§ 4
587 Das Gewordene muß von einer großen Ursache den Anfang zum Werden genommen haben. Der Anfang von allem ist Gott. Er wurde nicht von irgend etwas, aber alles wurde von ihm. Deshalb muß man zuvörderst würdig bekennen, daß ein Gott und Vater ist, der alles schuf und ordnete, der das Nichtseiende ins Dasein rief, der, alles umfassend, selbst unermeßlich ist. Unter dem All ist aber auch diese unsere Welt enthalten und auf der Welt der Mensch. So ist auch unsere Welt von Gott erschaffen.
§ 5
Der Sachverhalt, der sich ergibt, ist also folgender: [Es ist] Ein Gott, der ungewordene Vater, unsichtbar, Schöpfer von allem; kein anderer Gott steht über ihm, noch ist ein anderer Gott unter ihm. Gott ist ein vernünftiges Wesen und hat deswegen das Gewordene durch das [Vernunft-] Wort erschaffen. Auch ist Gott Geist und hat somit alles durch den Geist geordnet, wie der Prophet sagt: „Durch das Wort des Herrn sind die Himmelsfesten geschaffen worden, und durch seinen Geist all ihre Kraft“. Da also das Wort schafft d. h. die Körper wirkt und dem Hervorgegangenen Bestand verleiht, während der Geist die Kräfte in ihrer Verschiedenheit 588 ordnet und gestaltet, so wird mit Recht das Wort der Sohn, Geist aber die Weisheit Gottes genannt. Auch der Apostel desselben, Paulus, sagt darüber passend: „Ein Gott, der als Vater über allen ist und der mit allen und in uns allen ist“. Denn über allen ist er als Vater; mit allen ist er als Wort, da durch dasselbe alles vom Vater ins Werden trat, in uns allen jedoch ist er als Geist, der da ruft: „Abba, Vater“ und den Menschen zum Ebenbild Gottes gestaltet. Nun zeigt der Geist das Wort und deswegen verkündeten die Propheten den Sohn Gottes, während das Wort den Geist wehen macht, und deshalb ist er selbst der Sprecher der Propheten und führt den Menschen zum Vater zurück.
§ 6
Und das ist die rechte Ordnung unseres Glaubens, die Grundlage des Gebäudes und die Sicherung des Weges: Gott der Vater, ungeworden, unendlich, unsichtbar, ein Gott Schöpfer des Alls. Das zunächst ist das erste Hauptstück unseres Glaubens. Das zweite Hauptstück sodann ist das Wort Gottes, der Sohn Gottes, Christus Jesus unser Herr, welcher den Propheten erschienen ist gemäß der Gestalt ihrer Weissagungen und nach den Bestimmungen der Vorsehung des Vaters, er, durch den alles geworden ist. Derselbe wurde auch am Ende der Zeiten Mensch unter den Menschen, um alles vollkommen zu vollenden; er wurde sichtbar und körperlich, um den Tod zu besiegen und das Leben zu zeigen und Gemeinschaft und Frieden zwischen Gott und den Menschen zu bewirken. Das dritte Hauptstück dann ist der Hl. Geist, durch den die Propheten weissagten, und die Väter die göttlichen Dinge lernten, die Gerechten vorangingen auf dem Weg der Gerechtigkeit, und der in der Fülle der Zeiten aufs neue über die 589 Menschheit ausgegossen ward auf der ganzen Erde, die Menschen für Gott neu zu schaffen.
§ 7
Deshalb wird bei unserer Wiedergeburt die Taufe durch diese drei Stücke vollzogen, indem der Vater uns zur Wiedergeburt begnadigt durch seinen Sohn im Hl. Geiste. Denn diejenigen, welche den Hl. Geist empfangen und in sich tragen, werden zum Worte, d. h. zum Sohne geführt. Der Sohn hinwieder führt sie zum Vater und der Vater macht sie der Unvergänglichkeit teilhaft. Also kann man ohne den Geist das Wort Gottes nicht sehen und ohne den Sohn kann niemand zum Vater kommen. Denn das Wissen des Vaters ist der Sohn. Das Wissen vom Sohne Gottes aber [erlangt man] durch den Hl. Geist; den Geist aber gibt nach dem Wohlgefallen des Vaters der Sohn als Spender an diejenigen, welche der Vater will und wie er es will.
