§ 85
Auferstanden und erhöht verharrt er zur Rechten des Vaters bis zur vom Vater festgesetzen Stunde des Gerichts über alle seine Feinde nach ihrer Unterwerfung. Die Zahl seiner Feinde in ihrer Gesamtheit besteht aus den abgefallenen Engeln, Erzengeln, Mächten und Thronen, welche die Wahrheit mißachten. Der Prophet David wieder sagt darüber das folgende Wort: „Es sprach der Herr zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde unter deine Füße lege“. Auch das erklärt David, daß er dorthin 640erhoben wurde, von wo er herabgestiegen war; „Von den Höhen, vom Himmel ist sein Ausgang, und der Ort seiner Ruhe erstreckt sich bis zu den Höhen des Himmels“. Sein Gericht aber deutet er mit den Worten an: „Keiner ist, der sich verbergen konnte von seiner [Rache] Glut.“
§ 86
Wenn die Propheten also voraussagten, daß der Sohn Gottes auf Erden erscheinen werde, wenn sie vor aussagten, wo auf Erden, wie und in welcher Weise er sein Erscheinen offenbart, und wenn der Herr all den vorausgesagten Verhältnissen sich unterzog, so war unser Glaube an ihn festbegründet und die Überlieferung der Predigt wahrhaft, d. h. wahrhaft ist das Zeugnis der Apostel, welche ausgesandt vom Herrn in der ganzen Welt die Predigt von der Hingabe des Gottessohnes in das Leiden, in seine Vernichtung im Tode und zur Wiederbelebung seines Leibes haben erschallen lassen. So sollten wir zum Frieden mit Gott gelangen, indem wir das ihm Gefällige tun, nachdem die Feindschaft gegen Gott, welche die Ungerechtigkeit ist, aufgehoben ist. Und das wurde durch die Propheten geoffenbart mit den Worten: „Wie schön sind die Füße derer, die den Frieden verkünden, und die verkünden das Gute“. Daß diese aus dem Judenland und aus Jerusalem ausgehen und uns das Wort Gottes, welches auch uns Gesetz ist, verkünden sollten, erklärt des Isaias Ausspruch: „Denn aus Sion wird ausgehen das Gesetz und das Wort des Herrn von Jerusalem“. Und David lehrt die Ausbreitung dieser vorausbestimmten Predigt: “In alle Lande ist ausgegangen ihr Schall und in den Umkreis der ganzen Welt ihre Worte“.
§ 87
Und daß die Menschen nicht nach den vielen Verordnungen des Gesetzes, sondern gemäß der Einfalt des Glaubens und der Liebe zum Heil gelangen sollten, spricht Isaias so aus: „Ein kurzes Wort wird 641 der Herr vollführen auf der ganzen Erde“. Deswegen sagt der Apostel Paulus: „Die Erfüllung des Gesetzes ist die Liebe“, denn derjenige, welcher Gott liebt, hat auch das Gesetz erfüllt. Ja als der Herr gefragt worden war, welches das erste Gebot sei, hat auch er gesagt: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus ganzem Herzen und aus allen Kräften; und das zweite ist diesem gleich, du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten“, sagt er, „hängt das ganze Gesetz und die Propheten“. Er hat nun durch den Glauben an ihn die Liebe zu Gott und zum Nächsten großgezogen, indem er uns fromm, gerecht und gut macht, und in diesem Sinn hat er ein kurzes Wort auf der ganzen Erde durchgeführt.
§ 88
Die auf die Zeit nach der Himmelfahrt bestimmte Erhöhung über alles und die vollkommene Unvergleichlichkeit des Herrn hat auch Isaias’ Wort angekündigt: „Wer ist es, der richtet? Er trete hervor! Wer ist es, der gerechtfertigt wird? Er nahe sich dem Sohne Gottes. Wehe euch, denn wie ein Gewand altert ihr alle, und die Motte wird euch verzehren. Alles Fleisch wird gedemütigt und erniedrigt werden, und der Herr allein wird erhaben sein unter den Erhöhten“. Die Rettung derer, die Gott dienen, durch seinen Namen am Ende der Zeiten, verkündigt dann Isaias durch den Ausspruch: „Ein neuer Name wird denen gegeben werden, die mir dienen, gesegnet wird er sein auf Erden, und sie werden den wahren Gott preisen“. Und daß er selbst in eigener Person diesen Segen bewirken und uns mit seinem Blut selbst erlösen werde, weissagte Isaias in der Stelle: „Nicht ein Fürsprecher, nicht ein Engel, sondern der Herr selbst hat sie gerettet gemäß seiner Liebe und nach seiner Barmherzigkeit gegen sie. Er selbst hat sie erlöst“.
