Wundere dich nicht, wenn in der Taufe ein Entstehen und ein Zerstören stattfindet! Denn, sage mir, ist die Auflösung nicht das Gegenteil der Verbindung? Das leuchtet jedem ein. Diese Wirkung hat das Feuer; während es nämlich das Wachs auflöst und verzehrt, läßt es die metallische Erde zusammenschmelzen und zu Gold werden. Geradeso verhält es sich auch hier: indem die Macht des Feuers das wächserne Bild zerstört, fördert sie statt dessen ein goldenes zutage. — Denn in der Tat waren wir vor der Taufe dem Lehme gleich, 331 nach derselben aber (gleichen wir) dem Golde. Woraus erhellt das? Höre den Ausspruch des Apostels: „Der erste Mensch aus Erde ist irdisch, der zweite Mensch vom Himmel ist himmlisch.“ Ich habe den Abstand nur so groß angegeben, als er zwischen Lehm und Gold besteht; ich finde aber, daß der Unterschied zwischen dem himmlischen und irdischen Menschen weit größer ist. Der Abstand zwischen Lehm und Gold ist nicht so bedeutend als der zwischen Irdischem und Himmlischem. Wir waren von Wachs und Lehm; denn wir ließen uns durch die Flamme der Begierlichkeit viel leichter verzehren, als das Wachs im Feuer schmilzt; und die nächste beste Versuchung konnte uns weit leichter zerbrechen als der Stein den Ton. — Wenn es euch beliebt, so wollen wir eine Schilderung des früheren Lebens entwerfen, ob da nicht alles gleichsam Erde und Wasser war, ob es nicht die Beweglichkeit der Staubwolke, vom Wasser aber die Unstätigkeit und Zerfahrenheit besaß. Oder wenn es euch recht ist, so wollen wir nicht die Vergangenheit, sondern die Gegenwart einer Prüfung unterziehen, ob wir nicht finden werden, daß alle Dinge der Staubwolke und dem Wasser gleichen. — Denn was soll ich nennen? Amt und Machtstellung? Scheint doch im gegenwärtigen Leben nichts beneidenswerter als dies. Allein man wird finden, daß eher noch der aufgewirbelte Staub in der Luft festen Bestand hat als das Genannte; zumal heutzutage. Denn wovon sind solche Leute nicht abhängig? Von ihren Lieblingen, von den Höflingen (εὐνούχοις), von denen, die für Geld alles tun, von der Volkswut, von dem Unwillen der Mächtigeren. Der gestern noch hoch zu Gerichte saß, der durch Herolde mit lauter Stimme seine Befehle ausrufen ließ, dem Scharen von Dienern vorangingen und Platz machten, wenn er sich öffentlich zeigte: der ist heute ein gewöhnlicher und unbedeutender Mensch, jener ganzen Herrlichkeit beraubt und entkleidet, gleich dem vom Winde aufgewirbelten Staube, gleich der vorübergespülten Welle. Wie der Staub von unseren Füßen aufge-* 332 *wühlt wird, geradeso werden auch die Ämter von denen geschaffen, die sich nur von der Rücksicht auf Geld und Gut leiten lassen und im ganzen Leben die Stelle der Füße einnehmen. Und wie der Staub, wenn er in die Höhe gewirbelt wird, trotz seiner geringen Menge einen großen Teil der Luft einnimmt, so verhält es sich auch mit einem hohen Amte. Und gleichwie der Staub die Augen blendet, ebenso blendet auch der Stolz über eine einflußreiche Stellung die Augen des Geistes. — Oder wie? Sollen wir über den vielbegehrten Reichtum eine Untersuchung anstellen? Wohlan denn, laßt uns die Sache im einzelnen prüfen! Der Reichtum gewährt Wohlleben, gewährt Ehre und Ansehen, gewährt Macht. Zuerst nun wollen wir, wenn es beliebt, das Wohlleben untersuchen. Gleicht