§ 8
Und der Vater wird im Geiste Erhabener und Allmächtiger genannt und Herr der Heerscharen, damit wir lernen, daß Gott dies eben ist, d. h. Schöpfer des Himmels und der Erde und aller Welten und Erschaffer der Engel und Menschen und Herr von allem, derjenige, von dem alles ist und alles erhalten wird, barmherzig, mitleidig und mildreich, gütig, gerecht, Gott aller, der Juden auch und der Heiden, wie der Gläubigen, und zwar der Gläubigen als Vater. Denn in der Fülle der Zeiten hat er das Testament der Sohnschaft eröffnet, während er den Juden als Herr und Gesetzgeber sich zeigte. Denn in der Mitte der Zeit, als die Menschen Gott vergessen und sich von ihm entfernt hatten und abgefallen waren, da führte er sie durch das Gesetz zum Gehorsam zurück, auf daß sie lernten, sie haben Gott zum Schöpfer und Erschaffer; er hat ihnen den Odem des Lebens geschenkt und wir sind schuldig, ihm zu dienen Tag und Nacht. Den Heiden stellte er sich als den Erschaffer und Hervorbringer und als den Allmächtigen dar. Aber für alle zumal ist er der Erhalter 590 und Ernährer, der König und Richter. Denn niemand wird seinem Gerichte entrinnen, nicht Jude noch Heide und kein Sünder aus den Reihen der Gläubigen und kein Engel. Diejenigen, welche jetzt seiner Güte nicht vertrauen, werden im Gerichte seine Macht erkennen, gemäß dem Worte des Apostels: „Du weißt nicht, daß die Güte Gottes dich zur Buße führt, sondern sammelst in Halsstarrigkeit und Unbußfertigkeit des Herzens den Zorn für den Tag der Rache und der Offenbarung der Gerechtigkeit Gottes, der jedem vergelten wird nach seinen Werken“. Das ist im Gesetze Gottes unter dem Ausdruck verstanden: Gott Abrahams, Gott Isaaks und Gott Jakobs, Gott der Lebendigen. Und dennoch ist die Erhabenheit und Größe dieses Gottes unaussprechlich.
§ 9
Die Welt nun aber wird von sieben Himmeln umgeben, in denen die Mächte, die Engel und die Erzengel wohnen und die Pflicht des Dienstes gegen Gott den Allmächtigen, den Schöpfer aller Dinge, erfüllen; nicht als bedürfte er sie, sondern sie sollen nicht untätig, ohne Nutzen und Segen sein. Reichlich ist deswegen das Innewohnen des Geistes Gottes, und vom Propheten Isaias werden sieben Formen Seines Dienstes aufgezählt, welche ruhen auf dem Sohn Gottes, d. h. auf dem Wort bei seiner Ankunft als Mensch. Er sagt: „Es wird auf ihm ruhen der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke und der Frömmigkeit, es wird ihn erfüllen der Geist der Gottesfurcht“. Somit ist der erste Himmel von oben her, der die andern umschließt, die Weisheit, der zweite hernach der des Verstandes, der dritte der des Rates, der vierte, von oben gerechnet, der der Kraft, der fünfte der der Wissenschaft, der sechste jener der Frömmigkeit, der siebente ist die Feste über uns, die voll ist von der Furcht des Geistes, der die Himmel erleuchtet. Als ein Bild davon ließ Moses den siebenarmigen Leuchter immer im Heiligtum strahlen, gemäß dem, was das Wort geoffenbart hatte: „Du sollst ihn genau nach dem Urbild herstellen, welches du auf dem Berge gesehen hast“.
