229 Nachdem der Redner sich entschuldigt hat, daß er ein gleiches Thema zu behandeln wage, wie es sein Bruder Basilius behandelt habe, weist er die Verwerflichkeit des Zinswuchers aus Vernunftgründen und aus der heiligen Schrift alten und neuen Testamentes nach. Er schildert einerseits das sorgenvolle Leben des Wucherers selbst, andererseits den Druck und das Unrecht, das er gegen seinen dürftigen Mitbruder ausübe, den er manchmal zum Selbstmord treibe. Er räth in erster Linie, dem dürftigen Nebenmenschen Etwas zu schenken, dann aber, ihm zu leihen ohne Zinsen. Am Schluß erzählt er von einem Geizhalse, der sein Geld versteckte, so daß es nach seinem Tode von seinen Kindern nicht mehr aufgefunden werden konnte, die den Vater, statt ihm dankbar zu sein, nur verwünschten.
§ 1
Das Leben der tugendbeflissenen Menschen, die vernunftgemäß zu leben bestrebt sind, ist nach guten Gesetzen und Geboten eingerichtet. In diesen nun sieht man die Absicht des Gesetzgebers im Allgemeinen auf zwei Ziele gerichtet, eines, das die Untersagung der verbotenen Dinge in sich schließt, und ein zweites, das zur Ausübung des Guten anspornt. Denn man kann nicht anders ein wohl geregeltes und enthaltsames Leben führen, als daß man nach 230 Kräften vor dem Laster flieht und so sehr als möglich nach Tugend strebt. Da wir uns also auch heute versammelt haben, um die Gebote Gottes zu vernehmen, so hörten wir auch den Propheten, wie er die schlimmen Kinder des ausgeliehenen Geldes, die Zinsen, tödtet und das Ausleihen des Geldes auf Gewinn aus der Welt schafft. Wollen wir nun folgsam die Ermahnung annehmen, damit wir nicht jener Felsgrund sind, auf den der Same fiel und trocken und ohne Frucht blieb, und damit nicht auch an uns die Worte ergehen, wie einst an das widerspenstige Israel: „Ihr werdet mit dem Gehöre hören und es nicht verstehen, und sehend sehen und es nicht wahrnehmen.“
Ich bitte aber Die, welche mich hören werden, mich keineswegs der Vermessenheit oder des Wahnsinns zu beschuldigen, wenn, nachdem ein gelehrter Mann und berühmter Philosoph, der in aller Wissenschaft gründlich gebildet war, in dem nämlichen Gegenstand sich Beifall erworben und eine Rede gegen die Wucherer als einen Schatz in der Welt zurückgelassen hat, auch ich den nämlichen Kampfplatz betreten habe, indem ich mich eines Gespannes von Eseln oder Ochsen gegen sieggekrönte Pferde bediene. Denn es zeigt sich stets das Kleine neben dem Großen, der Schimmer des Mondes, wenn die Sonne scheint, und wenn das schwere Lastschiff dahinsegelt und durch das heftige Wehen der Winde fortbewegt wird, folgt hintennach der kleine Nachen, der über die nämliche Tiefe setzt, und wenn ferner Männer nach den Kampfregeln einen Wettkampf kämpfen, so ringen in der nämlichen Weise auch die Kinder. 231 Das möge also meinem Unterfangen zur Entschuldigung dienen.