§ 89
642Die Erlösten will er nicht mehr dem Gesetze des Moses unterstellen, denn das Gesetz ist von Christus erfüllt worden, sondern durch den Glauben an den Sohn Gottes und die Liebe zu ihm sollen sie leben in neuer Ordnung durch das Wort. Das verkündigte Isaias mit dem Satze: „Gedenket nicht an das Frühere und heftet das Herz nicht an das, was im Anfang war. Wahrlich, ich schaffe ein Neues. Heute wird es erstehen und ihr werdet es erkennen. Ich will die Wüste zum Weg machen und in wasserlosem Gebiet Ströme, um mein auserwähltes Volk zu tränken und meine Gemeinde, die ich mir erworben habe, daß sie meine Großtaten verkünde“. Wüste und Einöde war zuvor die Benennung für Heiden. Denn weder das Wort war zu ihnen gedrungen, noch hatte der Heilige Geist, welcher den neuen Weg der Gottesverehrung und der Gerechtigkeit ebnete, sie durchtränkt. Und reiche Ströme ließ er erquellen, den Hl. Geist über der Erde auszusäen gemäß dem durch die Propheten gegebenen Versprechen, dass er am Ende der Tage den Geist ausgießen werde über das Antlitz der Erde.
§ 90
In der Erneuerung des Geistes geschieht somit unsere Berufung, nicht im Verharren beim alten Buchstaben, wie der Prophet Jeremias es weissagte: „Siehe es kommen Tage, spricht der Herr, da werde ich den Bund mit dem Hause Israel und dem Hause Juda erfüllen, wie ich ihn mit ihren Vätern abgeschlossen habe am Tage, da ich ihre Hand erfaßte, um sie aus Ägypten herauszuführen; sie sind dem Bunde nicht treu geblieben und ich habe meine Sorge von ihnen abgewandt, spricht der Herr. Denn das ist der Bund, den ich nach diesen Tagen mit Israel geschlossen, spricht der Herr, daß ich mein Gesetz in ihr Inneres lege und es schreiben werde in ihre Herzen, und ich werde ihr Gott sein und sie mein Volk. Und nicht wird künftighin der einzelne seinen Nachbarn belehren müssen oder der 643Bruder seinen Bruder: Erkenne den Herrn! Denn alle werden mich erkennen, vom Kleinsten aus ihnen bis zum Größten. Denn ich werde mich ihrer erbarmen, Sünde und Unrecht tilgen und ihrer Versündigungen nicht mehr gedenken“.
§ 91
Daß auch die aus der Heidenwelt Berufenen, denen auch das Neue Testament erschlossen wurde, diese Verheißungen erben sollten, drücken die Worte des Isaias aus: „Das spricht der Gott Israels: An jenem Tage wird der Mensch auf seinen Schöpfer hoffen und seine Augen werden nach dem Heiligen Israels ausschauen; nicht mehr werden sie vertrauen auf ihre Götzentempel und auf das Gebilde ihrer Hände, das ihre Finger zustande gebracht haben“. Ganz offenbar sind diese Worte durch den Heiligen Israels von uns gesprochen, die wir die Götzen verlassen und den Glauben an Gott den Schöpfer angenommen haben. Der Heilige Israels ist Christus. Er ist den Menschen sichtbar erschienen. Auf ihn, der den Augen der Menschen sich gezeigt hat, richten wir unsere Blicke. Nicht mehr vertrauen wir auf die Götzentempel, nicht mehr auf das Gebilde unserer eigenen Hände.
§ 92
Diese vorausbestimmte sichtbare Erscheinung des Sohnes Gottes unter uns, seine Menschwerdung und sein Weilen in unserer Mitte, während wir zuvor keine Kenntnis von ihm hatten, hat das Wort durch Isaias in dem Ausspruch geoffenbart: "Ich bin sichtbar geworden denjenigen, die mich nicht verlangten, und wurde von denen gefunden, die nicht nach mir suchten. Siehe, da bin ich, sagte ich zu einem Volke, das meinen Namen nicht zu sprechen wußte“.
