß erleidet, so bleibt das Leiden auf den Kranken beschränkt. Und daß sich Das so verhält, kann man auch aus Folgendem sehen. Geht etwa der bessere Zustand von den Gesunden auf die Kranken über, mögen sie noch so beharrlich ihnen Pflege gewähren? Gewiß nicht. So kann auch umgekehrt nicht wohl die Krankheit von den Kranken auf die Gesunden übergehen.
Wenn also der Nutzen des Gebotes so groß ist, daß uns dadurch das Himmelreich zu Theil wird, für Den aber, welcher den Kranken pflegt, kein körperlicher Nachtheil erwächst, was steht der Ausübung des Gebotes der Liebe im Wege? Aber du sagst, es ist beschwerlich, den natürlichen Eckel, den die Mehrzahl gegen solche Dinge hat, zu bezwingen? Ja wohl, ich stimme bei, daß es beschwerlich ist. Läßt sich aber von irgend einer andern tugendhaften Handlung nachweisen, daß sie keine Mühe macht? Viel Schweiß und viele Mühen hat das Gesetz für die himmlischen Hoffnungen vorgeschrieben und hat gezeigt, daß der Weg zum Leben für die Menschen schwer zu wandeln sei, und hat ihn von allen Seiten durch mühevolle und rauhe Geschäfte eingeengt. „Denn eng“, heißt es, „und schmal ist der Weg, der zum Leben führt.“ Wie also, werden wir deßhalb gegen jene Hoffnung des Guten sorglos sein, weil wir es nicht mit Leichtigkeit erwerben können? Fragen wir die 225 Jugend, ob die Enthaltsamkeit ihr nicht mühevoll oder die schamlose Befriedigung der Begierden nicht viel begehrenswerther als ein mäßiges Leben dünke. Wollen wir nun deßhalb nach dem Angenehmen und Leichten streben, vor der rauhen Tugend aber zurückschrecken? Nicht so denkt der Gesetzgeber des Lebens, der den flachen, abhängigen und weiten Weg im Leben untersagt. Denn er sagt: „Gehet ein durch den engen und schmalen Weg.“ Wollen wir also auch hier für eine der Thaten, die mit Mühe vollbracht werden, Das halten, daß wir das aus dem Leben entschwundene Gebot zur Gewohnheit machen und den natürlichen Abscheu der Gesunden durch Ausdauer beseitigen. Denn die Gewohnheit hat eine große Kraft, auch Das, was unangenehm scheint, durch Ausdauer mit einigem Vergnügen zu umgeben. Es sage also Niemand, daß die gute That mühevoll, sondern daß sie Denen nützlich ist, welche sie vollbringen. Und da der Gewinn groß ist, so muß man wegen des Gewinnes die Mühe nicht scheuen. Es wird aber mit der Zeit, was bisher mühevoll war, durch die Gewohnheit angenehm werden.
Wenn man aber auch Dieß zum Gesagten hinzufügen soll, so ist auch in diesem Leben das Mitleid mit den Unglücklichen den Gesunden nützlich. Denn für die Verständigen erscheint es als ein guter Vorrath von Barmherzigkeit, den man in den Mißgeschicken eines Andern sich hinterlegt hat. Da nämlich eine und dieselbe Natur in der ganzen Menschheit sich geltend macht und Niemand ein sicheres Unterpfand besitzt, daß sein Glück beständig dauern werde, so muß man beständig der Ermahnung des Evangeliums eingedenk sein, welches uns räth, Das zu thun, was wir wollen, daß uns die Menschen thun. So lange also deine Fahrt glücklich ist, reiche dem Schiffbrüchigen deine Hand. Gemeinsam ist das Meer, gemeinsam die 226 Brandung, gemeinsam der Aufruhr der Wogen. Die Klippen und Felsen unter dem Wasser und was es sonst gibt, flößen den Schiffenden die gleiche Furcht des Schiffbruches im Leben ein. So lange dir Nichts widerfahren ist, so lange du ohne Gefahr das Meer des Lebens durchschiffest, gehe nicht unbarmherzig an Dem vorbei, der gestrauchelt ist. Wer leistet dir Bürgschaft für beständige glückliche Schifffahrt? Du hast noch nicht gelandet im Hafen der Ruhe, du stehst noch nicht ausserhalb der Wogen, dein Leben ist noch nicht zum Stillstand gekommen.
Noch segelst du durch das Meer des Lebens. Wie du dich gegen den Unglücklichen zeigen wirst, solche Schiffsgenossen wirst du dir bereiten. Aber mögen wir alle im Hafen der Ruhe landen, indem wir durch den heiligen Geist die gegenwärtige Schifffahrt des Lebens unter glücklichem Wetter vollenden. Es möge uns beistehen die Vollziehung der Gebote und das Steuerruder der Liebe. Unter dieser Leitung laßt uns das Land der Verheißung gewinnen, in dem sich die große Stadt befindet, deren Baumeister und Gründer unser Gott ist, dem Ehre und Macht sei von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.IV. Rede gegen die Wucherer.