Du aber, an den die Rede gerichtet ist, wer du immer sein magst, verabscheue als Mensch den Krämergeist, liebe die Menschen und nicht das Geld, setze jetzt einmal der Sünde ein Ziel. Sprich zu den dir bisher so lieben Zinsen die Worte Johannes des Täufers: „Ihr Schlangenbrut, weichet von mir.“ Ihr seid das Verderben Derer, die euch besitzen und in Empfang nehmen. Ihr ergötzet auf kurze Zeit, aber in späterer Zeit wird das euch entspringende Gift ein bitteres Verderben für die Seele. Ihr versperret den Weg des Lebens, verschließet die Thüren des Reiches, und nachdem ihr kurze Zeit die Augen ergötzt und die Ohren mit euerm Klange umtönt habt, bereitet ihr ewigen Schmerz. Mit diesen Worten nimm Abschied von Wucher und Zinsen, schließe dich der Liebe zu dem Armen an und wende dich von Dem nicht ab, der entlehnen will. Aus Armuth fleht er zu dir und belagert deine Thüren, in der Noth flüchtet er sich zu deinem Reichthum, damit du seinem Bedürfniß steuerst. Du aber thust das Gegentheil und wirst statt eines Helfers ihm zum Feinde, denn du hilfst ihm nicht, so daß er einerseits aus dem Drang der Noth gerettet und er dir anderseits das volle Kapital zurückzahlen würde. Vielmehr stürzest du den Bedrängten in Leiden, indem du den Nackten noch mehr ausziehest, dem Verwundeten weitere Wunden schlägst, Sorgen zu seinen Sorgen häufest und Schmerzen zu seinem Schmerze. Denn wer Geld auf Zinsen nimmt, empfängt ein Unterpfand der Armuth unter dem Scheine einer Wohlthat und bringt Verderben in sein Haus. Wie nämlich Der, welcher dem Fieberkranken, der vor Hitze brennt und vom heftigsten Durste gepeinigt wird, und nothgedrungen um Trank bittet, allerdings aus Menschlichkeit Wein reicht, auf kurze Zeit, da er den Becher 232 schlürft, ihn wohl erfreut, nach Verlauf einiger Zeit aber dem Kranken ein zehnmal heftigeres Fieber zuzieht, in gleicher Weise hilft auch Der, welcher dem Armen von Armuth strotzendes Gold bietet, seiner Noth nicht ab, sondern vergrößert sein Unglück.
Führe also nicht ein menschenfeindliches Leben unter dem Scheine der Menschlichkeit, und sei nicht ein Arzt, der Menschen tödtet, indem du mit deinem Reichthum dir den Schein gibst, ihn zu retten, wie Jener mit seiner Kunst, und deine Lebensstellung zum Verderben Desjenigen ausnützest, der sich dir anvertraut hat. Unthätig und habsüchtig ist das Leben des Wucherers. Er kennt nicht die Mühe des Landbaues, nicht die Sorgen des Kaufmanns, an einer und derselben Stelle bleibt er ruhig sitzen und pflegt Bestien an seinem Herde. Er will, daß ihm Alles wachse, ohne daß er säet und pflügt. Pflug ist ihm die Feder, Ackerland das Papier, Same die Tinte, Regen die Zeit, die ihm im Stillen die Früchte des Geldes mehrt, Sichel ist ihm die Forderung, Tenne das Haus, in welchem er das Vermögen der Bedrängten kleiner machte. Er kümmert sich um die besonderen Verhältnisse Aller und wünscht den Menschen Noth und Unglück, damit sie zu ihm kommen müssen. Er haßt Die, welche selbst genug besitzen, und hält Die für Feinde, welche Nichts zu leihen nehmen. Er lauert vor den Gerichtshöfen, um den Bedrängten zu finden. Er folgt den Mahnern und Schuldeintreibern auf dem Fuße, gleich wie die Geier den Kriegsheeren und Schlachten. Er führt den Geldsack bei sich und zeigt Denen, welchen das Wasser an den Mund reicht, die Lockspeise, um sie zu fangen, damit sie, weil sie in Noth sind, aus Begierde nach derselben zugleich den Angelhacken der Verzinsung verschlingen. Täglich berechnet er den Gewinn und sein Verlangen bleibt unbefriedigt. Er ist ungehalten wegen des Geldes, das er zu Hause hinterlegt hat, weil es müßig und ohne Frucht da liegt. Er gleicht den Landbauern, die von den Getreidehaufen immer den Samen nehmen. Er läßt das armselige 233 Gold nicht ruhen, sondern läßt es von Hand zu Hand wandern. Du siehst daher oft, daß der reiche und wohlhabende Mann nicht ein einziges gemünztes Geldstück in seinem Hause hat, sondern seine Hoffnungen in Papieren, sein Vermögen in Verträgen besitzt, so daß er Nichts hat und Alles besitzt, indem er ganz in verkehrter Weise nach der apostolischen Schriftstelle sein Leben einrichtet, Alles Denen