§ 93
Der Beruf dieses Volkes, die heilige Gemeinde zu werden, wird im Zwölfprophetenbuch durch Hoseas so verkündet: „Ich werde ein Nicht-Volk mir zum Volke berufen und, das nicht geliebt war, wird Gegenstand der Liebe. Und an der Stätte, wo es wird geheißen haben: Nicht mein Volk! dort werden sie Söhne des lebendigen 644Gottes genannt werden“. Das hat auch Johannes der Täufer gesagt, als er sprach: „Gott kann aus diesen Steinen Abraham Kinder erwecken“. Denn nachdem unsere Herzen vom steinernen Dienst losgerissen sind, schauen sie, vom Glauben getragen, Gott und werden Kinder Abrahams, der durch den Glauben gerechtfertigt ward. Deshalb spricht Gott durch den Propheten Ezechiel: „Ich will ihnen ein anderes Herz geben und einen neuen Geist will ich ihnen verleihen. Entfernen will ich das steinerne Herz aus ihrem Fleische und will ihnen ein anderes Herz von Fleisch geben, damit sie nach meinen Befehlen wandeln, meine Gesetze beobachten und sie vollführen. Und sie werden zu meinem Volke werden, und ich werde ihr Gott sein“.
§ 94
Die neue Berufung hatte eine Umwandlung der Herzen unter den Heiden durch das Wort Gottes zur Folge, als er Mensch wurde, und unter den Menschen wohnte, wie sein Jünger Johannes sagt: „Und sein Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“. Daher bringt die Kirche so zahlreiche Früchte der Rettung hervor, denn nicht Moses als Fürsprecher noch der Bote Elia, sondern der Herr selbst hat uns Rettung gebracht, zahlreiche Kinder der Kirche schenkend, der Gemeinde der Erstlinge, wie es Isaias mit den Worten verkündigte: „Freue dich, Unfruchtbare, die du nicht geboren hast.“ Die Unfruchtbare ist die Kirche, die in der Vorzeit niemals Söhne Gottes sichtbar hervorbrachte. „Rufe laut und jauchze, die du nie Geburtswehen hattest, denn die Söhne der Verlassenen sind zahlreicher als die derjenigen, welche einen Mann hat“. Und einen Mann hatte die alte Gemeinschaft: das Gesetz.
§ 95
Auch Moses sagt im Deuteronomium, daß die Heiden an die Spitze, das widerspenstige Volk aber an die letzte Reihe gestellt werde und weiter hinwieder 645sagt er: „Ihr habt mich ereifert bei euern Götzenbildern, nun will ich auch euch ereifern durch ein Nicht-Volk und durch ein unverständiges Volk euch aufbringen.“ Sie haben den wahren Gott verlassen und Göttern, die nicht sind, gedient; die Propheten Gottes haben sie getötet, und für Baal bei den Götzenbildern der Kanaaniter geweissagt; den wahren Sohn Gottes haben sie mit Mißachtung verworfen, aber den Räuber Barrabas, der beim Morde ertappt worden war, auserwählt; sie haben den ewigen König verleugnet und den vorübergehend herrschenden Kaiser als ihren König anerkannt; deshalb gefiel es Gott, den unwissenden Heiden und denen, die nicht in der Gnadenordnung Gottes sich befunden hatten und selbst nicht gewußt hatten, was Gott ist, sein Erbe zu schenken. Nachdem uns nunmehr durch diese Berufung das Leben gegeben worden ist und Gott den Glauben Abrahams an ihn in uns wiederum hergestellt hat, dürfen wir uns nicht mehr nach dem Vergangenen zurückwenden, nämlich, um es selbst zu sagen, zur ersten Gesetzgebung. Denn wir besitzen den Herrn des Gesetzes, den Sohn Gottes, und durch den Glauben an ihn lernen wir Gott von ganzem Herzen und den Nächsten wie uns selbst lieben. Die Liebe zu Gott aber hat keinen Anteil an allem, was Sünde ist, und die Liebe zum Nächsten vollführt nichts Böses gegen den Nebenmenschen.