dasselbe nicht der Staubwolke? Ja, eilt es nicht noch schneller vorüber als diese? Denn das Vergnügen des Wohllebens erstreckt sich nur auf die Zunge; und wenn der Magen angefüllt ist, nicht einmal auf die Zunge. — Aber, höre ich sagen, um Ehre und Ansehen ist es allein schon eine angenehme Sache. Was kann es indes Reizloseres geben als eine solche Ehre, wenn sie bloß des Geldes wegen gezollt wird? Wenn sie nicht aus freiem Willen noch aus Antrieb des Herzens hervorgeht, so bist nicht du es, der die Ehre genießt, sondern der Reichtum. Gerade dieser Umstand benimmt dem Reichen den letzten Rest von Ehre. Denn sage mir: Wenn du einen Freund hättest und alle dich mit Auszeichnung behandelten, aber offen erklärten, du seiest zwar ganz und gar nichtswürdig, allein um jenes Freundes willen müßten sie auf dich Rücksicht nehmen; könnten sie dich wohl noch ärger beschimpfen? Demnach zieht der Reichtum uns Schande zu, da er mehr geehrt wird als sein Besitzer, und ist eher ein Beweis der Schwäche als der Macht. Wie sollte es nun nicht abgeschmackt sein, wenn man uns nicht einmal den Wert von Staub und Asche beimißt — denn das ist das 333 Gold, und nichts anderes —, sondern nur des Reichtums halber uns Ehre erweist? Darüber kann kein Zweifel obwalten. Ganz anders dagegen steht es mit dem, welcher den Reichtum verachtet. Denn besser gar nicht geehrt werden, als auf die besagte Weise geehrt werden. Sage mir doch: Wenn einer zu dir spräche: Ich halte dich auch der geringsten Ehre nicht für würdig, aber deinen Sklaven zuliebe bezeige ich dir meinen Respekt, was könnte dir Schlimmeres widerfahren als solcher Schimpf? Ist es aber schon eine Schande, bloß der Sklaven wegen geehrt zu werden, die doch die gleiche Seele und Natur mit uns gemein haben, so ist die Schande noch unvergleichlich größer, wenn wir unser Ansehen solchen Dingen verdanken, die an innerem Werte tief unter den Sklaven stehen, als da sind Paläste und Villen und Goldgeschirr und Kleider. Das ist in Wahrheit Schande und Spott. Lieber sterben, als so geehrt werden. Denn sage mir, wenn du bei deinem Dünkel in eine bedenkliche Lage gerietest, und ein niedriger und verachteter Mensch wollte dich der Gefahr entreißen: was könnte dir Schlimmeres begegnen als dieses? — Was ihr euch aber über die bekannte Stadt untereinander erzählet, dasselbe will ich zu euch sagen. Unsere Stadt hatte den damaligen Herrscher schwer beleidigt, und er gab den Befehl, sie vollständig mit Männern, Kindern und Häusern von Grund aus zu zerstören. Denn so furchtbar sind die Zornausbrüche der Fürsten. Sie machen von ihrer Gewalt den willkürlichsten Gebrauch. Eine so böse Sache ist es um die Gewalt. — Die Stadt schwebte also in der äußersten Gefahr. Da wandte sich jene am Meere liegende Nachbarschaft an den Kaiser und legte Fürbitte für uns ein. Die Einwohner unserer Stadt aber erklärten das für noch schlimmer als den Untergang der Stadt. — Um 334 so viel ist eine derartige Ehrenbezeigung schlimmer als offene Missachtung. — Forsche nur näher nach dem Ursprung der Ehre! Die Hände der Köche machen, daß wir geehrt werden; ihnen müssen wir daher dankbar sein. Ferner die Schweinezüchter, die unsern Tisch reichlich versorgen; sodann die Weber, die Taglöhner, die Gold- und Silberschmiede, die Kuchenbäcker und Tafeldecker.