Das hat zuerst Moses geweissagt. Er sagte auf hebräisch: Baresith bara Elowim basan benuam samenthares, was in der Sprache des Übersetzers heißt: „Im 614 Anfang der Sohn, dann schuf Gott den Himmel und die Erde“. Mit diesem Zeugnis stimmt der Prophet Jeremias zusammen. Er sagt: „Vor dem Morgenstern habe ich dich geboren und vor der Sonne ist dein Name“, Und das heißt soviel als vor der Schöpfung der Welt. Denn zugleich mit der Welt wurden auch die Gestirne. Wiederum sagt er: „Glückselig der, welcher war, bevor durch ihn der Mensch wurde.“ Denn vor der Schöpfung der Welt war für Gott als Anfang der Sohn, für uns aber ist er jetzt, wo er erschienen ist. Zuvor war er für uns nicht. Wir kannten ihn nicht. Deshalb konnte sein Jünger Johannes, um uns von der Vorweltlichkeit 615 dessen, der Gottes Sohn und beim Vater war, und von seiner schöpferischen Tätigkeit in Hinsicht auf alles Geschaffene zu belehren, sagen: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. Dieses war im Anfang bei Gott; alles ist durch ihn geworden und ohne ihn ist nichts geworden.“ Damit zeigte er ganz sicher, daß der, so im Anfang als Wort beim Vater war, und durch den alles geworden ist, der Sohn desselben ist.
§ 44
Und wie der Sohn Gottes mit Abraham in eine Unterredung eintrat, sagt Moses wiederum: „Und es erschien ihm Gott bei der Terebinthe Mamres am Mittag; als er die Augen erhob und sah, siehe, da traten drei Männer vor ihn, und er neigte sich zur Erde und sprach: Herr, habe ich wirklich Gnade gefunden vor Dir“. Und alles Weitere sprach er mit dem Herrn und der Herr mit ihm. Zwei von den dreien nun waren Engel, der eine aber war der Sohn Gottes, mit dem eben Abraham sprach und bei dem er Fürsprache einlegte für die Bewohner von Sodoma, daß sie nicht zugrunde gingen, wenn nur zehn Gerechte wenigstens sich fänden. Während diese miteinander redeten, gingen die Engel nach Sodoma, und Loth nahm sie auf. Hierauf sagt die Schrift: „Der Herr ließ über Sodoma und Gomorrha Schwefel und Feuer regnen vom Herrn vom Himmel“. Gemeint ist der Sohn, der mit Abraham redete. Als Herr empfing er die Gewalt zur Bestrafung der Sodomiter vom Herrn vom Himmel, von dem Vater, der über alles herrscht. Hiermit ward Abraham ein Prophet und sah das Zukünftige, welches geschehen sollte, in menschlicher Gestalt den Sohn Gottes, denn dieser sollte mit den Menschen reden, mit ihnen Nahrung genießen und hernach von dem Vater aus, der über alle herrscht, das Gericht über sie abhalten, wie er von ihm die Gewalt zur Bestrafung der Sodomiter erhalten hatte.
§ 45
Als Jakob nach Mesopotamien zog, schaute er ihn im Traumgesicht, wie er oben auf der Leiter stand, d. h. auf dem Holze [Kreuz], welches von der Erde bis 616 zum Himmel reichend aufgerichtet war. Denn auf derselben steigen die, welche an ihn glauben, zum Himmel hinauf. Seine Leiden sind die Kräfte, die uns dort hinaufführen. Und alle diese Gesichte deuten an, wie der Sohn Gottes mit den Menschen spricht und unter ihnen weilt. Denn nicht hat ehedem der Vater von allem, der von dieser Welt nicht gesehen wird, und der Schöpfer von allem, der da spricht: „Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße, wie wollt ihr mir ein Haus bauen, oder wo wäre der Ort meiner Ruhe“, er, „der die Erde faßt mit seiner Faust und den Himmel ausspannt mit seiner Hand“ — nicht er hat, in kleinem Raum vorübergehend weilend, mit Abraham gesprochen, sondern das Wort Gottes, das immer mit der Menschheit war und das Zukünftige, welches kommen sollte, zum voraus enthüllte und die Menschen über Gott belehrte.
