§ 31
605 Und er erschien als Mensch in der Fülle der Zeit und faßte als Wort Gottes alles, Himmel und Erde, in sich zusammen. Er vereinigte den Menschen mit Gott und stellte zwischen Gott und dem Menschen die Gemeinschaft und Eintracht wieder her, während wir nicht imstande gewesen wären, in anderer Weise an der Unvergänglichkeit gesetzmäßigen Anteil zu gewinnen, wenn er nicht zu uns gekommen wäre. Denn würde die Unvergänglichkeit unsichtbar und unerkannt geblieben sein, so hätte sie uns kein Heil gebracht. So wurde sie sichtbar, damit wir in jeder Hinsicht Anteil an dem Geschenk der Unvergänglichkeit gewinnen. Der Ungehorsam des Stammvaters Adam hatte uns alle in die Bande des Todes verstrickt. Deshalb war es notwendig und recht, daß die Fesseln des Todes gebrochen wurden durch den Gehorsam dessen, der für uns Mensch ward. Weil der Tod über den Leib herrschte, so war es notwendig und recht, daß er durch den Leib unterworfen werde und so den Menschen aus seiner Sklaverei freigeben mußte. Das Wort wurde Fleisch, damit der Leib, wodurch die Sünde zur Herrschaft gelangt war, Besitz genommen und gewaltet hatte, durch ebendasselbe bezwungen, auch in uns ein anderer sei. Und deshalb nahm unser Herr denselben Leib, wie er in Adam war, an, damit er für die Väter kämpfe und durch Adam den besiege, der durch Adam uns getroffen hatte.
§ 32
Woher nun ist des Ersterschaffenen Natur? Sie entstammt Gottes Willen und Weisheit und der jungfräulichen Erde. „Denn“, sagt die Schrift, „Gott hatte nicht regnen lassen, bevor der Mensch erschaffen 606 war, und es war der Mensch nicht da, das Land zu bebauen“. Von dieser Erde nun hat Gott, als sie noch jungfräulich war, Staub genommen und einen Menschen gebildet als Anfang des Menschengeschlechtes. Bei der Wiederherstellung dieses Menschen wollte Gott dasselbe Verfahren der Leibesbildung einhalten, indem er geboren wurde aus der Jungfrau durch den Willen und die Weisheit Gottes; so sollte sich in seiner eigenen Leibesbildung die Ähnlichkeit mit der bei Adam zeigen und zur Erfüllung kommen, was geschrieben steht: „Im Anfang war der Mensch nach Gottes Gleichnis und Ebenbild“.
§ 33
Und wie durch den Ungehorsam einer Jungfrau der Mensch zu Fall gebracht wurde, stürzte und starb, so empfing der Mensch durch eine Jungfrau, welche auf Gottes Worte hörte, wieder mit Leben beseelt, das Leben. Denn der Herr ist gekommen, das verlorene Schaf wieder zu suchen, und verloren war der Mensch. So wurde er auch nicht ein neues Geschöpf, sondern bewahrte die geschöpfliche Zusammengehörigkeit mit eben jener, welche von Adams Geschlecht war. Denn es war notwendig und billig, daß bei der Wiederherstellung Adams in Christus, das Sterbliche vom Unsterblichen verschlungen werde und in ihm aufgenommen werde, und die Eva von Maria, auf daß die Jungfrau die Fürsprecherin der Jungfrau werde und den jungfräulichen Ungehorsam entkräfte und aufhebe durch den jungfräulichen Gehorsam.
§ 34
Die Übertretung, welche vermittelst des Baumes geschehen war, wurde auch getilgt durch den Baum des Gehorsams, an welchem in Unterwürfigkeit gegen Gott der Sohn des Menschen gekreuzigt wurde; da überwand er die Erkenntnis des Bösen und schaffte der Erkenntnis des Guten wieder Einlaß und befestigte sie, Böse ist es, Gott ungehorsam zu sein, wie es gut ist, Gott zu gehorchen. Mit Bezug auf diese Erlösungstätigkeit sagt 607 das Wort durch den Propheten Isaias in Vorausverkündigung der künftigen Geschehnisse — denn deshalb heißen sie Propheten, weil sie das Zukünftige mitteilen — so also spricht das Wort durch ihn: „Ich widerstrebe nicht und widerspreche nicht. Meinen Rücken gab ich den Schlägen preis und meine Wange den Streichen, mein Angesicht wandte ich nicht ab vor Beschimpfung und Bespeiung“. Durch den Gehorsam bis in den Tod am Kreuze tilgte er den alten, am Holz begangenen Ungehorsam. Er ist selbst das Wort des allmächtigen Gottes, welches in unsichtbarer Gegenwart uns alle zumal durchdringt, und deshalb umfaßt er alle Welt, ihre Breite und Länge, ihre Höhe und Tiefe; denn durch das Wort Gottes werden alle Dinge der Ordnung gemäß geleitet; und Gottes Sohn ist in ihnen gekreuzigt, indem er in der Form des Kreuzes allem aufgeprägt ist; war es doch recht und angemessen, daß er mit seinem eigenen Sichtbarwerden an allem Sichtbaren seine Kreuzesgemeinschaft mit allem auspräge; denn seine Wirkung sollte es an den sichtbaren Dingen und in sichtbarer Gestalt zeigen, daß er derjenige ist, welcher die Höhen, d. h. den Himmel, erhellt und hinabreicht in die Tiefen, an die Grundfesten der Erde, der die Flächen ausbreitet von Morgen bis Abend und von Norden und Süden die Weiten leitet und alles Zerstreute von überallher zusammenruft zur Erkenntnis des Vaters.