gibt, welche bitten, nicht aus menschlicher Gesinnung, sondern aus Habsucht. Denn er wählt die vorübergehende Armuth, damit das Gold wie ein geplagter Sklave arbeite und mit Gewinn wieder zurückkehre. Du siehst, wie die Hoffnung auf die Zukunft das Haus leer macht und auf einige Zeit den Besitz des vielen Goldes entzieht? Was ist aber daran Schuld? Das beschriebene Papier, das Versprechen des Bedrängten: Ich werde es zurückgeben mit Gewinn, ich werde es zurückerstatten mit Zuwachs. Da rufe ich dir nun zu: Dem Schuldner, der unbemittelt ist, wird wegen des Schuldscheines Vertrauen geschenkt, aber der reiche Gott wird mit seiner Verheissung nicht gehört: Gib, und ich werde erstatten. Diesen lauten Ruf erhebt er und hat in den Evangelien ihn schriftlich niedergelegt, in einer dem Erdkreis gehörigen öffentlichen Handschrift, die von vier Evangelisten geschrieben wurde, statt von einem einzigen Kontraktschreiber, wofür alle Christen seit der Zeit des Heiles Zeugniß geben. Du hast zum Unterpfande das Paradies, eine Versicherung, die Zutrauen verdient. Suchst du aber auch hier Etwas, so ist die ganze Welt ein Besitzthum des rechtschaffenen Schuldners. Erkundige dich genau um die Wohlhabenheit Desjenigen, der die Wohlthat sucht, und du wirst seinen Reichthum wahrnehmen. Denn jede Goldgrube ist Besitzthum dieses Schuldners. Jedes Bergwerk von Silber und Erz und den übrigen Stoffen ist ein Theil seines Machtgebietes. Sieh nach dem großen Himmel, betrachte das unermeßliche Meer, erwäge die 234 Ausdehnung der Erde, zähle die Thiere, die auf ihr leben. Das sind lauter Sklaven und Besitzungen Desjenigen, den Du, wie wenn er arm wäre, gering achtest. Sei vernünftig, o Mensch, verhöhne Gott nicht und halte ihn nicht einer geringeren Ehre würdig als die Geldwechsler, denen du gegen geleistete Bürgschaft unbedenklich Zutrauen schenkest. Gib einen Bürgen, der nicht stirbt. Traue einer unsichtbaren Handschrift, die sich nicht zerreissen läßt, frage nicht nach dem Gewinne, sondern spende die Wohlthat, ohne sie durch Mäcklerkünste zu entwerthen, und du wirst sehen, daß Gott sie dir reichlich erstatten wird.
§ 3
Befremdet dich aber die auffallende Rede, so steht mir ein Zeugniß zu Gebote, daß Denen, die gottesfürchtiger Weise Aufwand machen und Wohlthaten spenden, Gott es vielfach wieder erstattet. Als nämlich Petrus ihn fragte und sprach: „Sieh, wir haben Alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Was wird uns also zu Theil werden?“ sagte er: „Wahrlich, ich sage euch, Jeder, der Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Weib oder Kinder oder Äcker verläßt, wird es hundertfach erhalten und das ewige Leben erben.“ Siehst du die Freigebigkeit? Siehst du die Güte? Der gar schamlose Geldausleiher bemüht sich, das Kapital zu verdoppeln, Gott aber gibt aus eigenem Entschluß Dem, der seinen Bruder nicht drückt, das Hundertfache. Folge also dem Rathe Gottes, und du wirst Zinsen ohne Sünde empfangen. Warum doch quälst du dich mit Sorgen und sündigst, während du die Tage zählst, die Monate aufzeichnest, an das Kapital denkst, von der Zunahme träumst, den Termin mit Furcht erwartest, er möchte dir keinen Gewinn eintragen wie ein Schauerjahr. Es kümmert sich der Geldausleiher um Das, was der Schuldner treibt, um seine Reisen, seine Bewegungen, die Veränderungen seines Aufenthalts, seine 235 Handelsgeschäfte, und wenn ihm irgend ein schlimmes Gerücht zu Ohren kommt, daß irgend Einer unter Räuber gefallen ist oder daß durch irgend einen Zufall seine Wohlhabenheit sich in Armuth umgewandelt hat, so sitzt er mit verschlungenen Händen da, seufzt unaufhörlich und vergießt viele Thränen, er entrollt die Handschrift, beweint in der Schrift das Gold, zieht den Kontrakt an sich wie das Kleid eines gestorbenen Sohnes. Mit diesem regt er das Leiden noch heftiger auf. Ist aber das Geld auf Schiffe ausgeliehen, so sitzt er an den Küsten, ist sorgenerfüllt wegen der Bewegungen der Winde, fragt beständig die Landenden, ob man nirgends von einem Schiffbruche vernommen habe, ob Niemand auf der See in Gefahr gerathen. Seine Seele verhärtet durch die Nachwirkungen der täglichen Sorge. So einem