§ 10
591 Nun wird dieser Gott verherrlicht von seinem Worte, welches sein ewiger Sohn ist, und vom Heiligen Geist, welcher die Weisheit des Vaters von allem ist. Und ihre Mächte, die des Wortes und der Weisheit, die Cherubim und Seraphim genannt werden, preisen Gott mit unaufhörlichem Lobgesang, und jegliches Geschöpf, das nur im Himmel ist, bringt Gott, dem Vater von allem, Lobpreis dar. Er hat die ganze Welt durch das Wort gebildet — und auf der Welt sind auch die Engel — und der ganzen Welt schrieb er die Gesetze vor, bestimmte für jedes seinen festen Stand, dessen gottgesetzte Grenze es nicht überschreiten darf, und so vollführt ein jedes die ihm übertragene Aufgabe.
§ 11
Den Menschen aber bildete er mit eigener Hand. Er verwandte dazu den feineren und zarteren Stoff der Erde und verband in [weisem] Maße miteinander die Erde und seine Macht. Denn er hat dem Geschöpfe seine Form gegeben, damit es in seiner Erscheinung Gottes Bild sei. Als Abbild Gottes setzte er den von ihm erschaffenen Menschen auf die Erde. Damit er Leben empfange, hauchte er in sein Angesicht den Lebensodem, auf daß der Mensch sowohl seiner ihm eingehauchten Seele nach und in seiner Leibesbildung Gott ähnlich sei. Er war folglich frei und Herr über sich selbst durch Gottes Macht, damit er über alles, was auf Erden ist, herrsche. Und dieses große Schöpfungswerk der Welt, das alles in sich barg, von Gott schon vor der Schöpfung des Menschen zubereitet, wurde dem Menschen zum Wohnsitz gegeben. Und es fanden sich an ihrer Stelle und mit ihren Arbeitsleistungen die Diener dieses Gottes, der alles schuf. Und ein Hauswalter hatte als Schützer dieses Gebiet inne, der über die Mitknechte gesetzt war. Die Knechte waren die Engel, der Walter und Schützer aber der Fürst der Engel [ein Erzengel].
§ 12
Indem Gott so den Menschen als Herrn der Erde und alles dessen, was auf ihr ist, erschaffen hatte, hat er ihn auch zum Herrn derer, welche als Diener auf ihr sind, erhoben. Jedoch erfreuten sich jene der Reife ihrer Natur, während der Herr, d. h. der Mensch, 592 klein war; war er doch ein Kind, noch des Wachstums bedürftig, um zu seiner Vollreife zu gelangen. Seine Ernährung und sein Wachstum sollte dabei voll Freude und Wonne sein. So ward für ihn dieser Ort schöner bereitet als diese Welt; [er ward ausgestattet mit Vorzügen] der Luft, Schönheit, des Lichtes, der Nahrung, der Pflanzen, Früchte und der Wasser und mit allem anderen, was zum angenehmen Leben nötig war. Sein Name war Paradies. Herrlich und schön war das Paradies; da wandelte das Wort Gottes immer in demselben umher, es verkehrte und sprach mit dem Menschen über die Zukunft und belehrte ihn zum voraus über das, was kommen wird. So wollte es bei ihm wohnen, mit den Menschen reden und weilen und sie in der Gerechtigkeit unterweisen. Allein der Mensch war ein Kind, seine Gedanken waren noch nicht vollkommen geklärt, daher wurde er auch leicht vom Verführer betrogen.
§ 13
Bei seinem Verweilen im Paradies führte nun Gott dem Menschen, während dieser darin umherging, alles Lebende vor und befahl, es ihm zu benennen. Wie immer Adam ein Lebewesen bezeichnete, so wurde es nunmehr benannt. So war der Augenblick gekommen, da Gott Adam auch eine Gehilfin schaffen wollte. „Denn“, so sprach Gott, „es ist nicht gut für den Menschen, allein zu sein. Laßt uns ihm eine Gehilfin machen nach seinen Verhältnissen“. Denn unter den andern Lebewesen hatte sich keine Adam nach Natur und Wert gleiche und zu ihm passende Gehilfin gefunden. So ließ Gott selbst über Adam eine Verzückung kommen und ihn in Schlaf sinken. Weil es noch keinen Schlaf im Paradiese gab und doch die Erfüllung eines Werkes auf dem früheren beruhen soll, so ist dieser durch Gottes Willen über Adam gekommen. Es nahm nun Gott eine von den Rippen Adams und ersetzte sie durch Fleisch. Die Rippe selbst aber, die er ihm entnommen hatte, bildete er zum Weibe um und führte es so vor Adam. Als dieser dasselbe sah, sprach er: „Das ist nun Bein von meinem Bein und Fleisch von 593 meinem Fleische. Sie soll Weib heißen, denn von ihrem Manne ward sie genommen“.