§ 35
Das Versprechen, welches einst Gott dem Abraham gegeben hatte, sein Geschlecht [zahlreich und herrlich] zu machen wie die Sterne des Himmels, hat Christus nun auch erfüllt. Er tat das dadurch, daß er selbst aus dem Geschlechte Abrahams seinen Ausgang nahm in der Jungfrau, von der er geboren wurde, und dadurch, daß er in jenen, die an ihn glaubten, der Welt Leuchten aufstellte und durch denselben Glauben mit Abraham die Heiden rechtfertigte, „denn es glaubte Abraham Gott und das wurde ihm zur Gerechtigkeit angerechnet“. In gleicher Weise werden auch wir 608 durch den Glauben an Gott gerechtfertigt, denn „der Gerechte lebt aus dem Glauben“. „So ist nun nicht durch das Gesetz die Verheißung dem Abraham geworden, sondern durch den Glauben“. Denn Abraham wurde durch den Glauben gerechtfertigt und für den Gerechten besteht das Gesetz nicht. In gleicher Weise werden auch wir nicht durch das Gesetz gerechtfertigt, sondern durch den Glauben, welcher vom Gesetz und von den Propheten bezeugt wird, die uns das Wort Gottes bestellt.
§ 36
Ingleichen erfüllte er die David gemachte Verheißung. Gott hatte demselben versprochen, daß er aus der Frucht seines Leibes einen König für ewig erwecken werde, dessen Königsherrschaft ohne Ende sein werde. Dieser König ist Christus, der Sohn Gottes, der zum Menschensohn geworden, d. h. der zur Leibesfrucht jener Jungfrau geworden, welche von David herstammt. Deshalb lautet das Versprechen auf die Frucht des Leibes, was so viel heißt als Geburt aus der Schwangerschaft eines Weibes allein, aber nicht auf die Frucht der Lenden und nicht auf die Frucht der Nieren, was wieder des Mannes Wirkung allein ist bei der Geburt. Damit sollte das Besondere, Verschiedene und Eigentümliche ausgesprochen werden, welches der Frucht des jungfräulichen Leibes aus David innewohnte, daß er nämlich über Davids Haus König sein werde für immer und dass sein Königtum kein Ende haben werde.
§ 37
Auf diese Weise hat er also unsere Erlösung als herrlicher Sieger vollendet, hat die Verheißungen an die Vorväter erfüllt und die alte Auflehnung getilgt und 609 ausgeschaltet. Der Sohn Gottes wurde zum Sohne Davids, zum Sohne Abrahams; diese vollendend und in sich erneuernd und zusammenfassend, um uns in den Besitz des Lebens zu setzen, ist das Wort Gottes geheimnisvoll in der Jungfrau Fleisch geworden, den Tod zu vernichten und den Menschen mit dem Leben zu begaben. Wir lagen ja in den Banden der Sünde, die wir in Sünden geboren sind und unter der Herrschaft des Todes leben.
§ 38
Gott der Vater war also voll Erbarmen. Er sandte das wunderwirkende Wort. Es kam uns zu erretten und hielt sich dazu an denselben Orten und Gegenden unter uns auf, wo wir das Leben bei unserm Verweilen verloren haben, und zerbrach die Bande der Gefangenschaft. Sein Licht leuchtete auf und zerstreute die Finsternis des Kerkers, heiligte unsere Geburt und besiegte den Tod, indem er die Fesseln löste, mit denen wir in Knechtschaft gehalten waren. Selbst zum Erstgeborenen der Toten geworden, zeigte er die Auferstehung und weckte in sich selbst den gefallenen Menschen zur Auferstehung, indem er ihn nach oben, zuhöchst in den Himmel zur Rechten des Vaters emporführte. So hatte es Gott durch den Propheten verheißen, als er sprach: „Ich werde wieder aufrichten das zerfallene Zelt Davids“, d. h. den Leib, der von David stammt. Das hat in Wahrheit unser Herr Jesus Christus vollbracht, da er unsere Erlösung siegreich erkämpfte, um uns wahrhaft aufzuerwecken vom Tode zum Leben für den Vater. Wollte einer seine Geburt aus der Jungfrau nicht annehmen, wie könnte er seine Auferstehung von den Toten annehmen? Denn es wäre nichts Wunderbares, nichts Erstaunliches und Außerordentliches, sowie ein Nichtgeborener von den Toten auferstanden wäre, und wir könnten dies bei einem Nichtgeborenen auch nicht eine Auferstehung nennen. Denn was nicht geboren ist und nicht sterben kann, was nicht unter die Geburt fällt, das fällt auch nicht unter den Tod. Wer den Anfang des Menschen nicht auf sich nahm, wie könnte er sein Ende übernehmen?