Menschen muß man nun sagen: Laß ab, o Mensch, von der gefährlichen Sorge, gib auf die verzehrende Hoffnung, damit du nicht, indem du dir Zinsen zu verschaffen suchst, das Kapital verlierst. Bei einem Armen suchst du Zinsen und Mehrung des Reichthums, und machst es ungefähr so, wie wenn Einer von einem Lande, das von der heissesten Dürre ausgetrocknet ist, einen großen Haufen Getreide gewinnen wollte, oder eine Menge Trauben von einem Weinstock nach einem Hagelwetter, oder die Geburt von Kindern aus einem unfruchtbaren Leibe, oder nährende Milch von Frauen, die nicht geboren haben. Niemand unternimmt etwas Naturwidriges und Unmögliches, denn ausserdem, daß er Nichts zuwege bringt, erntet er auch noch Spott. Der allmächtige Gott allein ist es, der aus verzweiflungsvollen Lagen Auswege findet und das Unverhoffte und Unerwartete ausführt, indem er jetzt aus einem Felsen eine Quelle fließen, dann wieder am Himmel ein ungewöhnliches ausserordentliches Brod regnen läßt, ferner das bittere Mara durch die Berührung des Holzes süß macht, den Leib der unfruchtbaren Elisabeth fruchtbar macht, der Anna den Samuel 236 schenkt und der Maria den Erstgebornen in der Jungfrauschaft. Diese Thaten kann nur die allmächtige Hand verrichten.
Du nun suche keine Frucht von Erz und Gold, Stoffen, die nicht gebären, und zwinge nicht die Armuth, zu thun, was den Reichen zukommt, und nicht Den, der um das Kapital bittet, dein Geld zu vermehren. Oder weißt du etwa nicht, daß die Bewerbung um ein Anlehen eine verschämte Bitte um Barmherzigkeit ist. Deßwegen untersagt auch das Gesetz, die in die Frömmigkeit einleitende Schrift, überall die Zinsen. Wenn du deinem Bruder Geld leihest, so wirst du ihn nicht bedrücken. Die Gnade, die von der Quelle der Güte überströmt, schreibt die Nachlassung der Schulden vor, wo sie sich milde zeigt und sagt: „Und wenn ihr Denen leihet, von welchen ihr es wieder zu erhalten hoffet,“ und anderswo, wo sie über den unbarmherzigen Knecht eine schwere Strafe verhängt, der von seinem Mitknechte, der ihm zu Füßen fiel, sich nicht erweichen ließ und ihm die geringe Schuld von hundert Zehnern nicht nachließ, da ihm doch zehntausend Talente waren nachgelassen worden. Unser Heiland und Lehrer in der Frömmigkeit aber, der seine Jünger eine einfache Gebetsformel lehrte, hat unter Anderm unter den Worten des Gebetes als Etwas, was Gott vorzugsweise zur Erhörung bewegen müsse und vor Allem ihn dazu vermöge, auch Folgendes angebracht: „Und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ Wie wirst du nun beten, Zinsenhascher! Mit welchem Bewußtsein wirst du Gott um eine gute Gabe anflehen, der du Alles empfängst und Nichts zu geben weißt? Oder merkst du nicht, daß dein Gebet eine Erinnerung an deinen Menschenhaß ist? Was 237 hast du verziehen, daß du um Verzeihung bittest? Gegen wen hast du Barmherzigkeit geübt, daß du den Barmherzigen anrufest? Oder wenn du auch Almosen gibst von deinen unmenschlichen Erpressungen, ist das in Folge fremden Unglücks nicht voll Thränen und Seufzern? Wüßte der Arme, aus welcher Quelle du ihm das Almosen spendest, er würde es nicht annehmen, weil er glauben würde, das Fleisch seiner Kameraden und das Blut seiner Kameraden zu genießen. Er würde an dich Worte voll weiser Freimüthigkeit richten: Nähre mich nicht, o Mensch, von den Thränen meiner Mitbrüder. Gib einem Armen nicht Brod, das von den Seufzern der Bettler kommt. Ersetze deinem Stammgenossen, was du von ihm ungerecht erpreßt hast, und ich werde dir dankbar sein. Welchen Nutzen gewährst du, wenn du Viele arm machst, einen Einzigen tröstest? Gäbe es nicht viele Wucherer, so gäbe es nicht viele Arme. Hebe deine Zunft auf und wir werden alle zur Genüge haben. Alle erheben Klage gegen die Wucherer und es gibt keine Heilung des Leidens, Gesetz, Propheten, Evangelisten. So spricht z. B. der göttliche Amos: „Höret, die ihr in der Frühe den Armen quälet und die Bettler auf der Erde drücket, die ihr saget: Wann wird der Monat zu Ende gehen und wir werden einkaufen?“ Denn nicht haben die Väter eine solche Freude über die Geburt der Kinder, als sich die Wucherer freuen am Ende der Monate.
