Ein großes Lob, erhaben über das aller andern, liegt darin, daß er von Epaphras sagt: „der einer aus euch ist, ein Diener Christi“. Er nennt ihn auch einen Diener für sie, gleichwie er sich selbst einen Diener der Kirche nennt, so wenn er sagt: „Deren Diener ich, Paulus, geworden bin.“ Zu derselben Würde erhebt er diesen Mann; oben nennt er ihn „Mitknecht“ und hier „Diener“. — „Der einer aus euch ist“, sagt er; gleich als redete er 402 zu einer Mutter und spräche: der aus deinem Schoße hervorgegangen ist. Aber dieses Lob hätte Neid erregen können. Deshalb empfiehlt er ihn nicht bloß aus diesem Grunde, sondern auch wegen dessen, was er für sie war. Dadurch unterdrückt er dort wie hier jede Regung des Neides. — „Allezeit“, heißt es, „kämpfend für euch“; nicht bloß jetzt bei uns, um unsere Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, noch auch bloß bei euch, um euch in die Augen zu fallen. Auf seinen großen Eifer weist er mit dem Ausdruck „kämpfend“ hin. Sodann, um nicht den Schein zu erwecken, als wolle er ihnen schmeicheln, fügt er hinzu: „daß er vielen Eifer hat für euch und die in Laodicea und die in Hierapolis.“ Auch die Worte „daß ihr feststehet, vollkommen“ verraten keine Schmeichelei, sondern den ehrfurchtgebietenden Lehrer. „Erfüllet“, heißt es, „und vollkommen“. Das eine gibt er ihnen zu, das andere aber, erklärt er, gehe ihnen noch ab. Er sagt auch nicht: daß ihr nicht hin und her schwanket, sondern: „daß ihr fest stehet“. — Daß er ihnen die Grüße so vieler entbietet, muß sie ermuntern und erheben, wenn nicht nur ihre eigenen Landsleute, sondern auch andere ihrer gedenken. — „Und saget dem Archippus: Habe acht auf das Amt, das du empfangen hast im Herrn!“ Er will, daß sie diesem vollständig untergeben seien. Denn sie können sich wohl nicht mehr über die Zurechtweisungen desselben beschweren, wenn sie selbst für alles verantwortlich gemacht sind. Sonst hat es keinen Sinn, zu den Schülern über den Lehrer zu sprechen; in diesem Briefe aber tut er es, um sie zum Schweigen zu bringen. — Es heißt: „Saget dem Archippus: Habe acht (βλέπε)!“ Dieses Wort wendet er überall an, wo er zu ängstlicher Vorsicht mahnt; so wenn er sagt: „Habet acht vor den Hunden!“ „Habt acht, daß niemand euch heimlich verführe!“ „Habt acht, daß nicht etwa diese eure Freiheit zum Anstoß werde den Schwachen!“ Kurz, überall drückt er sich so aus, wenn er zu ängstlicher Vorsicht mahnt. — „Habe acht“, sagt er, „auf das Amt, das du empfangen 403 hast im Herrn, daß du es erfüllest!“ Er duldet nicht, daß derselbe sich als Herrn des Amtes betrachte, gleichwie er selbst sprach: „Denn tue ich dies gern, so habe ich Lohn; tue ich es aber ungern, so bin ich mit der Verwaltung betraut.“ — „Daß du es erfüllest“, indem du dich ihm unablässig mit allem Eifer widmest. — „Das du empfangen hast im Herrn.“ Hier ist wiederum „im“ gleichbedeutend mit: durch den Herrn; er hat es dir verliehen, nicht wir. Auch jene ordnet er ihm unter, wenn er zeigt, daß er von Gott eingesetzt worden ist. — „Seid eingedenk meiner Bande! Die Gnade sei mit euch! Amen.“ Er will jede Furcht verbannt wissen. Denn liegt auch der Lehrer in Banden, so macht doch die Gnade ihn frei. Selbst das ist nur eine Zulassung der göttlichen Gnade, daß er Fesseln trägt. Höre nämlich, was Lukas sagt: „Die Apostel gingen voll Freude hinweg vom Angesichte des Hohen Rates, weil sie gewürdigt wurden, um des Namens (Christi) willen Schmach zu leiden.