Gott wird Licht genannt; denn Finsternis macht sich in ihm in keiner Weise bemerkbar. Wenn der Apostel sagt, daß im Lichte Gottes keine Finsternis gefunden wird, so zeigt er damit, daß aller anderen Licht in gewissem Sinne durch Unreinigkeit verdunkelt wird. Schließlich werden die Apostel Licht der Welt genannt. Aber wir lesen nirgends, daß im Lichte der Apostel sich keine Finsternis vorfindet. Über Johannes steht geschrieben: „Dieser kam zum Zeugnisse, um Zeugnis abzulegen vom Lichte, damit alle durch ihn zum Glauben kämen. Er war nicht das Licht, er sollte nur Zeugnis ablegen vom Lichte. Das Wort war das wahre Licht, welches jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt“. Darum findet sich auch von Gott geschrieben: „Er allein besitzt Unsterblichkeit und wohnt in unnahbarem Lichte“, obwohl wir mit aller Bestimmtheit lesen, daß die Engel, Thronen, Herrschaften und auch die übrigen Mächte unsterblich sind. Und doch ist Gott allein unsterblich, weil er nicht aus Gnade wie die übrigen Wesen, sondern von Natur unsterblich ist. Aus dem gleichen Grunde schreibt 417 derselbe Apostel, daß Gott allein weise sei, obgleich auch Salomon und viele andere Heilige weise genannt werden. Selbst an den Beherrscher von Tyrus ergeht nach dem hebräischen Texte das Wort: „Bist du weiser als Daniel?“ Wie Gott also allein Licht, allein unsterblich und allein weise genannt wird, obwohl viele unsterblich, Licht und weise sind, so beweist die menschliche Vollkommenheit, weil sie nicht aus der Natur, sondern aus der Gnade hervorgeht, daß diejenigen, die vollkommen zu sein scheinen, tatsächlich unvollkommen sind. Das Schriftwort: „Das Blut seines Sohnes Jesus reinigt uns von jeglicher Sünde“ gilt zwar sowohl vom Taufbekenntnis als auch von der Milde des Bußgerichtes. Aber es ist ein anderes, ob man von Gott gereinigt wird, oder ob man aus sich selbst sündlos ist. Denn wenn nach Job vor dem Angesichte Gottes der Mond nicht hell scheint und die Sterne nicht rein sind, um wieviel mehr trifft dies auf den Menschen zu, der Moder, und auf des Menschen Sohn, der ein Wurm ist. „Denn jeder Mund verstummt“, und schuldig ist jeder Gerechte vor Gott, „weil aus den Werken des Gesetzes kein Mensch vor ihm gerechtfertigt werden wird“. Da gibt es keine Verschiedenheiten der Personen. Denn alle haben gesündigt und ermangeln der Herrlichkeit Gottes. Sie sind ohne Verdienst gerechtfertigt worden durch seine Gnade. Wenn der Apostel aber schreibt: „Wir nehmen an, daß der Mensch durch den Glauben ohne die Werke des Gesetzes gerechtfertigt wird, da es nur einen Gott gibt, der die Beschnittenen aus dem Gesetze und die Unbeschnittenen aus dem Glauben rechtfertigt“, dann läßt er deutlich durchblicken, daß die Gerechtigkeit 418 desjenigen, der ohne Gesetzeswerke den Glauben der Gläubigen annimmt, nicht in menschlichem Verdienst, sondern in der Gnade Gottes wurzelt. Darum heißt es bald darauf: „Die Sünde wird über euch keine Gewalt haben“. Warum? „Weil ihr nicht unter dem Gesetze, sondern unter der Gnade steht“. „Denn es ist nicht Sache des Wollenden oder des Laufenden, sondern des erbarmenden Gottes“. „Daher haben auch die Heiden, welche nicht nach Gerechtigkeit strebten, Gerechtigkeit erlangt, jedoch die Gerechtigkeit, die aus dem Glauben ist. Israel ist aber trotz seines Strebens nach dem Gesetze der Gerechtigkeit nicht zum Gesetze der Gerechtigkeit gelangt, weil sein Streben nicht auf dem Glauben, sondern auf den Werken fußte. Denn sie stießen sich an dem Steine des Anstoßes“. „Das Endziel des Gesetzes ist nämlich Christus, der jeden, der glaubt, zur Gerechtigkeit führen wird“.