Sie geben der Sünde schöne Namen und nennen den Gewinn eine menschenfreundliche Handlung, wobei sie dem Beispiel der Hellenen folgen, die gewisse menschenfeindliche mordgierige Göttinnen statt mit dem wahren Namen Eumeniden nennen. Ja wohl, menschenfreundlich ist der Gewinn! Vernichtet denn die Zahlung der Zinsen nicht Häuser, zehrt den Reichthum auf und bewirkt, daß die angesehenen Leute 238 schlechter als die Sklaven leben, indem das Entlehnte auf kurze Zeit im Anfang sie ergötzt und das spätere Leben ihnen verbittert? Wie sich nämlich die Vögel freuen, denen die Vogelsteller nachstellen, wenn ihnen Samenkörner ausgestreut werden, und wie sie an jenen Plätzen gerne und gewöhnlich sich aufhalten, an denen sie reichliche Nahrung bekommen, bald nachher aber in den Netzen gefangen werden und umkommen, ebenso verlieren Die, welche Geld auf Zinsen nehmen, nachdem sie kurze Zeit sich wohl befunden haben, später sogar ihren väterlichen Herd. Barmherzigkeit aber ist aus den gottlosen und habsüchtigen Seelen verbannt, und wenn sie selbst das Haus des Schuldners zum Kaufe ausgeboten sehen, lassen sie sich nicht erweichen, sondern suchen vielmehr den Verkauf zu beschleunigen, damit sie das Geld eher bekommen und einen andern Unglücklichen in die Fesseln des geliehenen Kapitals schlagen, gleichwie die eifrigen und unersättlichen Jäger, wenn sie ein Thal mit ihren Netzen umringt und alle Thiere in demselben gefangen haben, ihre Stangen wieder in der benachbarten Vertiefung aufstellen, und nach dieser wieder in einer andern, und zwar so lange, bis sie das Gebirge vom Wilde leer gemacht haben. Mit welchen Augen schaust du bei einem solchen Verhalten zum Himmel? Wie kannst du um Vergebung der Sünde beten? Oder sprichst du etwa aus Gedankenlosigkeit auch jene Bitte aus, die uns der Heiland gelehrt hat: Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern? Wie Viele haben sich wegen der Zinsen erhängt und sich in die Flüsse gestürzt und haben den Tod für leichter erachtet als den Wucherer, und haben Kinder als Waisen hinterlassen, welche die Armuth als böse Stiefmutter hatten? Aber die trefflichen Zinsenhascher schonen nicht einmal das verödete Haus und schleppen die Erben fort, die vielleicht einen Strick zum Hängen geerbt haben, und fordern Geld von Denen, die ihr Brod durch milde Beiträge finden. Werden aber, wie es natürlich ist, wegen des Todes des Schuldners ihnen Vorwürfe gemacht, und redet Jemand zu ihrer Beschämung 239 vom Strick, so schlagen sie wegen des Vorfalles die Augen nicht nieder, noch lassen sie sich erschüttern, sondern harten Sinnes führen sie unverschämte Reden: Ist Das wohl unserem Verhalten aufzubürden, wenn dieser Unglückliche und Unverständige, der unter einer unglücklichen Constellation geboren war, durch das unvermeidliche Verhängniß in den gewaltsamen Tod getrieben wurde? Denn die Zinsenhascher sind auch Philosophen und machen sich zu Jüngern der ägyptischen Sterndeuter, wenn sie wegen ihrer fluchwürdigen Handlungen und Mordthaten sich vertheidigen sollen.