§ 96
Deshalb bedürfen wir auch nicht des Gesetzes als unseres Erziehers. Siehe, wir reden mit dem Vater und stehen nunmehr vor ihm, nachdem wir an Bosheit Kinder geworden sind, aber erstarkt sind an aller Gerechtigkeit und Heiligkeit. Denn zu demjenigen, in dem auch nicht einmal mehr die Begierde nach dem Weibe des Nebenmenschen vorhanden ist, wird das Gesetz nicht sagen: Du sollst nicht ehebrechen; und zu dem, der allen Zorn und alle Feindschaft von sich gewiesen hat, nicht: Du sollst nicht töten; und zu denjenigen, welche sich gar nicht um die Güter der Erde mehr 646kümmern, sondern nur nach den himmlischen Früchten trachten, nicht: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Acker oder Ochs oder Esel; und zu demjenigen, der keinen Menschen als Feind, aber alle als seinen Nächsten betrachtet, nicht: Aug’ um Aug’, Zahn um Zahn, Und deswegen kann er auch seine Hand nicht ausstrecken zur Rache. Das Gesetz wird den Zehnten nicht von dem fordern, der alle seine Besitztümer Gott geweiht hat und, Vater und Mutter und die ganze Verwandtschaft verlassend, dem Worte Gottes nachfolgt. Es braucht des Befehles nicht, einen Tag der Rühe ohne Arbeit zuzubringen, wo man täglich Sabbat feiert, d. h. im Tempel Gottes, der da der Menschenleib ist, wo er Gott dient und allezeit Gerechtigkeit übt. Denn, so spricht er: „Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer, Erkenntnis Gottes eher als Brandopfer“. Der Gottlose aber, welcher mir ein Rind opfert, ist gleichwohl wie einer, der einen Hund schlachtet, und wenn er mir ein Speiseopfer darbringt, gleich einem, der das Blut des Schweines darbringt“. „Jeder hingegen, welcher den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden“. Und es ist kein anderer Herrenname unter dem Himmel gegeben, durch den die Menschen Rettung finden, als der Name Gottes, der da ist Jesus Christus, der Sohn Gottes, dem auch die Dämonen und die bösen Geister und alle abgefallenen Kräfte der Unterwelt gehorchen.
§ 97
Durch die Anrufung des Namens Jesu Christi, der unter Pontius Pilatus gekreuzigt worden ist, tritt eine Scheidung unter den Menschen ein, und wo immer jemand von denen, die an ihn glauben, diesen Namen flehend anruft und dessen Willen tut, da ist er ihm nah und gegenwärtig, und erfüllt die Bitten derjenigen, welche mit reinem Herzen zu ihm rufen. Durch ihn erlöst, preisen wir unaufhörlich Gott, welcher in seiner großen, 647unerforschlichen und abgründigen Weisheit uns gerettet hat und das Heil vom Himmel her verkündigt hat, die sichtbare Ankunft unseres Herrn, d. h, seinen Wandel als Mensch. Wir hätten dies für uns nicht erlangen können. Doch was unmöglich ist bei den Menschen, das ist möglich vor Gott, Deshalb sagt Jeremias über ihn: „Wer ist zum Himmel hinaufgestiegen und hat sie [= Gottes Weisheit] geholt und herabgeführt aus den Wolken? Wer ist hinübergefahren über das Meer und hat sie gefunden und sie herübergebracht für köstliches Gold? Niemand kennt zu ihr den Pfad, niemand ergründet im Geiste ihre Wege. Aber der, welcher alles weiß, kennt sie in seinem Geiste; der die Erde gebildet hat für ewige Zeit und sie erfüllt mit fetten vierfüßigen Tieren, der das Licht sendet, daß es wandelt, er ruft ihm und es gehorcht mit Furcht. Die Sterne leuchten auf zu ihrer Zeit und freuen sich. Er hat sie gerufen und sie sprechen: Siehe uns hier! Mit Freuden leuchten sie dem, der sie geschaffen hat. Das ist unser Gott, kein anderer soll ihm zur Seite gestellt werden. Er hat alle Wege mit seiner Klugheit gefunden und hat sie Jakob gegeben, seinem Diener, und Israel seinem Liebling. Hernach erschien er auf Erden und wandelte unter den Menschen. Das ist das Buch der Gebote Gottes und seiner Gesetze, die ewig sind. Allen, die es beobachten, ist es zum Leben, die aber von ihm ablassen, werden sterben“. Jakob und Israel nennt er hier nun den Sohn Gottes, der vom Vater die Herrschaft empfing über unser Leben und, nachdem er dies empfangen, brachte er es zu uns herab, die da fern von ihm waren, als er auf Erden erschien und unter den Menschen einherging. Er hat den Geist Gottes des Vaters mit den Geschöpfen Gottes vereint und verbunden, daß der Mensch sich verhalte nach dem Bilde und der Ähnlichkeit Gottes.