§ 46
Im Dornbusch sprach er aber mit Moses und sagte: „Ich habe die Leiden meines Volkes, das in Ägypten ist, achtsam gesehen und bin herabgestiegen, sie zu retten“. Er kam und stieg herab zur Befreiung der Bedrängten und entriß uns aus der Gewalt der Ägypter, d. h. aus allem Götzendienst und aller Gottlosigkeit. Er errettete uns aus dem Roten Meere, d. h. aus dem todbringenden Wirrsal der Heiden; er befreite uns aus der verderblichen Verführung ihrer Lästerung. Denn was zuvor an ihnen geübt wurde, war unsere Vorbereitung durch das Wort Gottes. Damals zeigte er im Vorbild zum voraus das Zukünftige, jetzt aber entreißt er uns in Wahrheit der drückenden Knechtschaft der Heiden. Einen Wasserstrom ließ er in der Wüste reichlich aus dem Felsen erquellen und der Fels war er. Und zwölf Quellen hat er erschlossen, nämlich die Lehre der zwölf Apostel. Die widerspenstigen Kleingläubigen ließ er in der Wüste aussterben und untergehen; aber diejenigen, die an ihn glaubten und an Bosheit den Kindern gleich geworden waren, diese führte er 617 ein in das Erbe der Väter. Und nicht Moses, sondern Jesus verteilte das Ererbte in Losen, er auch befreite uns von Amalek durch die Ausspannung seiner Hände, er führt uns hinauf in das Reich des Vaters.
§ 47
Also ist Herr der Vater und Herr der Sohn, und Gott der Vater und Gott der Sohn; denn wer von Gott erzeugt ist, ist Gott. Und in dieser Weise wird nach Dasein und Kraft seines Wesens ein Gott erwiesen, nach dem Vorgange und der Vollführung unserer Erlösung aber Sohn und Vater. Denn da der Vater für alles Gewordene unsichtbar und unnahbar ist, so bedurfte es für diejenigen, welche [künftig] zu Gott gelangen sollten, der Hinführung zur Unterwerfung vor dem Vater durch den Sohn. Deutlich spricht in hellerem Glanze auch David so von Vater und Sohn: „Dein Thron, o Gott, ist und bleibt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Du liebst die Gerechtigkeit und hassest das Unrecht. Deshalb hat dich Gott gesalbt mit dem Öle der Freude mehr als deine Genossen“. Denn weil der Sohn Gott ist, empfängt er vom Vater den Thron des ewigen Reiches und das Salböl mehr als seine Genossen. Das Öl der Salbung aber ist der Geist. Mit ihm ist er gesalbt. Seine Genossen aber sind die Propheten, die Gerechten, die Apostel und alle, welche teilnehmen an seinem Reiche, d. h. seine Jünger.
§ 48
Und wiederum sagt David: „Es sprach der Herr zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße lege. Das Szepter deiner Macht wird der Herr aussenden aus Sion; herrsche inmitten deiner Feinde. Mit dir im Anbeginn, am Tage deiner Kraft im Lichte der Heiligen, aus dem Leibe, vor dem Morgenstern habe ich dich gezeugt. 618 Der Herr hat geschworen und es wird ihn nicht reuen, du bist Priester für Ewigkeit nach der Ordnung des Melchisedech. Und der Herr ist zu deiner Rechten. Er zerschmetterte am Tage seines Zornes Könige, er wird richten unter den Heiden, voll machen das Zerstörte, er wird zerschmettern die Häupter vieler auf der Erde. Vom Bache am Wege wird er trinken, deshalb wird er erheben das Haupt“. Hiermit hat er ihn also als denjenigen geoffenbart, welcher als der allererste erzeugt wurde und über die Heiden herrscht, und der die ganze Menschheit, selbst die Könige, die jetzt ihn hassen und seinen Namen verfolgen — denn diese sind seine Feinde —, richten werde. Indem er ihn Priester Gottes für ewig nannte, hat er seine Unsterblichkeit verkündet. Deshalb fügt er das Wort bei: „Vom Bache wird er trinken am Wege, deswegen wird er erheben das Haupt.“ Er tut damit die über das Menschliche an ihm und seine Niedrigkeit und Unscheinbarkeit hinausragende Erhebung voll Ruhm kund.