§ 39
610 Wurde er also nicht geboren, so starb er auch nicht. Und ist er nicht gestorben, so ist er auch nicht von den Toten auferstanden. Stand er nun aber nicht auf von den Toten, dann hat er auch den Tod nicht besiegt und sein Reich nicht vernichtet. Und wenn er den Tod nicht besiegt hatte, wie können wir empor zum Lichte gelangen, die wir von Anfang an dem Tode unterworfen sind? Wer aber also dem Menschen die Erlösung raubt, glaubt auch nicht an Gott, daß er den Menschen von den Toten auferwecken wird. Solche verachten auch die Geburt unseres Herrn, der sich, das Wort Gottes, unsertwillen unterzog, am Fleisch zu werden, damit er die Auferstehung des Fleisches erprobe und allen voran in den Himmel einziehe. Denn der erstgeborene Urausgang aus dem Gedanken des Vaters, das Wort, vollendete alles, die Welt regierend und sie ordnend. Er war der Erstgeborene der Jungfrau, gerecht, heilig als Mensch, gottergeben, gut, gottgefällig, in allem vollkommen, die Rettung aller vor der Hölle, welche ihm nachfolgten. Er war der Erstgeborene von den Toten and der Uraufgang des Lebens in Gott.
§ 40
So also ist bei der abermaligen Berufung des Menschen durch Gott das Wort Gottes Führer für alle zur einträchtigen Gemeinschaft, weil es wahrhaft Mensch, wunderbarer Ratgeber und mächtiger Gott ist. So sollen wir durch diese Gemeinschaft teilnehmen an der Unvergänglichkeit. Er nun, der im Gesetz des Moses verkündigt worden und von den Propheten des höchsten und allmächtigen Gottes und des Sohnes des Vaters aller, er, von dem alles ist, der mit Moses geredet hat, er trat auf in Judäa, von Gott entsproßt durch den Heiligen Geist, geboren aus der Jungfrau Maria, welche aus dem Geschlechte Davids und Abrahams war, Jesus, der Gesalbte Gottes, mit dem Beweis, daß er der zuvor von den Propheten Verkündigte ist
§ 41
Als Vorläufer ging ihm Johannes der Täufer voraus. Er bereitete das Volk vor und rüstete es zu zur Aufnahme des Wortes des Lebens. Er verkündigte von 611 demselben, daß das der Messias sei, auf dem der Geist Gottes ruhe, sich verbindend mit seinem Leibe. Die Schüler desselben und die Zeugen aller seiner Guttaten, seiner Lehre, seiner Leiden, seines Todes und seiner Auferstehung, und der nach der leiblichen Auferstehung folgenden Auffahrt in den Himmel waren die Apostel. Dieselben wurden von ihm, nachdem sie die Kraft des Hl. Geistes empfangen hatten, in alle Welt hinausgesandt und vollführten die Berufung der Heiden, indem sie den Menschen den Weg des Lebens zeigten, und sie zur Abkehr vom Götzendienst, von der Unzucht und dem Wucher bewegten. An Seele und Leib heiligten sie dieselben durch die Taufe im Wasser und den Hl. Geist, den sie vom Herrn empfangen hatten. Indem sie diesen den einzelnen Gläubigen erteilten, begründeten sie die Kirche. Durch Glaube, Liebe und Hoffnung führten sie die Berufung der Heiden ins Werk, welche zuvor von den Propheten verheißen worden war gemäß der Barmherzigkeit Gottes, welche auch über diese sich aufgetan hatte. Durch ihre Amtserfüllung brachten sie diese zur Offenbarung und nahmen diejenigen, die glaubten und Gott liebten, auf zur Teilnahme an den den Vätern gewordenen Verheißungen. An den Stätten der Heiligkeit, Gerechtigkeit und Beharrlichkeit sollten auch sie von Gott allen Zutritt zum ewigen Leben erhoffen durch die Auferstehung von den Toten. So war es verheißen durch den, der gestorben und auferstanden ist, Jesus Christus. Ihm ist gegeben die Herrschaft über alle Wesen und die Macht über die Lebendigen und die Toten und das Gericht. Sie gaben also durch das Wort der Wahrheit auch die Anleitung, den Leib für die Auferstehung unbefleckt und die Seele in Lauterkeit zu erhalten.
§ 42
Das ist das Betragen der Gläubigen, da der Hl. Geist in ihnen ist und dauernd weilt, der in und mit der Taufe gegeben wird und vom Empfänger bewahrt wird, wenn er in Wahrheit, Heiligkeit, Gerechtigkeit und 612 Beharrlichkeit wandelt. Denn dieser Seele Auferstehung geht an den Gläubigen vor sich, indem der Leib wiederum die persönliche Seele empfängt und mit ihr in der Kraft des Hl. Geistes aufersteht und einzieht in das Gebiet des Reiches Gottes, Der Segen an Japhet reift in der Berufung der Heiden seine Früchte sichtbar im Walten der Kirche, da diese aufstehen, gehorsam Wohnung zu nehmen im Hause Sems, wie Gott verheißen hat