§ 14
Und Adam und Eva — denn das ist der Name des Weibes — waren nackt und schämten sich nicht. Denn sie waren ohne Sünde und kindlichen Sinnes. Ihr Geist war frei von Vorstellungen und Gedanken, wie sie seither aus Bosheit durch sinnliche Begierde und schändliche Gelüste in der Seele entstehen. Noch hatten sie ja ihre Natur unversehrt bewahrt, denn vom Schöpfer war der Hauch des Lebens ihnen eingehaucht worden. So lange dieser Hauch unentweiht und unversehrt bleibt, ist er ohne Empfänglichkeit und Sinn für das Schlechte. Deswegen nun schämten sie sich nicht bei ihren Küssen und Umarmungen in Reinheit nach Kinderart.
§ 15
Doch sollte der Mensch sich nicht zu hoch dünken und sich nicht hoffärtig erheben, gleich als habe er, da ihm Macht und Freiheit verliehen sind, keinen Herrn über sich; er sollte bewahrt werden davor, sich gegen seinen Gott, seinen Schöpfer, zu verfehlen durch Überschreitung des ihm gesetzten Maßes und durch stolze selbstgefällige Willkürhandlungen gegenüber Gott. Deshalb wurden ihm von Gott Gesetze gegeben; sie sollten ihm zeigen, daß er einen Herrn habe, den Herrn aller Dinge. Auch traf Gott bestimmte Verfügungen, wie die, daß er [der Mensch] in seinem Sein verharren sollte, wie er war, d. h. daß er unsterblich sein sollte, wenn er das Gebot Gottes beobachtete. Der Sterblichkeit aber sollte er verfallen und zur Erde aufgelöst werden, aus welcher er bei der Schöpfung genommen worden war, wenn er dasselbe nicht beobachtete. Das Gebot aber war dieses: „Von allen Bäumen, welche im Innern des Gartens sind, sollst du essen dürfen, aber von dem einen Baum, von welchem die Erkenntnis des Guten und des Bösen kommt, sollt ihr nicht essen, denn an dem Tage, an welchem ihr davon esset, sollt ihr dem Tode verfallen“.
§ 16
594 Dieses Gebot hat der Mensch nicht gehalten, sondern er wurde ungehorsam gegen Gott, mißleitet vom Engel. Dieser letztere war wegen der vielen Gaben, die Gott dem Menschen verliehen hatte, von bitterem Neid erfüllt. In diesem richtete er sich selbst zu Grund und machte den Menschen zum Sünder, indem er ihn zum Ungehorsam gegen das Gebot Gottes verleitete. Durch die Lüge zum Anstifter und Urheber der Sünde geworden, verfiel er zwar selbst dem göttlichen Strafgerichte im Abfall von Gott; aber er hatte auch bewirkt, daß der Mensch aus dem Paradies vertrieben wurde. Weil der Engel nach einem aus sich selbst gefaßten Entschluß von Gott abgefallen ist, wurde er in hebräischer Sprache Satan genannt, was so viel ist als Widersacher. Doch wird er auch noch Verleumder [Teufel] genannt. — Die Schlange, welche den Teufel in sich trug, verfluchte also Gott. Sein Fluch traf das Tier, aber er ging auch über auf den in ihm listig verborgenen Teufel. Den Menschen verwies er von seinem Angesichte und gab ihm seinen Wohnsitz vor den Toren des Paradieses. Denn das Paradies nimmt die Sünder nicht in sich auf.