§ 4
Man muß nun zu so einem Menschen sagen: Du bist die unglückliche Constellation, du das unglückliche Verhängniß in den Sternen. Denn hättest du ihm die Sorge erleichtert und auf einen Theil vom Ganzen verzichtet und einen Theil mit Nachlaß dir auszahlen lassen, so wäre er nicht des mühseligen Lebens überdrüssig und nicht sein eigener Henker geworden. Mit welchen Augen wirst du nun zur Zeit der Auferstehung auf den Gemordeten schauen? Denn beide werdet ihr vor dem Richterstuhl Christi erscheinen, wo nicht Zinsen berechnet werden, sondern das Leben gerichtet wird. Was wirst du sagen, wenn du vor dem unbestechlichen Richter angeklagt wirst, wenn dir gesagt werden wird: Du hattest das Gesetz, die Propheten, die Lehren des Evangeliums. Du hörtest Alle dich zugleich mit einer Stimme auffordern zur Liebe, zur Menschlichkeit, wie die Einen sagten: „Du wirst von deinem Bruder keine Zinsen verlangen,“ die Andern: „Du wirst ihn nicht drücken.“ Matthäus aber erhebt laut seine Stimme in einer Parabel, indem er die Worte des Herrn meldet: „Du böser Knecht, jene ganze Schuld habe ich dir nachgelassen, weil du mich gebeten hast. Hättest nicht auch du deines Mitknechtes dich erbarmen sollen, wie ich mich deiner erbarmt habe? Und der Herr in seinem Zorne übergab ihn den Peinigern, bis 240 er die ganze Schuld ihm bezahlt hätte.“ Da wird dich vergebliche Reue erfassen und schwere Seufzer wirst du ausstoßen und unvermeidliche Strafe wird dich treffen. In keiner Weise aber hilft dir das Gold, noch schützt dich das Silber. Bitterer als Galle ist dir die Zahlung der Zinsen. Das sind nicht Worte, die bloß in Schrecken setzen sollen, sondern wirkliche Thatsachen, die von dem Gerichte Zeugniß geben, bevor es eintritt. Davor auf seiner Hut zu sein, geziemt dem Weisen, der für die Zukunft sorgt.
§ 5
Damit ich aber, bevor das Gericht Gottes eintritt, auch durch die Erzählung einer Thatsache, die in unseren Zeiten in dem Hause eines Wucherers vorgefallen ist, meinen Zuhörern einigen Nutzen verschaffe, so gebt acht auf meine Worte. Vielleicht werdet ihr größtentheils die Sache als Etwas erkennen, was euch nicht neu ist. Es war ein Mann in dieser Stadt, dessen Namen ich nicht nennen will, weil ich mich scheue, ihn nach seinem Tode mit Namen auf die Bühne zu bringen. Sein Gewerbe bestand im Geldausleihen und im Einnehmen der fluchbeladenen Zinsen. Beherrscht von der Leidenschaft der Habsucht war er auch im eigenen Aufwande karg, wie es eben die Habsüchtigen sind. Er hielt weder einen hinlänglichen Tisch noch wechselte er regelmäßig oder nach Bedürfniß seinen Anzug. Nicht gewährte er seinen Kindern das Nöthige zum Leben, nicht leicht gebrauchte er ein Bad, weil er die Ausgabe von drei Obolen scheute; er war in jeder Weise darauf bedacht, wie er die Summe seines Geldes mehren könnte. Niemand hielt er für einen vertrauenswürdigen Wächter seiner Geldkasse, kein Kind, keinen Sklaven, keinen Bankier, keinen Schlüssel, kein Siegel, sondern er steckte das Geld in die Höhlungen der Wände, die er von aussen wieder mit Lehm überstrich. So hielt er den Schatz vor Allen verborgen, indem er Orte mit Orten vertauschte und Wände mit Wänden. Und indem er erfindungsreich Mittel aussann, ihn vor Allen zu verbergen, schied er plötzlich 241 aus dem Leben, ohne Jemand im Hause mitzutheilen, wo er das Gold