Ihr gehört nicht der Welt an, ist der Sinn; wie mögt ihr euch den Elementargeistern unterwerfen? Wie den Gebräuchen der Welt? Und schau, wie er sie lächerlich macht! „Taste nicht an, rühre nicht an, koste nicht!“ — als seien die Dinge, deren sie sich enthielten, weiß Gott von welcher Wichtigkeit. „Was alles zugrunde geht durch den Gebrauch.“ — Er zerstört die Aufgeblasenheit so vieler und fährt fort: „Nach den Vorschriften und Lehren der Menschen.“ Was sagst du? Auch das Gesetz nennst du (so) ? Nachdem seine Zeit vorüber ist, hat es hinfort nur mehr den Wert einer menschlichen Lehre. — Oder er heißt es so, weil sie das Gesetz entstellten. — Oder er versteht darunter die heidnischen Anschauungen. Das Ganze, sagt er, ist lediglich Menschensatzung.
V. 23: „Was zwar einen Schein von Weisheit hat in selbstbeliebtem Gottesdienst und Demut und Nichtschonung des Leibes, nicht in einiger Ehre zur Sättigung des Fleisches.“
„Schein“, sagt er, nicht Wirklichkeit, nicht Wahrheit. Darum müssen wir es verabscheuen, selbst wenn es einen Schein von „Weisheit“ hat. Denn manch einer 328 scheint fromm und bescheiden zu sein und den Leib zu verachten. — „Nicht in einiger Ehre zur Sättigung des Fleisches.“ Denn Gott hat (dem Fleische) Ehre gegeben; sie aber haben es nicht in Ehre gehalten. So weiß der Apostel auf eine Gabe die Bezeichnung Ehre anzuwenden. Er will sagen: Sie entehren das Fleisch, indem sie es berauben, ihm seine Befugnis entreißen und nicht willig ihm sein Recht einräumen. Gott aber hat dem Fleische Ehre verliehen.
Kap. III, V. 1: „Wenn ihr nun mit Christus auferstanden seid …“
Er bringt sie (mit dem Auferstandenen) in Verbindung, nachdem er oben auf das nachdrücklichste den Tod Christi betont hat. Deswegen sagt er: „Wenn ihr nun mit Christus auferstanden seid, so suchet, was oben ist“ Dort gibt es keine abergläubische Beobachtung mehr. — „So suchet, was oben ist, wo Christus ist, zur Rechten Gottes sitzend.“ Ach, wohin erhebt er doch unsern Geist! Welch hohe Gesinnung suchte er ihnen einzuflößen! Es genügte ihm nicht, zu sagen: „was oben ist“, noch: „wo Christus ist“, sondern was? „Zur Rechten Gottes sitzend.“ Von dort, legte er nahe, sollen sie fortan nicht mehr auf die Erde schauen.
V. 2: „Was oben ist, sinnet, nicht was auf der Erde ist!“
V. 3: „Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit Christus in Gott.“
V. 4: „Wenn Christus wird offenbar werden, euer Leben, dann werdet auch ihr mit ihm offenbar werden in Herrlichkeit.“
Nicht dieses (irdische) Leben, will er sagen, ist euer (wahres) Leben; euer Leben ist ein ganz anderes. Schon will er mit aller Gewalt sie in den Himmel versetzen und ist eifrig bemüht, zu zeigen, daß sie dort oben 329 wohnen und der Welt abgestorben seien, um aus beiden Gründen die Forderung abzuleiten, nicht das Irdische zu suchen. Sei es, daß ihr der Welt abgestorben seid, so dürft ihr nicht suchen; sei es, daß ihr dort oben seid, so dürft ihr nicht suchen. Zeigt sich etwa Christus hienieden? Also auch euer Leben nicht. Es ist in Gott dort oben. Was also? Wann werden wir leben? „Wenn Christus wird offenbar werden, euer Leben“, dann suchet die Herrlichkeit, dann das Leben, dann die Lust! Solche Erwägungen sind von vorne herein dazu angetan, sie von der Weichlichkeit und Bequemlichkeitsliebe abzubringen. — Paulus hat es so in seiner Gewohnheit, von der Darlegung eines Punktes sprungweise auf einen andern überzugehen; wie er z. B. von denen redend, die ihr eigenes Abendmahl beim Essen vorwegnehmen, unvermittelt auf die Feier der heiligen Geheimnisse zu reden kommt. Die Rüge macht nämlich einen gewaltigen Eindruck, wenn sie unverhofft erteilt wird. — Es ist vor euch „verborgen“, sagt er. „Dann werdet auch ihr mit ihm offenbar werden.“ Jetzt also erscheint ihr noch nicht. Beachte, wie er sie in den Himmel selbst versetzt hat! Denn wie schon gesagt, bemüht er sich stets zu zeigen, daß sie im Besitze der nämlichen Güter seien wie Christus; und durch alle seine Briefe zieht sich das Bestreben, den Nachweis zu liefern, daß sie in allem mit ihm gleichen Anteil haben. Deshalb gebraucht er das Bild vom Haupte und vom Leibe und bietet alles auf, diese Wahrheit dem Verständnisse näher zu bringen.
Wenn wir also dann offenbar werden, so wollen wir uns nicht betrüben, wenn wir jetzt keine Ehre genießen! Wenn dieses Leben nicht als Leben gelten kann, sondern wenn unser Leben verborgen ist, so müssen wir wie Tote dieses Leben hinbringen, „Dann werdet auch ihr“, sagt er, „mit ihm offenbar werden in Herrlichkeit.“ Nicht umsonst sagt er: „in Herrlichkeit“. Ist ja auch die Perle verborgen, solange sie in der Muschel ruht. Mögen wir daher beschimpft werden oder was immer zu leiden haben: betrüben wir uns nicht darüber! Dieses Leben 330 ist ja nicht unser Leben; hienieden sind wir nur Pilger und Fremdlinge. „Denn ihr seid gestorben“, heißt es. Wer wäre so töricht, dem toten, dem begrabenen Leibe Sklaven zu kaufen oder Paläste zu erbauen oder kostbare Gewänder anzuschaffen? Kein Mensch. Seien es also auch wir nicht! Sondern gleichwie wir einzig und allein darauf bedacht sind, daß der Leichnam nicht nackt sei, so laßt uns auch hienieden nur auf eines sinnen! Begraben ist unser erster Mensch, begraben nicht in der Erde, sondern im Wasser, indem nicht der Tod ihn vernichtete, sondern derjenige, der den Tod vernichtet hat, ihn begrub, nicht nach dem Gesetze der Natur, sondern durch sein Machtgebot, das stärker als die Natur ist. Denn die Wirkung der Natur kann möglicher Weise aufgehoben werden, die Wirkung seines Machtgebotes aber nie und nimmer. Es gibt nichts Seligeres als dieses Begräbnis, worüber sich alle freuen, Engel und Menschen und der Herr der Engel. Bei diesem Begräbnis bedarf es keiner Gewänder, keines Sarges, überhaupt nichts der Art. Willst du das Vorbild sehen? Ich verweise dich auf den Schwemmteich, wo ein anderer begraben wurde, ein anderer auferstand. Im Roten Meere fanden die Ägypter ihren Untergang, die Israeliten aber gingen aus demselben unversehrt hervor. Ja, ein und dieselbe Sache ist das Grab des einen, die Mutter des andern.