“ Denn es ist in der Tat eine göttliche Gunstbezeugung, wenn man Schmach leiden und Ketten tragen darf. Hält man es schon für Gewinn, wenn man für eine geliebte Persönlichkeit leiden darf, so gilt das noch weit mehr von dem Leiden um Christi willen. —Werden wir also nicht ungehalten wegen der Trübsale um Christi willen, sondern seien auch wir eingedenk der Bande des hl. Paulus! Und möge dies für uns ein mächtiger Ansporn sein! Z. B. du ermahnst diesen und jenen, den Armen zu geben um Christi willen? Erinnere sie an die Ketten des hl. Paulus und nenne dich wie sie einen Elenden, wenn du, indes jener um Christi willen sogar seinen Leib in Kerker und Bande dahingab, nicht einmal Speise und Trank hergibst. — Du fühlst dich zum Stolze versucht wegen deiner guten Werke? Denke an die Bande des hl. Paulus, daß du noch nichts Derartiges gelitten hast, und du wirst dich gewiß nicht mehr überheben. — Du begehrst des Nächsten Gut? Denke an die Bande des hl. Paulus, und du wirst einsehen, wie ungereimt es wäre, wenn du schwelgen wolltest, während 404 er rings von Gefahren bedroht ist. — Du hegst ferner Verlangen nach einem schwelgerischen Leben? Stelle dir den Kerker des hl. Paulus vor! Du bist sein Schüler, sein Mitstreiter. Wie soll es einen Sinn haben, wenn du der Üppigkeit frönst, während dein Mitstreiter in Fesseln liegt? — Du bist in Trübsal geraten, hältst dich für gänzlich verlassen? Höre das Klirren der Ketten Pauli, und du wirst sehen, daß es kein Zeichen von Verlassenheit ist, wenn man in Trübsal lebt. — Du möchtest gern seidene Kleider tragen? Denke an die Bande des hl. Paulus, und solche Kleider werden dir verächtlicher erscheinen als die schmutzigen Lumpen der Abgesonderten. — Du möchtest gern goldenen Schmuck anlegen? Stelle dir die Bande des hl. Paulus vor, und ein solcher Schmuck wird in deinen Augen keinen höheren Wert haben als ein alter Strick. — Du möchtest gern die Haare frisieren und schön erscheinen? Rufe dir in den Sinn, wie verwahrlost Paulus im Kerker aussah, und du wirst für diese (übernatürliche) Schönheit entbrennen, in jener nur äußerste Häßlichkeit erblicken und vor Sehnsucht nach diesen Banden bitterlich seufzen. — Du möchtest gerne Schminke und Farben auftragen, und was dergleichen mehr ist? Rufe dir seine Tränen ins Gedächtnis! Drei Jahre hindurch hörte er nicht auf, Tränen zu vergießen. Mit diesem Schmucke ziere deine Wange! Diese Tränen verleihen ihr wundersamen Reiz. Ich verlange nicht, daß du über andere weinen sollst — denn so sehr ich das auch wünschte, so ist es doch für dich zu hoch —; sondern ich ermahne dich, dieses über deine eigenen Sünden zu tun. — Du hast einen Sklaven fesseln lassen und bist erzürnt und aufgebracht? Denke an die Bande des hl. Paulus, und du wirst sogleich deinen Zorn meistern. Erinnere dich, daß es sich für uns ziemt, uns binden zu lassen, nicht aber andere zu binden, zerknirschten Herzens zu sein, nicht aber andere zu zermalmen. — Du bist ausgelassen lustig und schlägst ein lautes Gelächter auf? Entsinne dich der Klagen Pauli, und du wirst seufzen. Solche Tränen gewähren dir einen weit herrlicheren Glanz. — Du siehst andere 405 der Üppigkeit und dem Tanze huldigen? Denke an seine Tränen! Welche Quelle läßt so reichlich das Wasser hervorbrechen als jene Augen die Tränen? Er sagt: „Seid eingedenk meiner Tränen!“ wie er hier auffordert: („seid eingedenk) meiner Bande!“ Und mit Recht konnte er so zu jenen sprechen, als er sie von Ephesus nach Milet beschieden hatte denn er redete da zu Lehrern. Daher konnte er von ihnen auch verlangen mitzuleiden, von diesen aber nur, in der Gefahr mutig auszudauern.