Ist es nicht besser, auf Ehre zu verzichten, als solchen Leuten die Ehre verdanken zu müssen? — Daß aber, auch abgesehen davon, der Reichtum voll Unehre ist, will ich anschaulich darzutun versuchen. Er macht die Seele häßlich. Was kann aber unehrenhafter sein als dies? Denn sage mir: Wenn der Leib jugendlich blühend wäre und an Schönheit alle überträfe und es käme nun der Reichtum daher und erböte sich, ihn häßlich zu machen und krank statt gesund und aufgedunsen statt wohlbestellt; und alle Glieder mit Wassersucht anfüllend, triebe er das Gesicht auf, daß es überall aufschwellte, triebe die Füße auf, daß sie schwerer als Balken würden, triebe den Bauch auf, daß er einen größeren Umfang bekäme als das größte Faß; und nach alledem versagte er sogar jedem, der ihn heilen wollte, die Erlaubnis hiezu — denn so geht die Willkür (ἐξουσία) zu Werke —, sondern gewährte dem Leibe nur soviel Freiheit, denjenigen zu bestrafen, der sich nahte, um seine Schäden zu kurieren: — sage mir, wie könnte der Reichtum, wenn er in der Seele solche Wirkungen hervorbringt, etwas Schönes sein? — Aber die Willkür ist noch gefährlicher als die Krankheit selbst; denn daß der Kranke sich nicht einmal den Anordnungen der 335 Ärzte fügen will, ist gefährlicher als das Kranksein. Und das hat eben der Reichtum an sich, daß er die Seele von allen Seiten aufgedunsen macht und den Ärzten den Zutritt verwehrt. Laßt uns daher solche wegen ihrer Willkür nicht glücklich preisen, sondern bedauern! Denn auch einen Wassersüchtigen, den ich daliegen sähe, ohne daß ihm jemand wehrte, sich mit Getränken, so viel er nur wollte, und mit schädlichen Fleischspeisen anzufüllen, möchte ich nie und nimmer glücklich preisen wegen seiner Willkür. Die Willkür ist ebensowenig in allen Fällen gut als die Ehrenbezeigungen. Denn auch diese erfüllen mit großer Einbildung. — Wenn du aber nicht wolltest, daß dein Leib mit dem Reichtum zugleich diese Krankheit bekäme: wie kann es dir gleichgültig sein, wenn deine Seele nicht nur dieses, sondern auch noch eine andere Strafe sich zuzieht? Denn sie wird von Fieber und Hitze durch und durch entzündet, und diese Fieberglut kann niemand dämpfen. Der Reichtum läßt das eben nicht zu, indem er dem Menschen die Nachteile als Vorteile einredet; z. B. sich niemandem zu fügen, alles nach freiem Belieben zu tun. Wird man doch keine andere Seele finden, die von so vielen und so ungeordneten Leidenschaften strotzte, wie die Seelen derjenigen, die reich werden wollen. Denn was für Albernheiten malen sie sich nicht aus! Mehr noch als diejenigen, welche Centauren, Chimären, Drachenfüßler, Scyllen und andere Ungetüme erdichten, kann man sie erdichten sehen. Wolltest du auch nur einer einzigen ihrer Begierden sinnliche Gestalt leihen, so müßten Scylla und Chimäre und Centaur diesem monströsen Scheusal gegenüber verschwinden; ja du würdest finden, daß es alle Tiergestalten zumal in sich vereinigt. — Da wird vielleicht mancher denken, ich müsse wohl im Besitze großer Reichtümer gewesen sein, weil meine Ausführung der Wirklichkeit so getreu entspricht. — Man erzählt — denn zuerst will ich meine Behauptung durch solche Beispiele unterstützen, welche bei den Heiden überliefert werden —, man erzählt bei ihnen von einem Könige, der so übermütigen Luxus getrieben habe, daß er sich eine Platane von Gold und darüber den Himmel machen ließ und sich so darunter setzte, und dieses, während 336 er gegen kriegskundige Feinde zu Felde zog. Ist eine derartige Leidenschaft nicht so ungeheuerlich wie die Centauren? nicht so monströs wie die Scylla? — Ein anderer wieder ließ die Menschen in einen hölzernen Stier werfen. Muß man da nicht an die Scylla denken? — Unterdessen aber machte (der Reichtum) den ersteren aus einem Manne zum Weibe, den königlichen Krieger aus einem Weibe — was soll ich sagen? — zu einem unvernünftigen Tiere, ja noch schlimmer als ein solches. Denn die Tiere, wenn sie auch unter Bäumen sich aufhalten, leben doch ihrer Natur gemäß und begehren nichts weiter; dieser aber hat sogar die Natur der Tiere überboten. Was kann es also Törichteres geben als Reichtum? Das kommt aber von der Unersättlichkeit der Leidenschaften her. — Zollen indes jenem nicht viele ihre Bewunderung? Sie machen sich infolgedessen ebenso lächerlich wie er. Damit stellte er nicht sowohl seinen Reichtum als seine Verrücktheit zur Schau. Um wieviel besser ist eine natürliche Platane als jene goldene! Spricht doch das Natürliche durchgehends mehr an als das Widernatürliche. Was wolltest du mit jenem Himmel aus Gold, du Tor? — Siehst du, wie großer Reichtum zum Wahnsinn führt, wie er aufbläht? Ich glaube, er erkennt nicht einmal das Meer an, und möchte wohl 337 auf demselben wie auf fester Erde einherschreiten. Ist das nicht abenteuerlich wie die Chimären, wie die Centauren? — Doch es gibt auch jetzt noch Leute, die in nichts hinter jenem zurückstehen, sondern sich noch viel unvernünftiger gebärden. Denn sage mir, worin unterscheiden sich im Punkte Torheit (die Verfertiger) jener goldenen Platane von denjenigen, welche sich Geschirre, Töpfe und Salbenfläschchen aus Gold machen lassen? Worin ferner die Frauen, die — ich schäme mich, es zu sagen; aber es muß heraus — sich Nachttöpfe aus Silber anschaffen? Ihr solltet euch schämen, solches zu tun. Während Christus Hunger leidet, treibst du solchen Luxus, oder besser gesagt, solchen Unsinn! Wie schwer werden solche Frauen nicht dafür büßen müssen? Und da fragst du noch, warum es Räuber, warum es Mörder, warum es so viel Unglück gebe, während ihr euch vom Teufel so am Gängelbande führen laßt? Denn schon Tafelgeschirr aus Silber zu haben, verträgt sich nicht mit einer christlich erleuchteten Seele; vollends aber unreine Geschirre aus Silber herstellen zu lassen, ist das nicht Luxus? Doch das kann ich nicht mehr Luxus heißen, sondern Torheit, Wahnsinn, ja schlimmer noch als Wahnsinn.