eingescharrt habe. Auch er wurde nun eingescharrt und hatte keinen andern Gewinn, als verborgen zu werden. Seine Kinder aber, die gehofft hatten, sie würden alle in der Stadt durch ihren Reichthum überragen, forschten überall nach, fragten sich gegenseitig, gingen die Diener um Auskunft an, gruben die Fußböden im Hause auf, durchsuchten die Wände, sahen sich viel um in den Häusern der Nachbarn und Bekannten, setzten, wie man zu sagen pflegt, alle Hebel in Bewegung und fanden keinen Obolus. Jetzt leben sie ohne Haus, ohne Herd, arm, und häufen täglich Flüche auf die Thorheit des Vaters. Euer Freund und Gefährte also, o Wucherer, war so beschaffen. Er nahm ein seiner Sitten würdiges Lebensende, ein jämmerlicher Geldmäkler, der von Schmerz und Hunger gequält war. Sich selbst sammelte er als Erbschaft die ewige Strafe, seinen Kindern die Armuth. Ihr wißt aber nicht, für wen ihr sammelt oder euch abmühet. Die zahlreichen Gefahren, die unzähligen Verläumder, Auflauerer und Räuber belästigen Erde und Meer. Seht zu, daß nicht euer Gewinn die Sünden sind und ihr des Goldes doch nicht habhaft werdet.
Der aber, sagt man, thut uns zu wehe, ― ich errathe nämlich, was ihr unter den Zähnen murmelt, da ich euch ja oft von der Kanzel aus zu stärken suche, ― denn er geht auf den Nachtheil Derjenigen aus, die Wohlthaten empfangen und derselben bedürfen. Denn sieh, wir werden kein Kapital mehr aus den Händen lassen. Wie werden dann die Bedrängten sich durchschlagen? Würdig der Thaten sind die Worte, es ziemt der Einwurf Denen, die von der Finsterniß des Geldes umdunkelt sind. Denn es fehlt ihnen an scharfem geistigem Urtheil, um unsere Worte zu verstehen. Gerade im gegentheiligen Sinne fassen sie den Rath unserer Mahnrede auf. Denn wie wenn ich sagte, man solle kein Geld ausleihen, drohen sie den Bedürftigen, ihnen die Thüre zu verschließen. Ich predige und ermahne 242 zuerst, daß man schenken solle; dann aber fordere ich auf, zu leihen, ― denn eine zweite Gattung des Geschenkes ist das Leihen, ― Dieß aber nicht gegen Zinsen und Gewinn zu thun, sondern wie es uns das göttliche Wort befohlen hat. Denn in gleicher Weise ist strafbar, wer kein Geld leiht und wer es gegen Zinsen leiht, weil der Eine wegen der Lieblosigkeit, der Andere wegen des Krämersinns verurtheilt ist. Diese aber gehen zum entgegengesetzten Extrem über und erklären, ganz und gar Nichts geben zu wollen. Das ist aber ein schamloses Sträuben, ein wahnsinniges Gezänke gegen die Gerechtigkeit, Streit und Krieg mit Gott. Denn er sagt: Entweder werde ich nicht geben, oder wenn ich Geld leihe, so werde ich einen Zinsenkontrakt schließen.
Die Zinsenhascher habe ich nun in meiner Rede hinlänglich bekämpft, und in genügender Weise haben wir wie vor einem Gerichtshofe die Anklage ausgeführt. Möge Gott ihnen die Gnade der Reue über das Laster verleihen; an Die aber, welche leichtsinnig entlehnen und von den Angelhacken der Sünde sich waghalsig durchbohren lassen, werde ich mich in meiner Rede nicht wenden, in der Voraussetzung, daß ihnen der Rath genüge, den unser Vater, der göttliche Basilius, in seiner Schrift weise durchgeführt hat, in welcher er sich mehr an Die wendete, die unbesonnen Geld entlehnen, als an Die, welche es aus Gewinnsucht ausleihen.Rede über die Worte: „Der Unzüchtige sündigt gegen seinen eigenen Leib.“