§ 49
Der Prophet Isaias sodann tut den Ausspruch: „So spricht Gott der Herr zum Herrn, meinem Gesalbten, dessen Rechte ich ergriffen habe, daß die Heiden von ihm gehorsam seien“. Fragt jemand: Wie aber wird denn Christus Sohn Gottes und König der Heiden, was soviel ist als: aller Menschen, genannt, so gibt darüber, daß er sowohl Sohn Gottes als auch König aller genannt wird und ist, David, wie folgt, Aufschluß: «Der Herr sprach zu mir: Mein Sohn bist du, ich habe dich allein gezeugt. Fordere von mir und ich will dir die Heiden zu deinem Erbe geben und zum 619 Eigentum den Umkreis der Erde“. Solche Worte wurden nicht zu David gesprochen, denn er herrschte nicht über die Heiden und nicht über den Umkreis der Erde, sondern allein über die Juden, So ist es klar, daß die Verheißung an den Gesalbten, daß er über den Erdkreis gebieten werde, dem Sohne Gottes gilt. Ihn also bekennt David klar als Sohn Gottes, indem er sagt: „Es spricht der Herr zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten“ und im darauffolgenden, wie wir es oben angeführt haben. Denn er läßt den Vater mit dem Sohne sprechen, wie wir wenig früher bei Isaias gesagt haben, der sich also äußert: „Gott spricht zum Herrn, meinem Gesalbten, daß die Heiden ihm gehorsam seien.“ Denn es ist bei beiden Propheten dieselbe Verheißung, daß er werde König sein. Also ist das Wort Gottes an einen und denselben gerichtet, d. h., so sage ich, an Christus, den Sohn Gottes. Wenn David sagt: der Herr sprach zu mir, so ist es nötig zu bemerken, daß es nicht David ist, der spricht, und nicht einer von den andern Propheten selbst für seine eigene Person, denn nicht Menschen sind es, welche die Weissagungen tun, sondern der Geist Gottes. Er nimmt Form und Gestalt an, ähnlich den in Rede stehenden [vorliegenden] Personen und spricht in den Propheten bisweilen vom Standpunkt Christi, bisweilen vom Standpunkt des Vaters.
§ 50
Demgemäß sagt Christus ganz passend durch David, daß der Vater selbst mit ihm spricht, und sehr angemessen spricht er auch das andere selbst über sich durch die Propheten, wie in andern Fällen so auch in folgender Stelle des Isaias: „Und nun spricht der Herr, der mich geschaffen vom Mutterleibe an, zu seinem Knechte, Jakob zu sammeln und Israel zu ihm zusammenzuführen, und daß ich verherrlicht werde vor dem Herrn und mein Gott meine Kraft sei. Und er sprach: Als etwas Großes soll es dir gelten, mein Knecht zu heißen und das Volk Jakobs wieder aufzurichten und zu kräftigen und die Zerstreuten Israels zurückzuführen. 620 Ich habe dich bestellt zum Licht der Heiden, und das Heil zu sein bis ans Ende der Erde“.
§ 51
Hiebei ist als das Allererste hervorzuheben, daß daraus, daß der Vater mit dem Sohne Gottes spricht, und ihn, bevor er geboren wurde, den Menschen geoffenbart hat, seine Präexistenz sich ergibt; dann aber, daß er zur Geburt bestimmt, in angemessener und geziemender Weise unter den Menschen Mensch wurde. Und daß ihn Gott vom Mutterleibe an selbst bildete, das will bedeuten, daß er vom Geiste Gottes geboren werden sollte und daß er der Herr und Erlöser aller Menschen ist, die an ihn glauben werden, der Juden und der übrigen. Denn das Volk der Juden wird in hebräischer Sprache vom Vater Jakob, der zuerst auch Israel genannt wurde, Israel geheißen, Heiden aber nennt [die Schrift] alle [übrigen] Menschen. Als Knecht des Vaters aber bezeichnet sich der Sohn Gottes selbst wegen seines Gehorsams gegen den Vater, denn jeder Sohn ist Knecht seines Vaters, auch bei den Menschen.